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Der Preis der Freiheit – Eritrea 1992

Von allen Freiheitsbewegungen waren mir die Eritreer an liebsten. Ihren Kampf habe ich mit vier Filmen begleitet.

Eritrea, eine frühere italienische Kolonie, war 1961 von Äthiopien annektiert worden.

Widerstand wurde brutal niedergeschlagen. Daraufhin gingen junge Leute in die Berge und organisierten die mächtigste Widerstandsbewegung Afrikas die EPLF (Eritrean People’s Liberation Front).

1977 konnte ich zu ihnen gelangen – auf Schleichwegen durch den Sudan.

Sie waren vorbildlich organisiert. Ihr Ziel: ein freier sozialistischer Staat. Deshalb konnten sie mit sowjetischer Unterstützung rechnen. Das ging gut, solange Äthiopien von Kaiser Haile Selassie regiert wurde. Als 1974 dort aber Haile Mariam Mengistu, ein Kommunist, die Macht übernahm, wechselten die Sowjets die Seiten. Eine strategisch verständliche Entscheidung. Äthiopien war ein mächtiger Staat mit 35-40 Millionen Einwohnern, Eritrea hingegen ein Zwerg mit vielleicht 4 Millionen Einwohnern. Die Sowjetunion hatte im gleichen Zuge auch Somalia, das sie im Grenzkonflikt mit Äthiopien bis dahin unterstützt hatte, die Freundschaft gekündigt. Es ging schließlich um die Kontrolle des Roten Meeres.

Etwa 35% der Kämpfer der EPLF waren Frauen. Gleichberechtigung gehörte ebenso zum Ziel der Revolutionäre wie ein großangelegtes Programm zur Alphabetisierung der ländlichen Bevölkerung. In den von ihnen kontrollierten Regionen hatten sie Schulen eingerichtet und den Schulgang zur Pflicht gemacht. Unterrichtet wurde in der Sprache der jeweiligen Bevölkerungsgruppe und auch die Schulprogramme respektierten die jeweiligen Kulturen und Traditionen. Schulbücher wurden zunächst in 8 Sprachen gedruckt, in unterirdischen Werkstätten. Auch Krankenhäuser, Unterrichtsräume, Büros waren in Höhlen untergebracht, denn täglich wurde bombardiert. So haben sie 30 Jahre lang durchgehalten und eine Gemeinschaft geschaffen, die mich immer wieder faszinierte. Deshalb war ich dreimal bei ihnen in den Bergen: 1977, 1980 und 1986. Als sie endlich gewonnen hatten, ging ich 1992 nach Asmara, in die Hauptstadt, um herauszufinden, ob sie ihre Pläne verwirklichen konnten.

Ich war so naiv zu glauben, daß 100.000 Frauen und Männer, die in einem 30jährigen Krieg eine nahezu ideale Gemeinschaft geschaffen hatten, eine traditionelle Gesellschaft von vier Millionen Menschen verändern könnten, in der jede soziale Schicht, ob Bauern, Geschäftsleute, Ärzte oder Unternehmer hartnäckig die eigenen Interessen verteidigte.

Die Revolutionäre hatten zwar die Macht, aber gegen vier Millionen Menschen, die wie eh und je ihr täglich Brot verdienen wollten, waren sie machtlos. Von sozialer Gerechtigkeit wollte niemand etwas wissen. Auch waren die Staatskassen leer. Ja, selbst ihre Kämpfer, die demobilisiert wurden, konnten sie kaum ernähren.

So erlebte ich zum x-ten Male, wie Freiheitsbewegungen nach dem Sieg sich den Realitäten ihrer Länder zu stellen hatten und dabei immer weiter zurückstecken mußten. Umso mehr, als fremde Mächte sich bemühten, Einfluß zu gewinnen, um ihre politischen,

wirtschaftlichen oder strategischen Interessen zu sichern.

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