Kuba ist vielleicht das bekannteste Beispiel solch einer im Machtkampf der Supermächte zerschellten Revolution. Kurz nach Castros Sieg 1961 flog ich – wie bereits zu Beginn berichtet – nach Kuba. Der Freund, bei dem ich wohnte, war der Sekretär Che Guevaras. Es kam vor, daß Che nachts um 4 Uhr in die Wohnung stürzte, etwas zu essen verlangte und diskutieren wollte. Oft saßen wir stundenlang zusammen. Er war ein Gerechtigkeitsfanatiker, der überzeugt war, daß alle Menschen sich nach Gerechtigkeit sehnten und sogar bereit wären, dafür zu kämpfen.
Damals lernte ich auch Castro kennen. Die Unterhaltung verlief meist stürmisch. Er ließ kaum jemanden zu Wort kommen, hatte für alles eine Erklärung. Dennoch, eine faszinierende Persönlichkeit. Auch er ist gescheitert.
Er strebte keineswegs eine kommunistische Diktatur in Kuba an. Als er in den Bergen kämpfte, bestand die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Partei Kubas darauf, die politische Führung des Kampfes zu übernehmen. Das lehnte er resolut ab. Ja, er ließ sogar Kader dieser kommunistischen Partei, die in die Berge gekommen waren, um ihr Anliegen vorzutragen, abführen. Sein Ziel war die Beseitigung des von den USA unterstützten Diktators Batista und die Befreiung Kubas aus amerikanischer Vormundschaft. Das wurde ihm zum Verhängnis. Denn 80% der bewirtschafteten Ländereien Kubas gehörten amerikanischen Konzernen. Als er die enteignete, verhängten die USA das Embargo, welches Castro zwang, mit der Sowjetunion zu koalieren.
Noch kurz zuvor waren wir durchs Land gereist und hatten mit vielen Bauern gesprochen. Sie alle waren begeistert von Castros Sieg und bauten nun Produkte an, die in den USA gefragt waren. Dort erwarteten sie den größten Absatz. Aber dann zerstörte das Embargo der USA ihre Träume.
Ich erinnere mich an einen Satz Fidel Castros: „Du kannst noch so viel Gutes wollen, es gibt immer stärkere Mächte, die Dich zwingen, Irrwege zu gehen.“
In dem Film „Gut versorgt im Mangel“ zeigten wir 30 Jahre später, was von dem euphorischen Ansatz der Revolution übrig geblieben war:
Der vor 500 Jahren grausam eroberte und seither rücksichtslos geplünderte Kontinent Lateinamerika ist heute die Heimstätte hoffnungslos verarmter Massen. Am schwersten betroffen sind die Kinder – die Träger der Zukunft. Millionen von ihnen wird das elementarste Menschenrecht verwehrt: das Recht auf Leben. Keine Regierung der „Dritten Welt“ – auch wenn sie sich demokratisch nennt – respektiert die Grundrechte. Deshalb erscheint es endlich an der Zeit, die Staaten der „Dritten Welt“ nicht mehr nach ihren politischen Lippenbekenntnissen zu beurteilen, sondern nach der Gesundheit und Bildung ihrer Kinder.
Kuba zum Beispiel.
Ein Kindergarten in Havanna.
45 Tage nach der Geburt können Mütter ihre Kinder in die Obhut staatlicher Krippen geben. Da werden sie von sechs Uhr morgens bis sieben Uhr abends betreut. (…)
Erklärtes pädagogisches Ziel ist unter anderem die Überwindung der noch immer weitverbreiteten männlichen Selbstherrlichkeit. Erreicht werden soll das, indem Jungen von klein auf angehalten werden, Aufgaben zu übernehmen, die herkömmlich zur Domäne der Frauen zählen.
Spiele, bei denen Kinder wetteifern müssen, wo es Gewinner und Verlierer gibt, sind verpönt. Hier geht es vorrangig darum, Gemeinschaftsgeist zu fördern und Verantwortungsbewußtsein zu entwickeln.
Zwar ist das Leben zuhause inzwischen von Mangel geprägt, in den Kindergärten aber gibt es noch immer eine Hauptmahlzeit, das Mittagessen, und zwei Zwischenmahlzeiten, für Frühstück und Abendessen müssen die Eltern sorgen. Unterernährung ist nicht zu befürchten. Was hier tagsüber verabreicht wird, ist reichlich und ausgewogen.
Wenn man bedenkt, daß in den übrigen Ländern der „Dritten Welt“ mehr als die Hälfte aller Kinder an Mangelernährung leidet und sie somit nicht nur physisch und geistig zurückbleiben, sondern oftmals Krankheiten zum Opfer fallen, mit denen wohlgenährte Kinder leicht fertig werden, dann hat Kuba Grund stolz zu sein.
Aber auch im Vergleich mit den Industrienationen schneidet Kuba nicht schlecht ab. In Havanna sterben auf 1000 Geburten dreimal weniger Kinder als in Washington, der Hauptstadt der Vereinigten Staaten, denn in Kuba gibt es keine Elendsviertel.
In der Erziehung achtet man streng auf die Verknüpfung von Studium und Arbeit, Theorie und Praxis. Ab dem vierten Jahr werden die Kinder an Arbeiten wie Ernte und Pflege von Obst und Gemüse beteiligt.
Eine Idylle – aber der Preis ist hoch.
Die Bevölkerung muß seit langem den Gürtel enger schnallen. Nicht nur die Isolierung Kubas, auch die Ausgaben für das Bildungs- und Gesundheitswesen zwingen dazu.
Viele sind unzufrieden, denn die Grundnahrungsmittel sind rationiert, für Zeitungen und Bücher fehlt das Papier, auch Benzin gibt es kaum noch. Die Schlangen werden immer länger. Dennoch: Elend, wie es die Massen Südamerikas ertragen müssen, gibt es hier nicht – noch nicht. Obwohl die Versorgung immer schwieriger wird, noch fordert niemand, die Ausgaben für die Kinder zu kürzen. (…)
Wir haben Schulen für behinderte Kinder besucht, in denen Spezialkräfte für Blinde, Taubstumme und andere Körperbehinderte unterrichteten und die Fähigkeiten der Kinder trainierten.
Auch dieses Krankenhaus ist ein Sonderfall. Es dient ausschließlich der Behandlung herzkranker Kinder. Schwerkranke Babys durften wir nur durchs Fenster filmen.
Wenn Tests bei schwangeren Frauen auf schwere Anomalien hinweisen, entscheiden die Eltern, ob das Kind zur Welt kommen soll oder nicht. Der Schwangerschaftsabbruch ist kostenlos.
Schulpflichtige Kinder werden im Krankenhaus unterrichtet und, falls sie operiert werden müssen, psychologisch auf den Eingriff vorbereitet. Angeleitet von Ärzten spielen sie abwechselnd Arzt, Krankenschwester und Patient. Dieses kleine, angesichts der Kamera ein wenig mißlungene, Psychodrama soll Spannungen lösen, Angst abbauen. Nach der Operation gilt es, die Herzen der kleinen Patienten zunehmender Belastung auszusetzen, die Kinder zu befähigen, ein normales Leben zu führen.
Alles in allem: Kuba unterhält eine hochspezialisierte, äußerst kostspielige Medizin, die sich nur rechtfertigt, weil sie hier – im Gegensatz zu anderen Ländern der „Dritten Welt“ – nicht nur den Reichen, sondern kostenlos allen zur Verfügung steht.
Eine wahre Revolution auf dem Gebiet der medizinischen Fürsorge stellen Häuser wie dieses dar. Sie stehen in fast allen Dörfern und Stadtvierteln Kubas: die Häuser der „Medicos de Familia“ – der Hausärzte.
Was wie ein Rückfall in Großmutters Zeiten anmutet, ist – für ein Land der „Dritten Welt“ – ein gewaltiger Fortschritt auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge. Diese Ärztin zum Beispiel – sie wird, wie ihre Kollegen, vom Staat bezahlt – betreut in der Regel nicht mehr als 120 Familien, etwa 500 Menschen. Die können zu ihr kommen, wann sie wollen, und wenn sie es nicht tun, geht sie zu ihnen. Mindestens dreimal im Jahr.
So lernt sie die Lebensbedingungen ihrer Patienten kennen, kann Ratschläge geben in Bezug auf Hygiene und Vorsorge, begleitet Kranke und Gesunde über Jahre und wird zur Vertrauensperson, die auch bei seelischen Konflikten mit den Hintergründen vertraut ist und deshalb helfen kann. Kein Wunder, daß die Kindersterblichkeit auf das Niveau der Industrienationen gesunken ist. Es fragt sich jedoch, ob die zunehmende Isolierung Kubas diese Errungenschaften nicht gefährdet. Medikamente werden bereits rar.
Mit Straßenfesten wird versucht, die Bevölkerung bei der Stange zu halten, denn es stehen schwere Zeiten bevor. Die früheren Freunde und Handelspartner in Osteuropa haben dem Sozialismus den Rücken gekehrt. Fidel Castro hat die hieraus resultierende Zwangslage als „Período Especial“ bezeichnet, als Ausnahmezustand. Gemeint ist, daß alle den Gürtel noch enger schnallen müssen. (…)
Ein Geburtstag. Noch werden Feste gefeiert, wie sie fallen.
Für Familienfeiern stehen in den Parkanlagen der Städte Häuser zur Verfügung. Die eigenen Wohnungen sind meist zu klein, um Scharen von Kindern zu erlauben, sich auszutoben. Hier aber kann man alle Freunde und Verwandte einladen, um unbeschwert zu feiern. Die Unterhalter und die Clowns werden von der Parkverwaltung vermittelt. Auch Süßigkeiten, Getränke und Kuchen können über sie – zu Vorzugspreisen – bezogen werden. (…)
In Berichten über Kuba heißt es fast ausnahmslos, die Kubaner hätten sich ihr kostspieliges Erziehungswesen und die intensive Kinderbetreuung ohne die Hilfe der Sowjetunion niemals leisten können. Das ist sicher richtig. Erwähnt werden sollte aber auch, daß die übrigen Länder Lateinamerikas Hilfe aus dem Westen bekamen – und immer noch bekommen – und zwar bedeutend mehr. Trotzdem haben sie ihre Sozialleistungen verringert. Es kommt eben darauf an, was man mit dem geborgten oder geschenkten Geld anfängt. In Kuba kam es vorrangig den Kindern zugute. (…)
„Schule der Zukunft“ nennen die Kubaner die Mittelschulen, die seit Anfang der siebziger Jahre auf dem Land errichtet wurden. Wir kamen hier während der Pause an und trauten unseren Augen nicht: von sozialistischem Puritanismus keine Spur. In den letzten zwanzig Jahren wurden fast alle Mittelschulen aufs Land verlegt. Die jungen Leute sollen lernen, daß gesellschaftliche Entwicklung ohne die gemeinsamen Anstrengungen von ländlicher und städtischer Bevölkerung unmöglich ist. Sie sollen erfahren, daß Landarbeiter – auch wenn sie weniger gebildet sind – im Kampf für eine bessere Zukunft gleichwertige Partner sind.
Allerdings, daß diese gut versorgten Jugendlichen an solche Ideen glauben, kann man sich nur schwer vorstellen, wenn man sie so vor dem Fernseher liegen sieht. (…)
Arbeitslust und Motivation scheinen gering. Eine Schülerin sagt: „Na ja, der Mensch braucht halt die Arbeit, um sich zu entwickeln. Wenn wir so unseren Beitrag zur Revolution leisten können, dann arbeiten wir eben.“
Will sie auch nach dem Studium auf dem Land arbeiten?
„Ja, wenn wir dazu aufgerufen werden, denn auf diesem Sektor haben wir Probleme. Wenn die Jugend dazu aufgefordert wird, dann wird jeder von uns – so lange es sein muß – dabei sein.“ (…)
Trotz aller Anreize scheint es nicht zu gelingen den Widerspruch zwischen Kopf- und Handarbeit aufzuheben. (…) Es soll aber ein Arbeitsethos geschaffen werden, das die Würde manueller Arbeit anerkennt und ihre historisch entstandene Geringschätzung überwindet. Angesichts der Erfahrungen in Osteuropa mag das kubanische Modell nicht ohne weiteres überzeugen. Aber Kuba darf nicht an europäischen Verhältnissen gemessen werden. Mario Alves, ein katholischer Schriftsteller aus Brasilien sagt: „Nur wer aus unseren hungernden, zerlumpten, unwissenden und kranken Ländern kommt, ist fähig, die Bedeutung eines Landes zu erfassen, in dem jeder seinen Hunger stillen kann, Kleidung und Schuhwerk für alle da sind, wo jedes Kind zur Schule geht und niemand mangels Ärzten oder Arzneimitteln stirbt.“ Eine Botschaft, die den heranwachsenden Kubanern nur schwer zu vermitteln ist. Sie sind in einem Umfeld groß geworden, das sich selbst hochentwickelte Staaten kaum leisten können, und müssen nun in einer Mangelgesellschaft leben.
