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Um die Zukunft betrogen – Vietnam 1991

Noch eine gescheiterte Revolution haben wir in Vietnam gesehen.

Auch in Vietnam haben nach langen Kämpfen die Vietkong gesiegt, und sie versuchen einen sozialistischen Staat aufzubauen

Im Rahmen dieser letzten Film-Serie „Kinder der Welt“ wollte ich auch noch einmal nach Vietnam gehen, um zu sehen, was 20 Jahre nach dem Abzug der Amerikaner aus dem Land geworden war.

Es war einfach, eine Drehgenehmigung zu bekommen, und wir flogenhin. Wir haben selten soviel Armut und so viele unterernährte Kinder gesehen. Hier ein kurzer Auszug aus unserem Film :

Um die Zukunft betrogen

Kinder, die bei der Geburt mehr als zweieinhalb Kilo wiegen, entwickeln sich normal, solange sie an der Brust ernährt werden. Aber meist können die überarbeiteten Frauen nur 4 bis 5 Monate stillen. Und schon beginnt der Teufelskreis der Unterernährung.

Eine Professorin sagt uns im Interview: „Für die Zukunft unseres Landes sind die Auswirkungen der Unterernährung tragisch. Ein unterernährtes Kind ist von vornherein benachteiligt. Seine physischen und intellektuellen Fähigkeiten bleiben beschränkt. Ich würde sogar sagen, daß auch die Gefühlsebene bei den chronisch Unterernährten sich nicht voll entfalten kann.“

Die Zukunft des Landes scheint in der Tat gefährdet. Wie soll ein Volk im internationalen

Konkurrenzkampf bestehen, wenn 80% seiner Kinder physisch und geistig geschädigt sind?

Auf dem letzten Weltkindergipfel beklagten die Staats- und Regierungschefs den stetigen Rückgang des Schulbesuchs. Sie beschlossen, dagegen anzukämpfen. Ein Rezept gab es nicht.

Ein Schulhof im vietnamesischen Hochland. In diesem Gebiet leiden 90% der Kinder an

Unterernährung. Das hier ist eine Grundschulklasse. An Motivation fehlt es den Schülern – wie überall in der „Dritten Welt“ – nicht. Was fehlt, sind qualifizierte Lehrer.

Seit Vietnam Anfang der achtziger Jahre Reformen einführte, Privatbesitz erlaubte und sich fremdem Kapital öffnete, haben mehr als 15.000 Lehrer den Dienst quittiert. Sie, die Gebildeten, wurden von Firmen aus Japan, Taiwan, Singapur umworben und eingestellt. Statt nur 30 Mark im Monat zu verdienen, erhalten sie nun das Vier- oder Fünffache. Wer kann da widerstehen?

Aber das ist nicht der einzige Grund für den Rückgang des Schulbesuchs. Wenn es den Bauern schlecht geht, haben viele nicht die Mittel, ihre Kinder zur Schule zu schicken; und geht es ihnen besser, brauchen sie die Kinder als Arbeitskräfte.

Ganz sicher: Auf dem Rücken eines Wasserbüffels durch den Fluß zu reiten, macht mehr Spaß als in der Schule zu sitzen. Ohnedies: Was in der Schule gelehrt wird, nützt – um hier überleben zu können – kaum oder gar nicht. Warum also sollen die Kinder dorthin? Es gibt schließlich schon genug Schulabgänger, die keine Arbeit finden. 60% sollen es sein.

In den Städten gehen viele Kinder nicht zur Schule. Sie müssen arbeiten, stehlen oder betteln, um nicht zu verhungern. Das hier, zum Beispiel, ist ein Bürgersteigrestaurant, in dem man für 20 Pfennige satt werden kann. Mehr darf eine Mahlzeit für einen Durchschnittsvietnamesen nicht kosten. Nur, bei so geringem Verdienst kann sich niemand bezahlte Kräfte leisten. Also müssen die Kinder helfen. Hier sind es drei. Immerhin geht eines der Mädchen zur Abendschule, um wenigstens Lesen und Schreiben zu lernen.

Diese Frau bietet Selbstgemachtes in kleinen Mengen an. Ihre Enkel gehen nicht zur Schule. Die Straße ist viel aufregender. Außerdem wissen die Kinder: Ein Rikschafahrer verdient mit seinen Beinen zehnmal mehr als ein Angestellter oder ein Beamter mit seinem Schulwissen.

Dieser Junge im Rollstuhl ist ein Opfer des Krieges. Er wurde vor 21 Jahren geboren – im Mekong Delta. Dort setzten die Amerikaner massiv dioxinhaltige Entlaubungsmittel ein. Das hier ist seine Schwester. Sie ist 19 Jahre alt. Auch sie ist ein Dioxin-Opfer.

Ob alle Behinderungen dieser Kinder – die körperlichen wie die geistigen – auf Dioxinvergiftung zurückzuführen sind, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Es liegt freilich nahe, daß die Mehrzahl von ihnen Spätopfer der amerikanischen Entlaubungskampagne sind. Viele wurden in jenen Gebieten geboren, die am stärksten verseucht wurden.

Was es in den ersten Jahren der Verseuchung an Mißgeburten gab, liegt jenseits unserer Vorstellungskraft: Kreaturen mit drei Köpfen, Wesen ohne Augen, Ohren oder Mund, zusammengewachsene Drillinge.

Wenn tatsächlich – wie viele Wissenschaftler meinen – die meisten dieser Kinder dioxingeschädigt sind, dann ist das Ende des Schreckens noch lange nicht in Sicht. Das Gift kann nämlich auch das Erbgut verändern und immer wieder – Generationen überspringend – Mißbildungen hervorbringen

Die Bereitschaft der vietnamesischen Behörden, uns ungestört überall filmen zu lassen, hat uns immer wieder überrascht. Die Regierenden brauchten Armut der Gesellschaft und das Elends der kranken und verwaisten Kinder nicht zu verstecken, denn sie versuchten mit allen Kräften Abhilfe zu schaffen und füllten sich nicht die eigenen Taschen.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch eine Episode erzählen:

Während der Dreharbeiten wurden wir von einem sehr netten Dolmetscher begleitet. Was er uns erzählte, bestätigt, wie arm Vietnam war und ist. Er hatte mehrere Jahre an der Botschaft in Kairo gearbeitet und berichtete uns über die Schwierigkeiten eines armen Landes, in den teuren Hauptstädten der Welt eine angemessene Vertretung zu unterhalten. Die vietnamesischen Botschaftsangehörigen hatten nicht einmal genügend Geld, um satt zu werden. Aber sie hatten ein repräsentatives Auto. Das nahmen sie dreimal die Woche am Spätnachmittag und überfuhren streunende Hunde. Die gibt es in Kairo zuhauf, und Hundefleisch gilt in Vietnam als Delikatesse. Wenn sie zwei nach Hause brachten, war für das Abendessen gesorgt. An Feiertagen überfuhren sie vier, und wenn sie Gäste hatten fünf oder sechs.

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