Aber jetzt muß ich endlich ein wenig über „uns“ berichten, um das „Wir“ zu erläutern. Zunächst arbeitete ich mit Marie-Claude Deffarge zusammen. Aber schon Mitte der siebziger Jahre konnte sie nicht mehr mitkommen. Sie hatte schweres Asthma und konnte vor allem tropisches Klima nicht ertragen.
Wir hatten die Erfahrung gemacht, daß nur zwei Personen – am besten ein Mann und eine Frau – weit besser aufgenommen werden, als ein nur aus Männern bestehendes Fernsehteam. Die haben meist schweres Material dabei: Licht, Stativ und meterlange Kabel. Sie werden als Fremde wahrgenommen, ja oft als ungebetene Eindringlinge. Wir hingegen hatten nur eine leichte Kamera und ein kleines Tonbandgerät, kein Stativ, kein Licht. Wir fingen auch nicht gleich an zu drehen. Wir setzten uns zu den Familien, klönten mit ihnen und – da ich ziemlich viele Sprachen spreche – meist ohne Dolmetscher. Nicht selten wurden wir mit in die Kneipe genommen und anderen Bewohnern des Viertels vorgestellt. Da erfuhren wir mehr über diese Menschen, als diese über uns wissen wollten.
Schließlich fingen wir an zu drehen, und zwar nur das, was gerade passierte. Falls es mißlang, baten wir, um Gottes willen, nicht darum, die Szene zu wiederholen. Das verfälscht die Atmosphäre. Dann fühlen sich die Beteiligten als Objekt, und keine Bewegung stimmt mehr. Ja, es zerstört sogar das Vertrauensverhältnis, das sich langsam entwickelt hat. Plötzlich wird die Kamera eine Autorität, die diktiert, was getan werden soll – und sogar wie. Da ich hinter der Kamera sprach und Fragen stellte, nannte man mich vielerorts „Der Mann mit dem großen Auge“ oder „Die sprechende Kamera“.
So nah können größere Fernsehteams niemals an die Menschen herankommen. Sie sind gezwungen, die meisten Szenen zu stellen.
Peter Heller, dessen Filme ich schätze, hat das einmal in einem seiner Beiträge gezeigt. Da errichten Nomadenfrauen ein Zelt, aber nicht so wie es dem Filmemacher gefällt. Also gibt er immer wieder Anweisungen, wie dies photogener getan werden könnte. Und die Frauen erfüllen seine Wünsche. Ich weiß nicht, warum er das gezeigt hat. Vielleicht wollte er damit demonstrieren, wie schwierig es ist, Dokumentarfilme zu drehen. Aber so habe ich nie gearbeitet – vielleicht weil ich nicht als filmender, sondern als schreibender Journalist, der nicht auf bestimmte Bilder angewiesen ist, begonnen habe.
Wie schon gesagt, ich war fast immer mit einer Frau unterwegs. Als Mann bekomme ich kaum Kontakt zu den Frauen, so daß mir Einsichten und Erkenntnisse über die Hälfte der Menschheit verborgen bleiben würden. Wenn Marie-Claude Deffarge zu krank war, begleiteten mich Freundinnen, die an der Thematik interessiert waren und sich gut darin auskannten. Schließlich begleitete mich Ingrid Becker-Ross, mit der ich schon 20 Jahre zusammenlebte, als wir 1986 heirateten. Sie hatte nach einem Studium der Germanistik, Romanistik und Pädagogik über den Zusammenhang von Ausbildung und wirtschaftlicher Entwicklung in der „Dritten Welt“ promoviert. Seit Mitte der siebziger Jahre arbeiteten wir gemeinsam an der Recherche und der Konzeption der Filme. Bei über dreißig Filmen ist sie mitgereist und hat den Ton gemacht.
All diese Frauen hatten es nie gelernt, professionell mit einem Tonbandgerät umzugehen. Doch der Ton war jedesmal perfekt.
Als ich zum drittenmal in den Südsudan ging, wo sich die schwarzen Rebellen mittlerweile gegenseitig bekämpften, glaubte ich die Strapazen einer Frau nicht zumuten zu können und nahm einen Tontechniker mit. Noch nie war der Ton so schlecht. Fast alles war übersteuert. Selbst bei einem wichtigen Interview hatte er eine Minute zu spät eingeschaltet und nicht gewagt, es mir zu sagen. Ich hätte noch mal von vorne anfangen können. Aber so konnte ich das Interview nicht benutzen. Die Moral von der Geschichte: Hüte dich vor Spezialisten, motivierte Laien sind viel einfühlsamer und daher besser.
Dieser Erkenntnis verdanke ich den Zorn einiger Professoren, die mich in ihre Seminare eingeladen haben. Nach der Projektion eines unserer Filme forderten sie ihre Studenten auf, mir Fragen zu stellen. Die wollten dann wissen, warum ich solche Filme drehe, seit wann ich das mache usw. Und dann kam unweigerlich die Frage, die die Professoren auf die Palme trieb:
„Wann und wo haben Sie zu filmen gelernt?“
„Nie. Ich habe einfach eine Kamera genommen und gefilmt, was mich interessierte.“
Und ich erklärte, am Beispiel meiner Begleiterinnen, daß die Motivation entscheidend ist, nicht das technische Wissen.
„Warum sitzen wir dann hier?“ riefen einige.
„Weil die Zeiten sich geändert haben. Zu meiner Zeit brauchte man keine Diplome zu präsentieren, um einen Film ins Fernsehen zu bringen. Allein die Qualität war entscheidend. Jetzt läßt man Euch ja nicht einmal an eine Kamera, wenn Ihr nicht die entsprechende Ausbildung habt. Heute entscheiden Diplome über die berufliche Qualität eines Menschen. Scheißgesellschaft.“
Dieser Schlußsatz besänftigte die Professoren ein wenig, die mir vorher unwirsch in die Rippen gestoßen hatten.
