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Der persische Traum –  Revolution im Iran (1979)

Aber zu unseren Anfängen bei Radio Bremen. Obwohl wir 1960 nach der vierteiligen „Stern“-Reportage „Ein Schah, drei Kaiserinnen- und was dahintersteckt“ ein Einreiseverbot für den Iran erhalten hatten, lud uns das iranische Informationsministerium 1973 ein, das große Reformwerk des Schahs zu begutachten. Der Kaiser und seine Politiker waren von ihrer „Weißen Revolution“ so überzeugt, daß sie glaubten, selbst von Kritikern des Regimes dafür nur Lob ernten zu können.

Wir flogen also im Winter 1973/74 nach Teheran und präsentierten uns im Informationsministerium. Als wir aber alle großzügigen Unterstützungsangebote ablehnten und uns auf eigene Kosten auf den Weg machen wollten, waren wir gar nicht mehr willkommen. Tag für Tag gingen wir jeden Morgen in das Informationsministerium, trugen unser Anliegen vor, warteten vier Stunden lang in einem mit Menschen vollgestopften, überheizten Vorzimmer, ohne daß uns jemand zur Kenntnis nahm. Nach dem Mittagessen – nicht in dem vom Ministerium angebotenen Fünf Sterne Hotel – kehrten wir bis Büroschluß in unsere Warteschleife zurück. Selbst die Laufburschen des Ministeriums, die alle naslang mit Tabletts voller Teegläschen die Runde machten, übersahen uns komplett.

Nach mehr als einer Woche wurde unsere Zähigkeit jedoch mit einer Drehgenehmigung honoriert. Die war aber mit solchen Auflagen verbunden, daß die Dreharbeiten fast unmöglich gemacht wurden: Auf Schritt und Tritt wurden wir überwacht, mußten uns bei jedem Halt auf der örtlichen Polizeistation melden und ständig einen sogenannten Dolmetscher des Informationsministeriums bei uns haben, der alle Drehorte aussuchte und in seinen Übersetzungen sogar die Klagen der Menschen in Lob für die Reformen ummünzte. Nur mit Hilfe von alten Freunde und Bekannten konnten wir über die Weihnachts- und Neujahrstage der Kontrolle entkommen, echte Informationen sammeln und wirklich gute Bilder drehen. In dem Film „Die Weiße Revolution“ zeigten wir die verheerenden Folgen der Reformen des Schahs. Nach dessen Ausstrahlung bekamen wir wieder bis zum Ende der Schahherrschaft kein Visum mehr für den Iran.

Die islamische Revolution im November 1978, über die in den westlichen Medien wilde Nachrichten verbreitet wurden, überraschte uns nicht. Wir hatten vorausgesagt, daß eine Revolution unumgänglich sei. Jetzt brannten wir darauf zu berichten, wie es in Wirklichkeit aussah. Um zu erklären, warum wir im Mai 1979 ohne Schwierigkeiten einreisen und  drehen konnten, muß ich eine weitere Anekdote vorausschicken:

In Paris kam eines Tages ein kleiner Mann zu mir und sagte: „Ich bin Perser, ich habe Ihren Film ‚Die weiße Revolution‘ gesehen und möchte Sie um eine Kopie bitten und gleichzeitig um die Erlaubnis, ein Interview mit Ayatollah Khomeini hinzuzufügen. Den Film möchten wir vor allem unseren Studenten in den USA zeigen. Ich bin Bani-Sadr.“ Der Name sagte mir nichts, aber der Mann erschien mir vertrauenswürdig und sehr engagiert. Ich gab ihm die Erlaubnis.

Erst später erfuhr ich, daß Bani-Sadr – obwohl kein Islam-Gelehrter – in Frankereich zum engsten Kreis um Khomeini gehörte und aktiv an der Ausarbeitung einer neuen Verfassung für den Iran mitarbeitete. Bei den ersten Wahlen wurde er mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten der islamischen Republik gewählt.

Wir wandten uns jetzt an Bani-Sadr und bekamen sofort eine Einreise- und Drehgenehmigung. Im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt konnten wir uns ohne Auflagen völlig frei im Land bewegen.

Schon 1964, als Khomeini in der heiligen Stadt Qum, in der er Theologie lehrte, zur Revolte aufgerufen hatte, waren Millionen gegen das Schah-Regime auf die Straße gegangen. Aber der Schah hatte Truppen geschickt. 15 000 Menschen wurden umgebracht, Khomeini landete im Exil –  zuletzt in Frankreich, in der Nähe von Paris. Dennoch kam er im Triumph zurück und übernahm die Macht.

Khomeini hatte zur Revolution aufgerufen, und Millionen Menschen stellten sich auf die Dächer ihrer Häuser und riefen: „Allah ist groß. Er möge uns helfen, frei zu werden.“ Selbst ein Teil der Armee stimmte in den Chor ein. Der Schah mußte fliehen.

Es hat wohl noch nie eine Revolution gegeben, die ausschließlich vom Volk getragen wurde. Meist mischen ausländische Mächte mit. Für diese Revolution aber hatte keine ausländische Macht Sympathie. Im Gegenteil.

Was wir antrafen, entsprach keineswegs den Berichten, die wir gelesen hatten. Von Gottesstaat und Diktatur keine Spur. Alle Parteien waren erlaubt. Selbst die Kommunisten waren zurückgekehrt: Woher sie kamen, erfuhr ich, als ich sie interviewet. Sie sprachen alle sächsisch. Sie hatten viele Jahre im Exil in Leipzig verbracht.

Als ein Präsident gewählt werden sollte, siegte nicht etwa ein Mullah, sondern Bani-Sadr.  Er sagte mir: „Wir sind auf dem Weg, eine echte Demokratie zu werden.“

Mein Film über das erste Jahr der Revolution fiel entsprechend positiv aus.

Der Titel: „Der persische Traum.“

Aber den Amerikanern, den Briten und den Franzosen gefiel gar nicht, was im Iran passierte. Sie fürchteten, ihren Einfluß zu verlieren, und schmiedeten Pläne, um das zu verhindern. Es wurde beschlossen, Saddam Hussein zu veranlassen, Krieg gegen den Iran zu führen.

Saddam Hussein wurde damals von allen umworben. Franzosen und Amerikaner lieferten  so viele Waffen, wie er wollte. Selbst die Sowjetunion bediente ihn großzügig. Er schien der einzige verläßliche Partner im Mittleren Osten zu sein.

Ich schreibe hier keine Vermutungen auf. Ich hatte einen Freund, der an den Krisensitzungen in Paris teilnahm und mir darüber berichtete.

Der Irak griff 1980 den Iran an. Man glaubte, es würde ein Spaziergang werden. Und man rechnete mit einem besonderen Umstand: Die Mehrzahl der Iraner sind arischer Abstammung und Schiiten – wie Khomeini und seine Revolutionsführer. Die Bewohner an der Grenze zum Irak hingegen sind Araber und Sunniten. Man hoffte auf deren Unterstützung in einem Krieg gegen die schiitisch-islamische Republik. Auch die iranische Armee war durch den Umsturz geschwächt und kaum noch einsatzfähig. Aber die Araber auf der iranischen Seite erhoben sich völlig unerwartet gegen die irakischen Eindringlinge und kämpften für die Republik. Selbst der Rest der Armee stellte sich Saddams Truppen entschlossen in den Weg.

Der Krieg dauerte acht Jahre und forderte Millionen Opfer. Die islamische Republik Iran wurde nicht zerschlagen.

Aber was passiert in solch existenzbedrohenden Krisensituationen? Die radikalen Kräfte gewinnen die Oberhand. Bani-Sadr, der demokratisch gewählte Präsident, mußte fliehen. Die Mullahs übernahmen die Macht und erklärten den Iran zum Gottesstaat. Die Westmächte hatten mit dem Krieg erreicht, was sie unbedingt verhindern wollten.

Jetzt ist Saddam Hussein der Bösewicht, weil er Kuwait, einen keineswegs demokratischen Staat, seinem Land einverleiben wollte. Selbst die amerikanische Botschafterin hatte ihn dazu ermutigt. Aber das scheinen die USA nur organisiert zu haben, um den Irak in Schutt und Asche zu bombardieren. Warum? Auf diese Frage gibt es keine logische Antwort. Die Truppen hätten bis nach Bagdad vordringen und Saddam entmachten können. Doch sie zogen sich zurück, und die UNO verhängte – auf Drängen der USA – ein Embargo, das jährlich mehreren hunderttausend Kindern das Leben kostet. Mangelnde medizinische Versorgung und chronische Unterernährung sind dafür verantwortlich. Täglich bombardieren amerikanische und englische Flugzeuge den Irak. Angeblich geht es darum, Saddam zu zwingen, keine chemischen Waffen zu produzieren, die gegen Israel eingesetzt werden könnten. Dabei wird wissentlich unterschlagen, daß Israel die Atombombe besitzt. Letztlich geht es wohl darum, Saddam Hussein an der Macht zu halten, damit nicht der Iran die stärkste Regionalmacht wird.

In den 22 Filmen der Serie „Im Namen des Fortschritts“ nahmen wir grundlegende Fehlentwicklungen in der „Dritten Welt“, aber auch in den hochentwickelten Industrienationen unter die Lupe. Wir untersuchten die Auswirkungen der modernen Technologie und der westlichen Schulsysteme auf die Entwicklungsländer. Wir zeigten den Kampf von Minoritäten gegen die in ihren Staaten vorherrschende Kultur. Und nicht zuletzt gingen wir auf das Problem der Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den hochentwickelten Industriestaaten in Billiglohnländer ein. In dem Film „Auf Gedeih und Verderb“ stellten wir nicht nur die Ausbeutung der Arbeitskräfte dar, sondern untersuchten auch die Gefahren, die sich für die hochentwickelten  Industrienationen aus der gegenseitigen Abhängigkeit ergeben.

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