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Kinder der Welt

Nach der Frauen-Serie schlugen wir Radio Bremen vor, unter dem Titel „Kinder der Welt“, die sozialen und politischen Verhältnisse zu untersuchen, die das Leben der Kinder bestimmen.

Es ging uns nicht darum, rührselig über die lieben Kleinen zu berichten, sondern die Kinder dienten uns als Ausgangspunkt gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Analysen.

Aus gutem Grund: Erziehung, das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, die Schule, die Vermittlung der vorherrschenden Werte sind die Spiegel jeder Gesellschaft. Sie bestimmen das Verhalten und die Zukunft der Kinder. Hinzu kommen die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Deshalb gehen wir auch immer wieder auf diese ein. Besonders in der sogenannten „Dritten Welt“, wo der Verarmungsprozeß unaufhaltsam scheint und die wir deshalb zum Schwerpunkt unserer Analysen gemacht haben.

Als Verursacher dieses Prozesses haben wir schon vor 35 Jahren die Fortschrittsideologie ausfindig gemacht. In einem seiner letzten Berichte über den „Fortschritt der Nation“ gibt selbst UNICEF uns recht. Da heißt es, zwar vorsichtiger formuliert als in unseren Filmen: „Der Fortschritt eines Landes wird meistens mit seiner wirtschaftlichen und militärischen Stärke gleichgesetzt. Aber Wirtschaftswachstum allein führt nicht für alle Menschen automatisch zu steigendem Wohlstand. Angesichts der schwierigen Situation von Kindern und Frauen in allen Kontinenten der Erde schlägt UNICEF vor, ihr Wohlergehen zum Maßstab für den Fortschritt eines Landes zu machen.“

Nicht berücksichtigt wird in diesem Text die kulturelle Zerstörung, das heißt die Orientierungslosigkeit, der Verlust an Sinn und spiritueller Geborgenheit, die mit der Übernahme des westlichen Entwicklungsmodells einhergehen. Zurückzufinden zu solidarischen Lebensformen, die früher das Wohlergehen der Gemeinschaft sicherten, wird immer schwerer. Dennoch sind alternative Gesellschaftsentwürfe überall dort im Entstehen, wo es ums nackte Überleben geht. Auch da spiegeln sich die Veränderungen gegenüber den Kindern. Da wird Pädagogik zur Widerstandsbewegung gegen die Fortschrittsideologie der offiziell verordneten Lerninhalte. Das Lernen im Rahmen dieser Pädagogik, meist in selbstorganisierten  Nachbarschaftsschulen, orientiert sich nicht an blutleeren Stoffkatalogen, sondern an sozialen Widersprüchen und lokalen wie regionalen Schlüsselproblemen.

Wie lebenswichtig das Festhalten an der eigenen Kultur ist, beweisen Japan, China, Singapur und andere Länder Südostasiens. Auch sie haben sich dem Fortschritt verschrieben, doch sie lehnen es kategorisch ab, die vom Westen als allgemeingültig postulierten Werte zu übernehmen.

… denn ihrer ist das Himmelreich – Bolivien 1984

Schon der erste Film dieser Serie, den wir im bolivianischen Tiefland bei den Chiquitano- und Ayoreo-Indianern drehten, führte zum Skandal. Wir nannten ihn „… denn ihrer ist das Himmelsreich“. Hier der Anfang:

Kindheit – was ist das? Eine Welt mit eigener Sprache, eigenen Werten, spezifischen Verhaltensformen, die wir kindlich nennen und auch so ausstatten? Eine Welt der Unschuld, in der die Realitäten beschönigt, die menschlichen Beziehungen verniedlicht werden? Eine Lebensspanne, während der das Wechselspiel von Zuneigung und Liebesentzug, Zuspruch und Drohung, Nachsicht und Nötigung den erzieherischen Rahmen bildet?

Sicher ist eins: dieser Begriff ist keineswegs allgemeingültig. In anderen Kulturen bedeutet Kindheit etwas ganz anderes. Einige kennen diesen Begriff gar nicht. Selbst in Europa ist die Trennung zwischen einer Welt der Erwachsenen und einer Welt der Kinder erst vor einigen Jahrhunderten vollzogen worden.

Etwa zur selben Zeit zogen die Europäer aus, die Welt zu erobern. Dabei stießen sie auf Völker, die ihnen materiell unterlegen, meist nackt waren und andere Götter anbeteten. In den zeitgenössischen Reiseberichten liest man: „Sie kennen weder gut noch böse, haben keine Scham, erziehen ihre Kinder nicht, weil sie selbst im Kindheitszustand der Menschheit verblieben sind.“ So denken die meisten Europäer auch heute noch in Bezug auf Naturvölker. Als Kinder bezeichnen sie Menschen – ob groß oder klein – die, weil sie ihre Umwelt nicht ausbeuten, sondern sich ihr anpassen, zu Gehorsam und Unterwerfung erzogen werden müssen.

Für diese Anmaßung, einen Teil der Menschheit als Kinder abzustempeln und sich somit als erziehungsberechtigt auszugeben, benutzen wir das Wort „zivilisieren“. (…)

Die Kirche hat unseren Kindheitsbegriff wesentlich mitgeprägt und ist noch heute dessen eifrigste Verfechterin. Im Namen Gottes, der allmächtigen Vaterfigur, erklärt sie, ihre Ordnung sei heilig und fordert Unterwerfung. Jeder Erzieher hält seine Ordnung für unantastbar. Ihr muß gehorcht werden. Menschen, die einer solchen erzieherischen Ordnung nicht entsprechen, werden der Kindheit zugeordnet. Die Chiquitanos zum Beispiel.

Was Kindheit ist, was wir darunter verstehen, haben sie erst durch die Weißen erfahren. Dennoch hören die Chiquitanos nicht auf, ihre Töchter und Söhne als vollwertige Menschen zu achten. Dieser Widerspruch, daß hier Erwachsene ihre Kinder wie Erwachsene behandeln, aber selber von uns als Kinder angesehen werden, gibt uns Gelegenheit unseren Kindheitsbegriff aus zwei gegensätzlichen Perspektiven zu untersuchen.

Bei den Chiquitanos gibt es keine Erziehung, also keine Bevormundung des Kindes. Diese Indianer kennen keine Hierarchie, keine Rangunterschiede und daher keinen Machtanspruch, auch nicht den der Eltern über ihre Kinder. Kinder werden wie Erwachsene respektiert. Ihre Entfaltung verdanken sie diesem Respekt für ihre Gefühle und Bedürfnisse. – Diesem Mädchen, dessen Eltern aufs Feld gingen, muß nicht befohlen werden, sich um die Kleinkinder zu kümmern. Für sie ist das selbstverständlich. Die Freiheit, die sie von ihren Eltern erfährt, macht sie empfindsam für die Bedürfnisse und Gefühle anderer.

Wenn die Eltern zuhause arbeiten, müssen die Kinder nicht helfen. Niemals wird man eine Indianermutter von Pflicht reden hören oder von undankbaren Kindern. Kinder müssen keine Leistung erbringen. Sie stehen nie unter Druck, sind keine Objekte von elterlichem Stolz. Nach unserer Einschätzung sind solche Kinder schlecht erzogen. Auf welche Rolle sich die Tochter vorbereiten muß, sieht sie am Vorbild der Mutter. Das ist alles. (…)

Selbstverständlich gibt es auch hier Rituale, Zwänge, Verbote, Tabus – in Bezug auf Nahrung zum Beispiel. Doch sie werden nicht als Freiheitsbeschränkung empfunden. Sie gehören ja nicht zu jenen Regeln und Normen, mit denen Menschen Macht über andere gewinnen. Sie werden als Teil einer höheren Ordnung verstanden, zu deren Bestand sie unerläßlich sind. Indem die Eltern ihren Kindern diese Regeln vorleben, nehmen sie aktiv teil an der Erhaltung dieser Ordnung. Ihr Handeln entspricht einer inneren Wirklichkeit, keinem äußeren Zwang.

Bei uns heißt es: „Was die Eltern anordnen, ist immer richtig. ein Kind ist noch unvernünftig und muß sich der Autorität Erwachsener beugen.“ Hier heißt es: „Was Kinder tun ist ebenso richtig wie das, was Erwachsene tun.“ Die Chiquitanos behandelt ihre Kinder deshalb nicht, wie sie sein sollten, sondern wie sie sind. (…)

Wir fragen den Bischof Bösl der franziskanischen Mission dieser Region:

„Teilen Sie die Meinung, daß es sich da eigentlich um Kinder handelt, die langsam zu Erwachsenen im Sinne unserer Zivilisation gemacht werden sollten?“

„Zum Teil stimmt das, Die Meinung und die ganze Mentalität dieser Leute ist anfangs sehr infantil, aber sie lernen. Und wir sind Zeugen dessen, daß viele Indianer, die anfangs der Zivilisation und der Sozietät gegenüber sehr scheu und schüchtern waren, nachher sich wirklich eingelebt haben, daß sie Mitglieder der großen bolivianischen Gesellschaft sind.“ (…)

Wir fragen den Bischof  weiter, ob die Zerstörung ihrer Kultur die Indianer nicht ihrer Identität beraubt und sie somit unfähig macht, sich in die Gesellschaft einzugliedern.

„Da müßte man schon grundsätzlich einmal fragen, wieviel Kultur war eigentlich vorhanden, bevor die katholischen Missionare hier in diesem Land ihre Aufgabe begonnen haben. Schon damals, zur Zeit der jesuitischen Reduktionen, im 17. und 18. Jahrhundert. Die Kultur, die der Indianer heute zeigt, ist zum Großteil geprägt von der katholischen Kirche.“

Dennoch: die kulturellen Werte der Indianer sind zum Großteil erhalten geblieben. Trotz zweihundertjähriger Missionierung hat die Kirche nur eine formale Anpassung erreichen können. Warum wohl? Weil Anspruch und Wirklichkeit in der Erziehung nicht übereinstimmen. Was die Missionare sagen und was sie verlangen, widerspricht dem, was sie leben und was sie tun.

Warum wird ein Chiquitano-Kind – obwohl in der christlichen Lehre unterrichtet – kulturell zum Indianer? Weil das Leben seiner Eltern mit den Werten in Einklang steht, die ihm diese vermitteln.

Das Verhalten der Missionare hingegen stand und steht im Widerspruch zu ihrer Botschaft. Sie predigen Nächstenliebe, Gleichheit, Treue und Respekt vor dem Leben. Doch sie kamen im Gefolge mordender Eroberer und segneten deren Waffen. Sie verachteten die Indianer, nahmen nicht selten deren Frauen und beteiligten sich am Landraub.

Erziehung, falls sie zum Ziel hat zu überzeugen, kann so nicht wirken.

Fehlt dieses Ziel aber, wird Erziehung zur Nötigung. Furcht wird verbreitet. Furcht vor Prügel, vor dem Zorn Gottes, vor den Qualen der Hölle. Und selbstverständlich fehlt die Drohung nicht, ohne Zucht und Ordnung ein unvollkommener Mensch zu bleiben, ein unmündiges Kind. Auf diese Weise wurden die Indianer formal zu Christen gemacht, doch Gläubige konnten sie so nicht werden. (…)

Die katholische Kirche reagierte empört auf diesen Film und verlangte eine „Richtigstellung“. Die Bischofskonferenz wurde bei Radio Bremen vorstellig. In katholischen Zeitungen wurde ich heftig angegriffen. Quer über die erste Seite druckten sie „Trau keinem Troeller über den Weg“. Sie forderten, daß der Rundfunkrat mich verurteile und für meine Entlassung sorge.

Da hatte Elmar Hügler, der verantwortliche Redakteur, eine ausgezeichnete Idee. „Sie müssen unbedingt bei der Sitzung dabei sein. Ich habe mir vorgestellt, daß die Herrschaften sich vorstellen, wie Sie aussehen.“ Auf Grund meiner Sendungen dachten sie wahrscheinlich, da würde jetzt ein junger Mann erscheinen, mit langen Haaren, einem Bart, einer runden Brille, in Lederjacke usw. So, wie sie sich einen Revolutionär halt vorstellten. Ich aber war schon fast 70 Jahre alt und ähnlich gekleidet wie die Herren, die über meine berufliche Zukunft entscheiden wollten. Ein Raunen machte die Runde. Dann stand eine Frau auf und fragte: „Sind Sie wirklich Gordian Troeller?“

Hügler hatte gewonnen. In der folgenden Diskussion kam der beanstandete Film kaum noch zur Sprache. Später rief sogar eine Frau bei Hügler an und meinte: „Der Troeller ist ja ein weiser Mann.“

Was die Kirche auf die Palme gebracht hatte, waren materielle Interessen. Nach der Ausstrahlung des Films blieben viele Spenden aus. Die Gläubigen waren vom Verhalten der deutschen Missionare enttäuscht. Vor allem das Interview, das ich mit dem Bischof geführt hatte, hatte viele erbost.

Die deutsche Bischofskonferenz gab nicht auf und behauptete, ich hätte dieses Interview manipuliert. Gleich darauf wurde das gesamte Restmaterial aus dem Archiv von Radio Bremen gestohlen. Die glaubten, ich könnte das Gegenteil nun nicht mehr beweisen. Sie wußten jedoch nicht, daß ich die Originale meiner Tonbänder nach dem Überspielen zu Hause aufbewahre. Radio Bremen schickte ihnen eine Kopie der beanstandeten Passagen, und sie gaben klein bei.

Wenn Kinder Steine werfen –  Israel 1989

Nicht so glimpflich verlief die Auseinandersetzung mit der israelischen Botschaft und dem

Zentralrat der Juden.

Unter dem Titel: „Die Nachkommen Abrahams“ hatten wir einen Film über die Intifada gedreht, in dem wir die israelische Politik in den besetzten Gebieten kritisierten.

Schon am Tag nach der Ausstrahlung verkündete der damalige Vorsitzende des Zentralrats, Galinski, dieser Film habe das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden aufs Schwerste belastet. Von allen Seiten hagelte es Proteste. Dann meldete sich der israelische Botschafter bei Radio Bremen an.

Er erschien mit seinem Presseattaché und einigen Mitarbeitern, sowie der Vorsitzenden der deutsch-israelischen Freundschaftsgesellschaft. Er hatte verlangt, daß alle Verantwortlichen präsent zu sein hätten. Da saßen wir dann – der Intendant, der Chefredakteur, der zuständige Redakteur und ich, und wurden wild beschimpft. „Unverantwortliche Antisemiten“ war noch eine milde Anklage. Als ich endlich zu Wort kommen konnte, sagte ich: „Aus Luxemburg habe ich erfahren, daß man dort eifrig in meiner Vergangenheit herumwühlt.“ Der Botschafter: „Selbstverständlich kümmert sich unser Geheimdienst um Sie.“

„Dann hat er schlechte Arbeit geleistet oder Euch nicht richtig informiert. Denn ich habe eine Jüdin geheiratet, habe jüdische Kinder, und während des Krieges habe ich Juden aus Frankreich herausgeholt. Und Ihr nennt mich einen Antisemiten.“

Sie gingen, ohne sich zu verabschieden.

Wir hatten über viele Länder weit kritischer berichtet, und oft gab es Proteste. Aber das waren Briefe oder Anrufe. Niemals hatte eine Botschaft es gewagt, die Verantwortlichen des Senders zur Rede zu stellen. Das erlaubten sich nur die Israelis.

Aber mehr noch: Die jüdischen Gemeinschaften in Hannover und Bremen gingen vor Gericht und verlangten, der Film solle als antisemitisch erklärt und seine Verbreitung, auch im nichtkommerziellen Bereich, verboten werden. Die Gerichte lehnten die Klage ab.

Weit weniger aufgeschlossen reagierten die Kollegen. Ich erinnere mich nicht mehr an ihre Namen. Es waren Verantwortliche im NDR, in München und einigen anderen Sendern, die öffentlich verlangten, daß solche Filme in der Bundesrepublik nicht mehr ausgestrahlt werden dürften. Der Bayrische Rundfunk verlangte sogar, in Zukunft meine Filme vor der Ausstrahlung begutachten zu dürfen, um sich vor der Sendung eventuell auszuklinken.

Wieder wurde in Bremen der Rundfunkrat zusammengerufen, der aber stellte sich entschieden hinter mich. Und schon wurde gemunkelt, dort säßen wahrscheinlich auch viele Antisemiten.

Den kritischen, „politically correcten“, Kollegen hatte ich einiges voraus. Ich hatte nämlich die Bücher israelischer Historiker gelesen, die damals gerade herausgekommen waren. Zum ersten Mal wurde die Geschichte Israels kritisch von eigenen Leuten durchleuchtet. Da wurde von der Vertreibung der Araber berichtet, von Mord und Totschlag, von zerstörten Dörfern, von der gewaltigen „ethnischen Säuberung“, die es gegeben hatte: 1.400.000 Menschen wurden gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben. Hunderttausende von ihnen vegetieren heute noch in Flüchtlingslagern. Ich habe sie im Libanon und in Syrien gefilmt. Elende Gestalten, die dort nicht arbeiten dürfen und von einer Hilfsorganisation der UNO versorgt werden.

Auch die angeblich weiße Weste der israelischen Armee blieb nicht ohne Blutflecke.

Generäle hatten bekannt, daß ägyptische Soldaten, die sich ergeben hatten, auf dem Sinai einfach niedergemetzelt worden waren. Wie sich die Armee im besetzten Palästina benimmt, habe ich selbst gesehen. Da werden Kinder erschossen, Familien aus ihren Häusern gejagt und diese dann in die Luft gesprengt. Die UNO hat Israel öfter aufgefordert, die Genfer Konvention über die Behandlung besetzter Gebiete zu achten. Vergebens.

Die Arroganz der Regierenden in Israel ist nahezu grenzenlos.

In den deutschen Medien wird das alles vertuscht. Wenn ein Palästinenser eine Bombe wirft, wird er Terrorist genannt. Dabei tut er nur seine patriotische Pflicht. Ich war selbst in der Résistance, im Widerstand in Frankreich. Selbstverständlich waren wir bewaffnet und schossen auf deutsche Soldaten. Wir waren ja im Krieg, denn Frankreich war besetzt. Uns nannten die Deutschen damals auch Terroristen. Das gleiche gilt jetzt für die Palästinenser. Sie haben das Recht auf Widerstand, werden aber als Verbrecher dargestellt.

Unsere Medien haben, was manche den „Holocaust-Maulkorb“ nennen: Alles was die Israelis tun, ist gerecht, wer sich ihnen entgegenstellt, handelt ungerecht.

Dabei hat die UNO Vollversammlung Israel schon mehrfach aufgefordert, sich auf seine

international anerkannten Grenzen zurückzuziehen, die Golanhöhen und die sogenannte

Sicherheitszone im Libanon zu räumen und die in Lagern ausharrenden Flüchtlinge wieder ins Land zu lassen. Vergebens.

Auch der Sicherheitsrat hat ähnliche Forderungen gestellt, aber fast jedes Mal wurden die Resolutionen von den USA mit ihrem Vetorecht blockiert. Israel ist eben ihre Speerspitze im Nahen Osten und kann machen, was es will.

Apropos Sicherheitszone. Ich habe im Libanon gedreht, auch einen langen Streifen über die Hisbollah. Das ist keine fanatische Terrororganisation. Die Hisbollah ist eine politische Partei. Ihre Abgeordneten sitzen im Parlament. Sie baut Schulen, Krankenhäuser, versorgt die Armen mit Nahrungsmitteln und Kleidern. Im Süden des Libanon ist sie allerdings kriegerisch tätig, weil sie das besetzte Gebiet, die sogenannte Sicherheitszone, befreien will, mehr nicht. Aber in unseren Medien werden sämtliche Hisbollah-Anhänger als pro-iranische Terroristen dargestellt.

Jedes Mal, wenn sie Bomben werfen und israelische Soldaten treffen, greift die israelische Luftwaffe umgehend libanesische Dörfer an und tötet unbeteiligte Bauern. Das wird dann in der hiesigen Presse als „Vergeltungsschlag“ gemeldet. Ein positiver Begriff, denn er unterstellt, daß die Israelis das Recht haben, libanesische Dörfer zu bombardieren und Zivilisten umzubringen.

In Israel darf auch gefoltert werden. Offiziell wird abgewiegelt, es handle sich nur um eine leichte Folter. Wie die aussieht, beschreibt Ari Shavit, ein angesehener israelischer Journalist, in einem Bericht über Erfahrungen, die er als Reservist während seines alljährlichen Militärdienstes gemacht hat. Shavit wurde im Internierungslager Gaza-Beach eingesetzt – im besetzten Gebiet. Er schreibt aus seiner persönlichen Betroffenheit heraus und fragt sich, woher bei ihm wie bei seinen Kameraden die ständigen Assoziationen an Konzentrationslager kommen, obwohl sie genau wissen, daß die Situation objektiv nicht vergleichbar ist.

Hier ein kurzer Auszug:

„Vielleicht ist Shin Bet (der allgemeine Sicherheitsdienst) daran Schuld durch die vorgenommenen Verhaftungen und das, was mit den Verhafteten geschieht. Fast jede Nacht, wenn sie es durch Verhöre geschafft haben, einige junge Leute „kleinzukriegen“, gibt Shin Bet den Fallschirmtruppen oder den Grenzschützern eine Liste mit den Namen der Freunde der jungen Männer. Und so sehe ich fast jede Nacht die Wagen in die unter Ausgehverbot stehende Stadt ausfahren, um Leute zu verhaften, die angeblich die Sicherheit des Staates bedrohen. Und dann sehe ich Soldaten zurückkommen mit Kindern von 15 oder 16 Jahren. Die Kinder beißen die Zähne zusammen. Die Augen treten ihnen aus den Höhlen. In nicht wenigen Fällen sind sie bereits geschlagen worden. Sogar S., der einen Betrieb in den besetzten Gebieten hat, mag seinen Augen nicht trauen. „Ist es schon so weit gekommen“, fragt er, daß Shin Bet Kinder wie diese verfolgt.“ Und Soldaten kommen in den „Empfangsraum“ gelaufen, um zuzusehen, wie sie sich ausziehen, sie in Unterwäsche anzugucken, zu sehen wie sie vor Angst zittern. Und manchmal treten sie sie – ein Tritt mehr, bevor sie ihre Gefängniskleidung anziehen. Manchmal fluchen sie auch nur.

Oder vielleicht ist der Arzt schuld. Man weckt ihn mitten in der Nacht, um einen der soeben Eingebrachten zu behandeln – ein junger Mann, barfuß, verletzt, der aussieht, als habe er einen epileptischen Anfall, der erzählt, man habe ihn gerade auf den Rücken geschlagen, in den Magen und über dem Herzen. Er hat häßliche rote Flecken am ganzen Körper. Der Arzt wendet sich dem Jungen zu und schreit ihn an. Mit lauter, wütender Stimme ruft er: „Du sollst krepieren.“ Und dann wendet er sich zu mir und lacht: „Sollen sie doch alle krepieren.“

Oder vielleicht liegt es an den Schreien. Wenn man die Wache beendet hat, auf dem Weg vom Zelt zur Dusche, hört man manchmal entsetzliche Schreie. Da geht man in Shorts und Badelatschen, ein Handtuch über der Schulter, den Toilettenbeutel in der Hand – und von der anderen Seite des verzinkten Drahtzauns, aus der Verhör-Abteilung, kommen haarsträubende menschliche Schreie. Buchstäblich haarsträubend.

Von den verschiedenen Organisationen für Menschenrechte weiß man, daß sie hier im Gaza-Lager keine Folter-„Kabinette“ haben. (Andere Lager haben sie im Überfluß.) Darum fragt man sich, was hier in fünf Meter Entfernung geschieht? Benutzt man die „Bananen-Bindung“? Oder gewöhnliche Schläge?

Man weiß es nicht. Aber man weiß, daß man von diesem Augenblick an keine Ruhe haben wird. Denn nur fünfzig Meter von dem Bett, auf dem man zu schlafen versucht, achtzig Meter von der Kantine, in der man zu essen versucht, schreien Menschen. Und sie schreien, weil andere Menschen in Uniformen wie deine eigene, ihnen etwas antun, was die Schreie hervorruft. (…)

Und Benjamin Netanjahu erinnert Ted Koppel immer wieder daran, daß Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist. Und niemand schämt sich genügend, um aufzustehen und sie zum Schweigen zu bringen. (…)

Und nicht einer von ihnen hat vor dem Haus des Ministerpräsidenten einen Hungerstreik angefangen. Ich wüßte auch nicht einen einzigen, der gesagt hätte: „Das darf nicht sein. Nicht in einem jüdischen Staat.“ 

Unter dem Titel „On Gaza Beach“ ist dieser Artikel in der amerikanischen „New York Review of Books“ im Juli 1991 veröffentlicht worden, obwohl die jüdische Lobby großen Einfluß in den USA haben soll.

Wie groß das Spannungsfeld innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft ist, das  von kompromißloser Vertretung israelischer Staatsinteressen bis hin zur Frage nach der Berechtigung der Existenz eines Staates Israel geht, wurde uns noch einmal deutlich, als wir 1986 den Film „Jedem das Seine“ über ethnische und religiöse Minderheiten in den USA drehten.

Sollten diese Memoiren jemals gedruckt werden, dann werden wohl Israel und die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder über mich herfallen und mich als Antisemiten beschimpfen.

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