Skip to content

… aber er soll dein Herr sein

Im „Stern“ war unsere Serie „Frauen dieser Welt“ gut angekommen. Während der Arbeiten zu der Fortschritts-Serie war es uns immer deutlicher geworden, wie stark politische und ökonomische Veränderungen die Lebensbedingungen der Frauen betrafen. Und da wir immer versuchten, aus Sicht der Betroffenen zu berichten, war es nur logisch, die größte und unfreiste aller „Kolonien“ ins Bild zu rücken: die Frauen. Wir schlugen Radio Bremen also vor, eine ähnliche Serie unter dem Titel „Frauen der Welt“ zu drehen. Es ging uns vor allem darum, jene Elemente an den Pranger zu stellen, die letztlich für alle Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen verantwortlich sind: den Fortschrittsbegriff und die patriarchalische Ordnung.

In dem Film „Die Herren – ein Pamphlet gegen die Männerherrschaft“, aus dem ich zu Beginn schon Auszüge zitiert habe, kommt das am deutlichsten zum Ausdruck:

(…) Ob Diktatur oder parlamentarische Demokratie, jeder Staat, so zeigt sich, verkörpert die patriarchalische Ordnung. Eine Ordnung, in der die Frau nichts zu melden hat. Auch wenn die Gleichheit der Geschlechter vom Staat offiziell zugesichert wird, in der täglichen Praxis und in den Köpfen fast aller Männer ist die Frau ein Mensch zweiter Klasse.

Wie aber kam es dazu, daß der Mann die Frau beherrscht und daß diese es sich seit Jahrtausenden gefallen lässt – ja Männlichkeit sogar bewundert?

Die allgemein akzeptierte Antwort lautet: die Natur habe es so gewollt, auch in der Tierwelt herrsche das Männchen.

Dennoch: zu Beginn der Menschheit soll keines der Geschlechter das andere beherrscht haben. Wann der Mann die Macht an sich riß, weiß niemand. Sicher ist eins: fast überall auf der Welt ist ihm dies gelungen, und jedes Mal schuf der Mann Mythen, um seinen Machtanspruch zu rechtfertigen. Auch unsere abendländische Männerwelt verschaffte sich die Rechtfertigung für ihre Herrschaft, und zwar mit der Schöpfungsgeschichte. Diese wurde über Jahrhunderte als Dogma verbreitet, in Wort, Schrift und Bild – in Farbe und in Schwarz-Weiß – im Stil aller Epochen.

In den vor-patriarchalischen Mythen erschufen Göttinnen die Erde. In der Bibel ist es Gott, eine Vaterfigur. Als ersten Menschen formte er den Mann – Adam. Dann aber sagte er: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin erschaffen.“ Nun erst formte er aus der Rippe des Mannes Eva, das Weib. Zuerst war also der Mann.

Im Paradies brauchten Adam und Eva sich ihrer Nacktheit nicht zu schämen, solange sie nicht vom Baum der Erkenntnis aßen. Aber genau das tat Eva, etwas streng Verbotenes, und sie verführte auch Adam dazu.

Darauf sprach Gott zum Weibe: „Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein – aber er soll dein Herr sein.“

Mit diesem Mythos holte sich die patriarchalische Ordnung den göttlichen Segen.

Der Fluch fiel auf die Frau, weil ihre Handlung – die erste in der Geschichte der Menschheit – zur Katastrophe führte: zur Vertreibung aus dem Paradies. Zur Sünde sogar.

So wurde der Griff nach dem Apfel, der erste aktive Auftritt der Frau in der Geschichte, auch ihr letzter. Fortan machen Männer Geschichte.

Wie das aussieht, zeigen Kain und Abel, die ersten Nachkommen von Adam und Eva. Der eine war Bauer, der andere Schäfer.

Mit dem Bauern wird ein Menschentyp eingeführt, der sich die Natur unterwirft, während der Schäfer sich ihr anpasst.

Abel, der Schäfer, schien Gott gefälliger, denn der Rauch seines Opfers stieg steil gen Himmel, während der Rauch von Kains Opfergaben am Boden blieb. Dies veranlaßte Kain, seinen Bruder zu erschlagen. Gott verbannte ihn zwar, aber er schützte ihn vor Rache, und bald schon baute der Brudermörder eine Stadt. Die Zivilisation hatte begonnen.

Die Geschichte von Kain und Abel vermittelt unmißverständlich, daß Kampf des Menschen Schicksal auf Erden ist. Kampf bis zum Brudermord – um die Gunst Gottes, um Macht und Reichtum. Hatte die Schöpfungsgeschichte die Herrschaft des Mannes über die Frau etabliert, so erhält die patriarchalische Ordnung mit dem Brudermord ihre Dynamik, ihren Motor: das Recht des Stärkeren.

Männer wollen siegen. Selbst Spiele werden zu Kampf. (…) Einen Trost hat im Wettstreit auch der Unterlegene: eben Mann zu sein, nicht Frau. Sein Geschlecht macht ihn zum Herrn. Schon deshalb stellt er das System nicht in Frage Auch wenn er darin ganz unten steht, fühlt er sich immer noch besser als die Hälfte der Menschheit: als die Frauen.

Wie eine Gesellschaft ohne die Vorherrschaft des Mannes aussieht, konnten wir bei den Campa-Indianern im Tiefland von Peru erfahren. Ein Ausschnitt aus dem Film „Abschied vom Lachen“:

(…) Die Frauen verrichten schwere Arbeit.

Hieraus schlossen die europäischen Eroberer, daß die Indianer ihre Frauen ausbeuten und wie Vieh behandeln. Auch Missionare und Forscher vermittelten das Bild der unterdrückten Indianerin.

„Wer so arbeitet, tut das nicht aus freien Stücken.“ So urteilten Männer aus einer vom Mann beherrschten Gesellschaft. Ihre Welt – die abendländische Kultur –  galt und gilt für die meisten heute noch, als das Maß aller Dinge. In Europa, zum Beispiel, galt die Arbeit der Frau als zweitrangig. Also musste es hier genauso sein. Dies umso mehr, als bei den Indianern den Männern jene Beschäftigungen vorbehalten waren, die bei uns erst den Wert eines Mannes ausmachten: die Jagd und der Krieg.

Daß die Indianer den Tätigkeitsbereich der Frau – den Ackerbau – höher schätzen, war unvorstellbar, galt doch die Arbeit der Bauern in Europa, solange sie nicht mechanisiert war, als minderwertig.

So wurde unser Wissen über Indianer und alle sogenannten Primitiven von der Selbstherrlichkeit europäischer Männer geprägt.

Diese Frauen säubern ein Feld, um Yuca zu ernten.

Yuca – eine Wurzel – gehört zur Grundnahrung der Campa. Nach unseren Vorstellungen von Leistung und Rentabilität müßte hier besser geplant und gearbeitet werden. Überschuß und Profit kann man so nicht erwirtschaften. Aber das wollen diese Indianer auch gar nicht. Sie erzeugen, um zu leben. Sie leben nicht, um zu erzeugen.

Im Fachjargon nennt man das Subsistenzwirtschaft. Das Wort bezeichnet ein Produktionssystem, mit dem „Primitive“ angeblich unter gewaltigen Anstrengungen und ständiger Angst vor der Zukunft nur dürftig überleben. Wer das Leistungsprinzip des Kapitalismus zum Ideal und Maßstab erhoben hat, muß das so sehen.

Die Indianer hingegen wollen keinen Handel, keine Wirtschaft, keinen vermarktbaren Überschuß. Nur dank dieser selbstauferlegten Beschränkung bleibt ihre Gesellschaft Eins, das heißt, sie spaltet sich nicht in Besitzende und Besitzlose, in Herrscher und Beherrschte. Was wir Subsistenzwirtschaft nennen, wäre so in Wahrheit der Wille einer Gemeinschaft, die Gleichheit aller zu gewährleisten, und somit die Freiheit eines jeden.

Und dort, wo es keine Wirtschaft gibt, keine Obrigkeit und keine Hierarchie, da ist auch die Frau nicht dem Manne untertan – auch wenn es für uns so aussehen mag.

Bedeutet all dies, daß Armut der Preis für Gleichheit und Freiheit ist? Keineswegs. Alle Bedürfnisse werden mit geringstem Aufwand befriedigt. Bedürfnisse, die von diesen Menschen selbst als wesentlich empfunden und nicht von außen aufgepfropft werden – eine wahre Überflussgesellschaft. Nichts von dem, was sie brauchen und wollen, fehlt ihnen. Und wenn sie es darauf anlegten, könnten sie das Mehrfache davon haben. Aber wozu? Sie lehnen es ab, zu horten und Profit zu machen. Denn das würde die Gleichheit aufheben und die Gemeinschaft sprengen. (…)

In einer Campa-Gemeinschaft sind alle Frauen blutsverwandt. Die Männer stammen aus fremden Dörfern und haben eingeheiratet in eine Frauensippe, die aus Müttern, Töchtern, Schwestern und Tanten besteht. (…)

Und die Liebe? Auch sie ist ein Kulturprodukt und wird hier anders erlebt als bei uns: ein Mann kommt auf Partnersuche ins Dorf und arbeitet mit der Gemeinschaft. Hat er ein heiratsfähiges Mädchen gefunden, dem er gefällt, nimmt dieses ihn zum Mann – wenn nicht, zieht er weiter. Kommen die beiden nicht miteinander aus, verlässt der Mann wieder das Dorf. Sie bleibt, denn sie gehört ja zum Kern der Gemeinschaft, zur Sippe der blutsverwandten Frauen.

Wenn Männer und Frauen die Felder säubern, um sie neu zu bepflanzen, dann wird das nicht als „Arbeit“ empfunden. Die Gemeinsamkeit wird gefeiert, die allen die Möglichkeit gibt, unabhängig und frei zu sein.

Hauptanliegen primitiver Gesellschaften ist es, das zu verhindern, was man den gesellschaftlichen Sündenfall nennen könnte: das Aufkommen von Besitz. Sie verweigern, worin wir Fortschritt sehen und haben deshalb keine Geschichte. Denn Geschichte entsteht erst durch Kampf um Besitz und Macht. Wann diese Geschichte in grauer Vorzeit begonnen hat, ist unbekannt. Sicher hingegen ist, daß nicht die Einführung des Ackerbaus zur Ungleichheit führte. Viele Indianer Südamerikas bestellen das Land schon seit Jahrtausenden, ohne Überschuß zu erwirtschaften.

Sicher scheint auch, daß die Frau – vor dem Aufbruch der Menschheit in die Geschichte – nicht unterdrückt worden ist. Wahrscheinlich wurde sie sogar als wichtigster Bestandteil der Gemeinschaft angesehen. Hier jedenfalls ist das der Fall.

Als wir den Curaca fragen, wer ihm wichtiger erscheine, Mann oder Frau, ist seine spontane Antwort: „Die Frau natürlich. Sie hält die Gemeinschaft zusammen, sie pflanzt sich fort und bestellt die Felder, die uns ernähren.“ Auch der Mann ist unersetzbar“, meint er,doch die Frau trage größere Verantwortung und sei deshalb wichtiger als der Mann.

Nachdem wir das Verständnis von Liebe und Ehe in unterschiedlichen Kulturkreisen sowie die Bedeutung der modernen Frauenemanzipationsbewegung und deren Auswirkung auf Länder der „Dritten Welt“ beleuchtet hatten, stellten wir abschließend in dem Film „Im Namen der Liebe“ den christlich-abendländischen Liebesbegriff in das Zentrum der Betrachtung. Hier einige Auszüge:

Unterkapitel

An den Anfang scrollen