Dem letzten Film in der Reihe „Im Namen des Fortschritts“ gaben wir den Titel „Die Saat des Fortschritts“. Für ihn erhielten wir einen Grimme-Preis. Wir hatten nicht über ein Entwicklungsland berichtet, sondern über die mächtigste Industrienation, die USA.
Hier einige Sequenzen daraus:
Wenn die amerikanischen Bauern aus Protest auf die Straße gehen, zitieren sie George Washington. Er sagte: „Nichts trägt mehr zum Wohlstand der Staaten bei als der rechte Umgang mit dem Boden, doch nichts scheint weniger verstanden zu sein als dies. Die heute vorherrschenden Anbaumethoden zerstören das Land und müssen letztlich zum Ruin der Bauern führen.“
So warnte der erste Präsident der Vereinigten Staaten vor 200 Jahren.
Mittlerweile ist die amerikanische Landwirtschaft – mit ihren Zuliefer-, Verarbeitungs- und Verteilungssystemen – zur größten Industrie der Welt geworden. Und sie ruiniert die Bauern. (…)
Monokulturen erlauben äußerste Rationalisierung und somit höchste Produktivität. Doch sie töten den Boden. Ohne den massiven Einsatz von Kunstdünger würde die Gemüseproduktion um 60 % fallen. In den USA verschlingt die Herstellung von Kunstdünger mehr Energie als alle Landwirte verbrauchen, um zu pflügen, zu säen und zu ernten. Auch die Vielfalt der Pflanzen ist der Monokultur zum Opfer gefallen. Früher gab es über 500 Gemüsearten. Nur etwa 20 werden heute noch angepflanzt.
Monokulturen brauchen Bewässerung. – Wenn auf solchen Feldern das Wasser verdunstet, bleiben Salze zurück, die die Fruchtbarkeit des Bodens verringern.
Gewaltige Kanalisationssysteme wurden unter den Feldern angelegt. (…)
Bewässerung mit Grundwasser ist kostspielig. Durch die zu erwartenden Rekordernten glaubten die Farmer, das verkraften zu können. Eins jedoch schienen sie vergessen zu haben: überall dort, wo Wasser reichlich und kostenlos vom Himmel fällt, wird schon viel zu viel Getreide erzeugt. Zwar nicht genug für die Hungernden der Welt, aber diese sind ja kein Markt. Produziert wird nur für zahlungskräftige Verbraucher, und wenn deren Markt übersättigt ist, fallen die Preise. Um sie dennoch halten zu können, muß der Überschuß aus dem Verkehr gezogen werden.
Trotz Subventionen ist es schlecht um die Bauern bestellt. Auf einem Familienhof in Texas sprachen wir mit Vater und Sohn:
Mooris junior: „In diesem Teil des Landes bewässern wir mit Grundwasser. Dadurch erzeugen wir mehr als in anderen Gebieten der Vereinigten Staaten.“
Frage: „Habt Ihr denn immer noch genügend Wasser?“
Mooris junior: „Na ja, seit ich geboren wurde, hat das Wasser gewaltig abgenommen. Der Grundwasserspiegel sinkt, und eines Tages werden wir hier mit der Bewässerung aufhören müssen.“
Frage: „Weil der Grundwasserspiegel sinkt?“
Mooris junior: „Ja, es wird zu teuer werden, das Wasser hochzupumpen.“
Frage: Wir fragen, ob sich diese Art von Landwirtschaft noch lohnt.
Mooris senior: „Im Augenblick ist die Wirtschaftslage so, daß Landwirtschaft keinen Gewinn bringt. Doch man muß das langfristig sehen, über zehn Jahre. Deshalb halten wir die jungen Leute auf der Farm. Die Wirtschaft wird sich erholen, und es wird wieder Nachfrage für unsere Erzeugnisse geben.“
Frage: „Können Sie mir sagen, ob Sie im letzten Jahr etwas verdient haben?“
Mooris senior: „Das ist schwer zu beantworten. Könntest du was dazu sagen, Joe?“
Mooris junior: „Meine Farm stand im letzten Jahr in den roten Zahlen. Es ging gar nicht gut. Aber wir sind ja Farmer, das heißt Spieler. Wir vertrauen auf die Zukunft.“
Daß die Landwirtschaft ein Glückspiel ist, liegt hauptsächlich daran, daß die Industriegüter im Vergleich zu den Agrarprodukten immer teurer werden. Vor 10 Jahren war dieser Traktor 2500 Zentner Mais wert. Heute muß der Farmer dreimal so viel erzeugen, um ihn bezahlen zu können. Und dieser Wertunterschied vergrößert sich ständig.
Eingeebnet wird der Boden, um den Einsatz schwerer Maschinen zu erlauben. Bäume und Hecken müssen verschwinden. Der Wind findet keinen Widerstand und kann den Boden abtragen. So gehen täglich 63 Quadratkilometer an Agrarland durch Erosion verloren. Hinzu kommt, daß Monokulturen einen stetig steigenden Bedarf an Pestiziden haben. Widerstandskräftige Schädlinge sind die Folge, was wiederum stärkere Bekämpfungsmittel notwendig macht. In den letzten 10 Jahren ist der Gebrauch von Pestiziden um 100 % gestiegen. Dennoch haben die von Schädlingen verursachten Ernteverluste um 40 % zugenommen. Oder besser gesagt: deshalb.
Landwirtschaft war einmal ein Beitrag des Menschen zur Bereicherung von Natur und Leben. Die Industrialisierung hat sie dieser Aufgabe beraubt. Technischer Fortschritt und Rationalisierung führen nicht nur zur Verarmung des Bodens, sondern auch zur Verarmung seiner Erzeugnisse und letztlich zur Verarmung der Menschen. (…)
Dieser Kuhstall steht auf dem Universitätsgelände von Madison, im Bundesstaat Wisconsin. Kühe sind bekanntlich Wiederkäuer und haben vier Mägen. Um herauszufinden, wie diese verschiedenen Mägen das Futter verarbeiten, hat man in jeden einen Schlauch eingeführt, der aus dem Bauch der Kuh herausragt. So kann man beliebig oft den Magensaft anzapfen und untersuchen.
Dieses große Loch verschafft Zugang zum Hauptmagen. Endlich hat der Mann im weißen Kittel eine Kuh gefunden, aus deren Nebenmagen genügend Saft herausläuft. Ziel dieser Versuche ist es, die Milchproduktion zu steigern. Daß in USA schon viel zu viel Milch erzeugt wird, ist offenbar ohne Belang. Die Entwicklung verlangt, daß die Produktivität pro Kuh steigt.
„Oft zerstören die Bakterien im Magen der Kuh mehr Proteine als sie erzeugen. Wir versuchen, die Menge der zerstörten Proteine zu verringern und dadurch die Rentabilität und die Effizienz der Milchproduktion zu steigern“, erklärt man uns.
Steigerung der Produktivität – Einsparung von Arbeitskräften, das sind die heiligen Kühe der Weltwirtschaft. (…)
Bullen werden an Nasenringen herumgeführt beim „American Breeders Service“, dem größten Spermaproduzenten der Welt. Das Unternehmen besitzt 900 Superbullen und verschickt ihren Samen rund um die Welt. Einmal täglich werden sie spazieren geführt. Sie sollen nicht träge werden.
Um zum Superbullen aufzurücken, muß so ein Tier viele Prüfungen bestehen. Entscheidend für seine Karriere ist die Milchproduktion seiner Töchter. Wenn sie mehr Milch geben als eine Durchschnittskuh, hat der Bulle Chancen. Ist dann auch noch der Fett- und Proteingehalt ihrer Milch höher als die Norm, wird er in den Starclub aufgenommen. Der Bulle, dessen Töchter die meiste Milch geben, ist Nummer eins. Sein Samen erzielt den höchsten Preis. Das einzige Kriterium also ist: mehr Milch. (…)
Auch bei der Samengewinnung geht es um Produktivität. Wenn ein Bulle gleich springt, kommt nur wenig Samen, man muß ihn ein paar Mal zurückhalten, ihn erregen, um ein Maximum an Sperma zu erhalten.
Über den Spender dieses Spermas sagt die Werbechefin des Betriebes: „Er ist der Sohn einer Kuh mit Namen „Glänzendes Efeu“. Sie wurde vor vier Monaten im Norden von Wisconsin für 1 Million 25 Tausend Dollar verkauft. Das ist ein Weltrekord. Ein höherer Preis ist noch nie für eine Kuh bezahlt worden.“
„Und was ist der besondere Wert dieses Bullen?“
„Er hat den höchsten Dollar-Wert aller Bullen, die wir besitzen. – Verglichen mit den Töchtern anderer Bullen erzeugen seine Töchter mehr und bessere Milch. Sie haben also
mehr Dollar-Wert als die Töchter irgendeines anderen unserer Bullen.“ (…)
In allen Landwirtschaftsbezirken unterhalten Regierung und Kooperativen Beratungsstellen. Dort sind die Aktivitäten aller Bauern des Bezirks in Computern gespeichert. So erfahren sie, wie rentabel ihre Kühe sind und was sie mit ihren Feldern zu tun haben.
Der hier erfaßte Bauer braucht sich nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Computer steuern seine Tätigkeit nach den Gesetzen der Rentabilität.
Das Verhältnis des Bauern zu seinem Vieh und seinem Boden verkümmert zu dem eines
Unternehmers zu seinem Kapital. So zerstört die Rationalisierung der Landwirtschaft nicht nur den Boden, die Arten, die Umwelt, sondern auch das über Jahrhunderte angesammelte Wissen der Bauern. Wenn sie sich morgen selbst auf ihren Höfe ernähren müßten, wüßten sie nicht, wie sie es anfangen sollten.
Wir fragen den Leiter der Beratungsstelle von Madison, Mr. O’Connell, ob Produktionssteigerung denn unbedingt nötig wäre.
„Na ja, in einer Demokratie mit freier Marktwirtschaft ist es im Interesse eines jeden Farmers, so viel und so effizient wie nur möglich zu produzieren. Dies mag im Widerspruch zu den nationalen Interessen stehen, denn wir produzieren schon zuviel Lebensmittel, doch anders kann ein Farmer sich nicht über Wasser halten. Er muß höchste Erträge mit geringsten Kosten erwirtschaften.
„Bedeutet dies denn nicht, daß die Konkurrenz all jene Farmer kaputt macht, die weniger leistungsfähig sind?“
„Hierzu kann es in der Tat kommen. Ja, das ist eines unserer Probleme. Übrig bleiben werden dann nur noch die großen, leistungsfähigen Farmer, und die Kleinbauern, die wir immer als das Rückgrat unserer Landwirtschaft ansahen, werden verschwinden.“
Der deutlichste Ausdruck dieser Entwicklung sind Auktionen wie diese:
Ein Bauer hat bankrott gemacht, und sein Arbeitsgerät wird versteigert.
Seit etwa zehn Jahren, müssen jede Woche zirka 2000 Bauern ihre Höfe verlassen. Das macht 100 000 Familien im Jahr. Die Landwirtschaft ist der Wirtschaftszweig, in dem am meisten Kapital benötigt wird, um einen Arbeitsplatz zu erhalten. Und man braucht ständig mehr.
Auch deshalb muß immer mehr produziert werden. Das Überangebot steigt, und der Bauer bekommt weniger für seine Produkte. Er muß also wiederum mehr produzieren, um den Arbeitsplatz zu sichern. Ohne Schulden geht das nicht, und oft endet es wie hier. (…)
Diese Menschen, die vor einer Armenküche Schlange stehen, sind bereits zahlungsunfähig. Sie haben ihre Arbeit verloren und stehen für eine Mahlzeit an. Eine kirchliche Organisation sorgt dafür. Hier, in San Francisco, gibt es 30 solcher Armenküchen. Diese versorgt täglich 300 Menschen.
Das auf Kapital und Konkurrenz basierende Weltwirtschaftssystem fordert immer produktivere Technologien, doch diese verringern – weil sie Arbeitskräfte einsparen – die Zahl der kaufkräftigen Verbraucher.
Dieser Widerspruch zwischen technischer Entwicklung und sozialem Fortschritt, der auch zu Verarmung der „Dritten Welt“ geführt hat, macht sich jetzt in den Industrienationen spürbar. Hier wie dort schrumpfen die Märkte. Und je geringer die Absatzchancen, desto wilder die Konkurrenz. Sie wiederum zwingt dazu, immer mehr zu rationalisieren, und das geht nur auf Kosten der Arbeitsplätze. So verschleißt das System langsam seine gesellschaftliche Basis. 1983 ist die Zahl der Amerikaner, die unter der offiziellen Armutsgrenze leben, von 28 auf 35 Millionen gestiegen.
Die amerikanische Landwirtschaft zeigt diesen Verarmungsprozeß in geradezu beispielhafter Form. Und dabei geht es nicht nur um westlichen Kapitalismus. Es geht um Produktions- und Handelsnormen, die – auch wenn sie verstaatlicht sind – ebenso zerstörerisch wirken. Es geht um die Begriffe von Fortschritt und Entwicklung, und die sind identisch im Westen wie im Osten.
Ob hier in San Francisco oder irgendwo sonst auf der Welt, die wachsende Zahl der Armen dokumentiert eine Weltwirtschaftslage, die man als „Krise“ bezeichnet. Eine Krise also, ein vorübergehender Engpaß? Wohl kaum. Zu erwarten ist eher – das Ende einer
Entwicklung.
