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Von Schamanen und Heilkundigen

Wenn man 62 Länder besucht und fast 100 Filme gedreht hat, fällt es schwer, immer chronologisch zu berichten. Deshalb hier einige Ereignisse, die mich während der Dreharbeiten stark beeindruckt haben. Es geht hauptsächlich um meine Begegnungen mit Schamanen.

Ich filmte im Norden Kanadas bei den Eskimos, die es hassen, so genannt zu werden, denn Eskimo heißt „Frischfleischfresser“ – ein Name, den die benachbarten Indianer ihnen gegeben haben. Sie selbst nennen sich Inuit – die Menschen.

Ein Kanadier, der 20 Jahre bei ihnen gelebt hatte, war mein Führer. Er meinte: „Sie können hier nur filmen, wenn Sie sich der Schamanin vorgestellt haben.“

Das Gespräch verlief ausgezeichnet. Zum Schluß sagte sie: „Nun können Sie sich noch etwas wünschen, und ich werde Ihren Wunsch erfüllen.“ Ich bat um schönes Wetter, was kurz vor Wintereinbruch eher selten ist. Aber drei Wochen lang schien tatsächlich die Sonne. Als ich später den Film fertigstellte, war ich gar nicht zufrieden. Das blaue Meer  und der strahlende Himmel sahen aus, als hätte ich auf den Philippinen gedreht oder in irgendeinem Land Südostasiens.

Mein kanadischer Begleiter erzählte mir viele Wundertaten der Schamanin. Sie hatte zum Beispiel einem ihrer Bekannten, der zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden war, zur Flucht verholfen. Er entkam aus einem Gefängnis, das die Kanadier auf einer Insel im hohen Norden errichtet hatten. Barfuß und nur mit einem Hemd bekleidet. Ohne Proviant. So war er zehn Tage auf Eisschollen unterwegs, bis er das Festland erreichte. Unvorstellbar, daß ein Mensch das überlebt.

In Brasilien brachten Freunde mich in einen Voodoo-Tempel. Als ich da stand und der Zeremonie zuschaute, bewegte sich plötzlich etwas unter meinen Füßen. Ich stand auf einer

Riesenschlange und mußte wohl laut geschrien haben, denn Männer stürzten herbei und nahmen die Schlange in die Arme. „Das ist ein Zeichen“, meinte einer, „Du gehörst jetzt zu uns, sie hat Dich erwählt, Du mußt mit uns tanzen.“ Die Schlange war wichtiger Bestandteil der Zeremonie, und ich mußte immer wieder die Hand auf sie legen. Schnell hatte ich den Rhythmus des Tanzes gefunden und fiel in Trance. Was dann passiert ist, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß Marie-Claude besorgt der Polizei mein Verschwinden gemeldet hatte. Vier Tage später war ich wieder „nüchtern“ und kehrte ins Hotel zurück.

Am nächsten Tag ging ich wieder in den Tempel. Ich wurde herzlich begrüßt und wir tranken einige Gläser Zuckerrohrschnaps zusammen. Da sagte einer der Anwesenden: „Ich bin Curandeiro, ich heile Menschen, und wenn Du das fotografieren willst, bist Du herzlich willkommen.“

Später saßen wir uns in seiner Wohnung gegenüber, und er erklärte: „Ich muß in Trance fallen. Dann fährt ein Indianer aus dem Amazonasgebiet, der im 17. Jahrhundert ein berühmter Curandeiro war, in mich. Der liebte Feuerwasser und verlangt nun danach.“

Vor ihm standen vier Flaschen Schnaps, und er begann zu trinken. Wenig später fiel er in

Trance. Kranke kamen, erklärten ihre Beschwerden und zogen sichtlich zufrieden wieder ab. Ich verstand wenig, denn sie sprachen einen Dialekt, den ich nicht kannte. Erstaunt war ich jedoch, als der Curandeiro nach vier Flaschen Schnaps scheinbar nüchtern mit seinem Rad davonfuhr.

Ich wollte mir Klarheit verschaffen und kam am nächsten Tag mit zwei Flaschen Schnaps für jeden von uns wieder. Jedes Mal, wenn er trank, kippte auch ich ein Glas hinunter. Ich versuchte mitzuhalten.

Meine erste Flasche war noch nicht leer, da sank mein Kopf auf den Tisch. Er schaute nur amüsiert und trank genüßlich weiter.

Die vier Flaschen waren leer. Als er ging, sagte er: „Die Tür ist offen, wenn Du Deinen Rausch ausgeschlafen hast, findest Du ja wohl nach Hause.“

Ich wollte wissen, wie ein Mensch, der fast vier Flaschen Schnaps getrunken hatte, noch radeln konnte und befragte Ärzte. Die fanden auch keine Erklärung. Einer meinte: „Vielleicht ist es ja die Leber des in ihn gefahrenen Indianers, die das verarbeiten muß.“

Ich habe viele unerklärliche Dinge erlebt. In Gabun war ich mit einem befreundeten Schwarzen im Urwald unterwegs. Er sollte mich zu einem Dorf führen, in dem ein berühmter Schamane angeblich alles heilen konnte. Wir hatten Hunger und sahen plötzlich einen riesigen Teppich mit mir unbekannten Beeren. Aber daran knabberte bereits ein Schwarm Bienen. Mein Begleiter beugte sich über sie, sprach mit ihnen, und schon zogen sie sich zurück und überließen uns die Hälfte. Ich bat ihn um eine Erklärung. Er winkte ab: „So was werdet Ihr Europäer nie verstehen. Falls Du immer noch Hunger hast, komm mit, ich besorg Dir was Schmackhafteres.“

Wir gingen weiter. Vor einem Baum blieb er stehen, nahm ein Stück Holz, klopfte damit gegen den Stamm und schon kamen Würmer hervorgekrochen. Lange weiße Würmer. Ich hatte schon viel Ungewöhnliches gegessen: Schlangen, Krokodilschwänze, Insekten, Affenhirn. Aber lebende Würmer widerten mich an. Er griff eifrig zu und meinte: „Das ist eine Delikatesse. Kaviar ist nichts dagegen.“ Und er hatte recht. Die Würmer schmeckten wie Nüsse. Um richtig mitzuhalten, redete ich mir ein, daß sie ja nicht im Dreck lebten, sondern in einem Baum, von dessen Saft sie sich ernährten. Ich glaube, ich habe mindestens hundert davon genüßlich gekaut.

Als wir endlich im Dorf ankamen, eine neue Überraschung: Der Heilkundige kam auf uns zu, umarmte uns und sagte: „Ich war unterwegs, aber dann hörte ich, daß Ihr kommen würdet und bin gleich umgekehrt.“ Wir waren gar nicht angemeldet, wie und von wem hätte er also hören können, daß wir ihn besuchen wollten. Ich fragte meinen Begleiter. Der meinte wieder: „Das könnt Ihr Europäer nicht verstehen.“

Der Film, in dem ich  über diese Erfahrungen berichtete, heißt „Mit Medizin ins Unglück“. Zur Erklärung einiger Grundzüge der afrikanischen Medizin hier einige Auszüge:

Der Heilkundige Curunaja Winga gibt uns ein Interview:

„Bei uns kann man die Heilkraft nicht einfach erlernen. Man muß dazu berufen sein. Ich bin durch Ogula in die Heilkunde eingeführt worden. Er pflegte mich wegen eines Schmerzes in den Rippen. Und da ich nicht bezahlen konnte, trat ich in seinen Dienst.

Eines Tages hat Ogula mir gesagt: „Du hast das Zeug zum Heilkundigen, und da du mir lange gedient hast, will ich dich in die Kunst einführen.“

Er lehrte mich die Heilkraft der Pflanzen. Und eines Tages öffnete er mir die Augen. Von jetzt an konnte ich durch die Flamme der Fackel hindurch den Kranken erkennen und somit sein Leiden.

Bei Euch Europäern muß der Arzt den Kranken durch Röntgenstrahlen und Apparate abtasten lassen, um die Krankheit zu entdecken. Wir erkennen die Krankheit, indem wir zusammen tanzen und die Flamme der Fackel betrachten. Wir schämen uns nicht, zu sagen, daß wir Musik brauchen und Tanz und die Fackel, um den Kranken zu verstehen. Euch mag das lächerlich vorkommen, aber seit jeher ist es uns so gelungen, das Leiden zu entdecken. So erfahren wir, ob die Krankheit im Hals sitzt oder in der Brust, im Magen oder im Leib. Beim Tanz offenbart sich uns, welche Heilmittel wir am Morgen aus dem Wald holen.

Einen wesentlichen Teil der Krankheit könnt Ihr Europäer nicht heilen. Eure Apparate können es nicht sehen. Deshalb ist ein Kranker nie ganz geheilt, wenn er von Euch Europäern behandelt worden ist. „Das Seil der Nacht“, das ihn an die Krankheit bindet, ist nicht durchschnitten worden. Seine Seele ist nicht befreit.

Dieses Seil muß zerrissen werden, um ihn mit sich und mit allen anderen wieder in Einklang zu bringen. Sonst bleibt er anfällig und kann nicht gesunden. – Wir afrikanischen Ärzte können das „Seil der Nacht“ durchschneiden. Ich weiß nicht, ob die Europäer verstehen, was Opfer bedeutet? Wir müssen uns ganz geben – im Tanz, während Tagen und Nächten. Wir müssen uns opfern, um heilen zu können.

Ich kann Krebs nicht heilen, das ist keine unserer Krankheiten. Aber ich kann alle Krankheiten der Atemwege heilen. Auch die Geistesgestörten und Nervösen. Ich kenne die Pflanzen gegen die Geschlechtskrankheiten. Aber gegen die Elephantiasis kann ich nichts machen. Die Krankheiten des Magens und des Leibes kann ich heilen. Bei Mann und Frau. Brüche kann ich nicht operieren, aber ich weiß, was man trinken muß, damit ein einfacher Bruch nicht schlimmer wird. Es ist gut, daß die Europäer uns Dinge gelehrt haben, die wir nicht kannten. Aber wir müssen uns ihnen nicht völlig ausliefern, unser eigenes Wissen vergessen – unsere Bräuche aufgeben. Sie sind ein Teil von uns. Die Menschen sind auch das, was sie geschaffen haben. Ihre Vergangenheit ist in ihnen.

Die Bräuche schützen, heißt die eigene Existenz verteidigen. Unsere Art zu heilen,  berücksichtigt den Menschen, wie er ist, und die Umgebung, zu der er gehört.“ (…)

Einsichtige Europäer wie Albert Schweitzer hatten begriffen, daß Afrikaner die Solidarität  ihrer Gruppe brauchen, um gesund zu werden. Aber die europäisch erzogene Führungsschicht des Landes verlangt Krankenhäuser wie in Europa, obwohl die menschlichen Beziehungen dort ganz anders sind. Sich hier pflegen zu lassen, bedeutet für einen traditionellen Afrikaner, sich in eine fremde Welt zu verirren. (…)

Eine Verbindung von traditioneller und moderner Medizin wird in der psychiatrischen Klinik von Fann, einem Vorort von Dakar, angestrebt. Dort haben Geisteskranke beschlossen, Tanz-  und Theaterabende zu veranstalten. (…)

Diese Klinik ist keine Irrenanstalt im üblichen Sinn. Sie ist ein Dorf, wo die Kranken mit  Verwandten leben und sich frei bewegen können. Selbst bis in die Stadt, wenn sie Lust dazu haben.

Wie in ihren Heimatdörfern versammelt sich die Gruppe täglich zum Palaver. Zum Pinch.

Der Arzt, das Pflegepersonal und die Verwandten nehmen daran teil. Sie haben nicht mehr Rechte als die Kranken. Jeder kann sprechen, worüber er will. Vor allem soll sich der Kranke nicht als solcher beobachtet oder beurteilt fühlen, sondern wie zuhause über alles sprechen  können, was ihn bewegt oder die Gemeinschaft betrifft.

Die Kranken werden mit modernen Medikamenten behandelt, aber selbst im Zusammenspiel mit dieser Gruppentherapie scheint keine komplette Heilung erzielt zu werden, wie der französische Professor Colomb, der verantwortliche Psychiater der Klinik, erklärt:

„Man sagt oft – die Kranken, ihre Familie und die afrikanischen Heilkundigen sagen –  daß wir hier keine vollständige Heilung erzielen. Zur wirklichen Gesundung ist die Arbeit eines Heilkundigen notwendig. Für ihn hat die Geisteskrankheit nicht den gleichen Ursprung wie für uns. Sie ist gewöhnlich auf eine Aggression zurückzuführen, sei es von seiten eines Menschen, sei es von seiten der Geister, die das Gesetz, die Ordnung, die Religion verkörpern.

Um völlige Heilung zu erzielen, muß Übereinstimmung hergestellt werden zwischen dem Kranken, seiner Familie und dem Angreifer. Dieser muß entdeckt werden und muß gestehen, falls es sich um einen Menschen handelt. Wenn Zauberei im Spiel ist, muß der Heilkundige an der Person des Kranken eine magische Handlung vollziehen, um den Zauber rückgängig zu machen. Oder aber der Einklang mit den Gesetzen muß wieder hergestellt werden, mit der Tradition und den Vorfahren. Und auf symbolischer Ebene stellt der Heilkundige diesen Einklang wieder her, zwischen dem Kranken und den anderen und den Gesetzen.“

Soviel zu anderen Kulturen und ihrem Zugang zur Welt, der uns als  Europäern weitgehend verschlossen bleibt.

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