Die Liebe natürlich, die einzig wahre. Jenes romantische Gefühl, das die Knie weich macht, die prickelnde Spannung, die das Herz höher schlagen läßt, der Reiz, die Wonne, die ein anderer Mensch verursacht, die Angst aber auch, diesen zu verlieren.
Auch andere Völker sprechen von Liebe, doch sie verstehen darunter meist etwas anderes.
So – wie hier im Bild – heiratet man in der guten Gesellschaft in Kairo. Eine Bauchtänzerin führt den Hochzeitszug an, und man wird sehen, warum.
In Ägypten führen in der Regel Familieninteressen zur Heirat – meist zwischen nahen Verwandten. Braut und Bräutigam sind Vetter und Cousine. Als Kinder haben sie zusammen gespielt. Schon damals wurden sie einander versprochen. Die Neuvermählten kennen sich also so gut – vielleicht sogar besser als normale Ehepartner bei uns in Europa. Eines jedoch war ihnen bisher verboten: die Sexualität. Sie steht deshalb heute im Mittelpunkt ihrer Hochzeit – in Gestalt der Bauchtänzerin. Ihr Tanz stellt dar, was die Kinderfreundschaft in Liebe verwandeln soll: Erotik und Sexualität.
Liebe hat hier nichts mit Romantik zu tun. Sie ist nicht das Gefühl, das Mann und Frau zusammenführt. Liebe ist die Krönung einer langen Freundschaft durch sexuelle Freuden. Dabei liegt der Akzent auf der Lust. Offenes Haar ist eine Einladung an den Mann. Es besagt: ich bin bereit.
Lust zu geben ist eine Pflicht, sie zu empfangen ein Recht, auf das auch die Frau Anspruch hat. Dies wird durch den Bauchtanz deutlich gemacht.
Das Ende des Tanzes läßt keinen Zweifel, was die Ehe der Frau bringen soll: Sie versteht sich nicht als Lustobjekt des Mannes. Sie tanzt ihre eigene Lust.
Schwarzafrika: Was bedeutet Liebe dort? In dieser Vielehe zum Beispiel?
Dieser Mann hat drei Frauen geheiratet, und auch hier spricht man von Liebe.
Dies ist die erste Frau, zwei Jahre nach ihr heiratete er die zweite, und nach weiteren drei Jahren die dritte.
Der Mann sagt, daß er sie alle drei liebt.
Unsere Frage an die erste Frau, ob sie denn keine Eifersucht empfinde, ihren Mann mit anderen zu teilen, löst Gelächter aus.
Ihre Antwort: „Nein, ich bin froh, Schwestern im Haus zu haben, Hilfe für die viele Arbeit.“
Daß man eine einzige Person zum Mittelpunkt des Daseins macht und so etwas Liebe nennt, finden Afrikaner absurd.
Eine togolesische Lehrerin spricht: „Ja, ich hatte einmal bei Eduscho gearbeitet. Da war eine Ladenfrau, und ständig, wenn wir am Morgen kamen, erzählte sie: … mein Mann hat dies gemacht, mein Mann hier, mein Mann da. Und da hatte ich am Ende die Nase voll. Ihr ganzes Leben dreht sich nur um den Mann. Da wird man am Ende verrückt.“ (…)
Liebe – was ist das?
Die Suche nach der ewigen Schönheit, wie Plato meint, oder eine Geisteskrankheit, wie die Chinesen behaupten. Ist Liebe, wie Freud glaubte, nur der auf Lust, auf sexuelle Befriedigung gerichtete Lebenswille? Ein schönes Wort für den Fortpflanzungstrieb – oder eine Erfindung der Mächtigen, um den Massen ihre Unterdrückung zu verschleiern?
Wie dem auch sei, jede Art, die Liebe zu erleben, ist historisch erklärbar. Das bei uns vorherrschende Liebesverständnis hat sich aus der „höfischen Liebe“ entwickelt. Sie tauchte zum ersten Mal im 12. Jahrhundert in Südfrankreich auf. Troubadoure haben sie besungen, später auch die Minnesänger.
Der Troubadour erwählt eine „Dona“ — die Dame seines Herzens. Sie entfacht und erwidert seine Liebe, doch körperliche Vereinigung wird abgelehnt. Der Verzicht auf sexuelle Befriedigung soll das Begehren zu mystischer Ekstase steigern und die Liebe unsterblich machen. Sie schlägt ein wie ein Blitz, doch das Feuer wird nicht gelöscht.
Ein vorher unbekannter Liebesbegriff wird gefeiert: das romantische Gefühl als solches.
Bis dahin war die Frau hauptsächlich Lust- und Fortpflanzungsobjekt. Das Wort „aimer“ – lieben – bezeichnete leibliche Freuden: Essen, Trinken, Geschlechtsverkehr. Aber nun verherrlicht es die Hochzeit der Seelen. Die Liebe erhält einen neuen Sinn, jenen nämlich, den sie auch heute noch hat: Liebe – das heißt Einklang zweier Seelen. (…)
Gebildete Frauen schürten diese Bewegung, denn sie war auch eine Revolution gegen die Allmacht des Mannes.
Sie hielten Liebeskonzile ab und erklärten: “Liebe und Ehe sind unvereinbar. Erfüllung führt zum Tod der Liebe.“ Damals wurden Ehen übrigens nicht in der Kirche geschlossen. Wie sollten Gottesmänner eine Vereinigung segnen, die zu Fleischeslust führte. Keuschheit, so predigten sie, sei von allen Menschen anzustreben. Die Ehe also ein Übel, ein notwendiges Übel zwar, denn fortpflanzen sollte sich die Menschheit schon.
Doch Liebe zum Partner war untersagt. Die Liebe war für Gott bestimmt, ausschließlich für ihn. Und jene, die nur ihn liebten, die Keuschen – der Klerus also – waren auserwählt, die Welt zu ordnen. Ihr weltlicher Arm sollten die Ritter sein, die Vertreter jener feudalen Ordnung, die sich anschickte, Handwerker, Händler und Bauern zu Abhängigen und Leibeigenen zu machen.
Es ist Gottes Wille, so erklärten Kirchenfürsten, daß die Gesellschaft hierarchisch gegliedert sei und jeder in seinem Stand verbleibe. Selbstverständlich stand die Frau auf der untersten Stufe dieser Hierarchie. Sie verkörperte ja die Sünde, die Verlockung des Teufels, das Fleisch, das es dem eigentlichen Menschen, dem Mann, so schwer machte, keusch zu bleiben. – Und nun wurde gerade sie, die Unterdrückte, zum Symbol des neuen Liebesbegriffs, ja zum Sinnbild der Revolte gegen Priester und Feudalherrschaft. (…)
Die Kirche sah ihre Macht schwinden und reagierte, indem auch sie eine Frau in den Mittelpunkt des Kultes rückte: die Jungfrau Maria. An Reinheit kommt ihr keine gleich. Sie nämlich hat nicht nur unbefleckt empfangen; sie selbst ist ohne Sünde geboren worden.
Mit dem Marienkult überhöht die Kirche den Liebesbegriff der Troubadoure und Katharer. Sie vereinnahmt die Symbole der Revolution. – Sie übernimmt auch die Kontrolle der Ehe, indem sie die Hochzeit in die Kirche verlegt. Dem Mann wird die Herrschaft über die Frau bestätigt. Sie ist zum Dienen geboren, muß unberührt in die Ehe gehen und zeitlebens tugendhaft bleiben. Die Jungfrau Maria ist ein leuchtendes Vorbild. Lust ist des Teufels, Liebe nur für Gott bestimmt. Um das deutlich zu machen, wird die Braut mit Symbolen des Marienkults geschmückt. Dazu gehören Schleier und weißes Kleid.
Liebe und Hochzeit – wir gebrauchen Worte und zelebrieren Riten, aber kennen wir noch ihren ursprünglichen Sinn?
Ich liebe dich – so sagen wir – aber wissen wir, daß unser so ausgedrücktes Gefühl das Produkt sich widersprechender kultureller Strömungen ist. Was wir fühlen, ist festgelegt – vererbt durch unsere Kultur. Hier probieren Bräute Hochzeitskleider an. Sie leben schon mit ihren zukünftigen Ehemännern zusammen, dennoch werden sie in Weiß vor den Altar treten – Symbol der unbefleckten Jungfrau, des makellosen Wesens, von dem die Mystiker träumten. (…)
Als die Ehe eingeführt wurde, war nicht von Liebe die Rede. Die Heirat sollte die Paarung regeln, die männliche Konkurrenz ordnen, Vaterschaft und Erbrecht legalisieren. Die Ehe wurde zur Keimzelle der gesellschaftlichen Ordnung. Durfte eine so wichtige Institution auf so Vergänglichem aufgebaut werden, wie Liebesgefühle es sind? Darin waren Kirche, Troubadoure und Katharer sich einig: Ehe und Liebe haben nichts miteinander zu tun, ja sie schließen einander aus.
Heute dagegen gilt es als nahezu selbstverständlich, daß Liebe die Basis der Ehe sein sollte. Wir feiern die Liebesheirat als eine der größten Errungenschaften unserer Zeit, als einen gewaltigen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Wer aus Liebe heiratet, hofft, die irdische Institution Ehe mit dem metaphysischen Anspruch der Liebe verbinden zu können. Wie soll das gut gehen?
Nach der Hochzeit – der Alltag. Gleichmaß, Wiederholung, Routine – das ist mit Verliebtheit und Verzückung unvereinbar. Einmaliges kann eben nicht alltäglich sein. Die bange Frage schleicht sich ein: wo ist hier noch Platz für die Liebe? (…)
Um Liebe und Ehe in Einklang zu bringen, müßte unser Liebesbegriff ein anderer sein, frei von Verliebtheit und Leidenschaft. Ein neues, ein unromantisches Liebesverständnis also. Philosophen und Theologen bieten es an. Vertrauen, Freundschaft, gemeinsame Interessen sollten die Ehepartner zusammenführen. Als Liebe preisen sie ein stetiges Sich-Einfühlen.
Doch für die Mehrzahl der Menschen unseres Kulturkreises wird die Liebe zwischen Mann und Frau nach wie vor als Verzückung erlebt und verstanden. Und diesen Anspruch haben wir nicht nur in die Ehe eingebracht. Wir glauben sogar, Verliebtheit sei die Voraussetzung zu einer glücklichen Ehe. Wir plädieren für eine Heirat aus Liebe und sagen: Ich liebe dich. Das bedeutet: ich gehöre dir, und zwar mit Seele und Körper. Es besagt auch: Ich gehöre dir, weil du alles für mich bist. Hinter dieser Selbstaufgabe steckt gleichzeitig ein gewaltiger Anspruch, nämlich: Sei auch du alles für mich, sei die Vielfalt, auf die ich deinetwegen verzichte, die Abenteuer, die ich dir opfere, gib mir alles, was du mir nimmst, weil ich dich liebe. Die Liebesheirat basiert auf unerfüllbaren Forderungen. Und bei all dem ist die Sehnsucht nach permanenter Ekstase – das Ideal der Minne – noch immer präsent. Das kann nicht gut gehen.
Da wir trotz „Liebesheirat“ nach wie vor patriarchalische Verhältnisse haben, werden die meisten Frauen wie eh und je von ihren Männern bevormundet und als kostenlose Arbeitskraft ausgebeutet und unterdrückt. Doch wie soll sich die Frau gegen ihren Unterdrücker wehren, wenn Liebe im Spiel ist? Hat sie nicht selbst gesagt: ich liebe dich, ich gehöre dir – und sich damit ausgeliefert?
Was früher im Namen von Religion und Naturgesetzen von der Frau verlangt wurde, kann jetzt im Namen der Liebe gefordert werden.
Feministinnen kämpfen zu recht gegen die Doppelbelastung der Frau. Aber genügt es, die Hausarbeit mit dem Mann zu teilen oder dafür entlohnt zu werden? Sicherlich nicht: Was nützt formale Gleichstellung schon, wenn unser Liebesverständnis die Rolle der Frau weitgehend bestimmt? Es gilt, den Liebesbegriff zu entschlüsseln, die Mythen, die unsere Mann-Frau-Beziehungen bestimmen.
Kirche und Moralisten empfehlen Achtung und Treue als Voraussetzung für eine glückliche Ehe. Was sie vergessen, ist das Gefühl, das heute gewöhnlich zur Heirat führt: die romantische Liebe, die Verliebtheit.
Wir sind kulturell programmiert, diesen Zustand herbeizusehnen. Er führt zur Ehe, doch erhalten kann die Ehe ihn nicht. Wer also jenen Zustand der Liebe braucht, um sich lebendig zu fühlen, der muß die Ehe als Gefängnis empfinden. Ehebruch ist – so gesehen – Treue zur Liebe.
Dieser letzte Film der Serie stieß auf großes Interesse. Nach der Ausstrahlung erhielt Radio Bremen mehr als 1 000 Briefe, in denen das Manuskript angefordert wurde.
Für die gesamte Serie ernannten mich die „Frauen des 26. Oktobers“ zur Ehrenhexe der deutschen Frauenbewegung. „Ein Mann, an dem eine Feministin verloren gegangen ist“, hieß es in der Laudatio.
