Aber weiter in der Kinder-Serie: Aus Angola und Mosambik hatten Freiheitsbewegungen die Portugiesen vertrieben und die Macht übernommen. Sie bekannten sich zum Sozialismus. Darauf reagierten die USA und Südafrika, indem sie in beiden Ländern Söldner einsetzten, die im Namen der Freiheit Krieg gegen die Regierungen führten.
In beiden Ländern waren die Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung verzweifelt. Der Bürgerkrieg hatte die Infrastruktur zerstört, große Teile des Landes waren vermint, so daß die Landwirtschaft und der Warenaustausch danieder lagen, in beiden Ländern gab es riesige Flüchtlingsprobleme.
In Mosambik drehten wir 1988 einen Film, der unter dem Titel „Im Schatten der Apartheid“ lief. Hier einige Auszüge:
Um zu überleben, ist Mosambik auf die Almosen der Industrienationen angewiesen. Das Land ist zum Bettler geworden, zum ärmsten unter den armen Ländern. Warum? Die Staaten, die an die Republik Südafrika grenzen, sind als die „Frontstaaten“ bekannt. Sie haben sich von der Kolonialherrschaft befreit und sind dem Apartheid-Regime verständlicher Weise nicht gerade freundlich gesinnt. Sie haben allerdings keine Mittel, Pretoria in Bedrängnis zu bringen. Südafrika hingegen tut alles, um diese Länder zu „destabilisieren“. Das klingt neutral, nahezu legitim. „Destabilisieren“ – Ein Wort, das die Wirklichkeit verschleiert. Hier bedeutet es in Wahrheit Mord, Zerstörung, Hunger und Elend.
In Angola unterstützt Südafrika eine Widerstandsbewegung, die wenigstens von einem Teil der Bevölkerung unterstützt wird. In Sambia und Simbabwe dagegen herrscht nur Terror; in Mosambik sogar organisierter Mord. Die Täter nennen sich hochtrabend nationale Widerstandskämpfer, doch sie tun nichts, um die Bevölkerung für ihre Ziele zu gewinnen. Ihr Engagement kennt nur Tod und Zerstörung. Man nennt sie in Mosambik „Bandidos armados“, „bewaffnete Banditen“. Und das sind sie tatsächlich: bewaffnete Banditen, ausgebildet und gesteuert von Südafrika.
Erbeutete Dokumente wie diese hier gefilmten beweisen das.
Das Ziel: Mosambik lebensunfähig und schließlich zum willigen Satelliten Südafrikas zu machen. Die Mittel: die systematische Zerstörung der Verkehrswege, Krankenhäuser, Schulen und Fabriken. Und dies, obwohl die beiden Staaten einen Nichtangriffspakt unterzeichnet haben und Mosambik seine Verpflichtungen erfüllt. (…)
Es ist ganz unmöglich, das Ausmaß der Zerstörungen bildlich zu belegen. Die meisten
Verbindungswege des Landes sind so unsicher, daß selbst die größeren Städte nur noch per Flugzeug erreicht werden können – und auch auf diese wird geschossen.
Belegbar hingegen ist das Elend der Menschen. Etwa vier Millionen Flüchtlinge, fast ein Drittel der Bevölkerung, leben in solchen Lagern. Nicht, weil die in einigen Gebieten aufgetretene Dürre sie dazu zwingt. Verantwortlich dafür sind Söldner im Dienste Südafrikas. Sie töten Menschen, zerstören die Häuser, die Ernten und stehlen das Vieh und die Vorräte. Die bewaffneten Banden entführen Männer, Frauen, Kinder. Vor allem aber machen sie Jagd auf Lehrer, Ärzte, Krankenpfleger und ausländische Helfer. Das Bildungs- und Gesundheitswesen soll zusammenbrechen. Auch das gelingt.
Allein in diesem Lager hausen mehr als 14.000 Flüchtlinge. Ohne sauberes Trinkwasser, sanitäre Anlagen, Schulen oder Krankenversorgung. Etwa siebzig Prozent davon sind Kinder. Alle sind unterernährt. Alle leiden an Parasiten, viele sind an Malaria, Tuberkulose und Ruhr erkrankt, und Neugeborene haben nur wenige Überlebenschancen.
Die Verpflegung ist unzureichend, obwohl viel gespendet wird. Durch ihre Spenden werden die Industrienationen einen Teil ihrer Überschüsse los, aber nur ein Bruchteil davon kommt bis in die Flüchtlingslager. Die Straßen sind zerstört oder vermint und auch Transportmittel sind rar. ( … )
Durch Kriegseinwirkung sind zwischen 1981 und 1986 etwa 320 000 Kinder umgekommen. Kinder waren Augenzeugen, als ihre Eltern ermordet oder verschleppt wurden. Was soll aus Kindern werden, die unter solchen Lebensbedingungen aufwachsen? Etwa drei Millionen sind es in Mosambik. Für sie bestimmen Gewalt, Willkür und Entbehrung das alltägliche Leben. Werden sie später fähig sein, eine Gesellschaft zu tragen? Bisher hat Afrika dank seiner traditionellen Gruppensolidarität überlebt. Wird sie einem solchen Druck standhalten?
Schon machen sich überall Spekulanten breit. Wenn es ausschließlich ums Überleben, ums nackte Dasein geht, zerbricht die Gemeinschaft.
Wo gemordet und verschleppt wird, wächst die Zahl der Waisen und verlassenen Kinder. Noch werden die meisten von den Verwandten aufgenommen, aber auch diese afrikanische Form der Familiensolidarität zerbricht langsam an Armut und individuellem Elend. Immer mehr Kinder müssen vom Staat betreut werden. Die Waisenhäuser quellen über. (…)
Trotz dieser Misere, oder besser gesagt, dank ihrer, geht es einigen Hunderttausend heute recht gut. Sie profitieren vom Elend, denn dort, wo Mangel herrscht, kann man auch gut verdienen. Auf dem Schwarzmarkt nämlich. Diese Gesellschaftsschicht strebt nach der Macht. Südafrika setzt auf die Neureichen, um Mosambik in den Griff zu bekommen. Die vielen Aktionen, die unter dem Decknamen „Destabilisierung“ laufen, haben kein anderes Ziel. Hier soll ein System, das sich zum Sozialismus bekennt, kaputt gemacht werden, um privaten Investoren die Ausbeutung der gewaltigen Ressourcen Mosambiks zu erlauben. Auch westliche Regierungen scheinen daran Interesse zu haben, denn warum wären sonst Hilfeleistungen – außer Nothilfe – daran gebunden, den privaten Sektor zu fördern. (…)
Vier Frauen und ein neunjähriger Junge sind heute in diesem Transitlager angekommen. Sie tragen noch die Lumpen aus Baumrinde, die sie sich zusammengeknüpft haben. Sie waren aus ihrem Dorf verschleppt worden und mußten für die „Bandidos“ arbeiten. So lebten sie zwei Jahre lang, bis ihnen die Flucht gelang.
Wir fragen sie nach ihren Erlebnissen und bekommen einen Bericht zu hören, der sich nur an die Tatsachen hält. Da fehlt kein Datum, alle Orte, durch die sie gekommen sind, die Arbeiten, die sie verrichten mußten, und die Namen der Leute, die ihnen zur Flucht verhalfen, werden aufgezählt. Kein Hinweis auf Angst oder seelisches Leid. Nicht einmal von körperlicher Not oder Hunger ist die Rede. Auch nicht davon, daß sie immer wieder vergewaltigt wurden.
Man lebt ja noch, und das ist hier das Entscheidende. Wie man lebt, was man ertragen muß, wer für all das verantwortlich ist und wie es weitergehen soll, wird nicht gefragt. An die Zukunft wagt ohnedies keiner zu denken.
Dieser Junge hat diesen seelischen Panzer noch nicht.
Seine Stimme zittert, als er beschreibt, wie die „Bandidos“ kamen. Er war mit seiner Mutter auf dem Feld, und plötzlich rief sie ihm zu: „Junge, heute morgen werden wir sterben. Aber lauf, lauf um dein Leben.“ Sie holten ihn ein und schleppten ihn in ihr Lager.
Auch diese Kinder wurden von den „Bandidos“ verschleppt. Sie mußten nicht arbeiten. Sie mußten töten. Zuerst wurde ihnen gezeigt, wie man schießt, und dann, wenn Dörfer überfallen wurden, mußten sie mitmachen.
Der Junge in grünem Hemd war bei mehreren Überfällen dabei. Jedesmal wurde geplündert. Die Häuser wurden zerstört. Im letzten Dorf wurden drei Männer ermordet. Ihm wurde befohlen, auf die Fliehenden zu schießen. Er weiß nicht, wieviele er getroffen hat.
Auch dem Jungen im schwarzen Hemd gaben die „Bandidos“ ein Gewehr. Bei Überfällen mußte er schießen. Einmal, als sie unterwegs waren, begegnete ihnen ein Mann. Die „Bandidos“ befahlen ihm, diesen zu töten. Er tat es.
Dem Jungen im Unterhemd ging es nicht anders. Die „Bandidos“ verschleppten ihn und brachten ihm das Schießen bei. Danach mußte er mit, wenn sie Dörfer ausraubten. Auch er hat auf Menschen geschossen. Es gelang ihm, mit seiner Waffe zu fliehen und sich der Armee zu stellen.
Nur langsam bringt dieser Junge über die Lippen, was ihm geschah. Als er mit den „Bandidos“ unterwegs war, trafen sie auf ein Ehepaar. Der Chef befahl ihm, die beiden zutöten. Er nahm seine Waffe, eine AKM, und brachte sie um. Danach schaufelte er ihnen ein Grab.
Keines dieser Kinder wurde von der Armee befreit – alle sind geflohen.
Ob auch dieser Wahnsinn von Südafrika gesteuert ist, wissen wir nicht. Dafür fehlen Belege. Sicher ist: Hier soll ein sozialistisches Regime beseitigt werden. Die Erfahrung lehrt aber, daß der Kapitalismus die Probleme eines Entwicklungslandes nicht besser lösen kann. Beide, Kapitalismus und Sozialismus, sind hier fehl am Platze.
In Mosambik hat sich die Lage mittlerweile entspannt. Das Land beginnt mühsam seinen Aufbau. In Angola hingegen, wo wir 1994 den Film „Am Rande der Hölle“ drehten, geht das Morden heute noch weiter.
