In den letzten Filmen der Kinderserie konzentrierten wir uns immer stärker auf eigenständige Ansätze der Bevölkerung in der „Dritten Welt“. Auf ihre Versuche, die zunehmende Verarmung und kulturelle Entfremdung jenseits der staatlich eingeschlagenen Wege und der internationalen Hilfsangebote zu bewältigen. Nachdem ich gezeigt habe, was unser Fortschrittsimperialismus angerichtet hat, möchte ich zum Schluß noch einen Film aus der Kinderserie erwähnen, der zeigt, wie die Menschen heute vielerorts darauf reagieren.
Schon 1995 bei Dreharbeiten zum Film „Krieg der Kulturen“ in Bolivien hatten uns Vertreter der Indios immer wieder gesagt, daß sie in ihren Gebieten die kulturelle Hoheit erringen müßten, wenn sie überleben wollten.
Vierzig verschiedene Stämme unterschiedlichster Sprachen verlangten lautstark das Recht auf Selbstbestimmung. Sie wollten vor allem die Schule reformieren. Dort sollten ihre Kinder nicht mehr für ein Leben in einer fremden Kultur vorbereitet werden, sondern vor allem das lernen, was sie in ihrer eigenen Gesellschaft zum Überleben brauchten. Immer wieder fiel der Satz: „Unsere Zukunft ist die Vergangenheit.“
Wir hatten erfahren, daß ähnliche Forderungen auch in verschiedenen Ländern Afrikas immer lauter vorgetragen werden, und gingen in den Senegal, um dort zu recherchieren. Der Titel des Films lautete dann auch „Ihre Zukunft ist die Vergangenheit“:
(…) Kinder tanzen in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. – Ein Armenviertel. Kinder vergnügen sich. Ohne Anleitung, ohne Erwachsene. Sie sind den ganzen Tag sich selbst überlassen. Ihre Eltern und ältere Geschwister sind unterwegs, um irgendwie das tägliche Brot zu verdienen.
So sieht das Umfeld aus: Selbstgebaute Hütten. Ein bis zwei winzige Räume für durchschnittlich 10 Personen. Hausarbeit muß im Freien verrichtet werden. Alles auf engstem Raum. Eine einzige Wasserstelle für die gesamte Siedlung.
Die Männer versuchen mit Schwarzarbeit, ihre Familien über Wasser zu halten.
Die Siedlung heißt Rail – die Schiene- weil sie auf alten Bahngleisen errichtet wurde.
500 Familien, das sind etwa 4000 Menschen, haben Unterschlupf gefunden, nachdem sie aus anderen Armenvierteln vertrieben wurden. Auch jetzt droht ihnen der Zugriff von Grundstückspekulanten. Bisher haben sie nichts dagegen unternommen. Sie vertrauen auf eine internationale Hilfsorganisation, die ihre Interessen wahrnimmt.
Die Siedlung liegt nicht etwa am Rande der Stadt, sondern fast im Zentrum. Kein Wunder, daß Baulöwen darauf spekulieren.
Höhepunkt des Spiels: der Tanz der gezähmten Löwen. Nicht alle Kinder gehen zur Schule. Oft können die Eltern das Geld für Bücher, Hefte und Verkehrsmittel nicht aufbringen. Viele halten es für Zeitverschwendung, daß ihre Kinder Dinge lernen, die in ihrem gesellschaftlichen Umfeld nutzlos sind, ja sogar zur Entfremdung führen.
Ein Blick in eine staatliche Schule macht klar, warum die Eltern so reagieren: Lehrplan und Bücher stammen aus Frankreich. Die frühere Kolonialmacht hatte ihr Erziehungssystem eingeführt, weil sie fähige Hilfskräfte brauchte. Die heute Regierenden sind noch immer der Meinung, das westliche Schulsystem garantiere Fortschritt und Reichtum.
Inzwischen freilich hat sich herausgestellt, daß die Übernahme westlicher Lern- und Lebensformen die Gesellschaften zerrüttet und zur Verarmung führt. Der Lehrplan müßte den Bedürfnissen der jeweiligen Gesellschaft angepaßt werden. Aber wer wagt das schon? Und wer wäre dazu befähig?
Solche Lehrer sicherlich nicht. Sie halten nicht nur an den Inhalten, sondern auch am Stil der Kolonialherren fest. Unaufmerksame Kinder werden in die Ecke gestellt. Wir fragen, wie lange der Schüler dort bleiben muß.
„So ungefähr zehn Minuten“.
Kein Wunder, daß die Kinder nicht mucken.
„Und was geschieht mit ungehorsamen Kindern?“ Die Antwort: „Körperliche Züchtigung“.
In dieser Klasse sitzen 68 Schüler, in manchen bis zu hundert.
Ein einheimischer Soziologe, der weltweit Achtung genießt, Emmanuel Ndione meint:
„Heute sind die meisten Schüler, die wir in den offiziellen Schulen ausgebildet haben, Versager. Die Schule hat sie verbildet. Das muß einmal gesagt werden. Dies ist absurd, wenn man bedenkt, wozu die Schule eigentlich dienen sollte. Wer nicht zur Schule gegangen ist, hat sich eine Einfühlungsgabe bewahrt, die ihn befähigt, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden.“
So wird in einer Dorfschule gepaukt:.
„Wie war die ägyptische Gesellschaft gegliedert?“
„Die ägyptische Gesellschaft war in Klassen eingeteilt.“
„Sehr gut.“
„Wer war die höchste Autorität?“
„Der Pharao.“
„Sehr gut.“
„Wer kam nach dem Pharao?“
„Die Priester.“
„Sehr gut, und nach den Priestern?“
„Das Volk.“
„Sehr gut.“.
Die Schule lehrt nicht nur ein weitgehend nutzloses Wissen. Sie ist auch Vermittler einer Kultur, die im Widerspruch steht zu den kulturellen Werten und der wirtschaftlichen Realität.
So nämlich sieht die Wirtschaft aus, in der die Schüler ihren Platz finden müssen: Etwa 80 % der Bevölkerung wursteln sich irgendwie durch. Jugendliche und Männer schlendern den ganzen Tag durch die Straßen, um irgendetwas anzubieten. Auch Kinder verkaufen, was von der Mutter gebacken oder vom Vater hergestellt wurde. Frauen bereiten sogar mitten in der Stadt Mahlzeiten zu, die sie für wenig Geld anbieten werden.
Dennoch: die meisten Erwachsenen sehen wohlgenährt aus, auch die Kinder. Hier entspricht eben nichts unseren Vorstellungen von Wirtschaft, Markt, Arbeit, Armut. Selbst Weihnachtsflitter wird angeboten, obwohl etwa 85 % der Bevölkerung Moslems sind.
Absurd wirkt auch, was an den Bushaltestellen geschieht. Während im Innern des Busses ein Junge das Fahrgeld kassiert, gibt draußen ein anderer die Route bekannt. Einfacher wäre es, das Fahrziel auf die Haube zu schreiben. Dort allerdings wird schon Allah gepriesen und Gott um Beistand gebeten.
Wie unrationell, möchte man sagen, hier jedoch ist es vernünftig. Die Fahrgäste ernähren nicht nur den Busbesitzer, sondern zwei weitere Menschen und deren Familien.
Auch handwerkliche Arbeit ist oft nur ein vorübergehender Brotverdienst. Diese Männer, zum Beispiel, schmelzen Metallschrott. Der Blasebalg wird von einem Jungen betrieben. Ein Zwölfjähriger geht den Männern zur Hand. Schließlich werden aus dem geschmolzenen Metall Kochtöpfe hergestellt Die kosten dreimal weniger als die industriell produzierten Töpfe. Die technischen Hilfsmittel haben die Männer selbst hergestellt. Dennoch betrachten sie diese Beschäftigung nicht als Beruf. Schon morgen werden sie an einer Straßenecke stehen und irgendetwas verkaufen, vielleicht auch Betten zimmern, Autos reparieren, Schweine züchten, Bronzestatuen fertigen.
Spezialisierung gibt es nicht, dennoch sind diese Menschen in vielen Bereichen kompetent. Flexibilität, die bei uns Arbeitsplätze schaffen soll, wird hier schon lange praktiziert, und niemand fühlt sich erniedrigt, wenn er eine für unsere Begriffe minderwertige Beschäftigung ausübt.
Auch viele Kinder tragen zum Unterhalt der Familien bei. Dieser Junge z. B. sammelt aus dem Schrottberg, was sein Vater braucht, um Töpfe herzustellen.
In fast allen Schneidereien der Vorstätte sind Kinder ganztags tätig.
Immer wieder überraschte uns ihr Einfallsreichtum: Diese Jungen zerkleinern Pappe. Zuhause werden die Schnitzel in Wasser eingeweicht und schließlich an Ziegen verfüttert.
Hier werden Fische zum Räuchern vorbereitet.
Ein Großteil der Bevölkerung hält sich so oder ähnlich über Wasser. Statistisch läßt sich das nicht erfassen, und da niemand ein nachweisbares Einkommen hat, läßt es sich auch nicht besteuern. Eine Schattenwirtschaft, die den Gesetzen des Marktes nicht gehorcht.
Die Not hat diese Menschen gezwungen, Formen des Erwerbs, des Austauschs und des solidarischen Miteinander zu erfinden, die nicht rationell scheinen, aber das Überleben der Gemeinschaft sichern.
Kindern, die in solch einer Gesellschaft aufwachsen, muß man nicht sagen, daß die Älteren für die Jüngeren verantwortlich sind. Tagsüber auf sich selbst gestellt, üben sie die Solidarität, die ihnen die Erwachsenen vorleben.
Das ist kein Lobgesang auf den guten Wilden, sondern die nüchterne Beschreibung der Überlebensstrategien von Menschen, die durch die Modernisierung, das heißt durch westlichen Wirtschaft- und Kulturimperialismus, ihrer traditionellen Lebensweise entfremdet wurden. Indem sie diese überlieferten Werte wiederbeleben, schaffen sie eine Gesellschaft, in der sie ihrem Begriff von Würde entsprechend leben können.
Frauen bereiten gemeinsam ein Festessen vor. Die Frauen sind der Motor dieser Gesellschaft. Sie sind die ungebrochene Seele Afrikas. Die Männer – über Jahrhunderte versklavt, als Wilde, Neger, Primitive erniedrigt und schließlich für arm und entwicklungsbedürftig erklärt – haben einen aus ihrer Geschichte resultierenden Minderwertigkeitskomplex nicht überwunden.
Die Frauen hingegen haben ihr Selbstbewußtsein nie verloren. Ohne ihren Einfluß wäre die Schattenwirtschaft wahrscheinlich zu einem wilden Markt verkommen und hätte nicht zur Wiederbelebung herkömmlicher Formen der Genügsamkeit und Solidarität geführt.
Frauen beherrschen den Markt. Früher mußten sie, um ihre Waren en gros einkaufen zu können, frühmorgens das hierzu nötige Geld bei den Kaufleuten borgen. Die Wucherzinsen schwankten zwischen 3 und 7 %. Das Darlehen mußte noch am gleichen Tag mit den Zinsen zurückgezahlt werden. Ein Bombengeschäft für die Wucherer.
Die Frauen schufen Abhilfe, indem sie eine Sparkasse gründeten. Was bisher an die Wucherer gezahlt wurde, fließt seither in die gemeinsame Spardose.
Eine Sparkasse: Auf mehreren Märkten von Dakar ist tagsüber ein Schalter geöffnet, an dem die Frauen ihren Verdienst einzahlen können. An Zinsen erhalten sie alle sechs Monate 3 %.
Jetzt können sie zeitlich unbegrenzt Geld leihen und zahlen nur 5 % Zinsen.
Die Frauen bringen täglich den Großteil ihres Verdienstes hierher. Wenn sie mehr als das unbedingt Notwendige in der Tasche haben, fühlen sie sich verpflichtet, Nachbarn zu helfen, die weniger haben als sie.
Hier gilt: „Ich empfange, also existiere ich, ich gebe, also werde ich respektiert“.
Auch für die Kinder wird gespart. Diese Fischverkäuferin legt jeden Tag etwa 50 Pfennig
zurück. Das macht im Monat 15 Mark, die sie auf der Sparkasse der Frauen hinterlegt. Das Sparbuch, in dem die Einträge notiert werden, hat sie immer bei sich.
So sparen viele Frauen, damit ihre Kinder, wenn sie erwachsen werden, ein kleines
Startkapital haben.
Eine andere Initiative der Frauen: Eine Kooperative, die kleine Mengen von Grundnahrungsmitteln zum Einkaufspreis zur Verfügung stellt. So wehren sie sich gegen die Spekulanten, wenn diese die Preise in die Höhe treiben. Auch einige Männer sind Mitglied der Kasse.
Die Regierung kann diese auch in ländlichen Gebieten verbreiteten Initiativen der Frauen nicht ignorieren, sie unterstützen sie sogar.
Heute ist die Ministerin für Familie und Jugend erschienen, um an der feierlichen Eröffnung einer „Centrale d´achat“, einer Einkaufszentrale, teilzunehmen. Wieder geht es darum, der Spekulation einen Riegel vorzuschieben. In dieser Einkaufszentrale werden fortan großen Mengen gelagert. Sie werden eingekauft, wenn die Preise am günstigsten sind. Marktfrauen können sich dort zum Einkaufspreis eindecken. Das ist die Krönung eines langen Weges solidarischen Handelns.
Am Anfang waren die sogenannten „Tontinen“: Frauengruppen, in denen jedes Mitglied wöchentlich etwa 3 oder 4 Mark in eine gemeinsame Kasse zahlt. Einmal im Monat erhält dann eine der Frauen den gesamten Betrag. So geht es der Reihe nach. Im Laufe der Zeit verfügt somit jede der Beteiligten über ein kleines Kapital, das sie mit ihren kargen Einnahmen niemals hätte ansparen können.
Diese aus der Not geborenen Solidaritätsgruppen gibt es immer noch. Jede dieser Frauen gehört einer oder mehreren solchen Vereinigungen an. Mittlerweile hat sich die so eingeübte Praxis über die Sparkasse bis zu dieser Einkaufszentrale erweitert.
Das Ereignis wird gebührend gefeiert.
Neben den „Tontinen“ und anderen Beziehungsnetzen spielen die Familienfeste eine wichtige Rolle. Eine Taufe zum Beispiel.
Bei der Taufe steht selbstverständlich das Kind im Mittelpunkt. Solange es keinen Namen hat, gelten Mutter und Kind als ein Wesen. Mit der Rasur werden diese Bande zerschnitten. Dann ist das Kind eine Person für sich und muß einen Namen erhalten. Nach der Rasur, das Bad. Dabei geht es nicht um einfache Sauberkeit, sondern um rituelle Reinheit. Im traditionellen Milieu werden solche Vorschriften streng befolgt. Geister oder die Ahnen können sonst Unheil über das Kind bringen.
Für die Eltern und die Gäste ist die Feier eine willkommene Gelegenheit, Beziehungen enger zu knüpfen. Zentrale Bedeutung haben dabei die Gastgeschenke: das Opfertier, das Geld oder das Kilo Reis, das mitgebracht wird.
Genau genommen sind das allerdings keine Geschenke. Wer gibt, kann mit einer Gegengabe rechnen. Er verpflichtet den Empfänger, ihm gegebenenfalls mit Einfluß oder materieller Hilfe zur Seite zu stehen.
Dabei spielt der Wert des Geschenks keine Rolle. Man erwartet nicht, etwas Gleichwertiges zu erhalten. Es geht ausschließlich darum, ein Beziehungsgeflecht zu festigen, das auf Geben, Empfangen und Teilen beruht. Ein perfektes soziales Netz, das freilich nur deshalb funktioniert, weil alle Beteiligten überzeugt sind, daß magische Kräfte, vor allem die wachsamen Ahnen, jede Verweigerung bestrafen.
Selbst auf dem Land – wie hier, 30 km von Dakar entfernt – haben meist junge Leute Basisgruppen geschaffen, um die gesellschaftliche Vernetzung zu erweitern.
Dazu gehören Alphabetisierungskurse. Hier wird nur das gelehrt, was man braucht, um sich in einem Staat zurechtzufinden, dessen Amtssprache Französisch ist. Vor allem Dienstmädchen kommen hierher, die bei reichen Senegalesen oder Ausländern arbeiten. Sie wollen lernen, Telefonanrufe zu notieren, Rechnungen zu schreiben. Sie haben es satt, von Gleichaltrigen als Analphabeten verspottet zu werden.
Warum sie die Schule nicht besucht haben, erklären uns diese Mädchen: Ihre Väter waren der Meinung, daß nur die Jungen gebildet sein müßten. Mädchen sollten heiraten, Kinder kriegen und für die Familie sorgen. Inzwischen sind die Eltern allerdings sogar stolz, wenn ihre Töchter französisch sprechen, lesen und schreiben können.
Andere Mädchen kommen hierher, um Schneidern, Häkeln, Stricken zu lernen. Sie wollen später ihr Geld selbst verdienen und nicht den Eltern auf der Tasche liegen.
Die jungen Leute, die diese Initiative ins Leben gerufen haben und leiten, erhalten kein Gehalt. Um die anfallenden Kosten zu decken, zahlen die Eltern der Schülerinnen und die Mitglieder der Vereinigung zwischen 2 und 3 Mark im Monat. Von den internationalen Organisationen, die parallel zu den Regierungen Entwicklungsprojekte mit Spendengeldern finanzieren, den sogenannten Nichtregierungsorganisationen, haben sie sich nicht vereinnahmen lassen. Sie sagen: „Wer Geld gibt, will auch das Sagen haben, und wenn man unsere Initiative nach westlichem Muster zu einem Entwicklungsprojekt umfunktioniert, wir es unserer Bevölkerung nicht mehr gerecht und ist zum Scheitern verurteilt.“
So wird einmal im Monat zur Versammlung geladen. Im Senegal machen Kinder unter 15 Jahren 48 % der Bevölkerung aus. Zur Versammlung kommen meist nur junge Leute. Sie vertreten ihre Familien, ihre Clans. Kinder sind immer und scharenweise dabei. Eigene und Nachbarkinder.
Viele der hier anwesenden jungen Männer sind nicht verheiratet. Es fehlt ihnen das Geld.
Eine Hochzeit muß traditionell mit Opfertier, Musik und einem riesigen Buffet gefeiert werden. Hunderte von Gästen müssen beköstigt werden, denn die Heirat verbindet nicht nur zwei Familien, sondern die jeweiligen Gruppen, denen diese angehören. Ein so wichtiges Ereignis muß entsprechend gewürdigt werden. Das können sich immer weniger junge Männer oder deren Familien leisten. Heute heiraten die Männer sieben Jahre später als noch vor einem Jahrzehnt. Ein krasses Zeichen fortschreitender Verarmung.
Zurück in die Stadt. Dort stießen wir auf eine andere Initiative, ein anderes Konzept:
Junge Leute unterrichten Kinder, die in den überfüllten Klassen der staatlichen Schulen nicht Schritt halten konnten, oder deren Eltern, die mit dem Schulbesuch verbundenen Kosten nicht aufbringen können. Das Lernziel: eine Grundausbildung in Französisch. Mehr nicht. (…)
Ein anderer Schultyp, „Ecole de coin de rue“ genannt, eine Straßenecken-Schule.
Der Lehrer kassiert ein paar Pfennige. Das Schulgeld. Die offizielle Schule produziert nicht nur Versager, sie setzt auch viele vor die Tür, die an ihrem Unterrichtssystem scheitern. Die landen dann in solchen Schulen.
Den Eltern geht es vor allem darum, daß ihre Kinder nicht als Analphabeten aufwachsen. So greifen die Armen zur Selbsthilfe. Ihre Kinder sollen sich in einer Gesellschaft zurechtfinden, die am westlichen Entwicklungsmodell gescheitert ist, aber weiterhin gezwungen ist, sich westlichen Normen zu unterwerfen.
So sprachlos wie diese Kinder vor der Kamera, waren auch wir, als wir erfuhren, daß in dieser Schule der offizielle Lehrplan auf Arabisch bewältigt wird. Im Senegal wird diese Sprache nicht gesprochen. Es gibt auch keine höhere Lehranstalt, in der die Schüler sich weiterbilden könnten. Das aber ist gar nicht ihr Wunsch. Sie hoffen, in den arabischen Ländern als Gastarbeiter Chancen zu haben. Solche Schulen haben – seit Europa seine Grenzen dicht gemacht hat – immer mehr Zulauf.
Die afrikanische Gesellschaft ist an der Modernisierung zerbrochen und besinnt sich nun – notgedrungen – auf ihre eigenen Werte. Ihre Zukunft ist die Vergangenheit. Fremde Hilfe kann diesen Prozeß nur blockieren, sie macht abhängig, entmündigt, entwürdigt. Selbst die Hilfe zur Selbsthilfe beruht auf der Überzeugung, daß diese Menschen und ihre Art zu leben entwicklungsbedürftig seien. (…)
Die Schule ist die kulturelle Keule unserer Industriegesellschaft. Kein Wunder, daß immer mehr Eltern ihre Kinder von der Schule fernhalten. In der Schattenwirtschaft, den religiösen und weltlichen Gemeinschaften lernen sie, was sie zum Leben brauchen. Die Wiederbelebung der Clanstrukturen ist die Absage an die westliche Bevormundung, der Aufbruch in eine alternative Gesellschaft. Eine schleichende Revolution. Wenn hier nicht wieder Entwicklungsexperten eingreifen, um sie nach ihren Kriterien zu steuern, dürfte sie auf lange Sicht tiefgreifendere Veränderungen herbeiführen, als alle bisherigen Freiheitsbewegungen.
