Schon der erste Film dieser Serie, den wir im bolivianischen Tiefland bei den Chiquitano- und Ayoreo-Indianern drehten, führte zum Skandal.
Wir nannten ihn „… denn ihrer ist das Himmelsreich“. Hier der Anfang:
Kindheit – was ist das? Eine Welt mit eigener Sprache, eigenen Werten, spezifischen Verhaltensformen, die wir kündlich nennen und auch so ausstatten? Eine Welt der Unschuld, in der die Realitäten beschönigt, die menschlichen Beziehungen verniedlicht werden? Eine Lebensspanne, während der das Wechselspiel von Zuneigung und Liebesentzug, Zuspruch und Drohung, Nachsicht und Nötigung den erzieherischen Rahmen bildet?
Sicher ist eins: dieser Begriff ist keineswegs allgemeingültig. In anderen Kulturen bedeutet Kindheit etwas ganz anderes. Einige kennen diesen Begriff gar nicht. Selbst in Europa ist die Trennung zwischen einer Welt der Erwachsenen und einer Welt der Kinder erst vor einigen Jahrhunderten vollzogen worden.
Etwa zur selben Zeit zogen die Europäer aus, die Welt zu erobern. Dabei stießen sie auf Völker, die ihnen materiell unterlegen, meist nackt waren und andere Götter anbeteten. In den zeitgenössischen Reiseberichten liest man: „Sie kennen weder gut noch böse, haben keine Scham, erziehen ihre Kinder nicht, weil sie selbst im Kindheitszustand der Menschheit verblieben sind.“ So denken die meisten Europäer auch heute noch in Bezug auf Naturvölker. Als Kinder bezeichnen sie Menschen – ob groß oder klein – die, weil sie ihre Umwelt nicht ausbeuten, sondern sich ihr anpassen, zu Gehorsam und Unterwerfung erzogen werden müssen.
Für diese Anmaßung, einen Teil der Menschheit als Kinder abzustempeln und sich somit als erziehungsberechtigt auszugeben, benutzen wir das Wort „zivilisieren“.
Die Kirche hat unseren Kindheitsbegriff wesentlich mitgeprägt und ist noch heuerklärt sie, ihre Ordnung sei heilig und fordert Unterwerfung. Jeder Erzieher hält seine Ordnung für unantastbar. Ihr muß gehorcht werden. Menschen, die einer solchen erzieherischen Ordnung nicht entsprechen, werden der Kindheit zugeordnet. Die Chiquitanos zum Beispiel.
Was Kindheit ist, was wir darunter verstehen, haben sie erst durch die Weißen erfahren. Dennoch hören die Chiquitanos nicht auf, ihre Töchter und Söhne als vollwertige Menschen zu achten. Dieser Widerspruch, daß hier Erwachsene ihre Kinder wie Erwachsene behandeln, aber selber von uns als Kinder angesehen werden, gibt uns Gelegenheit unseren Kindheitsbegriff aus zwei gegensätzlichen Perspektiven zu untersuchen Bei den Chiquitanos gibt es keine Erziehung, also keine Bevormundung des Kindes. Diese Indianer kennen keine Hierarchie, keine Rangunterschiede und daher keinen Machtanspruch, auch nicht den der Eltern über ihre Kinder.
Kinder werden wie Erwachsene respektiert. Ihre Entfaltung verdanken sie diesem
Respekt für ihre Gefühle und Bedürfnisse. – Diesem Mädchen, dessen Eltern aufs
Feld gingen, muß nicht befohlen werden, sich um die Kleinkinder zu kümmern.
Für sie ist das selbstverständlich. Die Freiheit, die sie von ihren Eltern erfährt, macht sie empfindsam für die Bedürfnisse und Gefühle anderer.
Wenn die Eltern zu Hause arbeiten, müssen die Kinder nicht helfen. Niemals wir dman eine Indianermutter von Pflicht reden hören odr von undankbaren Kindern. Kinder müssen keine Leistung erbringen. Sie stehen nie unter Druck, sind keine Objekte von elterlichem Stolz. Nach unserer Einschätzung sind solche Kinder schlecht erzogen. Auf welche Rolle sich die Tichter vorbereiten muss, sieht sie am Vorbild der Mutter. Das ist alles (…)
Selbstverständlich gibt es auch hier Rituale, Zwänge, Verbote, Tabus – in Bezug auf Nahrung zum Beispiel. Doch sie werden nicht als Freiheitsbeschränkung empfunden. Sie gehören ja nicht zu jenen Regeln und Normen, mit denen Menschen Macht über andere gewinnen. Sie werden als Teil einer höheren Ordnung verstanden, zu deren Bestand sie unerläßlich sind. Indem die Eltern ihren Kindern diese Regeln vorleben, nehmen sie aktiv teil an der Erhaltung dieser Ordnung.
Ihr Handeln entspricht einer inneren Wirklichkeit, keinem äußeren Zwang. Bei uns heißt es: „Was die Eltern anordnen, ist immer richtig. Ein Kind ist noch unvernünftig und muß sich der Autorität Erwachsener beugen.“ Hier heißt es: „Was Kinder tun ist ebenso richtig wie das, was Erwachsene tun.“ Die Chiquitanos behandelt ihre Kinder deshalb nicht, wie sie sein sollten, sondern wie sie sind. (…)
Wir fragen den Bischof Bösl der franziskanischen Mission dieser Region:
„Teilen Sie die Meinung, daß es sich da eigentlich um Kinder handelt, die langsam zu Erwachsenen im Sinne unserer Zivilisation gemacht werden sollten?“
„Zum Teil stimmt das. Die Meinung und die ganze Mentalität dieser Leute ist anfangs sehr infantil, aber sie lernen. Und wir sind Zeugen dessen, daß viele Indianer, die anfangs der Zivilisation und der Sozietät gegenüber sehr scheu und schüchtern waren, nachher sich wirklich eingelebt haben, daß sie Mitglieder der großen bolivianischen Gesellschaft sind. (…)
Wir fragen den Bischof weiter, ob die Zerstörung ihrer Kultur die Indianer nicht ihrer Identität beraubt und sie somit unfähig macht, sich in die Gesellschaft einzugliedern.
„Da müßte man schon grundsätzlich einmal fragen, wieviel Kultur war eigentlich vorhanden, bevor die katholischen Missionare hier in diesem Land ihre Aufgabe begonnen haben. Schon damals, zur Zeit der jesuitischen Reduktionen, im 17. und 18. Jahrhundert. Die Kultur, die der Indianer heute zeigt, ist zum
Großteil geprägt von der katholischen Kirche.“
Dennoch: die kulturellen Werte der Indianer sind zum Großteil erhalten geblieben. Trotz zweihundertjähriger Missionierung hat die Kirche nur eine formale Anpassung erreichen können. Warum wohl? Weil Anspruch und Wirklichkeit in der Erziehung nicht übereinstimmen. Was die Missionare sagen und was sie verlangen, widerspricht dem, was sie leben und was sie tun.
Warum wird ein Chiquitano-Kind – obwohl in der christlichen Lehre unterrichtet – kulturell zum Indianer? Weil das Leben seiner Eltern mit den Werten in Einklang steht, die ihm diese vermitteln.
Das Verhalten der Missionare hingegen stand und steht im Widerspruch zu ihrer Botschaft. Sie predigen Nächstenliebe, Gleichheit, Treue und Respekt vor dem Leben. Doch sie kamen im Gefolge mordender Eroberer und segneten deren Waffen. Sie verachteten die Indianer, nahmen nicht selten deren Frauen und beteiligten sich am Landraub.
Erziehung, falls sie zum Ziel hat zu überzeugen, kann so nicht wirken. Fehlt dieses Ziel aber, wird Erziehung zur Nötigung. Furcht wird verbreitet. Furcht vor Prügel, vor dem Zorn Gottes, vor den Qualen der Hölle. Und selbstverständlich fehlt die Drohung nicht, ohne Zucht und Ordnung ein unvollkomener Mensch zu bleiben, ein unmündiges Kind. Auf diese Weise wurden die Indianer formal zu Christen gemacht, doch Gläubige konnten sie so nicht werden. (…)
Die katholische Kirche reagierte empört auf diesen Film und verlangte eine „Richtigstellung“. Die Bischofskonferenz wurde bei Radio Bremen vorstellig. In katholischen Zeitungen wurde ich heftig angegriffen.
Quer über die erste Seite druckten sie „Trau keinem Troeller über den Weg“. Sie forderten, daß der Rundfunkrat mich verurteile und für meine Entlassung sorge.
Da hatte Elmar Hügler, der verantwortliche Redakteur, eine ausgezeichnete Idee. „Sie müssen unbedingt bei der Sitzung dabei sein. Ich habe mir vorgestellt, daß die Herrschaften glauben, daß Sie aussehen.“ Auf Grund meiner Sendungen dachten sie wahrscheinlich, da würde jetzt ein junger Mann erscheinen, mit langen Haaren, einem Bart, einer runden Brille, in Lederjacke usw. So, wie sie sich einen Revolutionär halt vorstellten. Ich aber war schon fast 70 Jahre alt und ähnlich gekleidet wie die Herren, die über meine berufliche Zukunft entscheiden wollten. Ein Raunen machte die Runde. Dann stand eine Frau auf und fragte: „Sind Sie wirklich Gordian Troeller?“
Hügler hatte gewonnen. In der folgenden Diskussion kam der beanstandete Film kaum noch zur Sprache. Später rief sogar eine Frau bei Hügler an und meinte: „Der Troeller ist ja ein weiser Mann.“ Was die Kirche auf die Palme gebracht hatte, waren materielle Interessen.
Nach der Ausstrahlung des Films blieben viele Spenden aus. Die Gläubigen waren vom Verhalten der deutschen Missionare enttäuscht.
Vor allem das Interview, das ich mit dem Bischof geführt hatte, hatte viele erbost.
Die deutsche Bischofskonferenz gab nicht auf und behauptete, ich hätte dieses Interview manipuliert. Gleich darauf wurde das gesamte Restmaterial aus dem Archiv von Radio Bremen gestohlen. Die glaubten, ich könnte das Gegenteil nun nicht mehr beweisen. Sie wußten jedoch nicht, daß ich die Originale meiner Tonbänder nach dem Überspielen zu Hause aufbewahre. Radio Bremen schickte ihnen eine Kopie der beanstandeten Passagen, und sie gaben klein bei.
