Nicht so glimpflich verlief die Auseinandersetzung mit der israelischen Botschaft und dem
Zentralrat der Juden.
Unter dem Titel: „Die Nachkommen Abrahams“ hatten wir einen Film über die Intifada gedreht, in dem wir die israelische Politik in den besetzten Gebieten kritisierten.
Schon am Tag nach der Ausstrahlung verkündete der damalige Vorsitzende des Zentralrats, Galinski, dieser Film habe das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden aufs Schwerste belastet. Von allen Seiten hagelte es Proteste. Dann meldete sich der israelische Botschafter bei Radio Bremen an.
Er erschien mit seinem Presseattaché und einigen Mitarbeitern, sowie der Vorsitzenden der deutsch-israelischen Freundschaftsgesellschaft. Er hatte verlangt, daß alle Verantwortlichen präsent zu sein hätten. Da saßen wir dann – der Intendant, der Chefredakteur, der zuständige Redakteur und ich, und wurden wild beschimpft. „Unverantwortliche Antisemiten“ war noch eine milde Anklage. Als ich endlich zu Wort kommen konnte, sagte ich: „Aus Luxemburg habe ich erfahren, daß man dort eifrig in meiner Vergangenheit herumwühlt.“ Der Botschafter: „Selbstverständlich kümmert sich unser Geheimdienst um Sie.“
„Dann hat er schlechte Arbeit geleistet oder Euch nicht richtig informiert. Denn ich habe eine Jüdin geheiratet, habe jüdische Kinder, und während des Krieges habe ich Juden aus Frankreich herausgeholt. Und Ihr nennt mich einen Antisemiten.“
Sie gingen, ohne sich zu verabschieden.
Wir hatten über viele Länder weit kritischer berichtet, und oft gab es Proteste. Aber das waren Briefe oder Anrufe. Niemals hatte eine Botschaft es gewagt, die Verantwortlichen des Senders zur Rede zu stellen. Das erlaubten sich nur die Israelis.
Aber mehr noch: Die jüdischen Gemeinschaften in Hannover und Bremen gingen vor Gericht und verlangten, der Film solle als antisemitisch erklärt und seine Verbreitung, auch im nichtkommerziellen Bereich, verboten werden. Die Gerichte lehnten die Klage ab.
Weit weniger aufgeschlossen reagierten die Kollegen. Ich erinnere mich nicht mehr an ihre Namen. Es waren Verantwortliche im NDR, in München und einigen anderen Sendern, die öffentlich verlangten, daß solche Filme in der Bundesrepublik nicht mehr ausgestrahlt werden dürften. Der Bayrische Rundfunk verlangte sogar, in Zukunft meine Filme vor der Ausstrahlung begutachten zu dürfen, um sich vor der Sendung eventuell auszuklinken.
Wieder wurde in Bremen der Rundfunkrat zusammengerufen, der aber stellte sich entschieden hinter mich. Und schon wurde gemunkelt, dort säßen wahrscheinlich auch viele Antisemiten.
Den kritischen, „politically correcten“, Kollegen hatte ich einiges voraus. Ich hatte nämlich die Bücher israelischer Historiker gelesen, die damals gerade herausgekommen waren. Zum ersten Mal wurde die Geschichte Israels kritisch von eigenen Leuten durchleuchtet. Da wurde von der Vertreibung der Araber berichtet, von Mord und Totschlag, von zerstörten Dörfern, von der gewaltigen „ethnischen Säuberung“, die es gegeben hatte: 1.400.000 Menschen wurden gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben. Hunderttausende von ihnen vegetieren heute noch in Flüchtlingslagern. Ich habe sie im Libanon und in Syrien gefilmt. Elende Gestalten, die dort nicht arbeiten dürfen und von einer Hilfsorganisation der UNO versorgt werden.
Auch die angeblich weiße Weste der israelischen Armee blieb nicht ohne Blutflecke.
Generäle hatten bekannt, daß ägyptische Soldaten, die sich ergeben hatten, auf dem Sinai einfach niedergemetzelt worden waren. Wie sich die Armee im besetzten Palästina benimmt, habe ich selbst gesehen. Da werden Kinder erschossen, Familien aus ihren Häusern gejagt und diese dann in die Luft gesprengt. Die UNO hat Israel öfter aufgefordert, die Genfer Konvention über die Behandlung besetzter Gebiete zu achten. Vergebens.
Die Arroganz der Regierenden in Israel ist nahezu grenzenlos.
In den deutschen Medien wird das alles vertuscht. Wenn ein Palästinenser eine Bombe wirft, wird er Terrorist genannt. Dabei tut er nur seine patriotische Pflicht. Ich war selbst in der Résistance, im Widerstand in Frankreich. Selbstverständlich waren wir bewaffnet und schossen auf deutsche Soldaten. Wir waren ja im Krieg, denn Frankreich war besetzt. Uns nannten die Deutschen damals auch Terroristen. Das gleiche gilt jetzt für die Palästinenser. Sie haben das Recht auf Widerstand, werden aber als Verbrecher dargestellt.
Unsere Medien haben, was manche den „Holocaust-Maulkorb“ nennen: Alles was die Israelis tun, ist gerecht, wer sich ihnen entgegenstellt, handelt ungerecht.
Dabei hat die UNO Vollversammlung Israel schon mehrfach aufgefordert, sich auf seine
international anerkannten Grenzen zurückzuziehen, die Golanhöhen und die sogenannte
Sicherheitszone im Libanon zu räumen und die in Lagern ausharrenden Flüchtlinge wieder ins Land zu lassen. Vergebens.
Auch der Sicherheitsrat hat ähnliche Forderungen gestellt, aber fast jedes Mal wurden die Resolutionen von den USA mit ihrem Vetorecht blockiert. Israel ist eben ihre Speerspitze im Nahen Osten und kann machen, was es will.
Apropos Sicherheitszone. Ich habe im Libanon gedreht, auch einen langen Streifen über die Hisbollah. Das ist keine fanatische Terrororganisation. Die Hisbollah ist eine politische Partei. Ihre Abgeordneten sitzen im Parlament. Sie baut Schulen, Krankenhäuser, versorgt die Armen mit Nahrungsmitteln und Kleidern. Im Süden des Libanon ist sie allerdings kriegerisch tätig, weil sie das besetzte Gebiet, die sogenannte Sicherheitszone, befreien will, mehr nicht. Aber in unseren Medien werden sämtliche Hisbollah-Anhänger als pro-iranische Terroristen dargestellt.
Jedes Mal, wenn sie Bomben werfen und israelische Soldaten treffen, greift die israelische Luftwaffe umgehend libanesische Dörfer an und tötet unbeteiligte Bauern. Das wird dann in der hiesigen Presse als „Vergeltungsschlag“ gemeldet. Ein positiver Begriff, denn er unterstellt, daß die Israelis das Recht haben, libanesische Dörfer zu bombardieren und Zivilisten umzubringen.
In Israel darf auch gefoltert werden. Offiziell wird abgewiegelt, es handle sich nur um eine leichte Folter. Wie die aussieht, beschreibt Ari Shavit, ein angesehener israelischer Journalist, in einem Bericht über Erfahrungen, die er als Reservist während seines alljährlichen Militärdienstes gemacht hat. Shavit wurde im Internierungslager Gaza-Beach eingesetzt – im besetzten Gebiet. Er schreibt aus seiner persönlichen Betroffenheit heraus und fragt sich, woher bei ihm wie bei seinen Kameraden die ständigen Assoziationen an Konzentrationslager kommen, obwohl sie genau wissen, daß die Situation objektiv nicht vergleichbar ist.
Hier ein kurzer Auszug:
„Vielleicht ist Shin Bet (der allgemeine Sicherheitsdienst) daran Schuld durch die vorgenommenen Verhaftungen und das, was mit den Verhafteten geschieht. Fast jede Nacht, wenn sie es durch Verhöre geschafft haben, einige junge Leute „kleinzukriegen“, gibt Shin Bet den Fallschirmtruppen oder den Grenzschützern eine Liste mit den Namen der Freunde der jungen Männer. Und so sehe ich fast jede Nacht die Wagen in die unter Ausgehverbot stehende Stadt ausfahren, um Leute zu verhaften, die angeblich die Sicherheit des Staates bedrohen. Und dann sehe ich Soldaten zurückkommen mit Kindern von 15 oder 16 Jahren. Die Kinder beißen die Zähne zusammen. Die Augen treten ihnen aus den Höhlen. In nicht wenigen Fällen sind sie bereits geschlagen worden. Sogar S., der einen Betrieb in den besetzten Gebieten hat, mag seinen Augen nicht trauen. „Ist es schon so weit gekommen“, fragt er, daß Shin Bet Kinder wie diese verfolgt.“ Und Soldaten kommen in den „Empfangsraum“ gelaufen, um zuzusehen, wie sie sich ausziehen, sie in Unterwäsche anzugucken, zu sehen wie sie vor Angst zittern. Und manchmal treten sie sie – ein Tritt mehr, bevor sie ihre Gefängniskleidung anziehen. Manchmal fluchen sie auch nur.
Oder vielleicht ist der Arzt schuld. Man weckt ihn mitten in der Nacht, um einen der soeben Eingebrachten zu behandeln – ein junger Mann, barfuß, verletzt, der aussieht, als habe er einen epileptischen Anfall, der erzählt, man habe ihn gerade auf den Rücken geschlagen, in den Magen und über dem Herzen. Er hat häßliche rote Flecken am ganzen Körper. Der Arzt wendet sich dem Jungen zu und schreit ihn an. Mit lauter, wütender Stimme ruft er: „Du sollst krepieren.“ Und dann wendet er sich zu mir und lacht: „Sollen sie doch alle krepieren.“
Oder vielleicht liegt es an den Schreien. Wenn man die Wache beendet hat, auf dem Weg vom Zelt zur Dusche, hört man manchmal entsetzliche Schreie. Da geht man in Shorts und Badelatschen, ein Handtuch über der Schulter, den Toilettenbeutel in der Hand – und von der anderen Seite des verzinkten Drahtzauns, aus der Verhör-Abteilung, kommen haarsträubende menschliche Schreie. Buchstäblich haarsträubend.
Von den verschiedenen Organisationen für Menschenrechte weiß man, daß sie hier im Gaza-Lager keine Folter-„Kabinette“ haben. (Andere Lager haben sie im Überfluß.) Darum fragt man sich, was hier in fünf Meter Entfernung geschieht? Benutzt man die „Bananen-Bindung“? Oder gewöhnliche Schläge?
Man weiß es nicht. Aber man weiß, daß man von diesem Augenblick an keine Ruhe haben wird. Denn nur fünfzig Meter von dem Bett, auf dem man zu schlafen versucht, achtzig Meter von der Kantine, in der man zu essen versucht, schreien Menschen. Und sie schreien, weil andere Menschen in Uniformen wie deine eigene, ihnen etwas antun, was die Schreie hervorruft. (…)
Und Benjamin Netanjahu erinnert Ted Koppel immer wieder daran, daß Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist. Und niemand schämt sich genügend, um aufzustehen und sie zum Schweigen zu bringen. (…)
Und nicht einer von ihnen hat vor dem Haus des Ministerpräsidenten einen Hungerstreik angefangen. Ich wüßte auch nicht einen einzigen, der gesagt hätte: „Das darf nicht sein. Nicht in einem jüdischen Staat.“
Unter dem Titel „On Gaza Beach“ ist dieser Artikel in der amerikanischen „New York Review of Books“ im Juli 1991 veröffentlicht worden, obwohl die jüdische Lobby großen Einfluß in den USA haben soll.
Wie groß das Spannungsfeld innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft ist, das von kompromißloser Vertretung israelischer Staatsinteressen bis hin zur Frage nach der Berechtigung der Existenz eines Staates Israel geht, wurde uns noch einmal deutlich, als wir 1986 den Film „Jedem das Seine“ über ethnische und religiöse Minderheiten in den USA drehten.
Sollten diese Memoiren jemals gedruckt werden, dann werden wohl Israel und die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder über mich herfallen und mich als Antisemiten beschimpfen.
