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Nachwort von Gert von Paczensky

Armut und Elend der „Dritten Welt“, also der weitaus meisten Bewohner der Erde, „Unterentwicklung“, „Entwicklungshilfe“ –  die Begriffe verfolgen uns Bürger der reichen Welt noch seit keinem halben Jahrhundert. Damals haben sich nur sehr wenige Publizisten in Deutschland für die Folgen des Kolonialismus interessiert, für die Unterdrückung so vieler Völker. Deutschland war ebenfalls ein kolonialer Unterdrücker gewesen. Doch Nazizeit, Zweiter Weltkrieg und die Folgen haben den Deutschen eine starke Bewusstseins-Störung beschert, die bis heute andauert.

Ganz verstummt waren die Historiker. Journalisten konnten deren Rolle als Aufklärer kaum übernehmen: Deren Geschichtsbildung war schwach, und sie fanden durch die Turbulenzen der Nachkriegspolitik im „Kalten Krieg“ zwischen Ost und West andere Themen, die ihnen näher lagen (zu liegen schienen). Als sie den Kolonialismus entdeckten, dessen Betreiber und Hauptnutznießer ja die Besatzungsmächte waren, machten die meisten lieber die Augen zu, als sich den Unwillen der Besatzer zuzuziehen. Falls sie überhaupt etwas bemerkt hatten. Das hätten besonders die deutschen Korrespondenten im Ausland bewirken können, wo Kolonialismusgeschichte kein Geheimnis war. Aber auch für die meisten von ihnen blieb sie eins.

Als die Bundesrepublik entstand, führten Briten und Franzosen noch Kolonialkriege oder kämpften gegen Aufstandsbewegungen. Das schien den wenigsten deutschen Korrespondenten in London und Paris interessant genug, beachtet zu werden. Ich war erst Londoner (seit 1949), dann Pariser Vertreter der damals noch liberalen Tageszeitung DIE WELT (seit 1952) und so ziemlich der einzige deutscher Auslandsjournalist, der sich der Kolonialismus-Problematik annahm – sehr zur Verwunderung meiner Kollegen, die sich lieber um Fragen der europäischen Einigung und des deutschen Wiederaufstiegs kümmerten (welche ich keineswegs vernachlässigte), und zum Mißvergnügen der Regierungen, bei denen ich akkreditiert war. Für die Enthaltsamkeit beim Thema Kolonialismus hatten freilich manche deutsche Korrespondenten in London und Paris vermeintlich gute private Gründe: Sie waren ja als Emigranten erschienen, aufgenommen und geduldet worden und entsprechend dankbar. Das schränkte ihre Neutralität als Berichterstatter ein und damit ihren Informationswert für ihr Publikum, aber das konnte ja kaum vermissen, was ihm gar nicht berichtet wurde. Daran änderten auch die Indochinakriege und schließlich der Algerienkrieg nichts.

Als leitender Außenpolitiker in der Zentralredaktion der WELT setzte ich ab Mitte der fünfziger Jahre meine Bemühungen fort, die Leserschaft über die Misshandlung der „Dritten Welt“ durch unsere reiche „Erste“ aufzuklären, und besonders über die blutige Unterdrückung der Algerier. Noch immer zeigte die deutsche Presse weitgehendes Desinteresse.

Doch eine Stimme gab es schon, die immer regelmäßiger das allgemeine Schweigen durchstieß: die des Reportergespannes Gordian Troeller/Marie-Claude Deffarge. Der Luxemburger (damals ein unschätzbarer Vorteil) und die Französin begannen Ende der 50er Jahre durch Zeitungs- und Illustrierten-Reportagen in Deutschland auf sich aufmerksam zu machen – auf sich und auf die Verheerungen, die der Kolonialismus angerichtet hatte. Sie praktizierten eine fachlich wohlbegründete Mischung von Leitartikeln und farbigen Berichten, illustriert mit erstklassigen, oft sensationellen Fotos, und verzichteten darauf, ihre jeweiligen (Er-)Kenntnisse durch schönfärberische Ausmalung fürs Publikum schmackhafter zu machen.

Ihren ersten Höhepunkt, ihre ersten großen Erfolge erreichten sie beim „stern“, dessen Leserschaft die für deutsches Publikum sehr ungewohnte Kost deutlich zu schätzen wusste. Henri Nannens Bestreben, die Illustrierte politischer und entsprechend bedeutungsvoller zu machen, zahlte sich aus. Die Auflage ließ die aller anderen Illustrierten, von Zeitungen ganz abgesehen, weit hinter sich, wozu auch eine umfangreiche Troeller-Deffarge-Serie über die Frauen dieser Welt sehr beitrug.

Gegen Ende der sechziger Jahre fand die Redaktion aber, der Ruin der „Dritten Welt“ sei doch ein zu spröder Stoff mit immer der gleichen Botschaft. Die war eben unbeliebt. Da hatten Troeller/Deffarge schon angefangen, Filme fürs Fernsehen zu drehen. Ihr erster Abnehmer war 1963 das französische mit dem damals berühmten Magazin „5 Colonnes à la Une“ („5spaltig auf Seite 1“).

Zum Film überzugehen beschlossen die beiden, nachdem sie Fotos und Filmaufnahmen, die Troeller bei Turkmenen an der sowjetisch-iranischen Grenze mit seiner ersten Filmkamera gemacht hatte miteinander verglichen hatten. In der Wiedergabe der Wirklichkeit war der Film den Fotos weit überlegen, so schön und eindrucksvoll diese auch sein mochten. Von da an entstanden mehr und mehr Filme, auch während die beiden noch Foto- und Textreportagen für den „stern“ machten. Das französische Fernsehen blieb bester Kunde, bis die beiden in einer Madagaskar-Reportage ungeschminkt Schattenseiten der französischen Kolonialherrschaft zeigten. Da wollten die Franzosen nicht mehr.

Bis Anfang der 70er Jahre hatten Troeller und Deffarge im wesentlichen aktuelle Reportagen nach Hause gebracht, meist über Probleme der 3. Welt. Was sie dabei über die zerstörerische Wirkung des kulturellen und wirtschaftlichen Imperialismus der Industrievölker gesehen und gelernt hatten, bewog sie, dies immer mehr zu ihrer Hauptthematik zu machen. Dadurch unterschieden sie sich auch immer mehr von den ersten prominenten deutschen Fernsehjournalisten wie Peter v. Zahn, Thilo Koch oder Hans Walter Berg, die diesen bedeutendsten Aspekt der Welt-Entwicklung (besser gesagt: Fehlentwicklung oder eben Unterentwicklung) in der Auslandsberichterstattung für das deutsche Publikum weitgehend vernachlässigten, wie es auch die für sie zuständigen Redaktionen taten.

„Troeller steht dagegen in einer kolonial- und imperialismuskritischen Tradition“, schrieb der Literatur- und Medienwissenschaftler Peter Zimmermann, wissenschaftlicher Leiter im Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms (im 1992 erschienenen Buch „Kein Respekt vor heiligen Kühen“, das Troeller und seinen Filmen gewidmet war), „wie sie im Dokumentarfilm früh von Joris Ivens und im Fernsehen zuerst von Gert von Paczensky und der frühen Panorama-Redaktion geprägt worden ist.“

Ich referiere dieses Zitat umso unbekümmerter und ohne falsche Bescheidenheit, weil ich im Fernsehen schon Anfang der sechziger Jahre, im Hörfunk des NDR schon in den fünfzigern höchst kritisch mit dem Kolonialismus umgegangen bin. Einen Konkurrenten konnte ich da nirgends entdecken, ebenso wenig wie in der gedruckten Presse. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich festere Bande zu Troeller und Deffarge knüpfen konnte, deren Berichte mir großen Eindruck machten und die ich noch während ihrer „stern“-Zeit kennengelernt hatte. Als ich 1973 Chefredakteur von Radio Bremen wurde, verschaffte ich den beiden umgehend feste Fernseh-Sendeplätze: je drei pro Jahr. Ihre erste Serie, „Im Namen des Fortschritts“, brachte es auf 22 Sendungen. Ihr folgten „Frauen der Welt“ (12 Sendungen) und mehr als zwei Dutzend zum Thema „Kinder der Welt“. Dies war in den Worten Troellers eine Untersuchung jener „Kolonie, die von Erwachsenen beherrscht wird und – folgerichtig – auch deren Wertvorstellungen, Vorurteile, Leitbilder und Machtverhältnisse spiegelt.“

Troeller im deutschen Fernsehen zu verankern, war zunächst nicht leicht. Bei Radio Bremen, dessen Redaktionen die Problematik der „Dritten Welt“ ebenso fremd war wie denen der anderen Sender, gab es Proteste. Und was im Ersten Programm gesendet wurde, musste ja von der ARD gebilligt werden – zunächst in der Konferenz der Chefredakteure durch den „Koordinator“, dann von den Programmdirektoren. 1974 ließen der SWF und der WDR eine gemeinsame „entwicklungs-politische“ Reihe anlaufen, zunächst drei Sendungen. Als ich nun gleich danach in der Chefredakteurskonferenz die ersten drei Beiträge Troellers anmeldete, sagte der Koordinator eher abwehrend: „Aber wir haben doch nun schon drei Dritte-Welt-Sendungen ins Programm genommen.“ Für ein ganzes Jahr, wohlgemerkt, und dass daraus nun sechs wurden, konnte in Anbetracht der gewaltigen Problematik schlecht als „zu viel“ empfunden werden.

Stoßrichtung, Gründlichkeit, Informationsgehalt und Engagement der Troeller-Beiträge ließ alles andere, was zu dieser Thematik gesendet wurde, sofort weit hinter sich, weckte aber auch umgehend Kritik und Proteste der Kolonialismus-Lobby. Diese konnte sich verblüffend leicht Bremer und anderer Rundfunkräte bedienen, um gegen Troeller Stimmung zu machen. Die ARD-Fernseh-Hierarchie war nicht immer ein guter Schutz gegen solche Stimmungsmache, meist wegen fehlender Sachkenntnis und häufig auch aus Abneigung dagegen, westliche Entwicklungsmodelle und Vorstellungen kritisch durchleuchten zu lassen. Aber Radio Bremen blieb wenigstens fest, und nach meinem Ausscheiden hielt auch der leitende Feature-Redakteur, Elmar Hügler, Troeller die Treue.

Troellers Aufstieg zum führenden Dokumentaristen des deutschen Fernsehens über das, was „im Namen des Fortschritts“ in der „Dritten Welt“ angerichtet wurde, ist nicht zu trennen von Marie-Claude Deffarge, seiner langjährigen Lebensgefährtin, einer der fähigsten französischen Spezialistinnen für Fragen der sogenannten „Entwicklungsländer“. Ihre Kenntnisse, ihre Dokumentationsarbeit verschafften dem Paar einen Vorsprung an Einsicht und Erkenntnis, den niemand aufholen konnte. Was Troeller in seinen Reportagen aussagte, war stets belegbar.

Marie-Claude Deffarge starb 1984. Ihre Rolle übernahm Ingrid Becker-Ross, mit der Troeller schon lange zusammenlebte und die ihn auf vielen seiner Filmreisen als Ton-Frau begleitet hatte.

Troeller erhielt drei Grimme-Preise und viele andere Auszeichnungen. Aber auf den Medienseiten der deutschen Presse wurde er nur selten so gewürdigt, wie er es verdient hätte. Köln, März 2007

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