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Die Rasse der Sonne (Japan)

Stern, Heft 33, 14. August 1966

Rasse der Sonne nennt man Japans junge Generation, die sich vom traditionellen Leben losgerissen hat und moderne Wege sucht. Vor allem in der Liebe. In dunklen Jazz-Kellern kostet Japans Jugend ihre neue Freiheit aus. Oft beseitigt Rauschgift letzte Hemmungen.

Tokio. Ein Jazzkeller für junge Leute. Schallplattenmusik, Surrealistische Dekoration. Ungefähr fünfzig Jungen und Mädchen. Wir gehen von einem Tisch zum anderen und drücken mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze der Mädchen. Das ist kein neues Gesellschaftsspiel. Es handelt sich um einen Test, den wir gemeinsam mit einem befreundeten japanischen Journalisten durchführen. Vor jedem Mädchen verbeugt er sich höflich und fragt: „Wir machen eine Untersuchung über die Form der weiblichen Nase. Erlauben Sie, daß wir mal kurz auf die Ihre drücken?“

Die Mädchen lächeln und nicken. Er legt seinen Zeigefinger auf die betreffende Nasenspitze und wackelt einmal darauf hin und her. Dann tue ich das gleiche. Wir kommen jedesmal zum gleichen Ergebnis, das Claude Deffarge in ihr Notizbuch einträgt: „Ja“, wenn die Nasenspitze ein einziger harter Punkt ist, „nein“, wenn sie sich wie zwei gespaltene Knorpel anfühlt.

Im ersten Fall ist das Mädchen noch Jungfrau, im zweiten nicht mehr. So wenigstens hatte es uns ein alter Wunderdoktor erklärt, dem wir in einem Dorf an der Westküste Japans begegnet waren. Er behauptete, das sei eine sichere Diagnose. Nun wollten wir es auch einmal ausprobieren oder wenigstens zum Vorwand unserer Umfrage machen. Ein indiskreter Test. Zugegeben. Besonders das Ergebnis: Von den zweiundzwanzig „befragten“ Nasen sind siebzehn gespalten, und keines der dazugehörigen Mädchen ist über zwanzig.

Jetzt bitten wir die jungen Männer an unseren Tisch. Sie kommen ohne Sträuben. In Japan ist die Jugend heute ebenso umfragefreudig wie in den USA. „Würden Sie ein Mädchen heiraten, das nicht mehr Jungfrau ist?“ fragt unser Freund.
„Nein“, sagen sieben von zehn mit großer Bestimmtheit. Die übrigen meinen, es sei ihnen völlig egal, vorausgesetzt, die Frau habe vorher nicht mit einem Ausländer zusammengelebt. „Dann sind sie verdorben und ewig unzufrieden.“

Einer sieht mich herausfordernd an: „Ihr mögt es ja auch nicht, wenn eine weiße Frau mit einem Neger ausgeht. Oder?“
„Glauben Sie, daß Ihre Begleiterin von heute abend Sie heiraten würde?“ fragt unser Freund.
Diesmal sagen die meisten ja.
„Aber für Sie sind diese Mädchen nur vorübergehende Freundinnen?“

Unsere Fragen sind gezielt indiskret. Nur wenige Jahre ältere Gesprächspartner würden jeden Satz als Beleidigung auffassen, unsere Zigaretten zurückweisen, die Getränke entrüstet ablehnen, ja, nicht einmal zuhören. Aber die „Rasse der Sonne“, wie man die jungen Menschen nennt, die nach den Massakern von Hiroshima und Nagasaki auf die Welt gekommen sind, wollen heute beenden, was damals mit den Atompilzen begann: die Zerstörung der alten Ordnung. Jedenfalls benehmen sie sich so und antworten deshalb mit betonter Offenheit auf unsere herausfordernden Fragen.

Die letzte wird eindeutig mit „Ja“ beantwortet. Die anwesenden Mädchen werden nur als kurzfristige Begleiterinnen betrachtet. Niemand fühlt sich fest gebunden. Die Begründungen sind jedoch sehr unterschiedlich.
„Ich will keine Studentin heiraten“, sagt einer. „Die wissen später nicht mehr, was sich gehört.“
„Mir kommt es nur auf die Liebe an“, meint ein anderer. „Die habe ich noch nicht gefunden.“
„Ich bin der Erstgeborene“, erklärt ein dritter. „Deshalb werde ich in meinem Heimatort eine von meinen Eltern ausgesuchte Frau nehmen. Verstehen Sie. Die Frau muß meiner Mutter gefallen.“

Er wird es nicht leicht haben. Wenigstens nicht mit den Mädchen der „modernen Welle“. Sie hüten sich, einen Erstgeborenen zu heiraten. Das mag materielle Vorteile haben und sichere Unterkunft bieten. Es bedeutet aber vor allem, unter der Fuchtel der Schwiegermutter „Mädchen für alles“ zu spielen.

„Ich lebe auch wirtschaftlichen Gründen mit meiner Freundin zusammen“, erzählt ein Medizinstudent. „Uns kommt es nur darauf an, eine Miete zu sparen. Mit einem Mädchen ist das angenehmer als mit einem Jungen. Viele Studenten tun das.“
Wir finden in der Tat mehrere. Einer behauptet sogar, daß die zu dritt mit einem Mädchen das Zimmer teilen.
Mir will scheinen, daß Eifersucht eine solche Lösung des Wohnungsproblems unmöglich macht.
„Aber warum denn?“ fragt er erstaunt. „Keiner von uns will sie heiraten. Übrigens hat sie nebenbei ein paar zahlende Freunde.“
„Das ist also keine Studentin, sondern eine Prostituierte, die bei euch Unterschlupf gefunden hat. Ich verstehe.“
„Sie verstehen überhaupt nichts“, ruft er. „Das Mädchen studiert ebenso ernsthaft wie wir. Nebenbei verdient sie Geld, um auch ihrem Bruder das Studium zu ermöglichen. Das ist sehr ehrenwert.“
„Warum lebt sie dann nicht mit ihrem Bruder zusammen, um dessen Miete zu sparen?“

Dem Jungen bleibt die Sprache weg. Er, der sehr gut Englisch spricht, wirft plötzlich ein paar japanische Worte über den Tisch und geht davon, ohne seinen Whisky aus zu trinken.
„Passt doch ein wenig auf, was du sagst“, schimpft mein Freund, der Journalist.
„Das war doch nur logisch“, versuche ich mich zu verteidigen.
„Aber nicht japanisch.

Es kann tatsächlich ehrenhaft sein, wenn eine Schwester sich prostituiert, um das Studium des Bruders zu ermöglichen. Aber der Junge muß so tun, als habe er keine Ahnung. Sonst verlieren alle Beteiligten das Gesicht. Verstehst du das denn nicht?“
Sicherlich. Ich verstehe aber auch, daß die sogenannte „Rasse der Sonne“ ebenso tief im Traditionellen verstrickt ist wie ihre Eltern. Viele der hier versammelten jungen Leute nehmen Philopon, ein ziemlich starkes Rauschgift. Das ist im Augenblick so Mode. Man will beweisen, daß man alles über Bord geworfen hat, vor allem die vielgerühmte japanische Selbstdisziplin. Trotzdem fordern sie, genau wie ihre Väter, unberührte Frauen als Ehepartner und behandeln ihre freiheitstrunkenen Geliebten schlechter als ein alter Japaner seine Geisha. Und wenn einer seinen Doktortitel dank der „Hingabe“ seiner Schwester erwirbt, dann braucht er sich nur zu schämen, wenn man weiß, daß er es weiß.

Junge Mädchen glauben an echte Kameradschaft und Gleichheit mit dem Mann. Japans neue Verfassung verspricht Gleichberechtigung, und die jungen Männer fordern sexuelle Freiheit

Wenn aber geheiratet wird, verlangen die Männer von den Frauen immer noch das Siegel der Reinheit und traditionelle Demut. Dann ist die Frau wieder Dienerin und der Mann der Herr der Schöpfung

Was sagen die Mädchen dazu? Sie kommen zunächst zögernd an unseren Tisch. Sobald der Kontakt hergestellt ist, sprechen sie ebenso frei wie die jungen Männer.
Mimi liebt ihren Dichter, der in einer Ecke schlummert. Betrunken, berauscht vielleicht von Philopon. Eben noch hatte sie ihm seine neue Hose kürzer gemacht. Hier im Jazzkeller. Mit Nadel und Faden. Ich glaube, ihre ganze Habe steckt in der großen Korbtasche, die sie fest an sich drückt.
„Denkt ihr ans Heiraten?“ frage ich.
„ Wir sind noch zu jung.“
„Aber nicht zum Lieben?“
„Die Liebe ist ein Geschenk.“
Was heißt das?“
„Zum Heiraten braucht man Geld. Das bekommt man nicht geschenkt.“

Verrückt nach Liebeserfahrung

Die nächste gesteht, daß sie unseren Nasentest sofort durchschaut hat. Seine Richtigkeit habe sie übrigens vor vier Jahren bei sich selbst bestätigt gefunden.
Alle behaupten, sie seien verliebt. Aber jedesmal, wenn wir die Frage nach der Ehe stellen, weichen sie aus. „Jetzt studieren wir“, heißt es. „Während dieser Zeit zählt nur die Arbeit und die Liebe. Wir wollen lernen, viel lernen.“

Von dieser Wißbegierde kann ich ein Lied singen. Mindestens ein dutzendmal bin ich auf der Straße von Mädchen angesprochen worden.
„Könnte ich ein wenig Englisch mit Ihnen üben?“ lautete jedesmal die höfliche Frage. Und, bei Gott, sie war ernst gemeint. Das war keine „Masche“, um sich an einen Ausländer heranzumachen. Ich mußte wirklich zuhören und verbessern. Nach einer halben Stunde blickte das Mädchen dann entsetzt auf die Uhr und bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.

Bald wurde auch mir die Zeit zu schade dafür. Ich war ja nicht in Japan, um englischen Unterricht zu erteilen, sondern um Frauen auszufragen. Also bestand ich als Gegenleistung auf einem Wiedersehen. Mehrere nahmen an. Aber nicht etwa für den nächsten Tag. „Ich muß arbeiten“, hieß es. „Examen stehen vor der Tür. Das geht vor.“
Und dann, wenn ich die Begegnung schon lange vergessen habe, ist das Mädchen pünktlich zur Stelle. Einfach so. In meinem Hotelzimmer. In der ersten Viertelstunde will sie wissen, ob ich eine Frau habe, wie alt ich bin, was ich tue. Dann macht sie die Schubladen auf, stöbert in meinen Papieren herum, liest Briefe. Anschließend läßt sie sich noch ein paar englische Worte erklären, blickt überrascht auf die Uhr und ist wieder weg.
Am nächsten Tag klingelt das Telefon. „Am Sonntag habe ich nichts zu tun. Können wir uns sehen?“
„O nein“, schreie ich. „Inquisition und Indiskretion sind mir gleichermaßen verhaßt.“
„Diesmal habe ich den ganzen Abend Zeit“, flüsterte es am anderen Ende des Drahtes.
Das klingt wie ein Versprechen. Wenn ich nicht so lange hier wäre, könnte ich mir einbilden, mein persönlicher Charme habe sie überwältigt. Aber nein, sie hat sich erkundigt und weiß jetzt, daß ich wirklich für eine internationale Zeitschrift arbeite. Wenn sie mir eine so große Reise bezahlt, dann muß schon etwas dahinter stecken. – Ja, so überlegen die kleinen Mädchen hier. Sie sind zwar verrückt nach „Liebeserfahrung“ wie sie selbst sagen, aber zuerst kommt immer noch das Studium, der Wunsch, ins Ausland zu gehen, Stipendien zu ergattern, gute Verbindungen anzuknüpfen. Die Schnüffelei in meinem Zimmer und beim Hotelportier scheint also ergeben zu haben, daß ich einen solchen Versuch wert bin.
Im Grunde versteckt sich hinter diesem brennenden Wunsch, möglichst schnell vorwärtszukommen, nichts anderes als eine große Angst vor der Zukunft. Es ist der Versuch, dem Los der japanischen Frau zu entrinnen, sei es durch Flucht ins Ausland oder durch Zugang zu den wenigen Stellen, in denen Frauen Karriere machen können.
Ich spreche wohlverstanden nicht von den herkömmlich erzogenen Mädchen. Diese würden es nie wagen, sich selber einzuladen. Es handelt sich um jene junge Vorhut des modernen Japan, die verzweifelte Anstrengungen macht, zu einem individuellen Bewußtsein zu erwachen. Ich weiß, das klingt geschwollen. In Japan hat diese Suche nach der eigenen Persönlichkeit jedoch wirklich einen dramatischen Unterton und für die Frau meist einen tragischen Ausgang.

Dort hat es einen Individualismus in unserem Sinne nie gegeben. Der Mensch war nur ein anonymes Rädchen in einer streng gegliederten Gesellschaft, die keine Außenseiter duldete. Vor allem trennten unüberwindliche Grenzen die Welten von Mann und Frau. Eigene Persönlichkeit zu entfalten oder gar zu offenbaren, galt – vor allem für die Frau – als Vergehen.

Dann kamen der Krieg, die Bomben, die Amerikaner, der Zusammenbruch der alten Ordnung. Eine neue Verfassung schenkte individuellen Rechte und garantierte die Gleichheit der Frau. Ihre Befreiung kam so überrauschend, daß immer wieder die Frage auftauchte: „Wenn wir wirklich den Männern gleich sind, dürfen wir sie dann auch lieben anstatt ihnen nur mit Respekt und Unterwürfigkeit zu begegnen?“

Selbst arme Marktfrauen können heute ihre Kinder studieren lassen

Die traditionellen sozialen Schranken sind gefallen: junge Studenten

Strip-tease in den Semesterferien

„Selbstverständlich“, lautete die Antwort. „Jeder kann jetzt über sein eigenes Schicksal entscheiden.“ Und die Scheidungsklagen der Frauen überstiegen die der Männer um das Dreifache. Jetzt wurde die romantische Liebe zum Symbol demokratischer Gesinnung und der amerikanische Lebensstil zum Prüfstein der individuellen Freiheit.

Für die Alten war dieser Umsturz nur eine katastrophale Fortsetzung der Niederlage. Die Jugend hingegen warf sich taumelnd in das Experiment der individuellen Revolution. Bevorzugtes Schlachtfeld: die Liebe. In Zeitschriften wurden und werden heute noch Tips für die Liebestechnik erteilt, die vor keinem Detail zurückschrecken und bei uns in Europa als Pornographie verboten würden. Der freie Verkauf von Empfängnisverhütungsmitteln und die offizielle Toleranz der Abtreibung machten es selbst ängstlichen Mädchen leicht.

Nie werde ich jene Filmaufnahmen vergessen, zu denen uns ein Student eines Tages einlud. „Ihr sollt sehen, wie einfallsreich wir das Geld für unser Studium verdienen“, hatte er gesagt, und wir waren pünktlich zur Stelle: eine leere Garage, vier Scheinwerfer, zwei Beleuchter, ein Kameramann und noch ein paar Jungen und Mädchen. Im Lichte der Scheinwerfer lag ein Paar auf einer Strohmatte. Liegen ist zu wenig gesagt. Sie liebten sich. Vor uns allen.

„Diesen Film verkaufen wir an Ausländer“, erklärte unser Freund. Ein neues Paar trat in Aktion. Wieder summte die Kamera. „Wir müssen Abwechslung bieten. Stell dir vor, für solch einen Film können wir alle für zwei Monate unser Studium bezahlen.“

Ich muß gestehen, daß ich von soviel Zynismus ein wenig benommen war.

„Wir sind nicht zynisch“, meinte er. „Wir sind nur konsequent. Die Kommerzialisierung der Nacktheit haben wir von den Amerikanern gelernt. Vorher gab es hier kein Strip-tease. Männer und Frauen badeten nackt zusammen, ohne sich zu zieren. Aber die Amerikaner wollten Brüste und Hüften. Und sie schlugen sich förmlich, um unsere traditionellen Bäder fotografieren zu können. Da haben wir schnell geschaltet.“

In Europa geschieht heute auch mancherlei zwischen blutjungen Menschen. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, daß hier Studenten ähnliche „Nebenberufe“ ausüben, um Zimmer und Essen zu bezahlen. Sie haben es auch unvergleichlich besser als ihre japanischen Kollegen. In Japan findet nach Abschluß des Studiums nur die Hälfte der Absolventen Arbeit. Das Geld zum Studieren können etwa nur dreißig Prozent aufbringen. Der Rest muß es sich besorgen. Jungen und Mädchen.

Wenn sie dabei Dinge tun, die aus unserer Sicht moralisch verwerflich sind, so kann man die jungen Leute trotzdem nicht als haltlos oder zynisch bezeichnen. Ihr Verhalten wird durch eine völlig andere Moral bestimmt als das unsere. Für einen Japaner kommt es wenig darauf an, Charakterfestigkeit zu beweisen oder zu Prinzipien zu stehen. Er wird vielmehr angehalten, in jeder Situation das von ihm Erwartete zu tun. Von jungen Leuten erwartet man vor allem den erfolgreichen Abschluß des Studiums, von dem wahrscheinlich die Zukunft der gesamten Familie abhängt. Diese Erwartung dürfen sie nicht enttäuschen. Welche Mittel sie dabei anwenden, ist kaum noch wichtig.

Hier liegt der Zwiespalt, mit dem die japanische Jugend nicht fertig wird. Einerseits lebt sie „modern“, ja, sogar ungezwungener als ihr westliches Vorbild Amerika, andererseits sind ihre tiefen Beweggründe nach wie vor von den alten Normen geprägt. Niemand weiß mehr, wo sein „Gesicht“ ist – jener Nimbus, den er vor sich und der Welt wahren muß, in der Zukunft oder in der Vergangenheit.

Doppelte Moral mit doppeltem Boden

In der Politik ist es nicht anders: Viele Studenten sind Sozialisten oder Kommunisten. Sobald sie jedoch eine Stellung gefunden haben, werden die meisten schlagartig zu braven Bürgern konservativer Prägung. Jetzt passen Marx, die individualistischen Mädchen und die freie Liebe nicht mehr zu ihrem Leben. Das gilt keineswegs als Gesinnungswechsel. Es ist wiederum die automatische Anpassung an das, was jetzt erwartet wird: Unterordnung. Es entspricht dem Wechsel von einer Altersgruppe in die nächste, von einer zukunftshungrigen Gesellschaftsklasse in eine sichergestellten. Wer in einem japanischen Betrieb unterkommt, ist zeitlebens versorgt. Das gilt natürlich nur für den Mann. Mädchen müssen ihre Stellungen aufgeben, wenn sie älter werden. Meistens zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Zu viele Männer drängen nach. Um Sicherheit zu finden, bleibt den Frauen nur die Ehe. Und nun werden sie zu Opfern der männlichen Unentschlossenheit. Der Mann hat sie mitgerissen. Sie haben „modern“ gelebt. Jetzt aber fordert er plötzlich von ihnen das Zeugnis der Unberührtheit.

Was sollen sie tun? Sie gehen zum Arzt. Nur er kann die Spuren der Vergangenheit verwischen und die einstmals freien Kameradinnen der Jungen wieder zu akzeptablen Partnerinnen der Männer machen.

Als wir in Tokio waren, führte ein Gynäkologe gerade die zehntausendste Operation dieser Art durch. Einer allein! – Auf den Operationstischen dieser Ärzte endet der Traum von der romantischen Liebe. Hier wird die „Rasse der Sonne“ mit Nadel und Faden besiegt.

Es ist das alte Lied. – Überall dort, wo die Frau seit jeher ihre Existenzberechtigung vom Mann bezog und das Tabu der Jungfräulichkeit zur doppelten Moral geführt hat, halten die Herren an ihrer Vorrangstellung fest. Zwar predigen sie Freiheit, Gleichheit, Freundschaft und Vertrauen. Aber das sind nur Lippenbekenntnisse. Wenn es nämlich zum Schwur kommt, folgt die moralische Verurteilung der Frau auf dem Fuße. Was da so leicht zu haben war, kann doch nur ein Flittchen sein. Und da wir in einer Klassengesellschaft leben, paßt die doppelte Moral der Männer sich natürlich dem sozialen Gefälle an.

Eine „willige“ Sekretärin ist natürlich billig. Die „höhere Tochter“ hingegen hat „Format“, wie jene Herren sich auszudrücken pflegen, deren Selbstgefühl durch solche Eroberungen auf Hochglanz gebracht wird. Kurzum: Geldbeutel und Herkunft entscheiden über die Qualität des Gefühls, seinen moralischen Wert und für viele Männer sogar über die Intensität der dazugehörigen Freuden.

Es ist eine doppelte Moral mit doppeltem Boden. Trotz offizieller Gleichberechtigung und „sexueller Revolution“ bestimmt sie auch heute noch das Los der meistens Frauen. Und ich spreche zunächst nur von der Liebe und der moralischen Demütigung der Frau.

Gleichberechtigung und sexuelle Revolution

Ihre wirtschaftliche Ausbeutung ist so selbstverständlich geworden, daß man sie nahezu vergißt. Hausfrauen haben keine festen Arbeitsstunden, keinen bezahlten Urlaub, keine Pension. Und dabei arbeiten sie mehr und härter als Männer. Wenn die Herren nach getaner Arbeit ihre Pantoffeln anziehen, ist für die Frauen noch lange nicht Feierabend. Wenn Urlaub gemacht wird, dann ändert sich für sie meistens nur die Umgebung. Sie hat weiterhin die Sorge um Kind und Kegel. Und wenn der Herr sich endgültig zur bezahlten Ruhe setzt, muß sie immer noch schuften und ihn pflegen, bis er stirbt. ..

Und wie ist es im Beruf? Bei gleicher Arbeitsleistung erhalten Frauen weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Voreingenommenheit und Widerstand des Mannes versperren den Weg zu verantwortlichen Stellungen. In der gewaltigen Wirtschaftsmaschine sind die Frauen nur Hilfskräfte. Eine Art Sklaven – genau wie die Fremdarbeiter -, die für billiges Geld all das tun, was unter der Würde der Herren liegt. Ja, die meisten Frauen müssen sich damit abfinden, unterbezahlte Gelegenheitsarbeiter zu bleiben. Die Ruderer in der großen Galeere, die wir stolz „Fortschritt“ nennen. Und alles nur, weil der Mann auf seinen Vorrechten beharrt und der Frau keine echten Chancen gibt, sich selbst zu entfalten.

Frauen müssen „nein“ sagen können

Eines glaube ich auf dieser Reise um die Welt gelernt zu haben: Am Los der Frau erkennt man die Reife einer Zivilisation. In der Haltung zur Frau offenbart sich in der Tat das Weltbild jedes Mannes und selbst der Völker. Erst wenn das Verhältnis zum anderen Geschlecht auf allen Ebenen ein Zwiegespräch unter Gleich ist, werden die großen Worte wie Gerechtigkeit, Friede und Menschenwürde kein leeres Geschwätz mehr sein. Erst dann können auch andere Menschen außerhalb der eigenen Klasse, der nationalen Grenzen und der eigenen Hautfarbe mit echtem Verständnis rechnen.

Jetzt werden viele Männer spöttisch lächeln, weil sie zerbrechlich aufgemachte Puppen in ihren Armen halten, die gar nichts anderes wollen, als versorgt und bevormundet zu sein. Andere deuten auf ehrenwerte Frauen, die völlig in ihrer Familie aufgehen und des Mannes Schutz und Überlegenheit mit Dankbarkeit quittieren. Ich weiß, es ist tausendmal leichter, umhegtes Weib zu spielen, als verantwortungsbewußter Mensch zu sein.

Aber das soll man mit jetzt nicht als Argument gegen die Gleichheit der Frau anführen und dazu noch behaupten, sie wolle offenbar gar nicht anders leben als bisher. Wie sollte sie wissen, was sie wirklich will? Seit Jahrtausenden lebt sie im Spiegel, den der Mann ihr vorhält. Sie ist sein Werk, das Bild, das er sich von ihr gemacht hat – und nicht mehr. Ihr das vorzuhalten wäre ungefähr so, als würde man einem Sklaven vorwerfen, sich nicht wie ein Herr zu benehmen, obwohl man ihn von Geburt an zum Diener gedrillt hat.

Und wenn ich der Frau zu Schluß dieser Artikelserie einen Rat geben darf: Materielle Unabhängigkeit ist letztlich der einzige Weg zu Gleichheit und Freiheit. Das mag unser herkömmliches Familiensystem ein wenig durcheinanderbringen; es belastet Kinder und Familie jedoch weit weniger als unausgeglichene Mütter und die unvermeidliche Spannung geschlechtlicher Rangunterschiede. Ebenso wie unterdrückte Völker nur unabhängig werden, wenn sie auf eigenen Füßen stehen, so kann die Ehefrau erst dann wirklich frei sein, wenn sie sich nicht mehr aus Existenzangst unterwerfen muß, sondern laut und deutlich „nein“ sagen kann.

– E N D E –

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