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Paradies der Frauen, Hölle der Männer (Peru)

Stern, Heft 45, 8. November 1964

„Wer ist euer Ideal?“ ist eine Frage, die wir jedesmal stellen. Die Vorbilder, von denen Frauen träumen, sind die Schlüssel zu ihrer Seele. In Brasilien beherrscht die begehrenswerte Mulattin das Wunschdenken der Armen. Bei dem Mittelstand waren es, je nach Alter, die ergebene Frau und Mutter oder die bannerschwingende Revolutionärin. Für die Reichen sind es die Damen der französischen Gesellschaft.

In Lima ist es die Perrichol. Diese Schauspielerin aus der Zeit der spanischen Herrschaft, die mit List und Schönheit die Geliebte des Vizekönigs wurde, regt noch heute die Phantasie der Frauen von Lima an. Sie war mächtig. Sie zwang den König, ihr eine vergoldete Kutsche zu schenken, und konnte es sich erlauben, sie schon am nächsten Tag einem greisen Priester als Almosen zu geben.

Viele Frauen wissen nicht, wie der Vizekönig hieß oder wann Peru unabhängig wurde. Die Perrichol aber kennen alle. Sie ist das Symbol für weibliche Macht.

Die moderne Perrichol sitzt im Büro des Präsidenten der Republik. Sie ist eine Sekretärin. Alle Frauen bewundern und beneiden sie, denn sie sind überzeugt, daß Violetta Correa eine der Schlüsselfiguren des Landes ist. Und dafür gibt es Gründe: Sie ist einerseits die Vertraute des Präsidenten, der die fortschrittliche „Acción Popular“ anführt, andererseits die Tochter des Chefs der konservativen Christlichen Demokraten. Als Vermittlerin zwischen den beiden großen Parteien des Landes spielt sie sicherlich eine große Rolle.

Soweit so gut. Wenn die Frauen jedoch behaupten, es könne keine radikalen Experimente in Peru geben, solange Violetta Correa an der Seite des Präsidenten steht, möchte ich wissen warum.
„Weil sie eine Frau ist“, lautet jedesmal die sibyllinische Antwort.
„Immerhin waren viele Frauen Revolutionäre.
„Das waren keine echten Frauen.“
„Wieso nicht?“
„Weil sie gegen ihre eigenen Interessen kämpften.“
„Welche Interessen?“
„Die Interessen der Frauen natürlich.“
„Gehört größere Freiheit denn nicht dazu?
„Wir haben, was wir wollen.“
„Und was wollt ihr?“
„Frauen bleiben.“

Jedesmal, wenn die Unterhaltung eine ähnliche Wendung nimmt, versuchen wir, mit sehr konkreten Fragen weiterzukommen.

„Wißt ihr, wie viel Geld eure Männer verdienen?“
Neunzig Prozent sagen: „Nein.“
„Wollt ihr es nicht wissen?“
Achtzig oder neunzig Prozent fragen: „Wozu?“, und die restlichen zehn sagen: „Niemals.“
„Wer entscheidet über die Höhe des Wirtschaftsgeldes?“
„Der Mann natürlich.“
„Genügt es euch?“
„Selten“, sagen die meisten Frauen.
„Könnt ihr mit ihm darüber diskutieren?“
„Kaum. Wenn wir es aber richtig anfangen, bekommen wir mehr.“
„Wie macht ihr das?“
Bei dieser Frage wird gewöhnlich gelacht. Anspielungen auf kostspielige Mätressen scheinen den Griff in die Brieftasche zu erleichtern. Ebenso moralische Vorhaltungen oder Vergleiche mit den Nachbarn.
„Möchtet ihr nicht materiell unabhängig werden? Durch Arbeit zum Beispiel?“
Nur die intellektuellen Frauen sagen ja – davon gibt es wenige in Lima. Selbst die Mehrzahl der befragten Studentinnen gibt freimütig zu, ihren Beruf nicht als richtige Karriere zu betrachten. Das Endziel ist die Ehe.

Die Scheidung wird von den meisten Frauen Abgelehnt. Daß sie in Peru erlabt ist, betrachten sie als eine Bedrohung ihrer Sicherheit und letztendlich als eine antiweibliche Gesetzgebung, gegen die sie kämpfen müssen.
Es kommt den wenigsten in den Sinn, mehr sein zu wollen als Frau und Mitter und oberhalb ihrer Nützlichkeit für Mann und Familie nach Entfaltung zu streben. Die meisten lehnen es kategorisch ab.

Bedeutet dies, daß sie überzeugt sind, die Beschränkung liege in der Natur der Frau und sei von Gott gewollt? Keineswegs. Bei näherem Hinsehen stellt man fest, daß sie es ganz einfach bequemer finden, die Rolle des Weibchens zu spielen.

Sie hassen echte Verantwortung. Strenge Regeln und Tabus erübrigen das mühselige Nachdenken. Und im übrigen sind sie überzeugt, daß die typisch männlichen Schwächen es überflüssig machen, mit dem Mann zu rivalisieren. Wenn man sie geschickt ausnutzt, hält man den Herrn am Gängelband. Mehr will doch keine Frau, meinen sie: So reich wie möglich heiraten und dann faulenzen. Den Mann schuften lassen und mit seinem Erfolg glänzen. Gibt es ein schöneres Leben, wenn man auch noch Mittel und Rezepte hat, den Mann zum Hanswurst zu machen? Ist das nicht bequemer, als Gleichberechtigung zu fordern, die ja doch nicht voll gewährt wird und auf die man in keiner Weise vorbereitet ist?

„Unsere europäischen Schwestern sind dumm“, meinen sie. „Gleichberechtigung wertet die Frau nur ab. Sie wird werde Fisch noch Fleisch. Je weiblicher wir sind, um so mehr erreichen wir.“

Das Schulbeispiel kommt durch die Tür: Isabella. Weiblicher als sie kann keine Frau sein. „Ich muß dich unbedingt sprechen“, hatte sie am Telefon gesagt. Es scheint ernst zu sein. Obwohl sie dreißig ist, sieht sie aus wie ein verlorenes Mädchen.

„Mein Mann ist in ein achtzehnjähriges Mädchen verliebt“, stöhnt sie, und die Lidschatten zittern ein wenig in ihren Augen.

Mir platzt der Kragen. Es ist erst elf Uhr. Ich habe bereits einen Besuch empfangen und zwei Telefongespräche geführt. Die Frauen haben hier eine Art, dem Draht Dinge anzuvertrauen, die sie von Angesicht zu Angesicht nie sagen könnten. Ich hatte sogar den Verdacht, daß diese Damen noch im Bett lagen, als sie mich anriefen. Es war ja noch früh am Morgen. Die eine hatte mir erzählt, warum sie ihren Mann betrogen hat: „Um wieder einmal weinen zu können, über begangene Sünden…“ Die andere klagte: „Mein Mann ist strenger als die Kirche, der will nichts von Ogino wissen:“ – Und nun präsentiert sich die Schönste von allen in meinem Zimmer und will auch nur über ihren Mann sprechen.

„Hör zu, Isabella, du hast mir selbst gesagt, daß eure Männer Mätressen haben und es dich wenig stört, wenn deiner sich außerhalb des Hauses amüsiert. Was soll also diese Geschichte?“

Die Lidschatten ziehen sich böse zusammen.

„Es handelt sich um ein junges Mädchen, mein Lieber. Was mein Mann mit einem dahergelaufenen Ding tut, läßt mich vollkommen kalt.“

„Geht er mit ihr ins Bett?“

„Noch nicht.“

„Warum regst du dich dann auf?“

„Weil sie ein sittsames Mädchen ist.“

„Du bist verrückt.“

Sie sagt: „Siehst du denn nicht den Unterschied? Mätressen begnügen sich mit Sex und Geschenken – anständige Mädchen aber erhalten alles.“

Dieses Lied haben wir täglich gehört: „Sittsame Frauen erreichen alles.“ Oder die Variante: „Ohne strenge Sitten ist die Frau verloren.“

„Gehörst du nicht selbst zu den Frauen, die die Moral gepachtet haben? Woher hast du also Angst?“

„Vor der Erotik“, sagt sie mit tiefer Stimme. „Die geht in der Ehe verloren.“

Ich versuche zu erklären, daß ich viele Ehepaare kenne, bei denen es nicht der Fall ist, aber sie schneidet mir das Wort ab, wie dem letzten Analphabeten.

„Das ist lächerlich. Erotik ist kein physisches Vergnügen. Sie hat auch nichts mit irgendwelchen Mätzchen zu tun. Erotik – das solltest du wissen – ist ein Zittern der Seele.“

Ich fühle mich wieder in Spanien. Auch dort hatten die Frauen mir erzählt, daß die Seel nur dann richtig zittert, wenn sie wünscht, was verboten ist. Für sie gibt es keine Erotik ohne die unerträgliche Spannung zwischen Verlangen und Sünde.

„Und darum ist das junge Mädchen mir überlegen“, sagt Isabella. „Wenn er sie endlich erobert hat, wird er sich stärker fühlen als alle Verbote. Stell dir vor, was das heißt. Und sie wird weinen. Nachher natürlich. Und er wird sich schuldig fühlen. Und ihre Tränen werden sie wieder reinwaschen, weil sie ja ehrlich bereut. Sie wird sich von neuem verweigern und abermals unterliegen. Und im Verlaufe dieses Spielchens wir er aus Eitelkeit und schlechtem Gewissen wie Wachs in ihren Händen. – Ich hab‘ es selbst auch nicht anders gemacht.“

Der scheinbare Widerspruch zwischen herausfordernder Weiblichkeit und kühler Berechnung, der uns hier vom ersten Tag an auffiel, findet seine Erklärung. Ich frage:

„Wäre es nicht leichter, einfach seinen Gefühlen zu folgen?“

„Das darf eine Frau nicht. Willst du ein Beispiel?“

Sie schreitet auf mich zu und bleibt hart vor mir stehen.

„Wenn ich jetzt einfach in deine Arme sinken würde – ohne Widerstand – was wäre ich dann für dich? – Eine Hure.“

„Isabella…“

„Widersprich nicht. Ich kenne Europa. Da ist es auch nicht anders.“

Ich wage nicht zu widersprechen. Sie hat es sicher auch gehört: „Ach, diese Weiber“, klagen manche Männer, „die machen immer so viele Geschichten.“ – Und wenn mal eine Frau kommt und keine Geschichten macht, dann ziehen die gleichen Herren lange Gesichter. Ihre Welt steht Kopf, denn sie haben ja nicht überrumpelt, erobert, entschieden, wie es ihrer männlichen Würde geziemt. Sie fühlen sich plötzlich entwertet, denn was da so sang- und klanglos bereit ist, kann doch nur ein Flittchen sein. Eine „anständige“ Frau wartet, bis sie gefragt wird und ziere sich, bis er überzeugt ist, nur seines ganz persönlichen Wertes wegen gesiegt zu haben.

„Die Welt ist ein Dorf“, sagt Isabella. „Die männliche Eitelkeit ist überall gleich, und eure Frauen sind auch nicht viel anders als wir.“

„Und wie rettet ihr euren Einfluß in der Ehe, wenn die Seele nicht mehr zittert“, möchte ich wissen.

„Nur durch die Moral. Die Männer erklären ihre Untreue zu einer unverbesserlichen Eigenart des Mannes und das Verständnis hierfür zu einer natürlichen Tugend der Frau. ‚Unser Fleisch ist schwach‘, sagen sie. Und sitzen damit in der Falle.“

Mit wird schwindelig. Ich muß mich setzen.

„Es ist doch so einfach“, fährt sie unbekümmert fort. „Wenn der Mann schwach ist und von uns verlangt, stark zu sein, dann muß er zugeben, daß wir in allen Fragen der Moral das letzte Wort haben. Wie könnte sonst die Ordnung erhalten bleiben, die er fordert, aber selbst mit Füßen tritt? Einer muß sie hüten und beschützen. Wir natürlich.“

Ich muß an all die armen Ehemänner denken und stöhne:

„Das ist Erpressung.“

„So kannst du es auch nennen, obwohl selbstverständlich all das unausgesprochen bleibt und weniger simpel ist, als ich es erkläre.“

Jetzt wird klar, warum sogar Ministerfrauen sich Büros neben dem Herrn Gemahl eingerichtet haben. Kontrolle tut not. Ich begreife auch, warum alle Frauen, die innerhalb der herkömmlichen Ordnung Ansehen und Einfluß gefunden haben, gegen jeden Fortschritt sind. Überall auf der Welt stehen gerade sie in den vordersten Reihen der konservativen Front. Sie fürchten neue Welten, in denen Erotik, Moral, ein „gutes Gewissen“ und ein wenig Geld vielleicht nicht mehr ausreichen.

„Willst du denn nicht mehr sein?“ frage ich lauter, als ich gewollt habe, „mehr als ein Weibchen, das sich geschickt durchschlängelt? Du bist doch ein gescheites Mädchen. Hast du dich nie gefragt: Wer bin ich?“

Sie bleibt ganz ruhig. „Sollen wir wieder aus dem Paradies gejagt werden? Wir haben schon einmal vom Baum der Erkenntnis gegessen.“

Beim Religionsunterricht hat man mir früher manchmal mit der Bibel auf die Finger geschlagen. Ich verstecke instinktiv meine Finger in den Taschen und sage:

„Ich habe viel gelernt und dir wenig geholfen.“

„Wann sehen wir uns wieder“, fragt Isabella.

„In ein paar Wochen erst. Wir gehen in die Berge zu den Indianern.“

„Bring mir ein paar mit“, sagt sie lächelnd. „Das sind großartige Dienstmädchen.“

Von diesen „Dienstboten“ gibt es nicht weniger als sechs Millionen. Sie haben kurze Beine und sind fast ebenso breit wie klein. Der Brustkorb ist enorm. Die Lunge braucht Platz, um in Höhen von drei- bis fünftausend Metern genügend Sauerstoff zu pumpen. Physiologen schließen hieraus, daß der Mensch sich immer und überall anpaßt.

Wenn die Indianer von den Anden herunterkommen, um in Lima ein Stück Brot zu verdienen, Stimmt die Theorie nicht mehr ganz: In den Armenvierteln sterben sie an Tuberkulose. Wahrscheinlich bedarf es vieler Generationen, um sich richtig anzupassen. Es ist erst vierhundert Jahre her, seit die Spanier das Reich der Inkas zerstörten. Sie waren gekommen, um das Gold zu erbeuten, mit dem diese Indianer nichts besseres anzufangen wußten, als sich zu schmücken, wie kokette Weiber. Konsequent, wie sie nun einmal waren, hatten die Spanier auch gleich die zu Hause gängigen Livreen für Diener mitgebracht und sie den Besiegten umgehängt. Sie tragen sie heute noch und sind Diener der Weißen geblieben.

Selbstverständlich hat man sei zu Christen gemacht. Sie sind sozusagen Brüder geworden und dürfen Kirchen bauen und Kreuze tragen anstatt, wie ihre Vorfahren, die Sonne anzubeten, die jeden Morgen auf dem Titicacasee aufsteigt.

Heute kreuzt Pater Henri mit seiner Motorjacht auf dem See herum. In den Staaten hat er gelernt, was er von den Indianern zu halten hatte: Sie bilden weit über die Hälfte der Bevölkerung des Landes, haben jedoch nichts zu melden. Die meisten sprechen Quetchua oder Aymara und nur wenige Spanisch. Sie seien düster, hieß es, häßlich, apathisch, verschlossen, aber manchmal gewalttätig. Natürlich faul – sonst wären sie ja reich. Sie haben viele Krankheiten, sind schmutzig, ungebildet und fast noch Heiden. Kurzum: Menschen, die man zivilisieren muß.

Missionsbewußt und auf Befehl seiner Vorgesetzten erschien er mit diesem Wissen am Titicacasee. Pater Henri hatte jedoch den praktischen Geist der Pioniere. Es konnte ihm nicht entgehen, daß die Indianer lustig sind, aufgeschlossen und immer bereit zu lernen, daß sie fleißig sind – und nur arm, weil die Weißen ihnen alles genommen haben. Zehn Familien besitzen vielleicht noch zwei Hektar Land, und die gar nichts mehr haben, müssen sich bei den Weißen oder Mischlingen verdingen.

Aber Pater Henri ist nicht nur ein harter Junge aus Chicago. Er ist Christ und Priester und hat genau gelernt, was Gott gefällig ist. Die Moral der Aymaras – so heißen die Indianer am Südufer des Sees – scheint es offenbar nicht zu sein.

„Sie ist so tief“, sagt er und führt beide Hände zu Boden.

Er sieht aus wie ein Cowboy, der nach seinem Hut sucht. Ich versuche, ihm in den Sattel zu helfen.

„Die leben eben noch nach ihren alten Sitten.“

„Die Indianer sind getauft“, meint er und zerstört mein Argument mit ein paar Tropfen Wasser.

„Gehen sie zur Kirche?“

„Ja. Sogar regelmäßig. Aber die Frauen…“

Er windet sich auf seinem Stuhl. Ich verstehe, daß es Dinge gibt, über die ein Priester nicht gern spricht, besonders vor meiner Kollegin Claude Deffarge, und will ihm aus der Klemme helfen.

„Sex“, sage ich – aber er fährt fort: „In der Beziehung ist der Teufel los. Davon später. Was ich sagen wollte, ist viel schlimmer. Wenn ich in die Kirche komme, halten die Frauen ihre Hände über die Augen ihrer Kinder. Gegen den bösen Blick. Gegen meinen Blick, mitten im Hause Gottes.“

Ich erzähle ihm, daß er mir gestern genauso ergangen ist. Vor mir hatte der See seine blaue Farbe verloren. Hinter mir sprangen Schulmädchen wie kleine Teufel herum. AM Rande des Weges saß eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Ich beugte mich, um unter den winzigen Homburger zu schauen, der auf seinem Kopf schaukelte. Aber die Frau legte ihre Hand über die Augen ihres Sohnes.

„Ich will ihn nur bewundern“; sage ich.

„Sie sind Gringo“, murmelt die Frau. Sie hält mich für einen Amerikaner.

„Ich komme aus Europa.“ – Das kennt sie nicht. – „Übers große Meer, wo die Spanier herkamen.“ – Das erweckt Erinnerungen.

„Ah, sie wohnen beim Papst.“

„Wir sind sozusagen Nachbarn“, übertreibe ich ein wenig.

„Das ist ein heiliger Mann“; sagt sie und läßt mich in die Augen ihres Sohnes blicken. – „Ich dachte, Sie seien ein Gringo.“

Pater Henri will es nicht in den Kopf, daß ein Nachbar des Papstes willkommener sein kann als ein Diener des Herrn.

„Das beweist nur, wie primitiv diese Leute sind. Die glauben ich könne den Kindern die Seele stehlen. Ich, ein Priester.“

„Ein Gringo. Darin liegt ein Unterschied“, sage ich und bitte ihn, uns ein wenig mehr von den Frauen zu erzählen.

„Wir haben alles getan, um sie zu Menschen zu erziehen. Aber das Wort genügt nicht. Das gute Beispiel fehlt. Es gibt hier keine weißen Frauen, aus deren moralischem Lebenswandel die Indianer lernen können. Es ist eine Katastrophe: Jungfrauen gibt es keine. Das garantiere ich Ihnen. Alle Mädchen benehmen sich wie Männer. Und niemand stört sich daran. Natürlich wimmelt es von unehelichen Kindern. Die bringen sie dann schamlos zur Taufe. Und die Eltern nehmen die Kinder fröhlich auf.“

Mir scheinen diese Indianer vernünftiger zu sein als alle weißen Terroristen der Jungfräulichkeit, die ihre Töchter verstoßen, wenn sie „gesündigt“ haben. Was dabei herauskommt, haben wir in Brasilien gesehen.

Pater Henri will mir nicht folgen. „Es ist gegen die Moral“, sagt er mit Nachdruck, als sei dies endgültig.

Ich bohre weiter: „Welche Moral?“

„Unsere – die christliche – die allgemein gültige.“

Ich begreife nicht, warum man sie diesen Menschen aufzwingen will. Sie haben ihre eigene Moral. Für die Indianer ist Sex nicht mit Schuld verknüpft. Er ist auch nicht schmutzig oder das ausschließliche Privileg des Mannes. Was kann schlecht daran sein, wenn keiner der Beteiligten es als schlecht empfindet und die Jungfräulichkeit kein Fetisch ist? Sie haben Sex und Liebe getrennt. Nun schön. Hat man das in Europa vielleicht nicht getan? Die Indianer geben es offen zu – das ist der Hauptunterschied. De Liebe hat darunter nicht gelitten. Hier in den Bergen gibt es große Passionen, und der einzige Grund zum Selbstmord ist Unglück in der Liebe.

Wenn Pater Henri mir vorhält, daß die unehelichen Kinder hungern müssen, kann ich nur fragen: „Wer hungert hier nicht?“

Daß sechs Millionen Indianer – mehr als die Hälfte der Bevölkerung eines ganzen Landes – hungern und manchmal Erde fressen müssen (auf dem Markt von Puno verkauft man Erde zum essen) ist entsetzlich. Aber hängt das von der „Moral“ ab? Ist es nicht vielmehr die Schuld jener, die ihnen die Äcker gestohlen habe und jetzt auch noch moralische Gleichschaltung anstreben?

Nur eine blutige Revolution oder ein göttliches Wunder kann diesen Menschen helfen. Bis dahin jedoch scheint das wichtigsten Problem die Geburtenkontrolle zu sein. Mittel zur Empfängnisverhütung scheinen hier wichtiger als moralische Predigten. Abtreibungen sind häufig. Und wenn richtige Hungersnot droht, töten viele Frauen ihre Neugeborenen.

Pater Henri ist nachdenklich geworden.

„Sie haben recht“, sagt er, „die Geburtenkontrolle ist ein wichtiges Problem. Die Frauen versuchen, mehr darüber zu erfahren. Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Wir sind hier, um Gott zu dienen.“

Wir trennen uns als gute Freunde, und ich gehe auf die Suche nach den Menschen.

Die Höhe zeichnet die Gesichter. Mein Kopf ist leicht, viel zu leicht, aber die Füße sind langsam. Kein Kind ist auf der Straße.

„Die sind alle in der Schule“, sagt ein junges Paar mit einem Lama, als ich danach frage.

„Die Mädchen auch?“

„Ja, mein Herr.“ – Der Mann hat lächerlich kurze Beine und kaut Coca. Die Frau trägt die typische Tracht, die die Spanier früher einmal eingeführt haben, und den unvermeidlichen Homburger aus braunem Filz. Sie ist fast noch ein Mädchen.

„Haben Sie auch die Schule besucht?“ frage ich sie.

„Ich will nicht dümmer sein als die Männer.“

Das klingt sehr stolz. Die Kleine scheint zu wissen, was sie will. Sie sagt er frei heraus. Es hat sich herumgesprochen, daß ich kein Gringo (Amerikaner) bin.

„In Lima findet ein gescheites Mädchen keinen Mann. Da mißtrauen die Männer klugen Frauen.“

Wenn ich von Dinosauriern gesprochen hätte, wären die Unterkiefer auch nicht tiefer heruntergefallen.

„Bei uns ist es umgekehrt“, sagt der Mann. „Wer zur Schule gegangen ist, will eine Frau, die auch zur Schule gegangen ist. Sonst versteht man sich doch nicht.“

„Sprechen die Frauen in Lima denn nicht mit ihren Männern“, will die kleine Dame wissen.

„Selten. Die Männer sitzen in den Cafés und reden über die Frauen, und die Frauen sitzen zu Hause und tuscheln über Männer.“

Sie schüttelt ungläubig den Kopf. Plötzlich leuchten ihre Augen. Der gesunde Menschenverstand geht mit ihr durch und sie sagt:

„Das ist verrückt.“

Ich stimme ihr zu und frage, wie es hier ist.

„Wir arbeiten zusammen, haben Kinder zusammen – wir machen alles zusammen.“

„Seid ihr verheiratet?“

„Nur halb, mein Herr, das heißt, noch nicht ganz. Auf Versuch, wie wir hier sagen. Ich will schon. Aber Maria zögert immer noch.“ So spricht er.

Ich schau mir das kleine Stück Frau an, das vielleicht achtzehn ist und frei entscheidet, ob sie den Mann heiraten will, mit dem sie zusammen lebt und von dem sie schon ein Kind hat. Wenn ich ihren Homburger aufhätte, würde ich ihn ehrfurchtsvoll ziehen.

Mein Gott, bin ich den Ethnologen dankbar, die uns hierher geschickt haben. In eine Welt, in der Mann und Frau gleich sind und dieselbe Verantwortung tragen. Wo Tugend keine Heuchelei ist, um des Mannes Eitelkeit zu kitzeln und des Weibchens Wert zu steigern. Kinder sind kein Vorwand für weibliche Beschränkung. Jeder kann über sich selbst entscheiden, und der Nachbar meckert nicht. Kein Wunder, daß man hier nichts mit den Tabus des Pater Henri anfangen kann. Sollen sie so werden wie die Damen in Lima? Gott behüte sie davor.

Ich laufe die Straßen hinunter und schwinge meinen imaginären Homburger zu Ehren aller Damen der Aymaras. Die kurzbeinigen Frauen lachen. Die Männer schütteln den Kopf. Ein Jeep hält genau vor mir.

„Wo kommen Sie her?“ fragt ein blonder Herr auf Englisch.

„Aus Hamburg.“

„Von der Reeperbahn?“

„Nein“; sage ich etwas erstaunt, „aus dem Pressehaus, das ist ein wenig weiter.“

„Ach, sie sind der Verrückte, der in alle Dörfern der Gegend hinter den Frauen herläuft?“

„Da können sie sich vorstellen, daß mir die Puste ausgeht.“

„Hätten mich fragen sollen. Die machen’s auch nicht anders. Doch. Die lachen dabei. Haha. Die finden das komisch. Aber sonst…“

„Mohammed sagte schon: Frau ist Frau.“

„Genau.“

Das erhebende Gefühl männlicher Solidarität versucht vergebens, sich in meine Brust zu schleichen. Ich trete zur Seite. Er fährt vorbei.

„Kommen sie mich besuchen“, ruft er, bevor sein Wagen in einer Staubwolke verschwindet.

An jeder Ecke des Dorfes stoße ich mich an einer Kirche. Ich zähle drei für sechshundert Einwohner.

„Glaubst du an Gott?“ frage ich Natalio, der uns seit zwei Tagen die Kameras trägt.

„Ja, mein Herr. Und an die paccha mamma (Mutter Erde) natürlich, die uns ernährt.“

„Deine Eltern sind Baptisten?“

„Ja, mein Herr, aber ich bin jetzt katholisch. Meine letzte Schule war katholisch. Vorher war ich Adventist des Siebenten Tages. Ich mußte jedesmal mit der Schule auch meinen Glauben wechseln.“

„Natalio“, sage ich streng. „DU bist ein Opportunist.“

„Nein, mein Herr. Ich bin Indio.“

„Du wirst in die Hölle kommen.“

„Nein, mein Herr, in die paccha mamma,“

Mit diesem Glaubensbekenntnis scheint Natalio unseren theologischen Ausflug beenden zu wollen. Er kehrt der Kirche den Rücken und läuft auf ein Haus zu, an dem eine dicke Spinne, vom Strohdach hängend, genau in die Tür schaut. Ich folge ihren Blicken und entdecke ein Holzbett, zwei Hocker, vier Teller, ein Brett, das als Tisch dient, und drei Töpfe über einem kleinen Herd. In einer Ecke sitzt ein Mädchen und sortiert Kartoffeln.

„Meine Frau“, stellt Natalio vor.

Im Nu haben wir drei Gläser mit hochgradigem Pisco on den Händen, und ich fühle, daß der Moment für einen Toast gekommen ist.

„Auf die Kinder“, sage ich.

„Wir haben keine, und wir werden auch keine bekommen.“

Habe ich ungewollt einen makabren Scherz gemacht? Das strahlende Lächeln der Frau gibt mir die Fassung zurück.

„Ich habe einen goldenen Bauch“, sagt sie stolz.

Ich glaube nicht recht zu hören. „Sie sind glücklich, unfruchtbar zu sein?“

Sie nickt, und beide erklären, daß die meisten Frauen wünschen, steril zu sein. Man hat doch nicht genug Geld, um die Kinder richtig zu ernähren. Und es ist nicht besser, lieben zu können, ohne fürchten zu müssen, Unschuldige zum Hunger zu verurteilen?

Mein Einwand, daß in den meisten zivilisierten Gegenden der Welt die Unfruchtbarkeit ein Scheidungsgrund sein kann, macht sie sprachlos. Als die Frau ihre Stimme wiedergefunden hat, murmelt sie nur: „Wir sind doch keine Hennen.“

Nein. Das habe ich hier oben gelernt. Frauen können mit den Männern auf gleichem Fuß stehen. Auf allen Gebieten. Sie können das Geld der Familie verwalten, und kein Mann schämt sich, Strümpfe oder Höschen zu stricken. Der Kampf der Geschlechter ist ihnen fremd. Sie kämpfen gemeinsam gegen eine unbarmherzige Umwelt.

Viele müssen ihre Kinder weggeben, um sie vor dem Verhungern zu retten. Mischlinge oder Weiße nehmen die Säuglinge auf und ernähren sie unter der Bedingung, daß sie nachher, von acht bis siebzehn Jahren, kostenlos Dienste leisten.

„Meine Schwester sucht eine Familie für ihr Kind“, sagt Natalio. „Kennen Sie niemand in Lima?“

„Ich kenne eine elegante Dame“, sage ich, „die aber sucht ein paar Dienstmädchen mit starken Armen.“

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