Skip to content
  • Deutsch
  • English
  • Français

Viel Sonne, wenig Peseten

Stern, Heft 38, 19. September 1959

Wir sind nicht als Touristen gekommen. Wir sind gekommen, um einen Blick hinter die malerische Fassade des Spaniens zu werfen, das die Reisebüros anpreisen, das die Dichter besingen und das Hunderttausenden von sonnenhungrigen Deutschen seine romantische Seite zeigt: Toreros, Flamenco-Tänzer, Kruzifixe und den ewig blauen Himmel vor der Costa Brava.
Wir kannten Spanien schon. Und wir hatten gelernt, es mit den Augen der Menschen zu sehen, die dort leben. Denn wir hatten zwei Jahre lang in Madrid und Barcelona als Korrespondenten gearbeitet. Das war von 1946 bis 1948. Und wir kannten Spanien auch aus jener Zeit, als es sich, erschöpft und ausgeblutet, von seinem grausamen Bürgerkrieg zu erholen begann.
Heute herrscht in Spanien Ruhe. Es ist jene trügerische Ruhe, die wir auch in Deutschland aus der Zeit kennen, als nur eine Partei regierte, und als alle, die im offenen Widerspruch zur Politik dieser Partei standen, in den Konzentrationslagern verschwanden.
Auch in Spanien gibt es nur eine Partei: die Falange. Und eine von der Falange gesteuerte „Gewerkschaft“. Alle anderen Parteien und Gewerkschaften sind verboten. Die Monarchisten, Sozialisten, Republikaner, Christlichen Demokraten und Kommunisten mußten in den Untergrund gehen.
Wir begannen unsere Reise in Barcelona, weil Barcelona die bedeutendste Industriestadt und seit jeher die politisch lebendigste Stadt Spaniens ist. Außerdem hatten wir eine Bestellung in Barcelona auszurichten. Eine Bestellung an einen alten Freund, den wir seit zwölf Jahren nicht gesehen hatten.
Er heißt Pablo, ist Republikaner einflußreiches Mitglied einer verbotenen Gewerkschaft. Wir kannten seine jetzige Adresse nicht. Und deshalb hatten wir vor unserer Abreise nach Spanien in Paris mit José, einem Exilspanier, Kontakt aufgenommen. José nannte uns ein Geschäft in einer bestimmten Straße im eleganten Einkaufsviertel von Barcelona.
„Dort werdet ihr Juan treffen, Pablos Sohn“, sagte er, „aber es wird euch nichts nutzen, wenn ihr ihm nicht dieses Päckchen mit Kaffee übergebt. Der Kaffee ist ein Erkennungszeichen dafür, daß ihr in Ordnung seid.“ Er fügte mit einem entschuldigenden Achselzucken hinzu: „Ihr dürft uns nicht für Romantiker halten. Wenn ihr erst in Barcelona seid, werdet ihr verstehen, warum wir so geheimnisvoll tun müssen.“ Und als wir gegangen waren, rief er uns nach: „Wenn ihr in Barcelona telefonieren wollt, vergeßt nicht: Die Polizei hat 12 000 Tonbandgeräte in Betrieb …“
Dennoch lächelten wir, nachdem wir uns von José verabschiedet hatten. Am nächsten Tag, in Barcelona, lächeln wir nicht mehr. Wir waren mitten drin im einzigen perfekten Polizeistaat Europas diesseits des Eisernen Vorhangs.
Ich machte mich allein, ohne Claude, auf dem Weg, Pablo zu suchen. Ich glaubte, daß das Räuber-und-Gendarm-Spielen kein Geschäft für eine Frau ist. Vor dem Haus, das José mir in Paris genannt hatte, blieb ich stehen, das Päckchen mit dem Kaffee unter dem Arm. Dem „Sesam-öffne-dich-Kaffe“.
Ich stand vor der Front eines modern eingerichteten – Kaffeegeschäfts. Ich trat ein und fragte den Besitzer nach Juan, dem Sohn von Pablo. In meiner Hand trug ich unschlüssig das Päckchen mit Kaffee.
„Sie müssen sich irren, mein Herr“, sagte er. „Das Geschäft gehört mir. Aber ich heiße nicht Juan, und mein Vater heißt nicht Pablo.“
„Sie kennen auch niemanden in diesem Haus, der so heißt?“
„Nein. Ich habe das Geschäft erst seit vierzehn Tagen …“
Ich stellte keine weiteren Fragen und verabschiedete mich etwas ratlos. Sollte Pablo etwa von der Polizei verhaftet worden sein?
Ich läutete beim Portier des Hauses. „O ja, Juan“, sagte er, „der hat hier unten die kleine Schuhmacherwerkstatt.“ Er deutete auf ein paar ausgetretene Stufen, die ins Souterrain hinunter führten.
Jetzt fiel es mir ein: José hatte von einer Tienda in diesem Haus gesprochen. Und eine Tienda kann ebenso gut ein Laden wie eine Werkstatt sein.
Ich erkannte in Juan, der gerade prüfend mit den Fingerspitzen über eine Schuhsohle strich, den Sohn seines Vaters. Er hatte dieselbe Art sich zu bewegen.
Ich komme von José aus Paris und bringe Ihnen dieses Paket Kaffee.“ Er nahm mir bedächtig den Kaffee aus der Hand, warf einen kurzen Blick auf das Etikett und fragte leise: „So, von José kommen Sie …?“
Auch ich dämpfte unwillkürlich meine Stimme, obwohl niemand außer uns beiden im Raum war. „Ich möchte Pablo sprechen.“
„Warum?“
„Ich kenne Pablo von früher. Wir waren immer gute Freunde. Sagen Sie ihm nur meinen Namen: Gordian Troeller. Er wird sich auf mich besinnen.“
„Sie sprechen Spanisch wie ein Spanier. Aber für einen Spanier sind sie zu blond.“
„Ich bin kein Spanier, aber ich habe hier einige Zeit gelebt.“
„Ich werde mit meinem Vater sprechen“, sagte er kurz. „Kommen Sie morgen wieder.“

Vor der Fassade

Vor der Fassade. Lange Reise von Männern sitzen auf der Straße und ruhen sich auf aus. Glückliche Spanier im seligen Nichtstun – so erscheinen sie den Touristen, die sie insgeheim beneiden. In Wirklichkeit sitzen diese Männer jedoch in einem riesigen Wartesaal. Sie warten auf Arbeit, sie möchten sich einmal im Leben täglich drei Mahlzeiten leisten können. Aber jede Suche nach geregelter Arbeit ist sinnlos, und zu Hause können sie nicht sitzen, den acht bis zehn Menschen teilen ein Zimmer. Also warten Sie auf der Straße – zum Müßiggang verurteilt. Niemand kennt ihre genaue Zahl – das Elend wird in Francos Spanien nicht statistisch erfaßt

Hinter der Fassade


Spanien gilt seit Jahrhunderten als Hort der Sittenstrenge und der vollendeten Wohlerzogenheit. Aber die moderne Zeit mit ihrer Lockerung der Moral ist auch am Lande Francos nicht spurlos vorübergegangen. Diese Frau in Hosen wäre noch heute in Madrid unmöglich. In Barcelona dagegen, einer Hafenstadt mit großer Industrie, hat man sich mit dem Einbruch der „Sittenlosigkeit“ schon abgefunden. Das offizielle Spanien verschließt vor diesen Bildern gern die Augen nach dem Prinzip „ … weil nicht sein kann, was nicht sein darf „. Alle Skandale, von der Sittenaffäre bis zur Korruption, werden von der Zensur unterdrückt

Ich spreche mit Pablo

Am nächsten Tag schüttelt mir auch Juan herzlich die Hand. „Mein Vater läßt Ihnen sagen, er freue sich sehr, Sie wiederzusehen.“ Er nannte mir den Namen eines kleinen Parks an der Peripherie der Stadt. „Dort werden Sie ihn abends um sechs Uhr treffen. Er wird auf einer Bank sitzen. Lassen Sie Ihren Wagen ein paar Hundert Meter vor dem Park stehen und setzen Sie sich zu ihm. Aber lassen Sie sich nichts anmerken. Keine Begrüßung. Sprechen Sie geradeaus und tun Sie, als ob sie Zeitung lesen.“
Am Nachmittag, kurz vor sechs Uhr fühlte ich mich wie ein Verschwörer, der sich an einem geheimen Treffpunkt einfinden sollte. Ich erkannte Pablo schon von weitem, aber es war kein Anblick, der mich freute. Zwölf Jahre hatten aus dem vitalen Kämpfer einen müden alten Mann gemacht, der vornübergebeugt auf der Bank saß.
Auch er mußte mich schon von weitem erkannt haben, obwohl ich nicht bemerkte, daß er den Kopf wandte: denn ein paar Sekunden lang straffte sich seine zusammengesunkene Gestalt, mit zitternden Fingern drehte er sich eine Zigarette und fuhr mit der Zunge über die Gummierung. Ich setzte mich zu ihm.
„Olà, Gordian.“
„Olà, Pablo.“
Wir schwiegen. Ich musterte ihn verstohlen von der Seite. Sein Anzug schien noch aus jener Zeit zu stammen, als ich ihn zum letzten Mal in Barcelona sah. Der Anzug war so zerknittert wie sein Gesicht, Kragen und Manschetten seines Hemdes ausgefranst.
Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten und umarmte ihn – wie es in Spanien unter Freunden Sitte ist. Als ich seine mageren Schultern an mich drückte, vergaßen wir Polizei und Politik.
„Verzeih“, sagte ich. „Ich lebe schon wieder so lange in freien Ländern, daß ich mich erst wieder an Vorsicht gewöhnen muß.“
„Danke“, flüstert er nur leise.
Wir sprachen über den Aufruf zum Generalstreik, den die Kommunisten für den 18. Juli erlassen hatten, der aber fehlgeschlagen war.
„Warum ist der Streik überhaupt danebengegangen?“ fragte ich ihn. „„Wart Ihr euch denn nicht einig – Anarchisten, Sozialisten, Christliche Demokraten und Kommunisten?“
„Nicht einig?“ lachte er bitte. „Wir hatten überhaupt nichts gewußt von dem Streik, als er ausgerufen wurde. Weder wir, die Republikaner, noch die Sozialisten und die Christlichen Demokraten. Nur die Kommunisten übernahmen den Aufruf und wiederholten ihn jeden Tag über Radio Freies Spanien, das aus Prag sendet.
Und nun geschah etwas Merkwürdiges: Die Regierungspresse, die sonst immer alles totschweigt, was dem Franco-Regime abträglich sein könnte, berichtete täglich spaltenlang über den geplanten Streik . Natürlich drohte sie mit Sanktionen und bewaffnetem Eingreifen, aber die Tatsache, dasß sie überhaupt davon sprach, war verdächtig. Das Ganze roch so sehr nach Provokation , daß wir unsere Organisationen anwiesen, sich von dem Streik fernzuhalten. Auch die Exilparteien kamen zu dem gleichen Schluß und rieten vom Streik ab. Es war klar, daß Franco einen besonders eindrucksvollen Sieg benötigte, gerade in dem Augenblick, in dem der wirtschaftliche Zusammenbruch sein Regime zwang, den stolzen Traum vom selbstständigen Spanien aufzugeben und die westliche Welt um finanzielle Hilfe zu bitten.
Um die Aufmerksamkeit von dem Bankrott seiner Wirtschaftspolitik abzulenken, mußte er wenigstens eine erfolgreiche Innen-und Sozialpolitik vorweisen können: beweisen, daß das Proletariat zu ihm hält, daß Spanien ‚einig, frei und groß‘ ist – daß also das ausländische Kapital dort risikolos investiert werden kann.
Einige Hitzköpfe glaubten, daß dies der Augenblick sei, in dem man losschlagen müsse, um Francos Kredit im Ausland endgültig zu zerstören. Sie konspirierten auf eigene Faust weiter, was natürlich den Anschein erweckte, als habe Franco wirklich ohne Schwierigkeiten einen Streik unterbunden, an dem alle Untergrundbewegungen beteiligt waren. Und Franco hatte mit Leichtigkeit einen Kampf gewonnen, in dem er selbst Angreifer und Gegner war und zu dem er sich einige Komparsen ausgeliehen hatte.“
Er schwieg eine Weile, dann sagte er: „Oder hast du vergessen, wie verschlagen Franco sein kann?“

4000 Wohnungen leer

Das offizielle Spanien ist stolz auf die riesige Wohnblocks in Madrid, die zu den modernsten Neubaukomplexen in Europa gehören. Ohne Rücksicht auf Kosten wurden von Privatleuten am Rand der Hauptstadt Luxuswohnungen gebaut, deren Miete – 700 DM monatlich – So hoch ist, daß rund 4000 Wohnungen noch keinen Mieter gefunden haben. Ein großer Teil dieser Luxushäuser wird von amerikanischen Angestellten und Offizieren bewohnt, die auf den Stützpunkten der amerikanischen Luftwaffe in Spanien Dienst tun

1 500 000 Wohnungen fehlen

Auf der Schattenseite Spaniens ist das Wohnungsproblem zu einer der brennendsten Lebensfragen geworden. Jahr für Jahr nimmt die Dreißig- Millionen-Bevölkerung um weitere 300 000 Menschen zu. Um die Wohnungsnot in zehn Jahren zu beheben, müssten jährlich 150 000 Wohnungen gebaut werden. Tatsächlich aber wurden z. B. 1957 nur 24 000 Wohnungen erstellt. Auch „billige“ Wohnungen sind jedoch meistens für den „Mann auf der Straße“ unerreichbar – es sei denn, er hätte Beziehungen. Die Mehrheit der spanischen Bevölkerung wohnt weiter in den muffigen Straßen, die, – dicht neben den modernen Prunkbauten – das wahre Gesicht der spanischen Städte ausmachen. Private Bauherren kommen nicht auf ihre Kosten, eine auch noch so knapp kalkulierte Monatsmiete wäre für die meisten Spanier unerschwinglich. Und das spanische Staatssäckel ist für einen sozialen Wohnungsbau im großen zu leer. Prunkministerien sind Franco wichtiger

Der große Bluff

Ich hatte es nicht vergessen. Mir fiel wieder jener Trick ein, mit dem sich Franco damals, als ich Korrespondent in Spanien war, in den Augen der demokratischen Westmächte gesellschaftsfähig machen wollte.
Die Westmächte hatten mit Franco, dem Schützling Hitlers und Mussolinis, nichts im Sinn. Der Krieg war gerade vorbei, und angesichts der vielen Toten stand das ideologische Gewissen noch höher im Kurs als strategische Überlegung. Das Franco-Regime wurde von der UNO verurteilt, die Botschafter wurden aus Madrid abberufen.
Aber kaum hatten sich die Konturen des Kalten Krieges abgezeichnet, da sah der gewiefte Taktiker Franco auch schon seine Bedeutung und seine Möglichkeiten voraus. Er rief seinen Polizeipräsidenten zu sich und befahl ihm, sofort eine kommunistische Partei zu organisieren. Sie sollte selbstverständlich illegal im Untergrund arbeiten. Schon wenig später wurden die diplomatischen Vertretungen und die Büros der Auslandspresse mit kommunistischem Propagandamaterial überschwemmt. Um die Existenz der Kommunisten zu beweisen, ließ Franco Verhaftungen vornehmen und Todesurteile fällen. Für die Öffentlichkeit, und vor allem für die ausländischen Beobachter, nahm die kommunistische Gefahr in wenigen Monaten unübersehbare Formen an. Franco schmiedete das Eisen und dramatisierte mithilfe seines Propagandaapparats die Situation so geschickt, daß man in Franco bald einen tapferen Kreuzritter gegen den Kommunismus sah.
Auf diese Art gelang es Franco, das spanische Problem von seinen vielen Möglichkeiten auf eine einzige Alternative zu reduzieren: Franco oder Kommunismus. Die logische Antwort: Franco ist das kleinere Übel.
So, nur so konnte Franco der wohl oder übel gelittene Partner und Verbündete der freien Welt werden.

Stiere für die Arena

Die Aufzucht von Kampfstieren ist in Andalusien stolze Tradition vieler Großgrundbesitzer. Die Zucht der Tiere ist einfacher als der Ackerbau auf dem schweren dürren Boden; überdies erzielen die Gutsherren durch den verkauf ihrer Stiere hohe Gewinne, mit denen sie in den Städten spekulieren. Darum liegen weite Flächen brach

20 Peseten proTag

Für etwa 1.40 DM hat der 12jährige Juanito Moreno 12 Stunden lang bei glühender Hitze in einem andalusischen Baumwollfeld gearbeitet. Die gesamte Familie, Vater, Mutter und sechs Kinder, müssen in den drei Erntemonaten das Geld verdienen, das sie für das ganze Jahr brauchen. Andere Arbeit gibt es dort nicht 

Vier in einem Bett

Die acht Morenos haben nur diese zwei Betten und einen Tisch. Als wir um einen Bleistifte baten, um ihre Adresse aufzuschreiben, schüttelten sie nur den Kopf. Keiner kann lesen oder schreiben. Die nächste Schule ist zwölf Kilometer entfernt. Schulbesuch ist seit langem zwar Pflicht – dennoch ist jeder achte Spanier an Alphabet

Und nun, im Jahre 1959, hat Franco zu einem ähnlichen Trick gegriffen, um sein totalitäres Regime zu festigen.
„Aber welche Rolle spielten eigentlich die Kommunisten in dieser Streikgeschichte?“ fragte ich Pablo. „Waren Sie Opfer oder Komplizen?“
„Sicher nicht die Opfer. Aber warum soll ich dich am Anfang einer Reise beeinflussen? Ich bin sicher, daß du die Antworten allein finden wirst. Und du wirst entdecken, daß die Gefahr des Kommunismus, die Franco einst an die Wand gemalt hatte, in Spanien heute Wirklichkeit ist. „Zögernd fuhr er fort: „Hier hat sich viel geändert in den letzten zwölf Jahren. Heute sind nicht wir es, die Veteranen, die den Kampf führen. Heute sind es die Jungen. Und sie kämpfen auf ihre Weise. In ihren Augen sind wir zu romantisch und zu sehr in Ideologien verstrickt. Sie glauben nur noch an Zahlen und Ergebnisse. Die Jungen sind nüchterner und sachlicher geworden. Es hat sich viel geändert bei uns – nur die Polizei und ihre Methoden haben sich nicht geändert.“
Er faltete seine Zeitung zusammen und legte sie zwischen uns auf die Bank.
„Wenn du nachher gehst, nimm bitte die Zeitung mit. Ich habe ein Dokument eingelegt, daß dir als Beweismaterial dienen soll. Eine vom Notar beglaubigte Erklärung darüber, wie es einem Studenten und seiner Familie in unserem Polizeistaat gegangen ist. Nur ein Fall unter Tausenden.
„Wird denn immer noch so viel verhaftet?“
„Ja, aber es wird schneller befreit und weniger verurteilt. Zu deiner Zeit gab es 50 000 – 60 000 politische Gefangene. Heute sind es nur noch 6000 – 8000. Das soll aber nicht heißen, daß der Widerstand gegen den Diktator nachgelassen hat oder daß etwa die Polizei milder geworden ist. Die Regierung hat einfach kein Geld, um so viele Gefangene durchzufüttern. Und aus dem gleichen Grund befindet sich ein Drittel unserer Armee auch ständig im Urlaub. Im unbezahlten Urlaub natürlich. Und warum wohl dauert der Militärdienst, der auf zwei Jahre festgesetzt ist, für die meisten unserer jungen Leute nur acht oder zwölf Monate? Weil einfach das Geld fehlt …“
Ich war ein wenig erstaunt über die Genauigkeit seiner Angaben, obwohl ich wußte, daß die spanischen Untergrundorganisationen in allen offiziellen Dienststellen ihre Leute sitzen haben. Ich gebe Pablos Angaben nur deshalb hier wieder, weil sie mir später von mehreren sicheren Quellen bestätigt wurden.
Plötzlich erhob sich Pablo. „Ich muß gehen.“
Ich holte aus meiner Hosentasche ein in Seidenpapier eingewickeltes Fläschchen. „Nimm das mit, Pablo. Es ist für deine Frau. Ein Fläschchen Eau de Cologne. Sie hatte es sich beim letzten Mal gewünscht.“
„Sie brauchte es nicht mehr“, sagte Pablo. „Sie ist vor einem Jahr gestorben – als ich das letzte Mal im Gefängnis war.“
Noch einmal glitt sein trauriger Blick über mein Gesicht. Dann ging er mit eiligen Schritten, ohne sich noch einmal umzuwenden, davon.

Das Geheimnis der Schönen

Um meine Beklemmung loszuwerden, stürzte ich mich in das Getriebe der Stadt. Entspannt von ihrer Siesta kommend, genossen die Bürger der Stadt die erste frische Brise, die vom Meer gegen die Prachtboulevards, die Ramblas und den Paseo de Gracias heraufwehte. Die jungen Frauen machten einen Schaufensterbummel und führten ihre provozierende Schönheit spazieren – ohne Komplexe, ohne Pose, ohne Forderungen. Nach jeder hübschen Frau, die meinen Weg kreuzte, drehte ich mich um, ohne mich auch nur im geringsten zu schämen. Ich beging damit keine Unhöflichkeit, sondern gehorchte nur einer Sitte, die allen lateinischen Ländern gemein ist: Ich huldigte der Schönheit. Viel angetaner wären natürlich die Frauen, wenn ich mein Kopfdrehen mit einem bewundernden Pfiff begleiten würde oder einen kleinen ‚Piropo‘  improvisieren könnte, wie etwa: „Du bist so rassig wie eine Zigeunerin“ – oder: „Dein Gesicht ist so zart wie die Haut eines Pfirsichs, und deine Beine gehen mir durchs Fleisch wie die Speere der Wilden durch das Herz des heiligen Sebastian.“

Moral nach dem Zollstock

Strand ohne Bikini. Das gestrenge spanische Badezeremoniell räumte nur widerwillig freiere Bademoden ein – eine Verbeugung vor dem Fremdenverkehr der 27 Prozent des Nationaleinkommens aufbringt. Weißuniformierte Polizisten wachen argwöhnisch darüber, daß die Ausschnitte das erlaubte Maß nicht überschreiten. – Die Kindermhaädchen mit ihren weißen Spitzenhäubchen erinnern noch an die „gute alte Zeit“

Aber soviel verlangt man sicher nicht von einem Ausländer.
Ich habe mich übrigens häufig gefragt, wie es kommt, daß in einem so katholischen und sittenstrengen Land wie Spanien die jungen Mädchen gar nicht darauf bedacht sind, ein bißchen weniger sinnlich und begehrenswert auszusehen. Die gleichen jungen Mädchen, denen von Kindheit an die Furcht vor der Sünde gepredigt wird, die ihren Körper sicher erst viel später entdeckt hätten, wenn man ihn nicht immer wieder mit der Sünde in Verbindung gebracht hätte -, diese gleichen Mädchen verstehen es, selbst ihre Trauerkleider mit Samt und Seide in Ballgewänder zu verwandeln und ihre Mantillen, die Kopfbedeckung während der Messe, zum herausfordernden Requisit weiblicher Koketterie zu machen.
Vielleicht ist dies die Erklärung: Da der Spanierin die Freiheiten ihrer nordischen Schwestern versagt bleiben, reagiert sie, indem sie den Flirt und die Koketterie zu einer unglaublichen Vollkommenheit entwickelt und die Schranken ihrer sittenstrengen Gesellschaft als einen zusätzlichen Trumpf zur Fesselung des Mannes benutzt. Sie bietet ihre Weiblichkeit an wie ein Geschenk Gottes. Sie drängt bis zur Grenze der Verführung, sie ist begehrenswert und zeigt selbst Begehren, aber sie kann, will und muss warten. Es ist ein Spiel, das tausendmal mehr Verwirrung und Befriedigung schenkt als die Freiheit des Nordens. Wenn der Spanier als der leidenschaftlichste und eifersüchtigste Mann gilt, so verdankt er diesen Ruf dieser Selbsthilfe der spanischen Frau. Nach dem einfachen psychologischen Gesetz: Jedes Gefühl wächst in dem gleichen Maße wie der Widerstand, der ihm entgegengesetzt ist.
Kleine Mädchen tänzeln an mir vorbei, zierlich und arrogant. Sie sehen mit ihren englischen Stickereien, ihren Ohrringen, Ringen, Armbändern und Bernsteinketten aus wie kostümierte Kätzchen.
Auch die Touristen fehlen nicht. Sie sehen noch zufriedener mit sich selbst aus als die jungen Mädchen. Wie recht sie haben, in Spanien nur diese malerische Fassade zu suchen!

Streng wie auf dem Kasernenhof ist die Erziehung der jungen Spanierinnen in den klösterlichen Internaten. Hinter diesen Mauern gibt es nicht den Typ der Teenager wie sonst in ganz Europa


Die neue nationale Schande nennt der reiche Spanier den „Biscuter“, den kleinsten Wagen der spanischen Autoindustrie. Diese „Sardinenbüchse“ kostet etwa soviel wie ein Volkswagen in Deutschland

Ein Protokoll

Auch ich hatte nach meiner Begegnung mit Pablo genug von der Wirklichkeit. Aber von nun an sollte ich ihr auf Schritt und Tritt in Spanien begegnen, ob ich wollte oder nicht.
Im Hotelzimmer angekommen, las sich das Blatt, das Pablo mir heimlich in der Zeitung gegeben hatte. Es ist ein bemerkenswertes Dokument, bemerkenswert für einen westlichen Staat. Deshalb will ich den Inhalt in wörtlicher Übersetzung hier wiedergeben, ohne freilich – aus begreiflichen Gründen – die Namen der beteiligten Personen auszuschreiben.

Zu Barcelona, am 22. 5. 1959,  wurden vor dem Notar B. und in Gegenwart von Zeugen folgende Erklärungen abgegeben:

  1. Am Mittwoch, 20. 5., ist Señor S., Student, am späten Nachmittag verhaftet worden. Nach Polizeiverlautbarungen beschäftigte er sich damit, Aufrufe für den Streik zu verteilen.
  2. Am selben Tag wurden die Eltern dieses Studenten um Mitternacht in ihrer Wohnung verhaftet. Fünf Polizisten haben daran teilgenommen. Mit einem Haftbefehl waren diese nicht versehen. Sie stellten eine sorgfältige Hausdurchsuchung an und nahmen ein Adressenverzeichnis, ein Buch, Bilder etc. mit.
  3. Auf dem Kommissariat wurden die Ehegatten voneinander getrennt. Der Vater wurde in ein Büro geführt, in dem sich der Inspektor Z. und etwa 10 Agenten befanden. Sie hatten ihm eröffnet:
    a) daß sein Sohn verhaftet worden ist;
    b) daß sie bereit seien, diesen halb totzuschlagen, und daß er nicht eher freigelassen würde, bis er über einige Dokumente, die sich in seinem Besitz befanden, eine klare Auskunft gegeben hätte;
    c) daß er, der Vater, seinen Sohn zum Reden bringen solle.
    Danach hat man ihm die Papiere genommen und ihn in die Arrestzelle gesteckt.
  4. Señora S., die Mutter, wurde von ihrem Mann getrennt und in ein anderes Zimmer geführt, in dem sich Inspektor Z. mit einigen Agenten befand. Man sagte ihr:
    a) man würde ihren Sohn foltern;
    b) sie solle alles sagen, was sie wüßte.
    Señora S. erklärte, daß sie nichts wisse. Der Inspektor sagte ihr, man würde sie mit ihrem Sohn konfrontieren, und als sie zurückwich, wurde sie von den Polizisten mit Fäusten gestoßen. Sie betraten dann einen Gang, an dessen Ende sie ihren Sohn sah, denn überall Spuren von Mißhandlungen trug. Der Inspektor sagte zu dem Sohn:
    a) Hier ist deine Mutter;
    b) wenn du nicht sprichst, wird es noch schlimmer;
    c) du wirst sie in der Arrestzelle wiederfinden.
  5. Der Vater und die Mutter blieben die ganze Mittwochnacht, den ganzen Donnerstag und den folgenden Vormittag bis ein Uhr in den Arrestzellen der Polizei-Generaldirektion. Und das, ohne einmal verhört worden zu sein. Die Mutter konnte aber aus ihrer Zelle beobachten, wie ihr Sohn drei Mal zum Verhör geführt wurde. Verhöre, die Stunden dauerten (eine Treppe, über die man ihn führte, befand sich neben ihrer Zelle). Jedes Mal, wenn ihr Sohn vom Verhör zurückkehrte, war er in einem Zustand, daß er kaum gehen konnte.
  6. Am gleichen Morgen, an dem diese Aussage stattgefunden hat, wurde den Eltern eröffnet, daß man sie wieder freilassen würde, aber vor ihrer Entlassung zeigte man ihnen ihren Sohn von weitem, wie er auf einem Stuhl saß. Der Junge war blutig geschlagen, er war fast bewußtlos. Die Eltern haben bei der Polizei wegen der unmenschlichen Behandlung ihres Sohnes protestiert. Der Polizist hat abermals erklärt, wenn der Junge nicht sprechen wolle, würde man so weitermachen.
Noch eine Reise durch das leere weite Land wirken Madrid (oben) und die anderen Großstädten wie unnatürliche Zusammenballungen von Kapital, Prunk und Menschen

Lesen Sie im nächsten Heft:
Die Begegnung mit dem Diktator

Back To Top