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Hochzeit auf afrikanisch

Stern, Heft 47, 21. November 1965

So feiert man in Afrika eine christliche Hochzeit. Nach dem kirchlichen Segen werden die Götter des Busches beschworen. Die alten Sitten leben neben dem neuen Glauben weiter

Zwischen ihrer Haut und ihrem Kleid hätte keine Briefmarke mehr Platz gefunden. Die Ärmel waren zu kurz, um zwei tätowierte Zauberzeichen zu verstecken. Ihre Fußnägel glänzten gelb. Die Brille badete in Tränen. Und während der Hochzeitsmarsch ertönte, bohrten sich Bettys Zehn-Zentimeter-Absätze tief in den morschen Boden der Kirche. „Long live the bride“ (Es lebe die Braut), riefen ein paar Herren neben mir und bohrten ihrerseits Blicke in Bettys Busen.
„Eine schöne Hochzeit“, sagte einer.
„Ein wenig überstürzt“, meinte ein anderer mit schwarzer Fliege und gläubigem Blick. „Sie wissen doch, Betty wurde erst vor drei Wochen getauft.“
„Gottes Wasser ist da beste Palmöl“, behauptete ein dritter, „es schmiert den Weg nach oben.“
„Zum Himmel auf Erden“, sagte lächelnd ein vierter.
„Amen“, murmelte schließlich ein fünfter und führte uns zum Taxi, das uns zur Hochzeitsfeier fahren sollte. Der gläubige Herr mit der schwarzen Fliege lehnte die Einladung zum Mitfahren entschieden ab. Sein Maß an Toleranz sei voll. Er habe „Bettys Hintern in der Kirche ertragen müssen“, jetzt wolle er ihn nicht auch noch tanzend wackeln sehen.

Als wir im Haus des Bräutigams ankommen, rollt besagter Teil wie zwei kugelgelagerte Melonen zum Rhythmus des Tamtam. Junge Männer schlagen auf Trommeln. Einige tragen Federn auf den Köpfen. Andere haben bemalte Gesichter. Ein Dicker mit nackter Brust schwingt einen Fetisch.

Wenn ein Bayer heiratet und eine Heimatkapelle kommen läßt, dann ist das ein wenig Folklore. Hier jedoch werden ernsthaft die Geister der Vorväter beschworen. Mitten in Lagos, der modernen Hauptstadt von Nigeria. Auf einer christlichen Hochzeit.

Vier alte Weiber schreien „Ju-Ju“ und rollen sich zwischen die Beine der Braut. Ein Zauberer streicht mit roten Federn über die Hochzeitstorte. Der schwarze Herr Pfarrer hält sich, tolerant lächelnd, an einem Glas Whisky fest. Er hat vorsichtig in der Mitte des Gartens Stellung bezogen – zwischen den heidnischen Trommlern und dem modernen Plattenspieler.

„Tanze mich“, sagt Betty, die Braut. Ich tanze sie. Das Tamtam ist von „High Life“ abgelöst worden.
„Nicht die moderne Tour“, fordert sie. „Backe an Backe. Das liebe ich an weißen Männern. Die tun das immer. Die wollen mich fühlen. Findest du mich hübsch?“
„Großartig – aber gestern hattest du nur Augen für meinen Freund Peter.“
„Er ist reich!“
„Du kleine …“
„Pst, keine Schimpfworte am Hochzeitstag. Ich brauche ein Kleid.“
„Als Christin solltest du treu sein.“
„Nur Geld fordert aufrichtige Treue – in Lagos. Sonst endest du in der Gosse!“

Und schon ist sie weg. Die Torte muß angeschnitten werden. Der Dicke mit der freien Brust zückt ein Schwert und reicht es Betty. Sie schneidet drei kleine Scheiben. Die erste stopft sie in den Mund des Bräutigams. Die zweite wird schon etwas vorsichtiger auf die Zunge des Pfarrers gelegt, die dritte ehrfürchtig zwischen die Zähne des Zauberers geschoben.

Inzwischen hat sich ein kleiner Junge an mich herangepirscht. „Stärkungspillen, Mister? – Nur drei Shilling. Die machen stark wie ein Löwe. Bitte, Mister …“

Im afrikanischen Dorf ist es verpönt, Zuneigung zur Schau zu stellen. In den Städten hingegen benehmen sich Liebespaare völlig ungeniert. Man tanzt, flirtet und liebt, so wie man es aus den Filmen der Weißen kennt. Ihnen will man um jeden Preis gleichen

Der Garten scheint für alle offen zu sein. Neben parfümierten Mädchen in europäischen Cocktailkleidern hocken einfache Nachbarsfrauen und singen im Chor.

Betty bringt mir ein Stück Torte. Ihr Blick schweift umher, und sie fragt: „Welche gefällt dir? Sie sind alle Töchter der Schönheit. Findest du nicht?“

Neben mir sinkt ein Herr zu Boden. Oder betet er? Vielleicht ist er auch nur in Trance gefallen, von einem Urgroßvater besessen, der auch mal auf einer christlichen Hochzeit dabeisein will.

Ist das, was sich hier abspielt, grotesk, unmoralisch, heidnisch, verrückt? – Es mag so aussehen. Ich finde es ergreifend. Denn es ist der pathetische Stil afrikanischer Selbsterhaltung. So versucht der Afrikaner zu überleben. So drückt sich die Entwurzelung des schwarzen Menschen aus. Losgelöst von der Geborgenheit der großen Familie des Stammes, wo alles genau seinen Platz hatte, ausgeliefert der Welt des weißen Mannes, die er nicht in sein Leben einzuordnen versteht, vereinsamt und fasziniert zugleich, weiß er nicht mehr, an welchen Gott er sich wenden soll, und wirft sie alle in einen Topf.

Als ob er meine Gedanken erraten hätte, steht plötzlich der schwarze Pfarrer neben mir. „Haben Sie genügend Geduld, ein Gleichnis anzuhören?“
„Aus der Bibel?“ frage ich. 
„Nein – aus der Seele des schwarzen Menschen.“
Und er fordert mich auf, mir einmal folgendes vorzustellen: Marsmenschen erobern Europa und bringen ihre Sitten mit. Kinder werden in Flaschen produziert. Liebe ist Vereinigung mit dem gleichen Geschlecht. Und ein elektronisches Auge – der Schöpfer der Marswelt – ersetzt Christus auf den Altären in den Kirchen.
Spöttisch lächelnd stehen die neuen Herren vor allem, was den Erdbewohnern lieb und wert war. Für die Eroberer vom Mars ist ein Europäer ein minderwertiges Wesen. Beweis: Er konnte den Marswaffen nicht widerstehen.
Nun müssen diese armen menschlichen Wesen – so fährt mein frommer Gesprächspartner in seinem Gleichnis fort – zu den neuen Werten bekehrt werden, um vor dem elektronischen Auge im rechten Licht zu stehen. Emsig eifern sie den neuen Herren nach. Je besser man sie kopiert, um so höher steigt das soziale Ansehen. Zwar träumt man immer noch von Jesus, der Leib will sich auch nicht so recht daran gewöhnen, keine Kinder mehr zu gebären, und die gleichgeschlechtliche Liebe verlangt einige Überwindung.
Aber was soll man tun? Es gibt kein Zurück. Und so setzt man die Marsmaske auf und schließt täglich erbärmliche Kompromisse zwischen der barbarisch-menschlichen Seele und dem erlösenden Funken des elektronischen Auges und seiner mächtigen Diener. Die Marsgeschöpfe lachen sich natürlich tot beim Anblick jener wilden Europäer, die den Anschluß nicht finden und die neuen Sitten mehr mimen als leben.
„Genauso ist es Afrika ergangen, seit es von den Weißen erobert worden ist“, beendet der Pfarrer sein Gleichnis.

„He“, ruft Betty und spielt stolz mir ihrem kleinen goldenen Kreuz, das an einem zierlichen Halskettchen hängt. „Ernste Gespräche gehören nicht auf eine Hochzeit, Gordian, such dir ein Mädchen, bevor es zu spät ist.“

„Sehen Sie“, erklärt der Pfarrer. „Sie hat sich sogar bei den Falschen taufen lassen – bei uns Baptisten. Sie wußte nicht, daß wir keine Kreuze tragen. Trotzdem wird sie an ihrem Kreuz festhalten. Jeder soll sehen, daß sie keine „Kralwilde“ mehr ist. Hier muß man wirklich Christ sein und nicht an eine bestimmte Kirche, sondern an die Worte Jesu glauben, um verstehen zu können.“

Betty hat ihr Dorf vor fünf Jahren verlassen, um in Lagos ihr Glück zu versuchen. Sie wußte, daß nur der „weiße Weg“ zum Erfolg führen konnte. Verzweifelt hat sie sich jenem „ Gott“ in die Arme geworfen, der allem Anschein nach der mächtigste war, dem Geld. Denn dafür hatten weiße Männer gemordet, gefoltert, versklavt und verraten.

Ihr Leben in der Großstadt begann wie das der meisten Mädchen aus dem Busch, die hier versammelt waren: in den Slums. Dort fehlten plötzlich die Regeln der Solidarität und Gegenseitigkeit, die das Leben im Dorf beherrschten. Man lernte das eiserne Gesetz von Angebot und Nachfrage kennen. Chronischer Arbeitsmangel sprengte die Gemeinschaft. Aus Stammesbrüdern wurden Konkurrenten.

Nach dem ersten Schock treibt die Not sie wieder zusammen. Innerlich unsicher, graben sie ihre alten Götter aus. Die Zauberei erhält neuen Auftrieb. Noch nie brauchte man den Beistand magischer Kräfte so nötig wie jetzt in der Stadt.

Selbst das Tamtam ertönt wieder. Am Abend beherrschen Buschtrommeln die Stadt. Und man tanzt. In Afrika ist der Tanz eine Technik des Kampfes gegen die Geister der Furcht. Jetzt, in den Slums, braucht man ihn dringender als vorher im Busch.

Sexualsozialismus im Kral

Und die Liebe? – Auch sie ist ein heilsames Mittel gegen die innere Vereinsamung. Der Sexualsozialismus der Kraljugend erleichtert die Kontakte. Die Mädchen sind erzogen, Sex als ein Vergnügen zu betrachten, das sie mit ihren „Brüdern“ – den Jungen der gleichen Altersgruppe – ungestraft teilen dürfen.

In ihren Dörfern waren das Spiele unter Kindern. Aber jetzt, in der Großstadt, erfahren sie vom Marktwert der Erotik. Er wird ihnen täglich eingehämmert. Filme, Werbung, Plakate betonen seine Bedeutung. Zwar hatten Missionare sie gezwungen, in Kleider zu schlüpfen, um ihre Scham zu verhüllen. Die Geschäftswelt des weißen Mannes jedoch scheint ganz anderer Meinung zu sein: „Zeig, was du hast“, fordert sie. „Männer mit Geld wollen Frauen mit Formen.“ – „Sex ist Trumpf!“

Frauen kontrollieren Männer: Afrikas Frauen fordern Zugang zu allen Berufen. Uniformen sind besonders beliebt, weil sie Autorität verleihen

Früher erhielt Afrika, was in Europa unverkäuflich war: Ausschuß. Das verbildete den Geschmack des Schwarzen, über den wir jetzt spöttisch lächeln. Heute schickt man den neuesten Schund: die erotische Besessenheit der westlichen Marktwerbung. Und anschließend jammert man über die moralische Verwahrlosung der afrikanischen Städte. So wundert es mich gar nicht, daß einer meiner Bekannten, der in Accra (Ghana) von einer weiblichen Polizistin angehalten wurde, das Mädchen überreden konnte, ihn nicht zur Revierwache zu schleppen, sondern das Strafmandat im nächsten Hotelzimmer zu kassieren. 

Darf man sich aufregen, daß Betty und ihre Freundinnen zu Klubs gehören, die Männer zum Tanzen einladen? Diese Vereine werden meistens in der guten Absicht gegründet, sich im Notfall gegenseitig zu helfen. Später überlegt man sich, daß Feste mit Musik und Eintrittskarten eigentlich etwas Geld abwerfen müßten. Und wenn die Männer wirklich kommen und spendabel sind, warum dann nicht einen oder mehrere zu Freunden wählen?

In Europa wäre das natürlich Prostitution. In Afrika kann man es kaum so nennen. Es wird nicht kalt und hart mit Sex gehandelt. Die Frau wählt. Sie sagt oft „nein“. Und wenn sie schon „ja“ sagt, dann muß sie auch beschenkt werden. Das gehört zu Afrikas Sitten. Der Mann muß zeigen, daß sie ein Opfer wert ist – und sei es nur eine Tasse Tee. Der Brautpreis war ja auch – bevor es Geld gab – nur ein Symbol des weiblichen Wertes.

Pornographie und Brillen

So mischen und verwischen sich die Begriffe. Und wenn auch noch westliche Vorstellungen von Liebe, Verliebtheit und Treue sich zu sterbenden Buschtradition gesellen, dann wird die Verwirrung total.

Im Busch hat die Erotik noch keinen Marktwert. Dort zählt nur der natürliche Charme

Im Dorf ist es zum Beispiel verpönt, Zuneigung zur Schau zu stellen. Ja, selbst ein zärtliches Wort darf nur in der Intimität der Hütte geflüstert werden. In den Städten hingegen wird jetzt wild mit Worten der Liebe umhergeworfen. Die Beweise der Zuneigung grenzen nicht selten an Pornographie. Man will um jeden Preis dem weißen Manne gleichen – und hat dabei keine besseren Vorbilder als die Helden seiner Filme.

Die schwarze Städterin erliegt mehr und mehr der westlichen Marktwerbung. Europäische Mode und aufgehellte Haut gelten als modern und sehr schick

Zum Zeichen moderner Lebenshaltung gehört auch die Brille. Sie ist das magische Fenster zur westlichen  Welt. Kein Wunder, daß die Stadtjugend der afrikanischen Westküste langsam erblindet. Sie kauft Brillen wie die unsere Blue Jeans. Und das Statussymbol muß recht dicke Gläser haben, genau wie das Kreuz am Hals nur aus Gold sein darf. Beide Symbole zeigen, wer man ist – oder vielmehr, für was man nicht mehr gehalten werden will: für einen Kralwilden.

Und selbst auf dem Lande breitet sich der „Fortschritt“ schon auf ähnlichen Wegen aus. In der Nähe von Brazzaville traf ich einen schwarzen Exfeldwebel der französischen Armee. Er hatte sich stolz den Namen Charles gegeben – zu Ehren de Gaulles, weil der General nach dem Krieg die Zwangsarbeit im damals noch französischen Kongo abgeschafft hatte.

Nach der Unabhängigkeit hatte Charles sich eine Plantage kaufen können. Leider lag sie etwas abseits, und Arbeiter waren schwer zu bekommen. Eigentlich wollte Charles seinen alten Namen Youbou wieder annehmen, um gegen die gaullistischen Arbeitsgesetze zu protestieren. Aber dann kam ihm der rettende Gedanke: Hier mußten Frauen her!

Mit dem Rest seiner Ersparnisse heiratete er sieben Frauen. Jetzt langweilten sich die Damen. Sie mußten sich einen Mann teilen, und kein Dorf war in Sicht. So fiel es Charles auch nicht schwer, sie zu überzeugen, die Landarbeiter freundlich zu behandeln, falls er welche bekommen könnte.

Sie kamen in Scharen. Zwar zog Charles für die gewährte Freizeitbeschäftigung einen Teil des Lohnes ab, aber jeder schien zufrieden. Die Geschäfte gingen gut.

Bei einer Frau jedoch kannte der Boß keinen Spaß. Eifersucht – so hatte er in der französischen Armee gelernt – war die Zierde des Mannes. Als Christ beruhigte es auch sein Gewissen: Er hatte den Eindruck, monogam zu sein, wenn seine Favoritin neben vielen anderen Geboten der Kirche auch das sechste einhielt – Du sollte nicht ehebrechen!
„Charles, du bist ein Zuhälter“, sage ich.
„Daß ihr immer gleich Schimpfwörter gebrauchen müßt“, jammert er. „Heiden, Hexen, Kannibalen – und jetzt auch noch Zuhälter. Hoffentlich fällt euch sonst nichts mehr ein.“
„Also gut – du bist nur ein großzügiger Ehemann, der es versteht, Geschäft und Liebe zu verquicken.“

Charles Youbou belehrt den Autor

Jetzt protestiert er ganz energisch: „Keineswegs. Ich befolge nur die Sitten der Gegend, aus der ich meine Frauen geholt habe. Dort gehört das, was ihr Untreue nennt, in regelmäßigen Abständen direkt zur Ehe. Das soll sogar psychisch“ – er rollt das Wort über seine in Frankreich geschulte Zunge – „sehr gesund sein. Eure Wissenschaft ist übrigens ebenfalls dieser Meinung, falls du es nicht wissen solltest. Und auch die Kirche, denn was Gott zu Moses sagt, stimmt genau.“
„Zum Beispiel?“
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ja, mein Lieber. Wer das tut, der liegt fest wie die Eisenbahn auf den Schienen des Guten.“Flehend bitte ich um etwas Palmwein.
„Du scheinst in der christlichen Lehre wenig bewandert zu sein“, meint er besorgt. „Im Krieg sagte mein Leutnant immer: ‚Youbou‘ – sagte er -, ,lies deinen Leuten aus der Bibel vor, damit sie wissen, warum sie töten.‘ Und auch das sagte er: ‚Youbou, jeder von euch schwarzen Hunden, der drei Deutsche umlegt, darf einmal ins weiße Bordell.‘ So ein Kerl war mein Leutnant! ‚Youbou‘ – befahl er -, ,wenn ihr euren Quatsch singt, dann muß jedes zehnte Lied ein christliches sein. Verstanden?‘ Ja, der wußte, was Zivilisation bedeutet!“
„Kannst du mir erklären, was das ist?“ frage ich zögernd.
„Nichts ist leichter: Vier meiner Frauen wollen mir den Brautpreis zurückzahlen und wieder ledig werden. Die haben vor, in der Nähe zu bleiben und selbst ein wenig zu verdienen. Und ich nehme an. Stell dir vor, ich laß sie alle vier gehen. Das ist Zivilisation, mein Lieber. Verstehst du endlich! Der Brautpreis ist nämlich das genaue Gegenteil von Zivilisation. Deshalb nehme ich ihn ohne Widerspruch zurück.“

Mir scheint, Charles‘ moralische Eisenbahn fährt mit Vollgas im Rückwärtsgang. – „So“ – hätte er eigentlich sagen müssen – „wie heute der Brautpreis in vielen Teilen Afrikas gehandhabt wird, versetzt er der afrikanischen Zivilisation den Todesstoß.“

Da jedoch sein Plantagenbetrieb das Raffinierteste an moderner Brautpreisentwicklung darstellt, ist er wahrscheinlich selbst überzeugt, als bibellesender Exfeldwebel einer großen Kulturnation hier zivilisatorische Pionierarbeit zu leisten.

Ohne Geld keine Frau, ohne Frau kein Geld

„Cherchez la femme“, sagt er. „Das habe ich in Frankreich gelernt. Hinter allem steckt die Frau!“
„Oder das Geld“, wage ich einzuwerfen.
„Beides, mein Lieber, beides. Ohne Geld keine Frau, und ohne Frau kein Geld. Das ist der moderne Weg. Das ist Fortschritt. Das Ei des Washington…“
„Kolumbus.“
„Na, schön – Washington Kolumbus. Der entdeckte Amerika. Aber wir Afrikaner haben auch etwas entdeckt: die Synthese zwischen Frau und Geld…“

Ich will ihm seine Illusion nicht nehmen und widerspreche nicht. Die besagte Synthese nämlich wurde von Europäern erfunden. Sie waren es, die das Geld nach Afrika brachten.

Bis dahin war der Brautpreis keine finanzielle Transaktion, kein Tauschgeschäft mit materiellen  Werten. Kühe und Gaben konnten nicht veräußert oder „flüssig“ gemacht werden. Sie galten nur als das symbolische Band zwischen zwei Familien, zwei Sippen.

Dann kam das Geld und mit ihm der Begriff des Gewinns. Selbst im dicksten schwarzen Schädel dämmerte die Erkenntnis, daß mit den kleinen Münzen mehr anzufangen war als mit Kühen und Ziegen. Und langsam verwandelte sich der symbolische Brautpreis in klingendes Brautgeld.

Jetzt wurden auch frühere Gegner plötzlich zu eifrigen Verfechtern der alten afrikanischen Sitte. Weiße und schwarze Herren, die vorher wild gegen den „unmenschlichen Kuhhandel mit Weibern“ gewettert hatten, entdeckten im Brautgeld einen die Wirtschaft fördernden, ja sogar zum Arbeitsethos erziehenden Wert. Seit die Schwiegereltern nicht mehr Kühe, sondern klingende Münze verlangten, habe sich der moralische Aspekt des Brautpreises gänzlich verlagert, meinten sie, und jetzt sei er ein Element des Fortschritts.

Und sie erreichten, was sie wollten: Hunger nach Frau und Familie trieb die jungen Männer zu Tausenden in die Minen und Plantagen, wo sie jahrelang für jämmerliche Löhne schufteten, um eines Tages den Brautpreis zahlen zu können. Selbst eine Hungersnot könnte kaum so viele billige Arbeitskräfte herantreiben wie die Kommerzialisierung eines sozialen Ritus.

Seit der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten hat sich in dieser Hinsicht kaum etwas geändert. Zwar wurden Gesetze erlassen und „Höchstpreise“ fixiert. Aber das sind zunächst Zukunftsträume oder politische Alibis.

Die Aufgabe der neuen Regierungen ist schwer. Sie können nicht, wie die Kolonialherren es taten, die traditionelle Stammesgesellschaft einfach als „wild“ erklären und entsprechend behandeln. Diese Menschen sind ihre Brüder. Ihre Sitten verdienen Achtung. Andererseits erleben die Verantwortlichen am eigenen Leibe, daß selbst der modernste Großstädter zutiefst „Afrikaner“ geblieben ist, gebunden durch Sippe, Stamm und Kindheit an die Welt der Väter – und nicht zuletzt durchs eigene schlechte Gewissen, sie täglich zu verraten.

Rührend jämmerliche Karikaturen

Ebenso kennen sie die eiserne Notwendigkeit, eine neue Gesellschaft aufzubauen, wenn sie endlich das chronische Elend bannen wollen. Sie wissen aber auch, daß die blinde Nachahmung des westlichen Lebensstils letztlich nur rührend jämmerliche Karikaturen hervorbringt – Karikaturen Europas und Afrikas zugleich.

Kein anderer Kontinent hat es so schwer. In Amerika wurden die Eingeborenen zum großen Teil ausgerottet und ein Ableger Europas gezüchtet. Asien hat seit Jahrhunderten Kulturen hervorgebracht, von denen Milliarden Menschen geprägt wurden.

Aber Afrika? Hier leben ungezählte kleine Gruppen, die verschiedene Sprachen sprechen, eigene Götter verehren und selbstständig über Gut und Böse entscheiden. Kein Wunder, daß die Eroberung durch Europa so leicht war. Kein Wunder auch, daß die Integration jetzt so schwer ist – obgleich es auch hier eine afrikanische Gemeinsamkeit gibt: In der gleichen Lebensform, im ähnlichen Verhältnis zu Mensch, Gott, Erde und Angst liegt die „afrikanische Persönlichkeit“.

Kenner Afrikas (ich spreche nicht von Büffeljägern, Reiseführern oder Geschäftsleuten), Ethnologen und Soziologen, die jahrelang Dörfer und Krale studiert haben, sind überzeugt, daß die Frau diese afrikanische Persönlichkeit am besten verkörpert. Sie behaupten sogar, daß nur sie imstande sein wird, Afrika eines Tages aus seinem kulturellen und wirtschaftlichen Schlamassel zu retten.

Mama Afrikas geschäftliches Talent

Sie hat schon immer die Vermittlerin gespielt. In alten Zeiten tauschten feindliche Stämme ihre Töchter aus, um den Frieden zu festigen. Als man dann weniger Kriege führte und mehr Handel trieb, entdeckte „Mama Afrika“ ihr geschäftliches Talent. Sie bestellte bereits den Acker – jetzt wurde sie auch noch die Königin der Märkte. Während die Männer im kleinen Kreise große Reden schwangen, trafen sich die Frauen verschiedener Stämme, Sprachen, Sitten und brachten neben dem Erlös für ihr Erzeugnisse auch neue Bilder der Welt mit nach Hause.

Die endlosen Reihen von Frauen, die täglich auf allen Wegen Afrikas ihre Waren zum Markt tragen, sind die eigentliche Sprache dieses Kontinents. Selbst heute, wo es Asphaltstraßen gibt, nennt man die Lastwagen nicht zufällig „Mammy-Lorries“ (Mutti-Laster). Hoch oben auf den Kisten und Körben fahren die Frauen zu immer ferneren Orten, zu immer größeren Märkten.

Aber mehr noch: Während die Männer halbtrunken und gähnend auf den nächsten Tag warten, bauen die Frauen Schulen, Entbindungsheime, Kindergärten. Im kleinsten Dorf. Mit ihren Händen und ihrem Geld.

Die USA und europäische Nationen haben in Afrika landwirtschaftliche Schulen gebaut, auf denen sie Spezialisten ausbilden. Entsprechend der westlichen Überzeugung, daß der Mann auch der Herr ist, haben sie natürlich nur Männer genommen – obwohl die Frauen seit jeher die Landwirte Afrikas sind und die Geheimnisse der Erde kennen. Während viele afrikanische Männer nur Titel suchen, um „Herren“ zu werden, interessiert sich die afrikanische Frau wirklich für die Probleme ihres Ackers.

Ich werde es nie vergessen, wie halbnackte Frauen uns einen ganzen Tag festhielten, bis sie die letzten unserer dürftigen Kenntnisse aus uns herausgepreßt hatten. Und das ging keineswegs primitiv vor sich. Als Claude Deffarge zum Beispiel erklärte, daß es nur weniger Verbesserungen bedürfe, um zweimal im Jahr Reis zu ernten, waren die Frauen zunächst begeistert.

Schwarze Frauen wählen nicht „schwarz“

Doch dann überlegten sie: „Ja – aber die Verteilung ist schlecht organisiert. Wenn plötzlich mehr Reis da ist und kein größerer Absatz, dann werden die Preise fallen. Natürlich! Und wir müssen doppelt soviel arbeiten, ohne auch nur einen Penny mehr zu verdienen.“

So sprachen „wilde Negerinnen“ in einem kleinen Dorf am Njassa-See in Ostafrika.

Diese Frauen dürfen auch wählen. Sie tanzen dabei keineswegs nach der Pfeife des Mannes. Sie wählen auch nicht „konservativ“ wie viele ihrer europäischen Schwestern. Denn die Afrikanerin will ihr Elend nicht konservieren. Sie will auch nicht monogam sein oder unbedingt christlich-moralischen Begriffen zum Siege verhelfen. Ihr geht es vor allem darum, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu schaffen.

Vielleicht wird sie es sein, die Afrika eines Tages das nötige Selbstvertrauen schenkt, seinen eigenen Weg zu gehen, statt mit schlechtem Gewissen und groteskem Ergebnis die Maske des Weißen zu tragen.

In Tansania sind die Frauen auf dem besten Weg: Dort sind Frauen Minister, Abgeordnete, Präfekten. Selbst im Kral sind sie das fortschrittliche Gewissen, und dort, wo sie den Brautpreis abschaffen wollten, mußten sogar die reichen Weibersammler in die Knie gehen.

In Westafrika hingegen sieht es nicht so gut aus: Dort liefern sich die Konsumpropaganda des Westens und der Islam einen erbitterten Kampf um die Frau. Wer schon Christ ist, der will auch noch einen Kühlschrank. Wer noch heidnisch lebt, glaubt sein Prestige erhöhen zu können, indem er sich offiziell zum einzig wahren Gott bekennt. Zur Wahl stehen Christentum und Islam.

Wie alles, was vom weißen Mann eingeführt worden ist, hat das Christentum eine große magische Anziehungskraft. Aber irgend etwas stimmt da nicht, denkt der Schwarze. Zu viele Konkurrenten behaupten, den einzig richtigen Weg zum gleichen Gott zu weisen: Da gibt es Baptisten, Katholiken, Adventisten des Siebenten Tages und viele andere mehr. Jeder hat sein Netz ausgelegt, um die schwarze Seele zu fangen und sie dann, weiß wie Schnee, durchs irdische Tal der Tränen in den allein selig machenden Himmel der Christenheit zu führen.

Von Kühlschrank und Schleier bedroht

Der Islam findet in Afrika immer mehr Anhänger. Aber hinter dem Schleier der Mohammedanerin verliert „Mama Afrika“ ihre wundervolle Persönlichkeit. Sie wird zur Untertanin männlicher Willkür

Beim Islam ist das einfacher. Auch dort sitzt der einzig wahre Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat – und sogar die Neger. Aber er erlaubt die Vielweiberei, genau wie die afrikanischen Götter. Wer sich also zu ihm bekennt, der braucht eigentlich nichts am traditionellen Leben zu ändern, außer ein paar leicht zu verrichtende Knie- und Rumpfbeugen gen Mekka.

Kein Wunder, daß der mohammedanische Glaube sich rapide ausbreitet. Auf Kosten der Frau. Sie zahlt einen hohen Preis. Denn die islamische Vielweiberei ist keineswegs mit der afrikanischen zu vergleichen. Sie zerstört die im traditionellen Afrika herrschende Harmonie der Geschlechter zugunsten des Mannes.

In Westafrika ist deshalb die Situation der Frau weit kritischer als in Ostafrika. Es ist nur zu hoffen, daß die Afrikanerinnen nicht kühlschrankhörig werden wie ihre weißen Schwester, oder daß sie hinter dem Schleier des Islams ihre wundervolle Persönlichkeit verlieren.

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