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Kreuzverhör in Bagdad

Stern, Heft 22, 1. Juni 1969

Die Motorradfahrer mit den silbernen Helmen geleiten die amerikanische Limousinen bis ans Ufer des Tigris. DDR-Außenminister Winzer, sein irakischer Kollege Sheikhly und ihre Begleiter steigen aus. Bevor sie eine Bootsfahrt auf dem Tigris antreten, posieren sie für die Presse. Außer mir sind nur zwei irakische und zwei DDR-Fotografen da. Doch als ich meine Kameras betätige, werden die Herren der DDR-Delegation steif. Sie tuscheln und winken ab. Schließlich kommt ein blonder Hüne auf mich zu: „Verschwinden Sie sofort, oder wir lassen Ihre Filme konfiszieren. Sie haben hier nichts zu suchen. „Er sagt es auf sächsisch.

Nach der Anerkennung der DDR durch den Irak am 30. April war ich in die irakische Hauptstadt Bagdad gekommen, um den anwesenden DDR-Außenminister Winzer und seinen irakischen Kollegen zu interviewen. Das Visum für den arabischen Staat, der seit 1965 keine diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik unterhält, bekam ich in Paris. Da ich Luxemburger bin, war das nicht schwierig. Auf Empfehlung französischer Freunde hatte ich von der Botschaft des Irak in Paris sogar einen Brief mitbekommen, in dem der irakische Außenminister um ein Interview gebeten wurde.

Am Donnerstag, dem 8. Mai meldete ich mich im DDR-Generalkonsulat in Bagdad, über dem stolz die Hammer – und Zirkelfahne flatterte. Presseattaché Walter Prade bewirtete mich freundlich. Er versprach, Herrn Winzer um ein Interview zu bitten und mir die Erlaubnis zu verschaffen, beim großen Empfang in der Residenz des zukünftigen Botschafters fotografieren zu dürfen. Doch am nächsten Tag klang Prades Stimme gar nicht mehr freundlich: Ich durfte weder Herrn Winzer interviewen noch am Empfang teilnehmen.

Dennoch will ich Fotos mit nach Hamburg bringen. Deshalb stelle ich mich am Freitagnachmittag am Ufer des Tigris auf, wo das irakischen Ministerium für Presse und Tourismus eine Bootsfahrt für die DDR-Delegation organisiert hat. Bei diesen Ministerium bin ich offiziell akkreditiert, mit Presseausweis und Fotografier-Erlaubnis.

Irak-Außenminister Sheikhly und DDR-Kollege Winzer in Bagdad
Am Tigris Fotografierverbot auf sächsisch

Nachdem mir der blonde Sachse das Fotografieren verboten hat, mache ich ihn darauf aufmerksam, daß wir hier im Irak sind und nicht in der DDR. „Wir wissen genau, für wen sie arbeiten“, stößt der Blonde hervor. „Sie kommen niemals aufs Schiff.“

„Darüber müssen die Iraker entscheiden“, sage ich. Und das tun sie dann auch. Nachdem sie kurz die Köpfe zusammengesteckt haben, bemüht sich Außenminister Sheikhly zu mir und bittet mich etwas geniert, das Feld zu räumen
Es soll mein einziges Gespräch mit Herrn Sheikhly bleiben. Am nächsten Tag klingelt das Telefon in meinem Zimmer im Hotel „Baghdad“: Freunde warten in der Halle auf Sie. Bitte kommen Sie sofort.“

In der Halle werde ich von zwei Fremden in die Mitte genommen und in rasendem Tempo in die Zentrale des Sicherheitsdienstes gefahren. Keine Erklärung. Kein Wort, als eine schwere Eisentür hinter mir verriegelt wird. Ich muß mich in einem langen Gang auf einen abgenutzten Gartensessel setzen. Genau gegenüber auf einer Holzbank sitzen sieben junge Männer, die mit einer Maschinenpistole herumspielen. Sie ist stets, wie durch Zufall, auf meinem Bauch gerichtet.

Nach 3 Stunden führt mich ein liebenswürdig aussehender Herr mit Brille und biederem Bäuchlein in ein Büro: „Sie sind doch Deutscher!“
„Nein. Ich bin Luxemburger.“
„Unseren Informationen zufolge sind Sie ein Westdeutscher, der sich mit einem luxemburgischen Paß die Einreise verschafft hat. Sie haben doch unbedingt die DDR-Delegation fotografieren wollen.“
„Ja.“
„Na sehen Sie.“

So geht es stundenlang. Andere Beamte kommen hinzu. Der Chef des Sicherheitsdienstes bemüht sich persönlich. Man will wissen, wen ich gesprochen habe, was ich fotografiert und mir notiert habe. Warum ich nicht eine Sammlung meiner Artikel bei mir habe, um zu beweisen, daß ich ein Freund der Araber sei. Ich solle doch endlich gestehen, daß ich von den Bonner Imperialisten geschickt worden sei, um Zwischenfälle zu provozieren.

„Wer ist Abdullah?“ wollen die Männer plötzlich wissen.

Das ist eine gute Frage für mich und zugleich der Beweis, daß inzwischen mein Hotelzimmer durchsucht worden sein muß. Wenige Minuten vor meiner Verhaftung nämlich hatte ich ein Gespräch mit zwei Vertretern der kommunistischen Partei des Iraks beendet, von denen einer Abdullah heißt. Sein Name stand auf meinem Notizblock. Zwar ist die Kommunistische Partei im Irak nicht legal und wird nur geduldet. Dennoch handelt es sich um die erkannten Genossen der DDR, und es dürfte schwer sein, dieses Informationsgespräch als „reaktionären Kontakt“ gegen mich auszuspielen.

Ob die Kommunisten gut über die Regierung gesprochen hätten? Ja, das hatten sie. Sie waren sogar der Meinung, daß die Anerkennung der DDR bald zur Legalisierung ihrer Partei führen und einen ideologischen Rutsch des Iraks nach links einleiten würde. Ungehalten waren sich jedoch über die Haltung der DDR-Delegation. Sie waren nicht besser behandelt worden als ich: kein Gespräch mit SED-Funktionären, keine Einladungen zum Empfang, nicht einmal Kontakte auf unterer Ebene. Die Genossen aus der DDR hatten sich benommen, als gäbe es keine irakischen Kommunisten. Ihre von Herrn Sorgenicht geführte Parteidelegation verhandelte nur mit der offiziellen Baath-Partei. Mit jener Partei, die bei der ersten Machtübernahme 1963 Tausende von Kommunisten abgeschlachtet und alles verfolgt hatte, was sich marxistisch nannte. Noch heute warten zum Tode verurteilte Kommunisten in den Gefängnissen von Mossul und Bagdad auf ihre Hinrichtung. Jetzt sollen sie begnadigt werden. Ein paar hundert Menschenleben als Draufgabe zur Anerkennung der DDR.

Diese Anerkennung hat keine wirtschaftlichen Gründe: Während der prozentuale Anteil der Bundesrepublik am irakischen Importvolumen seit Abbruch der diplomatischen Beziehungen ständig ansteigt, ist der DDR-Anteil rückläufig. 1967 zum Beispiel lieferte die Bundesrepublik Waren für 15,5 Millionen Dinar (164 Million DM ) – die DDR hingegen nur für 0,959 Millionen Dinar (10,74 Mill. DM). Die Bundesrepublik liefert vor allem Maschinen und Chemikalien, die DDR hingegen – man wird es kaum glauben – Teppiche.

Zwar spricht man in Bagdad über eine DDR–Wirtschafts Hilfe von 250 Millionen DM. Aber das ist wenig im Vergleich zu den politischen Kapital, das die regierende Baath-Partei aus der spektakulären Anerkennungsgeste zu ziehen gedenkt. Es geht, wie mir von Verantwortlichen versichert wurde, um einen innerabischen Macht– und Prestige Kampf, um die Führungsrolle im Lager des revolutionären Arabismus.

Denn seit Nasser die Resolution des Sicherheitsrates der UNO angenommen hat und einen Frieden mit Israel anstrebt, ist der keine treibende Kraft mehr. Auch die syrische Baath-Partei, die Schwesterpartei im Nachbarstadt des Irak, steuert den gemäßigten Kurs an.
Unversöhnlich und kompromißlos im Kampf gegen Israel ist nur die palästinensischen Widerstandsbewegung und reißt die arabischen Massen mit. 

Auf dieser Welle wollen die Herren des Iraks schwimmen, um die Nachfolge Nassers anzutreten. Dazu gehören in erster Linie ein Zeugnis politischer Unabhängigkeit vom „imperialistischen Lager“ und der Beweis, sich vor Sanktionen der Verbündeten Israels nicht zu fürchten. 

Die Anerkennung der Israel-feindlichen DDR ist dazu ein ideales Mittel. Denn Sanktionen der Bundesrepublik braucht der Irak kaum zu fürchten. „Es ist ein meisterhafter Schachzug“, vertraute mir ein irakischer Funktionär an. „Die Herren in Bonn können ihr Gesicht wahren. Sie brauchen die diplomatischen Beziehungen nicht abzubrechen – es gibt keine mehr. Und wirtschaftlich wird man nicht so dumm sein, der DDR das Feld zu überlassen.“

Bagdad feiert den 1. Mai und die Anerkennung der DDR
„Es ist ein meisterhafter Schachzug“

Das Kreuzverhör, dem ich in der Zentrale des irakischen Sicherheitsdienstes ausgesetzt werde, hat sich mittlerweile totgelaufen. Ich verweigere jede weitere Auskunft und verlange, daß mein Empfehlungsschreiben aus Paris, das ich im irakischen Außenministerium abgegeben habe, herausgesucht wird. Das wird schließlich getan. Um 8.00 Uhr abends bin ich frei.

Von jetzt an fragen mich unschuldig aussehende Leute auf der Straße ganz unvermittelt, ob ich Deutscher sei. Junge Männer bieten mir Haschisch an. Auf offener Hand. Wenn ich zugreifen würde, käme ich für drei Jahre ins Gefängnis. Auch Mädchen werden offeriert.

Die Zufälle, die mich kompromittieren können, häufen sich zusehends. Freunde raten mir ernsthaft, nicht mehr allein auf die Straße zu gehen. Als ich am Montag früh im Morgengrauen das Hotel verlasse, um zum Flugplatz zu fahren, werde ich vor dem Hoteleingang von einem Taxi frontal angefahren und zu Boden geschleudert. „Tut mir leid, keine Bremsen“, sagt der Chauffeur grinsend auf englisch. Er fährt das Taxi, das ich am ersten Tag gemietet hatte, dann aber nicht mehr nahm, weil der Fahrer zu viele indiskrete Fragen stellte.

Noch benommen verlange ich, die Polizei solle sofort die Bremsen kontrollieren. Doch dann bringt mich ein anderer Chauffeur zur Besinnung. „Seien Sie froh, daß Sie noch leben“, sagt er. „Und machen Sie, daß Sie wegkommen.“ 

Drei Tage später werden in Bagdad wieder Menschen exekutiert. Dieses Mal sind es zehn Männer. Man hatte sie der Spionage für Israel, Persien und die USA angeklagt.

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH

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