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Mädchenmord in Mexiko

Stern Heft 7, 16. Februar 1964

Gordian Troeller sprach mit den geretteten Opfern der Schwestern González. Er berichtet, weshalb die Mordschwestern Jahre lang unbehelligt blieben.

Seit es in Havana keine Kinder mehr zu kaufen gibt, kann Kuba mir gestohlen bleiben.“

Genau das sind die Worte, die ein deutscher Herr aus New York mir vor ein paar Jahren anvertraute. Wir saßen in Havanna im „Floridita“, dem früheren Stammlokal Hemingways, vor einer der letzten Flaschen Whisky, die aus der „guten alten Zeit“ übriggeblieben waren.

Der Herr aus New York fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber in Mexiko ist, Gott sei Dank, noch alle beim alten.
Der Flug ist zwar ein wenig teurer. Aber sonst – mein lieber Mann – soviel Phantasie haben Sie gar nicht. Soll ich Ihnen mal ein paar Kostproben geben?“

Und er erzählte , wie gewisse Leute Kriegserlebnisse erzählen: schwärmerisch, mit leuchtenden Augen und ein wenig Wehmut in der Stimme.
Diesmal handelte es sich nicht um umgelegte Feinde, nein, um Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren, die auf dem Friedhof der Liebe zu Grabe getragen wurden.
„Und für all dies brauchen Sie gar nicht viel springen zu lassen“, meinte er. „Für ein paar Dollar wird Ihnen das Beste geboten. Wirklich spottbillig. Mensch, nach Mexiko sollten Sie gehen, anstatt in diesem lausigen Havanna herumzusitzen.“

In den Nachtklubs der Gonzáles-Schwestern werden Tag für Tag neue Leichen entdeckt. Mädchen, die erschlagen wurden, weil sie nichts mehr nützten. Auch Catalina sollte ermordet werden. Sie wurde in letzter Minute gerettet und liegt im Krankenhaus. Hinter Türen wie diesen begann ihr Leben als weiße Sklavin

Jetzt bin ich in Mexiko, in San Francisco del Rincón, einer kleinen Stadt, vierhundert Kilometer nördlich der Hauptstadt, in der die Mordschwestern von Mexiko hinter Schloss und Gitter sind.
Neben mir sitzt eines der Opfer, ein Mädchen von siebzehn Jahren. Ihre Hände sehen aus, als hätte sie vierzig Jahre lang geschuftet. Ihr Körper sieht aus, als wäre sie dreißig. Ihre Augen haben überhaupt kein Alter mehr. Der stumpfe Blick wird nur dann von einem Leuchten erhellt, wenn sie von ihrer Kindheit spricht.
„Ja, ich erinnere mich genau, mit fünf Jahren habe ich das erste Geld verdient“, sagt Catalina voller Stolz. „Ich machte Besorgungen für die Nachbarn. Ich konnte schon zählen. Das hatte mein Bruder mir beigebracht. Jesús heißt er. Der war zehn und arbeitete in einer Glaserwerkstatt. Damals waren es nur Pfennige. Wir brauchten sie sehr. Mein Vater ist Landarbeiter. Der bekam 15 Pesos am Tag – wenn Arbeit da war. Damit konnte er keine sechs Kinder ernähren, und die Mutter und die Großmutter.
Ich war gerade neun, da bekam ich meine erste feste Stellung als Putzfrau. Das war bei feinen Leuten. Für 35 Pesos (elf Mark) im Monat. Die haben nie bezahlt. Aber gegessen hab‘ ich dort und geschlafen, und die Abfälle aus der Küche brachte ich heimlich nach Hause…

Und dann kam ein Soldat. Ich war 13. Er war groß und muy guapo (sehr hübsch). ,Du wirst glücklich sein´, sagte er und zeigte mir ein Zimmer mit einem richtigen Bett. ,Darin darfst du schlafen.´ Ich hatte mein ganzes Leben nur auf Strohmatten geschlafen. Manchmal hab‘ ich meine Eltern auf der Erde gesehen. Du weißt schon. Da hab‘ ich mir geschworen: Das werde ich nie so tun. Später hatten auch wir ein Bett zu Hause. Als Großmutter starb, lag sie darin. Viele Monate. Ich schlüpfte manchmal zu ihr. Heimlich, wenn keiner zu Hause war. Nur um zu träumen. Das ist weich. Ich erzähle so gern von meiner Kindheit, weißt du. Es ist so schön, daß du danach gefragt hast.“

Der erste halbe Stunde hat Catalina sich alle Mühe gegeben, „Sie“ zu mir zu sagebn, und „Herr Troeller“.
Aber sie schafft es nicht. Sie hat zu lange zu jedem Mann „Du“ sagen müssen und „Liebling“. Sie hat Intimität spielen müssen und ist jetzt noch in ihrem Spiel gefangen.

„Hat er dich geheiratet, der Soldat?“ will ich wissen.
„Que va – so siehst du aus. Meine Herrschaft zahlte nicht. Meine Eltern konnten mich nicht ernähren. Da bin ich einfach in das schöne Bett gestiegen, das man mir anbot. Daneben stand ja auch ein kleiner Ofen – zum Kochen. Schlecht war´s gar nicht, bei Manuel, so hieß er.“

Die Hälfte der armen Mexikaner lebt in „freier Ehe“. Im übrigen Südamerika sind es noch mehr, besonders in den Großstädten. Die kirchliche Trauung ist unerschwinglich, und die zivile interessiert wenig. Warum sollen die Kinder legal sein? Es gibt ja doch nichts zu erben – außer der Armut. Und im übrigen ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit so groß, die väterliche Autorität so gewaltig und Verehrung der Mutter so selbstverständlich, daß es keines Stempels bedarf, um einem Mexikaner zu zeigen, wessen Blutes er ist. Wenn materielle oder sentimentale Gründe zur Trennung führen, dann bleiben die Kinder meistens bei der Mutter, und der neue Mann darf nichts dagegen einwenden.

„Ich hatte keine Kinder“, fährt Catalina fort, und ihre Augen werden noch trauriger. „Vielleicht war ich zu jung. Jetzt geht es nicht mehr.“
„Hat Manuel dich verlassen?“
„Na, so halb. Er kam wochenlang nicht nach Hause und gab mir nur noch sehr wenig Geld.“
„Und dann?“
„Na ja, da ging ich mal mit meiner Tante Natalia – die war achtzehn – auf den Markt. Eine elegante Frau sprach uns an: ,Ich such hübsche Mädchen, um in einem Restaurant in Leon zu servieren.‘ Leon ist eine große Stadt. Wir hatten Angst. Aber wir nahmen an. Beide.“
„Ohne die Frau zu kennen?“
„Hast du schon mal Hunger gehabt. Richtigen Hunger? Jahrelang?“
Ich sehe zum erstenmal ein wenig Haß in ihren Augen.
„Aber ihr mußtet doch ahnen, daß man euch zur Prostitution einlud?“
„Vielleicht. Sicher ein bißchen. Aber was sollten wir tun? Wir waren nie in der Schule, und Putzfrauen gibt es Hunderte für einen freien Posten.“

Catalina sieht verbraucht aus. Jetzt scheint sie plötzlich erwachsen. Sie schaut mich herausfordernd an. „Was tust du, um nicht zu verhungern? Sag mir! Würdest du töten – oder dich verkaufen? Sei ehrlich!“
„Ihr habt euch nicht verkauft, Catalina. Ihr seid ins Gefängnis gegangen.“
„Das haben wir nicht gewußt“, ruft sie. „Verrückte wie die Schwestern Gonzáles gibt es nur wenige in Mexiko. Man nennt sie nicht umsonst die satanischen Schwestern. Das sind keine Menschen mehr. Wir hatten eben Pech. Wir hätten ebenso gut in einen anderen Klub kommen können, wo die Mädchen frei sind. Ja, wo jede einen richtigen Geliebten haben darf. So für sich – nach der Arbeit. Das hält die Liebe im Herzen wach. Verstehst du? Ohne sie kann doch keiner leben. O Gott, ich würde mein halbes Leben geben, um noch einmal zärtlich gestreichelt zu werden, von einem, der mich richtig mag. So wie du sicher irgendwo eine Frau magst. Richtig … Hör zu – aber nein – doch. Sag mir, daß ich nicht tot bin. Verstehst du – muerta como mujer… tot als Frau.“

Ich beruhige sie. Es dauert lange, bis ich wieder aufs Thema zurückkommen kann. Auf Catalinas Gefangenschaft bei den Mordschwestern von Mexiko.

„Es gab auch schöne Momente“, erklärt sie „O ja, einen ganz sicher. Die beiden Alten hatten uns zwei Monate in einem dunklen Raum eingesperrt, wo der Chauffeur und der Gärtner uns manchmal zum ,Anlernen‘ besuchten. Sie schlossen uns ein, damit niemand unsere Spuren finden konnte. Weder die Familie, noch die Polizei. Als sie sich sicher glaubten, kamen sie zu uns. ,So, jetzt an die Arbeit, ihr beiden.‘
Und wir wurden gebadet, richtig gewaschen, in heißem Wasser mit guter Seife. Dann rieben sie uns mit Parfum ein – wie echte Damen. Und dann kamen die schönen Kleider. Und zuletzt wurden wir richtig geschminkt. So mit Puder und allem. Ich kannte mich im Spiegel nicht wieder. Ich sah reich aus. So schön war ich noch nie…“
„Und dann?“
„Dann mußten wir uns um die Kunden kümmern. Eines Tages wollte meine Tante mit einem Kunden das Haus verlassen. Sie wurden beide zusammengeschlagen. Drei Monate wurde meine Tante in ein dunkles Zimmer gesperrt. Dann verschwand sie. Gott vergebe mir, wenn ich nie nach ihr gefragt habe, ich wäre umgebracht worden, wie sie.“

Die überlebenden Mädchen aus der „Engels-Farm“, sind in die Kirche gegangen, um Gott für ihre Freiheit zu danken. Sie können nur ihm danken, denn Behörden und Gesellschaft waren zu lange die Komplizen der Mordschwestern

„Es gibt bei euch ein Mädchen, das von seiner Schwester auf Befehl der beiden Gonzáles zu Tode geprügelt worden ist. Hatte die auch zuviel mit Kunden geredet?“
„Nein, das war viel später. Da waren schon alle Bordelle geschlossen, und die Gonzáles hatten uns auf der ,Engelsfarm´ versteckt. Dort mußten wir nachts ,Schwarze Messen` abhalten. Wir mußten furchtbare Dinge tun. Dabei schauten die Gonzáles-Schwestern zu. Eva, so hieß die Kleine, hat irgend etwas Perverses getan, das Unglück bringt. Großes Unglück für die, die es sehen. Ich weiß nicht, was sie getan hat. Ich war nicht dabei. Aber dafür mußte sie sterben. Und das Unglück ist auch gekommen. Die Gonzáles-Schwestern sind im Gefängnis.“„Warum habt ihr denn nicht einen sympathischen Kunden gebeten, die Polizei zu verständigen?“
Catalina kann sogar noch lachen. Sie lacht schallend über meine Naivität.

„Da haben die Armen doch immer Unrecht. Eine Hure, das ist doch kein Mensch. Ein Mensch wirst du, wenn du zahlen kannst. Die Gonzáles-Schwestern konnten zahlen. – Da ist die Maria. Sie liegt im Krankenhaus. Du hast die ja schon besucht. Ihre Mutter ging zur Polizei. ,Kümmere dich nicht um die Gonzáles-Schwestern, sei froh, daß du lebst.` Sie ging zum Priester. Der sagte, es ginge ihn nichts an. Da ging sie zur Jungfrau von San Juan, eine der besten Heiligen von Mexiko. Sie schwor vor der Jungfrau: ,Wenn ich meine Tochter nicht in einem Monat wiederfinde, sage ich vor aller Welt, daß du keine Wunder wirken kannst, daß alles Lüge ist, was über dich gesagt wird.´
Am letzten Tag geschah das Wunder: Wir wurden alle von der ,Engelsfarm` befreit.“

Die Sklavenhänderlin María des Jesus Gonzáles verlangte zwanzig Pesos, ehe sie sich im Gefängnis fotografieren ließ. Schamlos schlägt sie Geld aus ihrer Schande, wie früher aus dem Elend ihrer Opfer. Wie diese Tänzerin begann sie ihre Karriere in einem Klub an der amerikanischen Grenze

Was würden diese Menschen ohne Wunder tun? Ohne Glauben?

„Verrecken“, sagte der junge Mann, mit dem ich in Leon Kaffee trinke und über die Opfer der Gonzáles-Schwestern spreche. „Ja, verrecken – oder uns umbringen. Haben Sie schon die muffigen Ställe gesehen, in denen die leben? Wenn die da raus könnten, dann gäbe ich nicht viel für meinen Kopf.“
Ich versuche zu antworten, aber er läßt mich nicht zu Wort kommen. Er zieht eine kleine Flasche aus der Tasche.
„Hier, sehen Sie, was ich aus Mexiko City mitgebracht habe. ,Spanische Fliege`.“ Er zählt zwölf Tropfen in meinen Kaffee. „Damit fühlen Sie sich verliebt wie nie zuvor. Trinken Sie nur. Wir können dann ja ins Bordell gehen.“
„Gießen Sie das auch heimlich in den Kaffee von jungen Mädchen, die Sie verführen wollen?“
„Seien Sie froh, daß Sie Ausländer sind“, sagte er leise, und seine dunkle Stirn ist ein wenig rot geworden. „Junge Mädchen aus gutem Hause verführt man nicht. Die sind heilig. Die müssen Jungfrauen bleiben, bis sie heiraten. Würden Sie ein Mädchen heiraten, das nicht mehr unschuldig ist?“
„Selbstverständlich.“
„Und ihre Ehre?“
„Die hab` ich woanders.“
„Sie sind Marxist?“
„Was hat Marx damit zu tun?“
„Ich bin Revolutionär“, sagt er stolz. „Ich stehe links.“ –
„Aber Jungfrau muss sie sein?“
„Hombre que sie – natürlich.“
„Und die Mädchen der Armen?“<<
„Die haben doch keine Ehre. Welchen Ruf haben die zu verlieren? Das sind Diebinnen, faule Weiber, uneheliche Kinder, Huren.“
„Warum sind sie das?“
„Nun fangen Sie ja nicht an, über Politik mit mir zu streiten“, ruft er. „Wir wollen über Liebe sprechen.“

Er zählt zwölf Tropfen „Spanische Fliege“ in seinen Kaffee und stürzt ihn herunter. „Seien Sie doch vernünftig, Mann. Wenn es keine Bordelle gäbe, keine Mädchen, um sie zu füllen, dann wäre unsere ganze Gesellschaftsordnung in Gefahr. Stellen Sie sich vor: Wir Männer müßten uns dann mit den jungen Mädchen unserer Klasse abgeben. Gar nicht auszudenken, die Konsequenzen. Deshalb hängt mir der Gonzáles-Skandal so zum Hals heraus. Er ist katastrophal. Die Behörden werden gezwungen sein, viele Häuser zu schließen. Die Väter entführter Mädchen werden sich stark fühlen und Krach schlagen. – Kommen Sie, bei mir wirkt es schon. – Nun kommen Sie doch.“
„Nein – danke, ich bleibe noch ein wenig.“
„Wie Sie wollen. Ich muß jetzt gehen. Ihr Kaffee wird kalt. Schade um die zwölf Tropfen. Adiós, hombre.“


Nicolasa Vázquez ist die hübscheste der befreiten weißen Sklavinnen von der „Engels – Farm“. Ein Mann sah ihr Bild und schrieb: „Ich will dich heiraten.“Aber Nicolasa zögert. „Es kann nur eine Falle sein“, sagt sie. „Dieser Mann ist sicher von den Gonzales-Schwestern bezahlt, um mich zu töten. Für Geld tut man hier alles“

Diese Häuser wird es natürlich immer und überall geben. Offiziell, geduldet, oder heimlich. Kein Gesetz, wird sie je aus der Welt schaffen. Es fragt sich nur, warum Frauen sich verkaufen.

Hier in Mexiko tun sie es nicht, weil geldgehetzte Herren keine Zeit zum Flirt mehr haben und ein Auto schneller so verdient werden kann als vor der Schreibmaschine. Hier ist es Armut, erbarmungslose Not, die ausgenutzt wird, um die Ehre der Bürger zu sichern: die Unschuld ihrer Töchter.

Wir haben bei den Gonzáles-Schwestern herumgestöbert. Wir sahen Gebeine, verscharrte Mädchen, verbrannte Neugeborene. Wir fanden auch heraus, wie so etwas möglich ist: Zahlungsanweisungen an Offiziere, Richter, Anwälte. Für lumpige zweihundert Pesos im Monat (70 Mark), für den Hungerlohn eines Landarbeiters deckten und förderten sie die Geschäfte der Sklavenhändler und ihre Verbrechen.

Aber so ist es nicht nur in Mexiko. So ist es in ganz Südamerika. Überall dort, wo Millionen Menschen Diebe werden müssen und Verbrecher, Huren und korrupte Beamte, wenn sie nicht sterben wollen.

Auch die reichen Nationen bekommen in armen Ländern alles billiger. Gummi, Recht, Erdöl, und zwölfjährige Mädchen für fünfzig Pfennig. Wie lange noch? Das Geschäft mit der Armut geht steil bergab. Überall auf der Welt organisieren sich die Armen – politisch. Und bald werden wir erfahren – und dann nicht nur aus Bordellskandalen -, was die Armut aus den Armen gemacht hat.

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