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Sexperimente (USA)

Stern Heft 50, 13. Dezember 1964


„Stimmt es, daß die Europäerin sexuell glücklicher ist als wir? Es soll sieben zu eins stehen für die europäische Frau?“ Die Frage fällt in meinen Teller, als sei sie bestimmt, das zähe Fleisch noch ein wenig geschmackloser zu machen. Betty hat sie gestellt, die sechzehnjährige Tochter des Hauses.

Ich blicke hilfesuchend auf ihre Eltern, die mich in einem Vorort von New York zum Essen eingeladen haben. Keine Reaktion. Nicht einmal ein Wimper zucken.

„Nun“, sagt Betti wieder, ich spräche sie vom Liebesleben der Wale, „stimmt das?“

„Weißt du denn, wovon du sprichst?“ frage ich, in der Hoffnung, die Eltern würden mich aus der Klemme ziehen.

„Natürlich“, sagt die Mutter mit einem vorwurfsvollen Blick, der ausschließlich mir gilt. „Betty weiß genau, worauf es ankommt.“
„Ich bin doch kein Kind mehr“, sagt Betty herausfordernd.

Ich werde das Gefühl nicht los, daß ich plötzlich gar nicht mehr als ein aufgeschlossener Journalist betrachtet werden, der ein wenig amerikanisches Familienleben studieren will, sondern vielmehr als ein verirrter Höhlenbewohner der Steinzeit.
„Wir sind weltoffen und großzügig“, sagt der Vater mit Nachdruck und lächelt mir  aufmunternd  zu.

Er will mir wahrscheinlich den Weg in die amerikanische Neuzeit öffnen. Aber was soll ich nur erwidern? Wie soll ich wissen, ob die europäischen Frauen im Durchschnitt siebenmal mehr als die Amerikanerinnen dies tun oder das erleben? Ich könnte zwar aus eigener Erfahrung sprechen und es meinen Gastgebern überlassen, daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Nach kurzem Zögern sage ich mir: Warum eigentlich nicht? Die Herausforderung war ziemlich deutlich. – Und ich erzähle. Ich versuche sogar ein wenig zu schockieren. Ohne jeden Erfolg. Man verlangt immer mehr. Das ist schon lange keine Unterhaltung mehr. Nein. Auf dem Seziertisch einer amerikanischen Wohnung zappelt ein europäisches Männchen in Gestalt Gordian Troellers, dessen Sexualleben erbarmungslos untersucht wird, um Rückschlüsse auf das Verhalten jener Gattung zu erlauben, die hier kurz und sachlich als „European female“ (europäisches Weibchen) bezeichnet wird.

„Well, sagt Betty abschließend, „das war höchst interessant. Ich frage mich nur, warum Frauen weniger vom Anblick nackter Männer erregt werden als Männer beim Betrachten nackter Frauen?“ 

„Auch das noch. Woher wollt ihr denn das wissen?“ frage ich.
„Umfragen haben das ergeben. Wir lasen es in einer Zeitschrift und haben lange im College darüber diskutiert. Ein Freund meinte, Männer hätten eben einen stärkeren Geschlechtstrieb.“
„Unsinn“, sagte der Vater. „Frauen haben viel mehr erogene Zonen. Von den Beinen bis zum Hals ist alles mit Sex geladen. Der Mann hat leider nur eine . . .“ 

„Natürlich“, jubiliert Betty unter dem Eindruck plötzlicher Erkenntnis. „Deshalb wird das Körperliche der Frauen auch zur Werbung benutzt. Darauf hätte ich selbst kommen können. Das muß ich morgen gleich im College erzählen . . .“

Darauf hätte sie in der Tat eher kommen können, aufgeweckt, wie sie nun einmal ist. Beine, Busen und Hüften und vieles mehr springen einem von jeder Reklame buchstäblich ins Gesicht. – „Die Pille X hilft immer“ heißt es zum Beispiel auf einem Plakat. Angeboten werden zwei kürbisgroße Brüste, ein einladendes Lächeln, ein erotisches Versprechen. Wozu hilft das?
„Zum Verkaufen“, hatte mir vor einigen Tagen ein Fachmann erklärt. „Wenn der sexuelle Appetit angeregt wird, ohne gestillt zu werden, dann sucht man unbewußt nach einer kleinen Ersatzbefriedigung. Man kauft das Ding, das einen auf die Idee gebracht hat. Unsere Zeit verlangt Sex. Das ist schon fast eine neue Religion.“

Wie recht er hatte. Alle erogenen Zonen außer einer rufen in den Tempel des Konsums wie die Glocken zum Gebet. Die Frau wurde zur Puppe des Billigen Jakob.

Herausforderungen ziehen Blicke an. Größere Chancen haben nicht die unkundigen Jungen, sondern erfahrene Männer


In der Vorortbahn, die mich nach New York zurückbringt, sitze ich hinter zwei Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren. Sie sind aufgedonnert, geschminkt, gepudert, bemalt. Freunde hatten mich gewarnt, die Töchter des unteren Mittelstandes auf keinen Fall mit Dirnen zu verwechseln, obwohl sie nach europäischen Begriffen oft so aussehen.
Sie betrachten die Titelseite einer Zeitschrift, auf der eine Blondine vielsagend das linke Auge zudrückt.
„Ich stahl den Mann meiner Schwester“, steht in großen Buchstaben über ihrem Bauch. Darunter die Frage: „Warum wohl?“

„Klarer Fall“, sagte das kleinere der beiden Mädchen.
„Brauchst du gar nicht mehr zu lesen“, meinte die Ältere. Mit dem hat es endlich geklappt.“
Lange Pause. Ich frage mich, was? Dann sagt sie: „Übrigens, bei mir auch. Vorgestern. Mit Bob. Mensch, ist das fantastisch.“
„Ich warte immer noch“, sagt die Kleine und wird sichtlich noch kleiner vor Enttäuschung.
Wenn man mir nicht pausenlos die Ohren von der Sexrevolution vollposaunt hätte, würde ich ihnen jetzt nicht trauen und wahrscheinlich glauben, das Opfer einer akustischen Täuschung zu sein.

Das also ist sie, die große Revolution des Sex, die angeblich die amerikanische Gesellschaft ins volle Gleichgewicht bringen soll. Ich hatte viel darüber gelesen und auch schon eine Menge ähnlicher Erfahrungen gesammelt. Daß  man mir aber am gleichen Abend Teenager-Sex Probleme zum Essen serviert, mich selbst als Versuchskaninchen zum Nachtisch vernascht und jetzt auch noch die Verdauung mit vertrauten Ergüssen begießt, das geht über meine Kräfte.
„Könnt ihr denn an nichts anderes denken?“ frage ich lauter als ich gewollt habe.
„Nein, sagen beide Mädchen und kichern. Und dann schimpfen sie plötzlich: Nur ein Wüstling könnte solche Fragen an junge Mädchen richten.

Ich hatte auch den ehrwürdigen Frauen der Klubs ähnliche Fragen gestellt – jenen Dame mittleren Alters, die über die Moral des Landes wachen. Auch sie antworteten kaum anders als diese jungen Mädchen. Weniger spontan natürlich und mit gewählten Worten. 

In Dallas zum Beispiel hatte es mich gewundert, daß viele Frauen nahezu krankhaft nach Beschäftigung gieren. Selbst voll ausgelastete Hausfrauen rennen in Klubs, organisieren Gesellschaftsreisen, führen Fremde oder verkaufen nebenbei noch schnell ein paar Dosen Bohnerwachs. 

Ich fragte eine kleine Gruppe solcher Frauen nach dem Grund dieses Übereifers.
„Sie müssen verstehen“, sagte eine, die für alle zu sprechen schien, „in Europa haben die Frauen eine perfekte Liebeskarriere. Ich will sagen: Wenn sie verheiratet sind, nehmen sie nach einer gewissen Zeit einen Liebhaber und finden so das Gleichgewicht. Und niemand nimmt Anstoß daran. Hier geht das nicht. Wir sind puritanisch erzogen. Und so rennen wir eben andere Dinge nach, um unser Gleichgewicht nicht zu verlieren.“ 

Keine Untreue  mit klarem Kopf

Ich gab zu bedenken, daß die Liebeskarriere der Europäerinnen wohl nicht ganz so aussähe, wie man sich das in Dallas vorstellt, und ich fragte, ob sie ihre Männer denn nie betrögen.

Die Antwort kam sachlich, ohne falsche Prüderie. „Manchmal schon – aber nie absichtlich.“
Ich bat um Aufklärung
„Wenn wir getrunken haben, nach einer Party, mag so etwas schon einmal passieren. Aber es geht dann nie weiter.“

„Warum nicht?“
„Wer mit klarem Kopf untreu ist, der läßt sich besser scheiden“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln und bat mich, nicht weiter zu fragen.

Ich wollte jedoch noch wissen, ob Sex zu ihren täglichen Problemen gehöre.
„Ja“, sagten sie fast in Chor und jetzt war das Lächeln gar nicht mehr traurig.

Ich weiß, daß es auch andere Amerikaner gibt. Menschen die andere Probleme haben und ein glückliches, harmonisches Familienleben führen. Es gibt auch noch Millionen Jungfrauen und ebenso viele Männer, die nur an ihre Arbeit denken. Aber wir sind ja nicht ausgezogen, um ein komplettes Bild der USA zu vermitteln oder Minderheiten zu studieren. Unsere Aufgabe ist es, den vorherrschenden Trend zu entdecken, die Entwicklung, die letztlich das Leben der Frau bestimmt.

Und die sieht so aus:
Seit dem Triumphzug der Freudschen Psychoanalyse haben viele Amerikaner einen nahezu krankhaften Hang zur Selbstbespiegelung entwickelt. Dabei ist die Sexualität immer mehr in den Vordergrund getreten, weil sie angeblich im Hintergrund der meisten seelischen Konflikte steht.

Bring deinen Sex in Ordnung 

In diese bereits stark sex-betonte Atmosphäre schlug der Kinsey Report wie eine Bombe ein. Kinsey hatte an Tausenden von Männern und Frauen in langwieriger Forschungsarbeit das sexuelle Verhalten der Amerikaner untersucht. Seine Ergebnisse bestätigten nur die Meinung der Sexualrevolutionäre:

  • Je eher man sich sexuell betätigt, desto besser;
  • je mehr sexuelle Erfahrungen man sammelt, desto besser;
  • jede Frau braucht ein regelmäßiges Sexualleben, um ihr seelisches Gleichgewicht nicht zu stören;
  • frigide Frauen, die für die Erziehung anderer Menschen verantwortlich sind, können in diesen ernsthafte Schäden anrichten.

Kurzum, die neue Devise lautete: Bring deinen Sex in Ordnung, und alles andere geht in Ordnung. Dein persönliches Gleichgewicht beruht auf häufiger sexueller Betätigung und,  selbstverständlich, perfekter Ausführung und erfolgreichem Abschluß.
Endlich schien das Wundermittel gefunden zu sein. Das „große Unbehagen“, unter dem so viele Frauen litten, obwohl sie, mit Komfort gesegnet, sich wieder auf die hoch gepriesene Mission als Hausfrau und Mutter besonnen hatten, fand plötzlich eine Erklärung. Natürlich: Das reiche Amerika war sexuell verarmt.

In Fachzeitschriften wurden Kinseys Ergebnisse zwar viel nuancierter ausgelegt. Hier wies man zum Beispiel darauf hin, daß es grundfalsch ist, sexuelle Mängel für seelische Störungen verantwortlich zu machen. Genau das Gegenteil trifft zu: Sexuelle Störungen sind in der Regel nur Symptome von Neurosen, die in erster Linie auf schädliche Umwelteinflüsse zurückzuführen sind. 

Einige Wissenschaftler behaupteten sogar, daß die fortschreitende Verelendung des amerikanischen Sexuallebens weitgehend auf das Überangebot von Verbrauchsgütern zurückzuführen sei. Es sehe ganz so aus, meinten sie, als verpuffe ein Großteil sexueller Energien und seelischer Reserven in der stetig hektischer werdenden Konsum-Orgie. 

Aber diese Meinungen drangen nicht bis ins große Publikum. Sie hätten den gesamten „American Way of Life“ in Frage gestellt – jenen Lebensstil, auf den die Amerikaner so stolz sind. Die Überzeugung: Wohlstand = Fortschritt = Glück wäre bei genauerem Hinsehen für das allgemeine Unbehagen verantwortlich gemacht worden. Aber hierzu hätte es einer revolutionären Haltung bedurft. Präsident Kennedy scheute nicht davor zurück. Leider blieb ihm keine Zeit, um sein Botschaft verständlich zu machen
Und so blickt der Durchschnittsamerikaner weiterhin auf seinen Nabel, um dort des Rätsels Lösung zu finden. Seine „New Frontier“ liegt hier. Sie hat nichts mit Kennedys Traum zu tun, hinter neuen Grenzen eine neue Gesellschaft zu suchen. Nein. Sie heißt Sex.

Zur Entschuldigung des amerikanischen Mannes muß gesagt werden, das Kinsey ihm wirklich einen harten Schlag versetzt hatte: „Die sogenannte weibliche Frigidität steht im Zusammenhang mit dem, was wir männliche Unwissenheit der weiblichen Anatomie nennen können“, verkündete er. „ Frigidität ist eine vom Mann geschaffene Institution.“ Er sagte deutlich, daß viele Männer sexuelle Stümper seien und dadurch eine große Verantwortung trügen.

Lehrbücher für Liebestechnik

Also doch: Er, der stolze Mann, der Held zweier Kriege, der all seine Mängel jenen „unweiblichen“ Frauen aufgebürdet hatte, die lieber arbeiteten als zu Hause blieben, er, der Mutteranbeter und Weltbefreier, war letztlich verantwortlich für die tiefe Unzufriedenheit der Frauen und – auf diesem Umweg – für sein eigenes Wohlergehen und das Heil seine Kinder.
Jetzt wurde es kristallklar, warum die amerikanischen Frauen so gern nach Südamerika oder Europa reisen und meistens strahlend zurückkommen. Natürlich: Auch die Soldaten hatten während des Krieges Dinge erlebt, die sie zunächst für lasterhafte Verirrungen dekadenter Völker hielten. Schließlich sind all die kleinen Variationen, denen Frankreich, Italien und Südamerika ihren erotischen Ruf verdanken, in den meisten Staaten der USA streng verboten. Es steht sogar Gefängnis darauf. Und Frauen erreichen leicht die Scheidung, wenn es ihrem Mann einfallen sollte, ihre Prüderien zu mißachten. 

Vielleicht stimmt ja auch das, was einige Psychologen behaupteten, nämlich: Der Amerikaner habe den Frauen nur deshalb so viele wirtschaftliche und rechtliche Zugeständnisse gemacht, weil er sich sexuell nicht auf der Höhe fühle. Er lebe in ständiger Angst, seiner Frau nicht zu genügen, und er habe deshalb alles getan, um sie materiell von sich abhängig zu machen und sie zur Treue zu zwingen. Nicht zuletzt habe er sie deshalb wieder zurück ins Haus getrieben. 

Das Bild war nicht gerade schmeichelhaft. Was unterschied den Amerikaner noch von den Männern „rückständiger“ Kontinente? Eigentlich nur die Art, wie er die Frau versklavte. An Stelle brutaler Kraft oder religiöser Tabus hatte er goldene Ketten geschmiedet. Er hatte nur feige erschlichen, was andere lautstark fordern – und aus dem gleichen Grund, aus männlicher Eitelkeit,

Aber das störte ihn im Grunde am wenigsten. Schließlich gehörte die Frau ins Haus. So oder so. Viel wichtiger war, daß seine Männlichkeit in Frage gestellt wurde. Auf diesem Gebiet verstehen nur wenige Männer Spaß. Man kann ganze Nationen Feiglinge, Diebe oder sogar Mörder nennen, das läßt sie mehr oder weniger kalt. Man wage jedoch an der Virilität ihrer Männer zu zweifeln, und schon gehen sie auf die Barrikaden. Genau wie der einzelne. Er läßt sich gern wegen seines müden Herzens bedauern oder wegen seiner verhärteten Leber. Sollte man jedoch die Unterfunktion gewisser Drüsen beklagen, dann fühlt er sich zutiefst beleidigt.
So ging es auch dem Amerikaner, und er wurde regelrecht Sex besessen. Die Frau hatte  ihrerseits ausreichende Gründe, den gleichen Weg zu gehen. Sex wurde für beide der magische Schlüssel zum persönlichen Glück.
Mir erklärte eine junge Frau ohne Umschweife, daß sie vier Liebhaber habe. Genau gestaffelt, von zwanzig bis fünfzig. Als ich erstaunt den Kopf schüttelte und nach dem Grund dieses Massenverbrauchs fragte, meinte sie:   

„Einer wird es schon schaffen. Unter uns gesagt: Ich glaube, es wird der älteste sein.“
Eine fünfundfünfzigjährige verwitwete Architektin erzählte mir, daß sie ihren sechzigjährigen Verehrer leider nicht heiraten könne.
„Wir haben es natürlich versucht“, sagte sie. „Aber leider blieb der Erfolg bei mir aus. Wir passen eben nicht zusammen.“
In Chicago lernte ich einen jungen Mann kennen, der mir jeden Tag eine neue Freundin vorstellte. Als wir endlich einmal allein waren, fragte ich ihn nach dem Geheimnis seines Erfolges. 

„Ich führe sie alle in meinen großen Garten“ sagte er, „wo Rosen blühen und Dornen stechen, wo die Sonne strahlt und der Donner grollt. Ja, ich nehme sie bei der Hand und zeige ihnen die Berge und Täler. Und dann bleiben wir stehen, atemlos, Aug in Aug, und ich schleudere sie auf den höchsten Gipfel, auf einen nackten Felsen, auf dem sie das Paradies erblicken.“

Ein jenem Abend hatten wir ein wenig getrunken. Mir schien, als habe er des Guten zuviel gehabt und ich ließ das Thema fallen. Später entdeckte ich, daß ich hier einem typischen Vertreter der sexuellen Revolution gegenübergesessen hatte. Seine Phrasen stammten aus einem Buch, in dem neben billiger Poesie die „beste Technik der Liebe“ mit pedantischer Genauigkeit gelehrt wurde. Solche Bücher überschwemmen förmlich ganz Amerika. – „Wie mache ich meine Frau glücklich“ – „Sex leicht gemacht“ – „Das Abc der Liebe“ und viele ähnliche Titel zieren die Auslagen der Büchereien.
In Chicago habe ich einmal vier Stunden lang die Kunden eines Buchladens beobachtet. Mehr als die Hälfte kaufte Abhandlungen …

   ( …. Hier fehlt eine drittel Spalte. Nicht die Zensur hat zugeschlagen, sondern die Seite wurde schlecht kopiert. Der fehlende Text wird nachgetragen .… )

… besondere Art des Trainings (Sexerzieren). Sie ist natürlich nicht erfunden worden, um leichter Treppen zu steigen oder Ski zu laufen. 

So bildet man mit allen Mitteln „Fachleute“ aus – Millionen Sex-Ingenieure beiderlei Geschlechts. Schließlich ist Amerika das Paradies der Technik. Wer sie meistert, kann nicht versagen. Der junge Mann mit dem großen Garten sieht das so: „Ich gebe ihr einen Kuß in die Kniekehle (lange vernachlässigt erogene Zone). Dann beiße ich ein paar Sekunden ins linke Ohr. Spiele hier und da ein wenig herum. Minimum vierzehn Minuten. Sage vier zärtliche Worte und eine gezielte Gemeinheit. Dann schweige ich. Die Worte müssen wirken. Währenddessen lege ich meine rechte Hand hier hin, meine linke dort, die Lippen woanders, und plötzlich stoße ich einen furchtbaren Schrei aus. So . . .“ 

Mangelhafte Perfektion

Die Bar dröhnt, als sei ein Rudel brünstiger Hirsche in Old-Town-Chicago ausgebrochen. Gäste blicken erschrocken auf. Der Barmann schüttelt den Kopf. Er hat mitgehört und fragt: „Aber was passiert, wenn die Frauen nicht das gleiche Buch gelesen hat?“
„Es klappt auch dann“, sagt der junge Mann stolz. „Manchmal sogar besser.“

„Bei mir nicht“, klagt der Barmann. „Dann stimmt doch etwas nicht.“
Es kann in der Tat nicht stimmen. Wie sollte auch eine „perfekte Technik“ all jene unkontrollierbaren Empfindungen ersetzen, die nun einmal untrennbare Bestandteile der Sexualität sind. Von der Liebe ganz zu schweigen. Auch auf dem Klavier genügt Fingertechnik bei weitem nicht, um Musik zu machen.
Mein Bekannter aus Chicago ist ohne Zweifel ein besonders fanatischer Sexualrevolutionär; trotzdem ist sein Verhalten typisch für die heute herrschende Tendenz, sexuelle Probleme mechanisch lösen zu wollen. 

Es gehört zur Besonderheit der Amerikaner, daß sie überzeugt sind, alles – oder fast alles – durch technische Vervollkommnung meistern zu können. Für die Industrie mag es zutreffen, in der Politik ist es bereits sehr fraglich, beim Menschen kann es nicht gut gehen. 

Die Ergebnisse sind auch dementsprechend: Mann und Frau stehen sich wie zwei Ringer gegenüber. Anstatt sich gehen zu lassen, beobachten sie sich. Jeder kennt die Kniffe des anderen. Er weiß, wie er sie technisch besiegen kann, und sie weiß genau, wie er es anstellen wird. Sie wissen beide, daß sie nicht versagen dürfen, und ringen verkrampft um den Sieg. 

Entspannend wirkt das nicht. Und das Unvermeidliche tritt ein: Das überwache Bewußtsein wird zum Verhängnis. Der Weg zum Paradies endet vor den Toren der Hölle – denn jetzt, wo die Sexualität so eine Art Gesundheitstest geworden ist, wirkt auch das Versagen tausendmal vernichtender als früher. Schuldgefühle häufen sich. Der pathetische Glaube an die Technik zeugt nur seelischen Schrott.

Welche Rolle Liebe und Zärtlichkeit dabei noch spielen, wagt man kaum noch zu fragen. Sicherlich erleben wir heute überall auf der Welt eine Krise der Liebe. Auch sie muß den Gegebenheiten unserer dynamischen Gesellschaft angepaßt werden. So jedoch scheint es nicht zu gehen. Übrig bleibt nur eine erbärmliche Karikatur. Selbst die Erotik hat dabei nichts gewonnen. Auch sie wird entzaubert, wenn nicht das Herz die Sexualität bereichert.
Wenn man sich jedoch nur technische Kenntnisse an den Kopf zu werfen hat, kann von einem tieferen Sinn nicht mehr die Rede sein. Dann sind Liebe, Erotik und Sexualität wirklich zu „Sexercice“ herabgesunken. Dann verhält sich der Sex zur Erotik wie das Bordell zur Liebe: Er wird zur Bedürfnisanstalt. Man täte besser daran, sich die Zähne zu putzen, ein paar Kniebeugen zu machen und eine kalte Dusche zu nehmen. So wenigstens will es mir scheinen – und vielen anderen auch. 

Deshalb kann ich bei genauerem Hinsehen die viel besungene „Revolution des Sex“ nur als eine Beerdigung der Sexualität betrachten.
Vielleicht sah man es richtig, daß es an der Zeit war, Liebe und Sexualität eindeutig zu trennen. Das heißt, sie brauchen nicht unbedingt gepaart aufzutreten. Man kann in der Tat einen Menschen innigst lieben und von einem anderen sexuell angezogen sein. Jeder weiß das, obwohl unsere monogamen Prinzipien das Gegenteil unterstellen. So schreckt  auch jeder Mann entsetzt bei dem Gedanken zurück, seine Frau mit einem anderen zu teilen – gleichzeitig jedoch macht es ihm meistens gar nichts aus, die Frau eines anderen Mannes (heimlich) mit ihm zu teilen.
Auch diesen Widerspruch will die Vorhut der amerikanischen Sex-Revolutionäre radikal aus der Welt schaffen. Hierzu organisieren the intime Zusammenkünfte, bei denen mehrere Paare, mit allseitigem Einverständnis, die Frauen tauschen. Meistens lost man sie aus. Oder die Frauen gehen in die Küche und verteilen die Rollen, während die Männer schon für das nächste Mal Lose ziehen. Sympathien dürfen nicht den Ausschlag geben. Wahl ist verpönt. Sie könnte Eifersucht entfachen, und das soll ja gerade vermieden werden. Wenn man Liebe und Sexualität trennen will, muß auch sie verschwinden. 

Diese neuen Sitten sind nicht in verrufenen Großstadtvierteln zu Hause. Auch haben nicht Gangster oder Rauschgifthändler ihre Hand im Spiel. Es wird nicht einmal getrunken. Es ist der Zeitvertreib angesehener Bürger, der in ganz Amerika von Küste zu Küste getrieben wird. In der Regel bleiben alle Paare im gleichen Raum. Aber auch das ändert sich rasch. In New York sagte mir eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren: „Mein Mann ist schon so großzügig, daß er es mir auch ohne sein Beisein erlaubt . . .“
Übrig scheinen die Frauen viel zusammenkunftsfreudiger zu sein als die Männer. Das heißt, solange es sich um den theoretischen Teil handelt wie die Vorbereitungen und Kontaktaufnahme, fühlt der Mann sich als geborener Manager verantwortlich. Wenn es dann aber zur Praxis kommt, werden einige oft zimperlich.
„Die haben nur Angst, sich zu blamieren“, meinte eine Apothekerin aus New Carolina, ohne zu lächeln. „Ein Mann will immer besser sein als der andere.“

Wenn solche Wettkampf-Komplexe hemmend wirken, nehmen die Damen die Sache energisch in die Hand. Sie ziehen sich zurück, legen Kleider, Hemden und Hosen sorgfältig auf ein Bett und stellen die im Living-room versammelten Herren vor die nackten Tatsachen.

In diesen antiseptischen Orgien zwischen elektrischer Küche und Fernsehgerät sind Sexualität und Liebe endlich gründlich getrennt worden. Es fragt sich nur, ob überhaupt etwas übrig geblieben ist, außer einem amüsanten Gesellschaftsspiel. Man hat die Zeit totgeschlagen – und vieles andere auch. 

Nun gibt es aber besonders fanatische Anhänger der „Sexrevolution“, denen diese Trennung und technische Spezialisierung nicht genügt. Das ist ein alter Hut, meinen sie. Es fehlt die Krone, die das Ganze gleichsam adelnd in königliche Höhen reißt. Die Seele soll endlich wieder beben, die im kalten Spiel verdorrt ist.

Und so schlagen sie sich dann. Sie haben Peitschen und Stiefel und böse Masken. Sie schreien „Buh“ und „Autsch“ und stecken sich die Nadeln in Busen und Beine oder lassen sich alle Leitern binden und vor Kreuzen treten. 

Das sind die ganz raffinierten Sexualrevolutionäre. Auch sie haben ihre Fibeln, die zwar im Augenblick noch unter dem Tisch verkauft werden, aber immerhin schon eine recht beachtliche Anzahl Anhänger gefunden haben. Es gibt sogar schon verschlüsselte Anzeigen in den Zeitungen aller Staaten, die zu diesem erotischen Kellerzauber einladen. 

Was soll man da noch sagen? Man kommt fast in Versuchung, die kleinen Orgien europäischen Stils als Oasen des Friedens und der Liebe zu begrüßen. Dort sitzt wenigstens kein missionsbewußter Apostel im Nacken der Beteiligten.
In New York wurde ich zu einer dieser „altmodischen“ Partys eingeladen. Da saß man herum und trank. Manchmal verschwand ein Pärchen – oder auch mehrere. Doch jeder konnte machen, was er wollte, und viele begnügten sich mit Whisky, Musik und kleinen, fast unschuldigen Zärtlichkeiten. Was man hier suchte, war eine faule, zwanglose Geselligkeit. Zwanzig Leute waren für ein paar Stunden aus dem Korsett der Konventionen gestiegen. Und wenn schon ein Paar verschwand, dann hatten sie sich wenigstens frei gewählt. 

Die Bilanz ist bedrückend

Erstaunlich war nur der hohen Prozentsatz deutscher Mädchen. Gerade eingewanderte, auf der Suche nach Erfolg und „Leben“. Die Königin des Abends war zweifellos eine blonde Hamburgerin, die allgemein als der „schönste Hintern von New York“ bekannt war. Nicht ohne Grund. 

  Die echten Sexualrevolutionäre blicken natürlich naserümpfend auf diese lahmen Nachzügler.
„Wo Sinatra und Whisky die Gemüter betäuben“, sagte mir einer, „da kann doch gar nichts Gescheites passieren. Wie können wir den ganzen Kram von Sex und Liebe neu organisieren? Das ist doch die einzig vitale Frage.“ 

Ja, wie? Die „Sexrevolution“ amerikanischen Stils scheint mir nicht die Antwort zu sein. Sie ist zum klimatisierten Freudenhaus der Technik geworden. Und die Frau, um die es letztlich geht, ist darin sicherlich nicht unabhängiger geworden. Im Gegenteil. Anstatt sie von Tabus zu befreien, hat die neue Entwicklung sie wiederum In die Rolle des „Weibchens“ gedrängt. Nach wie vor wird ihr Los ausschließlich durch ihr Geschlecht bestimmt. Und gerade das war seit jeher die Voraussetzung für Entfremdung und Versklavung der Frau. 

So ist denn auch die Amerikanerin nicht mehr emanzipiert als die meisten Frauen der Welt. In anderen Ländern fordert der Mann eindeutig Unterwerfung. Seine Waffen sind Religion, Moral und Ehre. Gegen sie kann die Frau offen oder heimlich rebellieren. Sie weiß wenigstens, gegen wen sie kämpfen muß, um freier zu werden. In den USA sind die Ketten der Frau so zahlreich und verworren, daß sie gar nicht mehr wissen kann, wo sie gebunden ist. Umso mehr, als sie offiziell „frei“ ist und dank einiger rechtlicher Vorteil sogar als Tyrannin des Landes gilt.
Die Bilanz ist deprimierend. Verdrängt aus dem Beruf, beschränkt auf Kind und Küche, zermürbt im Haus, degradiert zum Werbeschlager, manipuliert von Industrie und Wirtschaft, unsicher in der Liebe – das ist die Amerikanerin heute. Sucht nach Sicherheit hat den Wunsch nach Freiheit ersetzt. Anstatt um sie zu kämpfen, kauft man sie.

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Frankreichs Frauen lieben anders 

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