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Sündenbabel für Touristen (Thailand)

Stern, Heft 28, 10. Juli 1966

Von ihrer Reise um die Welt berichten Gordian Troeller und Claude Deffarge über das Los der Frauen in aller Herren Länder. Wie sie leben – wie sie lieben – wie sie leiden. Der STERN veröffentlichte bereits mehr als 20 dieser Reportagen – aus Amerika, Afrika, dem Orient und Indien. Jetzt setzen Gordian Troeller und Claude Deffarge ihre Erfolgsserie mit Berichten aus dem fernen Osten fort. In Thailand erfuhren sie: Der Kampf der Geschlechter findet nicht statt. Die Frau bettelt nicht um Rechte. Sie kämpft um materiellen Erfolg. Die Gleichberechtigung steckt im Geldbeutel.

Das Wasser reicht mir bis zum Knie. Die Badewanne ist halb voll, und ein Mädchen mit mandelförmigen Augen wäscht mir gewissenhaft Schweiß und Schmutz vom Leib. Mit Vitamin-C-Seife – so wenigstens stand es auf der kleinen Reklamekarte geschrieben, die mir am Flugplatz von Bangkok in die Hand gedrückt worden war. Bevor ich mein Hotelzimmer erreichen konnte, hatte ich gewiß ein halbes Dutzend dieser Kärtchen in der Tasche. „Die hübschesten Mädchen der Stadt stehen zu ihren Diensten“, hieß es da. „Besuchen Sie unser türkisches Bad mit japanischer Massage. Vitamin-C-Seife macht Sie gesund.“

Da es sich um eine respektable, von Polizei und Sittenhütern geduldete Einrichtung handelt, zögerte ich nicht, mich den säubernden Händen schöner Frauen anzuvertrauen. Neben den Taxigirls, den Opiumhöhlen, dem schwimmenden Markt und dem Flohmarkt der Diebe locken diese Bäder die Touristen aller Länder in die thailändische Hauptstadt.

Da stehe ich nun also, sozusagen im Vorzimmer des thailändischen Paradieses. Der alte Freud hatte recht: Wer von uns träumt nicht davon, wieder einmal Kinder zu sein? Beschütztes und umhegtes Objekt zärtlicher Pflege. – Ich jedenfalls fühle mich wie ein Baby, das von seiner Mutter in der Badewanne herumgeschaukelt wird. Es ist eine Wonne, wieder klein und hilflos zu werden. Vorausgesetzt, ich halte die Augen geschlossen. Sobald ich die Wimpern nur ein wenig hebe, kommt die europäische Scham wieder durch. Dieses Mädchen ist so hübsch. Von Mutter kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Ich sehe eher wie ihr Vater aus.

Neben den Tanzmädchen, den Herrenwäscherinnen und Masseusen gehört der schwimmende Markt zu den Touristenattraktionen von Bangkok

Wer anfaßt, muß heiraten

Aber das kann ja keine Sünde sein, wenn die Sitte es so will. Wie heißt es doch so schön? „Gehst du nach Rom, dann tanze wie die Römer.“ Ich lasse mich also auch ohne Widerstand auf den Massagetisch legen. Jetzt wird keineswegs tief in die Muskeln gegriffen und auf europäische Art geknetet. Das Mädchen zieht gewissenhaft an jeder Zehe, desgleichen an den Fingern, bis die Gelenke knacken. Und beim kleinsten Klick nickt sie zufrieden. Als sie sich endlich um Brust und Bauch kümmert, stößt sie ihre Finger zwischen Rippen und Därme. Dort sollen Nervenbündel zusammenlaufen, die auf diese Weise stimuliert werden. Ich will es gern glauben, wenn es nur nicht so entsetzlich kitzeln würde. Das ist kein Lachen mehr. Ich wiehere wie ein Pferd, während meine hübsche Masseuse ernst und fachmännisch in mit hineinpikt.

Den Rücken bearbeitet sie auf geradezu brutale Weise: Sie kniet sich einfach auf meine Lenden, und ich höre, wie meine Nieren energisch protestieren. Dann reißt sie mir die Arme nach hinten, bis es kracht. Und die Beine nach oben, bis ich schreie. Sie muß, wie die Statue des Buddha, mindestens sechs Hände haben, um all das gleichzeitig fertigzubringen. Zum Schluß sieht sie auf und wandelt wie eine Seiltänzerin auf meinem Rückgrat auf und ab. Und so leicht ist sie gar nicht – mindestens hundert Pfund schwer.

Wenn so das Paradies aussieht, das man überall auf der Welt unter der Hand anbietet wie unanständige Postkarten, dann lobe ich mir meine Sauna in Hamburg. Die Touristen, die vor Wonne schmelzen, weil asiatische Mädchenfüße sie treten, sollen doch lieber zum Psychiater gehen. Und jetzt steigt die Dame nicht etwa vorsichtig von mir hinunter. Sie springt mit jugendlicher Frische von meinem gefolterten Rücken direkt auf den Boden. Mein Kreuz kracht wie ein morsches Sprungbrett.

„Wollen Mister auch Spezialmassage?“ fragt sie jetzt in gebrochenem Englisch. „Das kostet doppelt.“
„Was ist denn das? Noch eine Folter?“
Sie lächelt nur ein wenig verlegen. „Mit elektrischem Vibrator“, erklärt sie und greift schon nach dem Ding, das bei uns Friseure an die Hand schnallen, um die Kopfhaut zu massieren.
„Nein, danke“, sage ich.
„Amerikaner lieben sehr“, meint sie enttäuscht.
„Ich bin kein Amerikaner.“
„Ach so – ja, Europäer immer mehr wollen. Alles. Aber hier nicht geben. Wir anständiges Haus.“
Jetzt wird mir vieles klar. Ich begreife, wonach sich viele überarbeitete Männer sehnen, die endlich einmal abschalten wollen. Wer es satt hat, zu kämpfen, Initiative zu zeigen und Entscheidungen zu fällen – wer eine Stunde lang nur willenloser Gegenstand sein möchte und gleichzeitig umhegter Mann und vergnügtes Kind, der kommt im siamesischen Badehaus völlig auf seine Kosten. In hygienischer Umgebung – und mit Vitamin-C-Seife.

Die Einheimischen natürlich auch. Sie haben es besonders nötig. Ein normaler Thailänder ohne viel Geld hat große Schwierigkeiten, sich einem Mädchen zu nähern. Es ist sogar verpönt, sie auch nur oberflächlich zu berühren. Selbst wer einer Frau den Arm anbietet, um sie sicher über die Straße zu führen, verstößt gegen die Moral. Mehr noch: Er verübt ein unverzeihliches Attentat auf die Würde seiner Begleiterin: denn eine Frau, die sich berühren läßt, ist billig, verworfen. Sie kommt leicht in den Ruf, eine Dirne zu sein.

Für Frauen ist es schwer, in Hosen elegant zu sein. Meistens ist der Popo zu groß. Die Thailänderin hat diese Sorgen nicht und drängt sich deshalb in alle Berufe mit Uniform. Vor allem in die Polizei, wo die Hose auch Autorität bedeutet

Jungen und Mädchen dürfen sich nicht berühren. Selbst der Kuß ist nur ein Beschnuppern. Den so aufgestauten Berührungsdurst stillen Taxigirls, die sich stundenweise zum Tanzen vermieten

Unter dem amerikanischen Einfluß hat sich das in den thailändischen Städten ein wenig geändert. Auf dem Lande jedoch geht das „Berührungstabu“ so weit, daß ein junger Mann, der ein Mädchen anfaßt, ihr damit offiziell einen Heiratsantrag macht und sie nun auch ehelichen muß. In vielen Gegenden wird diese Sitte von schlauen Jungen geschickt ausgenutzt. Wenn sie in ein reicheres Mädchen verliebt sind und merken, daß die Eltern sich der angestrebten Ehe widersetzen, dann greift der verliebte junge Mann eines Tages einfach resolut nach den Händen der Auserwählten und drückt sie vor Zeugen so lange, bis kein Zweifel mehr besteht, daß die Ehre des Mädchens jetzt nur noch durch eine Hochzeit gerettet werden kann.

Nasenkuß, ein Hauch einer Seele

In den gleichen Gegenden ist es eigenartigerweise erlaubt, einem Mädchen die ganze Nacht hindurch den Hof zu machen – im Hause der Eltern. Der junge Mann darf mit seiner Auserwählten auf der Veranda sitzen, bis der Hahn kräht. Vielleicht darf er auch seine Nase der ihren bis auf einen Millimeter nähern, um des Mädchens Duft einzuatmen und gleichzeitig einen Hauch seiner Seele in sich aufzunehmen. Das ist der thailändische Kuß. Aber berühren darf er die Angebetete nicht.

Diese Sängerin, eine feurige Bardot mit der Stimme von Petula Clark, ließ sich nur für Geld fotografieren. „Was nützen mir Bilder, die in Deutschland veröffentlicht werden“, meinte sie

Die traditionellen Tänze locken nicht mehr viele Mädchen an. Selbst Bäuerinnen sind heute vom Fortschrittswahn besessen, den die Amerikaner ins Land tragen

Kein Wunder, daß diese auf Distanz dressierten Männer sich gierig zwischen die Hände und unter die Füße einer Masseuse stürzen, sobald das Geld dazu reicht. Hier wird das Verbotene auf jedem Quadratzentimeter nachgeholt und ausgekostet. Und wer sich das nicht leisten kann, der wünscht sich, als Lippenstift oder Puder wiedergeboren zu werden. So schafft sich jede Zivilisation ihre Ventile für die durch Verbot angestauten Bedürfnisse.

Anders wäre es auch nicht zu erklären, warum es selbst in kleinen Städten Thailands Taxigirls gibt. Das sind Mädchen, die sich stundenweise zum Tanzen vermieten. In dunklen Räumen, in denen ein paar rote Lämpchen glühen, sitzen sie herum und warten auf Partner. Man sieht nur die Silhouetten, so undurchdringlich ist das Dunkel.

„Wollt ihr die Mädchen denn nicht sehen und nach ihrem Aussehen wählen?“ frage ich einen thailändischen Freund, der mich im Norden des Landes, in Chiang Mai, in ein solches Tanzlokal geführt hat.
„Nein, fühlen. Uns an sie schmiegen. Und je weniger Licht, um so inniger kann man das tun.“
„Und hinterher? Geschieht dann mehr?“
„Selten“, gesteht er mit trauriger Miene. „Dann fehlt uns das Geld. Eine Stunde Tanz kostet dreißig Bath (etwa sechs Mark). Und so ein Abend ist lang. Dabei wird auch getrunken, und die Damen haben Prozente. Sie sind auch sonst wählerisch und teuer. Und selbst wenn eine bereit wäre – dann hat man am Ende des Abends keinen Pfennig mehr in der Tasche.“

Im Augenblick schieben sich vielleicht zwanzig Paare an uns vorbei. Es ist eigentlich nur ein unbeschreibliches Gewühle und Gestoße zum Rhythmus modernster Schlager aus Amerika und Italien. Viele Männer scheinen schon etwas älter zu sein, und ich werde den Verdacht nicht los, daß die Dunkelheit auch damit zusammenhängt: Die Herren mit dem nötigen Kleingeld für „Kontaktpflege“ und Vergnügen wollen nicht erkannt werden. „Warum suchst du dir denn nicht schon zu Beginn des Abends, bevor du dein ganzes Geld ausgegeben hast, ein Taxigirl aus und verschwindest dann einfach mit ihr?“ frage ich meinen Freund.
„Dann wird es noch teurer. Für jede Stunde, die man mit einem dieser Mädchen woanders verbringt, muß der Besitzer im voraus bezahlt werden. Und es wird genau Buch geführt.“

Getarnte Vielweiberei

Der Besitzer – und Führer jener sonderbaren Buchhaltung – ist in diesem Lokal ein Mädchen von genau zweiundzwanzig Jahren. Hübsch, elegant, hart wie ein Boß im amerikanischen Film und gleichzeitig charmant, wie nur eine Siamesin es sein kann. Das heißt: immer höflich, zuvorkommend, ja fast unterwürfig – und doch jede Sekunde auf ihr eigenes Interesse bedacht. Aus jedem Winkel der scheu niedergeschlagenen Augen blitzt der unbeugsame Wille zum Erfolg.

Auf diesem Gebiet halten die Thailänderinnen alle Rekorde. Was sie auch tun, und selbst im sogenannten Taumel der Sinne, sie vergessen nie, daß Geld die Welt regiert und ein Prinz mehr einbringt als ein Bauer.


Die größten Verehrer der Frauen im Fernen Osten sind die amerikanischen Militärs und Berater, die man überall im Land findet

Der im Dezember 1963 verstorbene Marschall und Ministerpräsident Sarit hinterließ hundertfünfzig trauernde Witwen – obwohl die Vielweiberei offiziell verboten ist. Er war ein mächtiger Mann, und er hatte seinen Einfluß so geschickt ausgenutzt, daß er seine vielen Frauen zu Lebzeiten fürstlich beschenken und ihnen trotzdem nach seinem Tode noch einige Millionen Dollar hinterlassen konnte, um die sich die Damen dann energisch balgten. Alle seine Geliebten, die sich anstandshalber und nach altem Brauch „Nebenfrauen“ nannten, verschönten trotz ihrer Jugend bereitwillig die letzten Jahre eines alten Herrn, weil er der mächtigste Mann im Staate war. Heute gibt es jüngere Imitatoren in ähnlich einflußreichen Stellungen.

Thailand ist ein Land größtert Tugend – solange das Geld nich im Spiel ist. Und man weiß nie recht, ob man dort in einem von Gangstern geführten Freudenhaus zu Gast ist oder in einem Kloster lebt, in dem buddhistische Mönche beten und gebieten. Wenn man den Zeitungen glaubt, überwiegt eindeutig der erste Eindruck. Da schmuggeln Offiziere Opium, anstatt gegen die Kommunisten zu kämpfen. Polizisten leben vom Schutz verbotener Häuser, und Prinzen werden wegen Bestechung oder Unterschlagung von amerikanischen Geschäftsleuten verklagt. Wenn man selbst einmal bei einem verbotenen Besuch in einer Opiumhöhle oder einem anderen Lasterkeller geschnappt wird, braucht man nur den Namen höherer Herren zu flüstern, und schon ziehen sich die Hüter der Ordnung, Entschuldigungen stammelnd, mit gekrümmten Rücken und ausgestreckten Händen zurück.

Ohne Erfolg kein Gesicht

Unser Taxigirl-Lokal in Chiang Mai gehört nicht zu den offiziell verbotenen Vergnügungsstätten. Hier darf jeder seinen Berührungsdurst stillen, ohne den wachhabenden Polizisten Trinkgelder zustecken zu müssen. Faszinieren ist nur, wie hier ein junges Mädchen ein Geschäft führt, das im Grunder als Vorzimmer zur Sünde bezeichnet werden kann. Von acht Uhr abends bis zwei Uhr nachts sitzt sie in einem modernen Büro und addiert gewissenhaft jede getanzte Stunde.

Auf einer elektrischen Lichttafel stehen die Nummern der zwanzig Tänzerinnen. Jedesmal wenn ein Girl engagiert wird, leuchtet seine Nummer rot auf. Hat ein Mädchen länger als eine Stunde nichts getrunken oder seinen Partner nicht überreden können, eine neue Runde zu bestellen, dann gesellt sich ein grüner Punkt zur roten Zahl, und sofort werden die nötigen Schritte unternommen, um den säumigen Kunden an seine Kavalierspflichten zu erinnern. Selbst wenn eilige Liebhaber ihre Partnerinnen vorzeitig entführen wollen, dient die Leuchttafel als „Gedächtnisstütze“, und eine elektrische Rechenmaschine gibt in Windesseile den zu entrichtenden Betrag bekannt. Hier funktioniert alles wie im automatischen Großbetrieb.

Wenn aber dann die Türen geschlossen werden und die Nummern erlöschen, kommt der ehrwürdige Herr Vater und führt seine geschäftstüchtige Tochter, die Besitzerin des Tanzlokals, nach Hause. Sie gehört zu einer der besten Familien des Landes, und da ist es wichtig, daß ihr Ruf über jeden Zweifel erhaben bleibt.
„Bringt es Sie denn nicht in Verruf, ein solches Lokal zu führen?“ frage ich.
„Ich würde nur mein Gesicht verlieren, wenn ich keinen Erfolg hätte“, erklärt sie. „Nur darauf kommt es an!“

Vor einem Jahr noch waren fünfzig Prozent der Bauarbeiter Frauen. Jetzt herrscht Frauenmangel. Denn in Thailand verbringen die in Vietnam kämpfenden Amerikaner ihren Fronturlaub. Statt zu bauen, umhegen die Frauen die müden Krieger


Kein Wunder, daß Touristen, Militärs, Geschäftsleute und Spione sich nur schwer wieder losreißen können. Thailand ist in der Tat ein Paradies für Junggeselle
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Selbst auf dem Lande richtet sich die Koketterie der Frauen immer mehr nach dem westlichen Vorbild aus. Um bei den dollarschweren Soldaten Erfolg zu haben, muß man ihren Bräuten zu Hause gleichen

Die Sängerin, eine feurige Bardot mit der Stimme von Petula Clark, ist nicht weniger hart und bestimmt. In Europa würde doch jedes Mädchen, das irgendwo in der Provinz Schlager singt, sich förmlich vor die Kamera des durchreisenden Fotografen einer großen Illustrierten werfen, um so vielleicht berühmt zu werden. Hier im entlegenen Chiang Mai hingegen heißt es: „Was nützen mir Bilder, die in Deutschland veröffentlicht werden? Reklame im Ausland hilft mir nicht weiter. Wenn sie in Bangkok gedruckt würden, könnten wir darüber reden.“
Und das sagt ein Mädchen von achtzehn Jahren, das so toll aussieht und so viel Talent besitzt, daß es in Europa wahrscheinlich die meisten Popsinger an die Wand spielen würde und Weltruhm erlangen könnte.
„Nein, wenn ihr mich fotografieren wollt, dann müßt ihr zahlen.“
Daneben sitzt die Mutter und nickt. Sie ist immer dabei, selbst wenn das Mädchen singt. Genau wie der Vater der Barbesitzerin, wacht sie über die Tugend der Tochter. Wenn jedoch der „richtige“ kommt, ein reicher Amerikaner zum Beispiel, dann ist der „Anstandswauwau“ plötzlich spurlos verschwunden und opfert wahrscheinlich eine Kerze vor dem nächsten Buddha, damit dem begabten Kind endlich der große Sprung nach vorn gelingt.

Die Modeschau westlichen Stils verdrängt das herkömmliche Volksfest. Eleganz wird mit unseren Maßstäben gemessen. Aber trotz der modernen Fassade bleibt die Thailänderin eine demütig spielerische Priesterin der Liebe

Misswahlen waren lange verboten, weil korrupte Offiziere Pate standen. Als sie 1965 wieder erlaubt wurden, gelang es Miss Thailand, in Florida zur Miss Universum gewählt zu werden

Die Gleichberechtigung steckt im Geldbeutel

Was bedeutet dieser große Sprung nach vorn? Letztlich die Überwindung des Handikaps der Frau, den Sieg über ihre menschliche Zweitrangigkeit.

Im Vergleich zu den mohammedanischen oder indischen Frauen sind die Thailänderinnen zu beneiden. Selbst auf dem kleinsten Dorf hat die Mutter ein Wort mitzureden, und Entscheidungen werden meist nur mit ihrem Einverständnis getroffen. Auch die Töchter können in der Regel ihre Ehepartner selber wählen.

Die Weisheit der Siamesen geht sogar so weit, daß nicht der Sohn seine Frau ins elterliche Haus bringt, sondern während der ersten Jahre der Ehe zur Familie der Braut zieht. Diese Sitte fördert die eheliche Harmonie. Sie schließt den auftreibenden Konflikt zwischen Mutter und Schwiegertochter aus, unter dem Indien und die gesamte arabische Welt leiden. Es kommt keine fremde Frau ins Haus, die Anspruch auf die Liebe des geliebten Sohnes hat und unvermeidlich zur Rivalin seiner Mutter wird. Die übliche Gegnerschaft zwischen den Generationen findet nicht statt. Ein Schwiegersohn ist meistens der Hahn im Korbe, während eine Schwiegertochter heimlich als Diebin im fremden Nest betrachtet wird.

Trotz alledem ist auch die Thailänderin dem Mann nicht gleichberechtigt. Auch für sie gibt es das berüchtigte „weibliche Handikap“. Wenn es ihr jedoch gelingt, zu Geld und Ansehen zu kommen, dann ist der große Sprung gelungen, der befreiende Satz aus dem Kerker ihres Geschlechtes. Dann ist sie keine Frau mehr, sondern für Männer und Frauen nur noch die Macht, die sich verkörpert.

Wo Gewalt, Reichtum und Einfluß die höchstens Wertmesser sind, ist das nur logisch. Ebenso logisch betteln die Frauen in Thailand deshalb auch nicht um Rechte. Es kommt ihnen nicht darauf an, im Parlament zu sitzen oder große Reden zu schwingen. Um so verbissener kämpfen sie um materiellen Erfolg. In Thailand steckt die Gleichberechtigung im Geldbeutel. Und das vergessen die kleinen Damen mit den mandelförmigen Augen in keinem Moment ihres Lebens.

Frauen sind Anwälte, leiten Banken, besitzen Transportunternehmen oder führen Gangsterbanden. Und da soll nur einer kommen und ihren Lebenswandel kritisieren. Der wird im Handumdrehen von den politischen Freunden dieser einflußreichen Damen mundtot gemacht.

Devisenquelle: die Frauen

Die junge Generation hat sich mit Leib und Seele in diesen Kampf gestürzt. Von der Dirne bis zur Doktorandin. Sie alle wollen durch Geld „gleichberechtigt“ werden. Ihnen hilft dabei der nahezu hysterische Wille, modern und westlich zu werden, der Thailand wie eine Epidemie ergriffen hat, seit amerikanische Soldaten und Berater das Land überfluteten. In wenigen Jahren sind selbst die kleinsten Städte völlig umgekrempelt worden. Die Mädchen laufen in Blue jeans herum, fahren Motorrad und gehen eisern ihren Geschäften nach. Eine kleine Stadt wie Chiang Mai sieht heute amerikanischer aus als eine deutsche Provinzstadt, obwohl man Chiang Mai nur unter Lebensgefahr auf dem Landwege erreichen kann.

Auch das ist ein Auswuchs der modernen Welle. Die Banditen verbessern täglich ihre Technik. Dank der Amerikaner. Um den Kommunismus einzudämmen, überschütten sie Thailand mit Geschenken. Dazu gehören Fernsehgeräte, die hauptsächlich Wildwestfilme ausstrahlen. Vor dem Bildschirm sitzen dann gelehrige Schüler. Sie studieren die Heldentaten von Jesse James und berauschen sich an der Geste Gary Coopers oder Alan Ladds. Und wenn dann ein Autobus angehalten wird und die Passagiere Hab und Gut verlieren, kann jeder Wildwestfan mit tödlicher Sicherheit sagen, welche Serie aus der Flimmerkiste als Vorbild diente.

Man wird mir vorhalten, dies habe nichts mit der Frau zu tun. Oh, doch! Sie liegt unentwegt unter dem Beschuß des Fortschritts. Thailand gilt als das große Bollwerk des Westens im revolutionsreifen Südostasien. Militärs beherrschen das Land. Sie sind von der westlichen Zivilisation hypnotisiert, und sie glauben, durch eine beschleunigte Modernisierung der thailändischen Lebensart zugleich mit ihrem eigenen Komplex der Rückständigkeit auch den Kommunismus ausrotten zu können. Sie verlangen sogar, daß Messer und Gabel die kleinen Holzstäbchen beim Essen ablösen sollen. Jede ihrer Maßnahmen betrifft auch die Frau. Gleichzeitig überzieht die Vorhut des Westens das ganze Land, so daß selbst die einfachste Bäuerin den amerikanischen Lebensstil aus nächster Näher erlebt.

Völlig fasziniert sind natürlich jene Damen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Kriegern der Freiheit ihr Leben fern der Heimat zu verschönern. Wenn man der Weltgesundheitsorganisationen Glauben schenken darf, müssen das sehr viele Frauen sein. Die Statistik behauptet, daß es nirgends auf der Welt so viele Freudenmädchen pro Kopf der Bevölkerung gibt wie in Thailand – mit den parallel dazu auftretenden Krankheiten und weniger großen Übeln.

Das bringt uns zurück nach Bangkok. Wenn man die Übel ausklammert, wird verständlich, warum diese Stadt den Ruf eines Sündenbabels hat, das die Touristen in Scharen anzieht und die Spione aller Länder veranlaßt, ihre Dienstzeit verlängern zu lassen.

Sie haben ihre Gründe. Was geschieht zum Beispiel wenn ein Trunkenbold einer Bardame auf der Reeperbahn kräftig auf den Hintern schlägt und dazu ein paar Gemeinheiten von sich gibt? Sie schlägt zurück oder wendet sich entrüstet dem nächsten Kunden zu. In Bangkok ist das ganz anders: Das so angesprochene Mädchen dreht sich um, verbeugt sich höflich, legt ihre Hände zum untertänigen Gruß zusammen und bedankt sich. Das verschlägt jedem Mann den Atem. Hier wittert er echte Weiblichkeit, unterwürfige Dienstbereitschaft und frauliches Verständnis für männlichen Übermut und zügellose Potenz. Besonders der Amerikaner, den anspruchsvolle Frauen zu Hause zum galanten Diener gemacht haben, fühlt sich völlig verzaubert von diesen Wesen, die noch wissen, was ein echter Mann will und braucht. Hier kann endlich mal jeder John Wayne spielen oder Errol Flynn.

Die türkischen Bäder mit japanischer Massage sind nur ein blasser Vorgeschmack im Vergleich zu dem, was einen Mann erwartet, der sich den Händen der nächtlich tätigen Damen anvertraut. Zwar blicken ihre Schlitzaugen mehr in die Brieftasche als ins Herz des Entspannung suchenden Fremden. Aber das will keiner wahrhaben. Es ist so schön, sich erkoren zu fühlen und wie ein Kind jede Laune erfüllt zu bekommen, bevor man sie auch nur ausgesprochen hat. Ja, so aufmerksam und aufopfernd sind diese Frauen – und da sie neben dem Reis die größte Devisenquelle Thailands sind, muß ihnen auch in unserem Bericht der entsprechende Platz gewidmet werden.

Wenn Militärs und Touristen wüßten, daß diese Mädchen Penicillin schlucken, wie wir Pfefferminz lutschen oder Zigaretten rauchen, würden sie vielleicht weniger freudig den Supermann vor Demut mimenden Damen spielen. Das regelmäßige Schlucken kleiner Mengen tötet nämlich nicht die gefürchteten Bazillen. Es macht sie vielmehr unempfindlich gegen das sonst so wirksame Medikament. Die Weltgesundheitsorganisation warnt: Nirgends auf der Welt ist die Syphilis so verbreitet wie in Thailand.

Ja, die kleinen Mädchen mit dem verführerisch sanftmütigen Knicks haben es in sich. Es ist nur bedauerlich, daß die Touristen und uniformierten Herren die Sprache des Landes nicht beherrschen und außerhalb der Luxushotels und internationalen Nightclubs Amöben und Dreck fürchten. Sonst würden sie wirklich einmal etwas ganz Neues entdecken – und sogar ohne Gefahr.

Sie brauchten nur in die kleinen chinesischen Hotels zu gehen. Dort erhält man für acht Mark pro Nacht ein Zimmer mit Bad, Massage und weiblicher Bedienung. Sobald man den Koffer hingestellt hat, kümmert sich schon ein Mädchen um die Anzüge, hängt sie sorgsam auf, sucht nach Flecken, entfernt sie, wenn es nötig ist, und bereitet das Bad vor, sobald man sich den Schweiß von der Stirn wischt. Wenn man ausgehen will, ist sie bereit mitzukommen, und falls man sich einsam fühlt, hält nichts sie zurück, dieses Gefühl zu verscheuchen. Und sollten Zimmer oder Bedienung nicht gefallen, dann braucht man zu läuten, und schon werden bessere Räume mit anderem Service zur Wahl gestellt. Das Essen ist perfekt, ja, das beste der Welt (vorausgesetzt, man liebt Gewürze), und die Aufwartung unwiderstehlich.

Wenn schon Orient, dann so. Das ist noch ursprünglich und tausendmal anständiger als die auf westlichen Geschmack geschminkten Dollargräber für Touristen.

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