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Zurück zu Küche und Kind (USA 1964)

Stern, Heft 49, 6. Dezember 1964


Es ist drei Uhr in Chicago. Ich bin pünktlich. Helen hat die Tür ihrer Wohnung aufgelassen, und ich bin einfach eingetreten. Frühmorgens hatte sie mich angerufen, um unsere Verabredung auf den Nachmittag zu verschieben: „Ich muß zum Psychiater. Es geht um meine Zukunft. Sei nicht böse.“
Ich hatte jedoch nicht geglaubt, sie in diesem Zustand vorzufinden. Sie hängt zwischen zwei Stühlen. Feine schwarze Streifen um Wangen und Augen zeigen, daß sie geweint hat. Selbst die Lider sind geschwollen. Sie trägt eine enganliegende Hose aus Lastex und ein offenes gelbes Hemd, das durch einen Knoten auf dem Bauch zusammengehalten wird. Das läßt sehr viel Platz zum Träumen.
„Noch sieben Sekunden“, sagt sie und zählt langsam von sechs bis null. Dann läßt sie sich einfach zu Boden fallen.
“So, jetzt geht es mir besser. Mit dieser Übung finde ich meistens die Beherrschung wieder. Und die brauche ich. Denn alle behaupten, ich sei nicht normal. Auch der Psychiater.“
Sie fängt wieder an zu weinen. Ich will sie beruhigen, aber Helen wehrt ab: „Laß nur, das sind jetzt gute Tränen. Hör lieber zu. Vielleicht kannst du mir helfen.“
Und Helen erzählt. Auf dem Boden hockend wie ein kleines Kind, spricht sie von ihrem großen Traum, Biologin zu werden. Zunächst hatten ihre Eltern nichts dagegen. Im Gegenteil: Sie waren glücklich, daß ihre Tochter studierte, denn so konnte sie leicht ,,Männer mit Zukunft“ kennenlernen.
Es ging auch alles gut, bis ihre Leidenschaft für die Biologie alles andere zu überschatten drohte. Die üblichen Backfischsorgen der Freundinnen schienen ihr plötzlich kindisch zu sein. Sie kümmerte sich kaum noch um die letzte Mode und fühlte sich nicht gedemütigt, wenn sie am Wochenende keinen „Boy friend“ hatte. Sie war vielmehr glücklich, ungestört über ihrem Mikroskop zu sitzen oder gelehrte Bücher zu wälzen.
Dann kam aber doch einer, und sie gingen „steady“ (fest). Es sah nach Liebe aus bis zu jenem Tag, an dem er sagte:
„Helen, du solltest versuchen, fraulicher zu sein. Träumst du denn nie von unserer zukünftigen Wohnung, von Kindern? Glaubst du, es sei normal für ein junges Mädchen, nur zu studieren und an den Beruf zu denken? Das ist Sache der Männer.“
„Ich denke auch an dich“, sagte sie. „Ich liebe dich, und ich liebe meinen Beruf. Ist das nicht wundervoll? Muß man denn gleich an Kinder denken?“
Sie hatte gelacht, aber er war sehr ernst geblieben. Und Helen fühlte sich plötzlich wie vor einem Gericht. Da saßen sie alle, die sie anklagten, eine verbohrte Phantastin zu sein: ihre Eltern, die Freundinnen und er, Harry, den sie liebte. Alle, die täglich versuchten, sie aus ihrer Neurose, wie sie es nannten, auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuführen. Harrys Augen verlangten deutlich eine Antwort auf die Frage: „Bist du denn nicht normal?“
Und Helen glaubte, nur auf eine Art beweisen zu können, daß sie ebenso weiblich war wie all diese Püppchen, die nur Männer im Kopf hatten, und Hochzeitskleider, Kinder und silberne Löffel. Sie tat, was sie sich eigentlich schon immer schon gewünscht hatte: Sie ging „all the way“, wie man hier sagt, „den ganzen Weg“, anstatt bei den üblichen Zärtlichkeiten wie „necking“ und „petting“ haltzumachen.

Die Ehe ist wieder das einzig erstrebenswerte Klassenziel der Frau.
Berufliche Ehrgeiz gilt heute als unweiblich


Das wirkte. Harry mußte zugeben, daß sie gar nicht unweiblich war. Er gestand sogar, daß sie überdurchschnittliche Talente habe, an denen er im stillen gezweifelt hatte. Aber auch daran gewöhnte er sich schnell. Manchmal war er sogar grausam genug, ihre Hingabe als Überrumpelung zu bezeichnen und ihr Temperament als Theater.
„Aber ich bin jedesmal restlos glücklich“, rief sie verzweifelt. „lst denn das kein Beweis?“
Helen glaubt also, mit ihrem ungewöhnlichen Geständnis Harrys letzte Zweifel zerstört zu haben. Aber: „Wie kann ich wissen, ob es stimmt?“ meinte er. „Vielleicht ist auch das nur Theater.“ Und er verlangte, was seiner Meinung nach der einzige Beweis ihrer Liebe und Fraulichkeit sein konnte: den Beruf
aufzugeben und sofort zu heiraten.

Sie haben eben ihre akademische Ausbildung abgeschlossen. Aber nur drei von zwanzig streben einen Beruf an


Es kam zum Bruch. Helen lernte einen anderen Mann kennen, mit dem es ihr ähnlich erging, und einen dritten, der auch nur eines forderte: Ehe und ein glückliches Familienleben.
Selbst die Mutter verpaßte keine Gelegenheit, Helen zur Verzweiflung zu treiben. Hinter der abgedroschenen Phrase: „Aber Liebling, wir wollen doch nur dein Bestes“, verbarg sich weniger liebevolle Sorge als vielmehr die Furcht, sich über den „gesellschaftlichen Mißerfolg“ ihrer Tochter schämen zu müssen.
Die Mutter machte sich sogar zur Kupplerin. Sie lud Helens Freund zum Wochenende ein und verschwand dann mit ihrem Mann unter einem Vorwand. Um sich jedoch selbst ein moralisches Alibi zu verschaffen, rief sie am Montagmorgen an: „Ich hoffe, Liebling, daß du nichts getan hast, worüber du und ich uns schämen müssen.“
Gemeint war natürlich die Liebe, die sie mit allen Mitteln förderte. Und Helen, die schon vor Gewissensbissen nicht ein noch aus wußte, entdeckte ein neues bohrendes Schuldgefühl. Freund und Mutter schienen sich verschworen zu haben und machten die einzige weibliche Bestätigung, die ihr noch blieb zur Hölle.

Mit Komfort in die Hölle

Das Unvermeidliche traf ein: Unsicherheit, Spannung und Schuld sorgten dafür, daß sie keinem Mann mehr zu trauen wagte. Jetzt gewann Helen langsam selbst die Überzeugung, daß die anderen recht hatten: daß mit ihr etwas nicht stimmte. Der Psychologe hatte ihr den Rest gegeben.
„Ich hätte eine Anpassungskrise, behauptet der. Ich sei mit der Umwelt im Konflikt. Aber um Himmels willen, das weiß ich doch selbst. Es fragt sich nur wer recht hat. Sag, Gordian, wer hat recht, die anderen oder ich.“
„Du natürlich“, sage ich ohne zu zögern.
Helen springt auf und umarmt mich. Ich kann sie mit gutem Gewissen trösten, denn ich habe gesehen, wohin der Weg führt, den die Umwelt ihr aufzwingen will.
Die wundervollen Vorortwohnungen der amerikanischen Großstädte sehen genauso aus, wie wir Europäer sie aus Filmen kennen. Makellos gekleidete Mütter wählen mit unfehlbarer Sachkenntnis Gesundheit spendende Diät für pausbäckige Kinder. Mit modernsten Geräten herrschen sie unumschränkt über eine klimatisierte Gemütlichkeit für ihren Mann und ihre zahlreiche Nachkommenschaft. Es sieht genau aus wie jene Welt, von der auch die europäischen Frauen träumen. Wohlstand, Sicherheit und Liebe, gebettet in technische Vollkommenheit.

Früh heiraten und eine große Familie gründen – das sind die Ideale der Amerikanerin


Bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch, wie die Frau im heißerkämpften Komfort buchstäblich unter der Last der Arbeit zusammenbricht. Und wir erfahren aus den gutgeführten Statistiken des Landes, daß Millionen Frauen Pillen schlucken, um durchzuhalten. Weitere Millionen können ohne größere Mengen Alkohol nicht mehr auskommen. Und noch mehr rennen mit ihren Problemen zum Psychiater.
Mit welchen Problemen? Warum? Wie kommt es, daß die einstmals weltoffene Amerikanerin mit fliegenden Fahnen zur Beschränkung auf die Familie zurückkehrt? Warum sind Hausfrau und Mutter wieder die verherrlichten Leitbilder der Frau geworden? Und wie erklärt sich, daß diese Wahl so verheerende Folgen für das innere Gleichgewicht der Frau mit sich bringt?

Die Antworten auf diese Fragen sind um so wichtiger, als Amerika uns bislang immer um Jahre voraus gewesen ist und seine Entwicklung auch für Europa in absehbarer Zeit bevorstehen mag. Im voraufgehenden Bericht haben wir die Konfliktstoffe aufgezeigt, die der amerikanischen Frau zu schaffen machen: die Widersprüche zwischen den geistig verehrten Werten einer christlichen Kultur und den erbarmungslosen Forderungen einer materialistischen Zivilisation. Die Frau wird angehalten, Idealen nachzustreben, die jedoch letztlich im rücksichtslosen Kampf um Erfolg und Sicherheit nicht gefragt sind.

Das ist bei uns kaum anders. Nur hat die Amerikanerin eine recht positive, in Europa weniger ausgeprägte Eigenschaft, die diesen täglich gelebten Zwiespalt zur Hölle macht: den Willen zur Vollkommenheit. Sie will perfekt sein – auf allen Gebieten. Da dies nicht möglich ist, entwickelt sie eine innere Spannung, die man hier „guilt complex“ nennt: Schuldgefühl. Schuld, zu verraten, was sie vorgibt zu verehren. Schuld, zu erstreben, was ihren Grundsätzen widerspricht. Schuld, daß sie all das weiß und doch nicht anders handeln kann, wenn sie sich nicht erniedrigt und wiederum schuldig fühlen will, im täglichen Leben zu versagen.

Wir können diesen Konflikt gar nicht genug unterstreichen. Das Schuldgefühl ist ein Begriff, den man in großen Buchstaben über ganz Amerika schreiben kann. Wir haben keine Frau getroffen, die nicht davon gesprochen hat, und keinen Psychiater besucht, der nicht davon lebt.


Die Formen gefallen ihm. Wenn jedoch auch Intelligenz dahintersteckt, werden die meisten Amerikaner scheu



Schlechte Mütter haben feige Söhne

Aber zurück zu den Traumhäusern. Warum haben die Amerikanerinnen wieder jenen Bereich zum Tempel des Lebens erhoben, der seit Jahrtausenden als der Kerker der Frau galt: Küche und Kinder?
Die Verantwortung trägt in erster Linie der Krieg – oder, besser gesagt, die Art und Weise, wie der amerikanische Mann auf den Krieg reagiert. Der ganzen Nation verschlug es den Atem, als sie entdeckte, daß mehr als zwei Millionen Männer aus psychischen Gründen für den Wehrdienst untauglich waren. Viele andere entpuppten sich als schlechte Soldaten. Sie forderten Fürsorge, wie zu Hause, und waren unfähig, Verantwortung zu tragen oder seelische Strapazen ungeschädigt hinzunehmen.
Und ganz Amerika wußte sofort, wo man die Schuldigen für diesen beschämenden Zustand zu suchen hatte: bei den Frauen. Schließlich hatte die Psychoanalyse jeden gelehrt, daß die psychische Untauglichkeiten des Mannes ihren Ursprung in der Kindheit haben und von der Mutter bedingt werden. Wenn ein Kind stiehlt oder lügt, wenn es Vögeln die Schwänze ausreißt oder im Badezimmer über unanständigen Bildern träumt, dann ist die Mutter dafür verantwortlich. Wenn ein Mann feige ist oder brutal, wenn er beim ersten Knall in die Hose macht oder blindlings auf alles Lebende schießt, dann trifft die Mutter die Schuld. Dann hat sie in ihrer Liebe versagt. Dann haben mütterliches Unvermögen in der Seele des Kindes jene Verdrängungen und Konflikte erzeugt, die nun auf dem Umweg über qualvolle Mängel zutage treten. So wenigstens sah es eine überspitzte Auslegung der Freudschen Psychoanalyse, die in den USA zu einer Art nationalen Wahns geworden war

Sehnsucht nach deutschen Frauen

Man erinnerte sich, daß die Frauen in den zwanziger Jahren die erste „sexuelle Revolution“ erzwungen hatten – wie man sie damals schon nannte. Die Epoche des „Charleston“ war auch die Zeit des massiven Einbruchs der Frau ins berufliche Leben, und während des Krieges hatte sie gezeigt, daß sie fähig war, die fehlenden Männer mit viel Kompetenz zu vertreten.
Nur das sahen die GI`s, als sie enttäuscht heimkehrten: Frauen, die seit Jahrzenten außerhalb der Familie nach einem neuen weiblichen Schicksal suchten. Wie konnten Männer mit solchen Müttern normal sein?

Aber mehr noch: Die Soldaten hatten die Frauen des Feindes kennengelernt, Japanerinnen, die ihnen den Rücken kraulten und aufs Wort gehorchten. Deutsche, die ihnen die Schuhe putzen und gern von Liebe sprachen. Italienerinnen, die singend Spaghetti kochten, nachdem sie mit ihrem Temperament „Funken aus den Matratzen geschlagen“ hatten.
Alle diese Frauen waren zärtlicher, ergebener, sentimentaler und tausendmal selbstloser als die Amerikanerin. Sie forderten wenig und gaben alles. Und sie hatten zweifellos ihren Nationen bessere Soldaten geschenkt. Männlichere Männer, die leichter töteten und einfacher starben und vor allem jene Klippen der Seele nicht kannten, auf denen viele Amerikaner gestrandet waren: die krankhaften Bindungen an die Mutter. Und jetzt waren diese Männer sogar fähig, die Niederlage in einen wirtschaftlichen Sieg zu verwandeln, während die Sieger den Kopf hängenließen.

Überzeugenderer Beweis bedurfte es nicht. Die Amerikanerin, die selbst von Kind auf mit psychologischen Halbwahrheiten überfüttert wird und buchstäblich „schuldsüchtig“ geworden ist, erkannte diese neue Schuld widerspruchslos an.
Es lag doch auf der Hand: In blindem Gleichheitsdrang hatte sie ihre wahre frauliche Bestimmung verraten. Sie hatte sich sogar gegen die Nation vergangen, indem sie auf der Suche nach außerhäuslicher Bestätigung den Nachwuchs vernachlässigte. Also: Kehrt um! Marsch! Mit fliegenden Fahnen ging es zurück ins Heim. Ebenso, wie der Brasilianer seine männliche Ehre in die Hände von Frau und Tochter legt, so bürdete man das Wohl der amerikanischen Nation auf die Seele der Frau.

Im Eifer der Diskussion hatte man übersehen, daß die freie Frau der zwanziger Jahre gar nicht für das Versagen der Soldaten verantwortlich gemacht werden konnte. Die Mütter dieser Männer gehörten alle zur voraufgegangenen Generation, die zum großen Teil jenen Idealen gehuldigt hatte, die man jetzt wieder ausgrub.

So feierte der „Mom“-ismus seine großen Triumphe. „Mom“ ist die Mutter. Der „Mutti-Kult“ ging so weit, daß selbst Teenager ihre feste Freundin „Mom“ nannten, um klarzumachen, was sie von ihr erwarteten.

Mit Schrift und Wort wurde da neue Leitbild geformt. Der Frau wurde eingehämmert, was sie sich und dem Vaterland schuldig war. Und um zu beweisen, daß sie nicht mehr an sich selbst denkt, schuftet die zum Gedeihen ihrer zahlreichen Kinder vom Morgengrauen bis zum Abend. In Erfüllung der Norm. Und genau nach Vorschrift.

Aber diese Vorschriften kommen schon seit langem nicht mehr vom enttäuschten GI oder von ehrlichen, wenn auch verbohrten Aposteln einer traditionellen Weiblichkeit. Sie werden von hochqualifizierten Fachleuten der Industrie entworfen und mit den modernsten werbetechnischen Methoden zur psychologischen Beeinflussung mißbraucht.

Das allmächtige „business“ verlangt Absatz und immer mehr Absatz. Aber wer ist der Hauptabnehmer? Die Frau. In den USA liegen nahezu achtzig Prozent der Kaufkraft in ihren Händen. Und welche Kategorie von Frauen kauft am willigsten? Sicherlich nicht die gebildete Frau mit ausgeprägtem Verstand und persönlichem Geschmack. Auch nicht die Berufstätige, deren Ehrgeiz zum Teil schon in der Karriere befriedigt wird. Die eigentliche Verbraucherin ist die Hausfrau, die mittelmäßige, leicht zu beeinflussende Frau und Mutter, die kaum andere Interessen hat als die Behaglichkeit ihres Heims. Ihr ist leicht zu suggerieren, was sie noch braucht, um Mann und Kind glücklich zu machen und somit fester ans Haus zu ketten. Wenn die Anschaffung eines Artikels mit dem Glück der Familie verknüpft wird, können nur wenige widerstehen.

Geschäftsstraßen wimmeln von Frauen. Kauflust wird zum Ersatz für häusliches Glück


Um jedoch diese ideale Käuferin zu schaffen, muß sie überzeugt werden, daß Studium, Beruf und Karriere nur von „unweiblichen“, ja, neurotischen Frauen erstrebt werden. Es sei denn, sie müssen vorübergehend Geld verdienen, weil sie noch nicht den richtigen Mann gefunden haben oder noch wichtige Anschaffungen machen müssen.

So ist zwar in den USA, wie in allen Industrieländern, die Zahl der arbeitenden Frauen gestiegen. Es handelt sich jedoch um untergeordnete, als Übergang betrachtete Beschäftigungen. Immer weniger Frauen verfolgen eine wirkliche Karriere. Selbst in den sogenannten „weiblichen“ Berufen (Lehrerin, Sozialhelferin, Kinderärztin, Professorin und dergleichen) ist Ebbe eingetreten. Und sogar die Frauenzeitschriften werden wieder von Männern gemacht. Hier wird eine „Welt der Frau“ geschaffen, in der von Beruf, sozialen Fragen, Wirtschaft und anderen außerhäuslichen Problemen kaum noch die Rede ist. Die Memoiren eines Filmstars oder das Tagebuch einer königlichen Putzfrau sind von brennenderer Aktualität als Schulreform oder Rassenkonflikte.

Die Schuld für diese Weltentfremdung der Frau darf nicht nur dem Mann in die Schuhe geschoben werden. Halb stieß er sie – halb sank sie hin. Status und materielle Sicherheit lockten sie stärker als Freiheit. Und heute erstickt sie in Pseudo-Wirklichkeit, in der Bilder, Schein und fauler Zauber das eigentliche Geschehen abgelöst haben.

Angesichts des technischen und wissenschaftlichen Wettstreits zwischen den USA und der Sowjetunion haben verantwortungsbewußte Frauen und Männer auf die Gefahren dieser weiblichen Abdankung hingewiesen. Wenn fünfzig Prozent unserer Gehirnreserven ungenützt bleiben, sagen sie, dann liegen wir in aussichtslosen Position. Nicht zuletzt war es Präsident Kennedy, der die Frauen aufforderte, sich wieder auf die wirklichen Interessen der Nation zu besinnen.

Das amerikanische „big business“ sieht es jedoch ganz anders. Es kennt keine Interessen, die so haarscharf mit den nationalen Interessen identisch sind wie seine eigenen. Die Frau mußte mithin vor allem „Käuferin“ bleiben. Umfragen hatten zum Beispiel ergeben, daß 93 Prozent aller verkauften Autos von ihr ausgewählt werden. War das nicht ein Grund? Es wurde auch ermittelt, daß Hausfrauen täglich vier Stunden lang hinter dem Steuerrad verbringen, um einzukaufen, Kinder zu transportieren und Schönheitssalons zu besuchen. Sollte man diese Entwicklung etwa aufhalten?
Nein! Und nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Amerikanerin wird weiterhin systematisch ins Heim zurückgetrieben. Dort, so wird ihr eingehämmert, liege der einzige Sinn ihres Lebens.

Ich übertreibe nicht. In ihrem aufsehenerregenden Buch „Der weibliche Mythos“ zeigt Betty Friedan auf, wie diese Kampagne bewußt geführt wird. Sie nennt sogar die Institute, die hierfür verantwortlich sind und deren Akten sie einsah. Der Philosoph Toynbee und viele andere haben auf die Gefahr hingewiesen, die unserer Gesellschaft drohen, weil Industrie und Wirtschaft immer weniger dem Menschen dienen, sondern vielmehr der Mensch immer mehr zum Futter wird, mit dem sie sich mästen.
Heute ist die Technik der Beeinflussung tatsächlich so perfekt, daß wir in kurzer Zeit ohne spürbaren Zwang und im Bewußtsein völliger Freiheit genauso denken, fühlen, handeln, wie andere es wollen.
Nun könnte man einwenden, daß diese Flut materieller Güter auch positive Folgen habe. Perfektere Mittel, fortschreitende Automation, elektronische Küchen erfüllten letztlich den Traum jeder Hausfrau: leichtere Arbeit und mehr Freizeit.
Weit gefehlt. Im statistikfreudigen Amerika fehlen die Beweise nicht, daß genau das Gegenteil zutrifft. Die Hausfrau arbeitet mehr denn je: sechzig Stunden pro Woche in ländlichen Gemeinden. In mittleren Städten sind es achtundsiebzig Stunden. In den Großstädten nicht weniger als achtzig! Man hat auch ausgerechnet, daß gerade jene Frauen am meisten beschäftigt sind, welche die vollkommensten Einrichtungen besitzen. Zwölf Stunden täglich. Das ist mehr, als die billigste, unqualifizierte Analphabetin in irgendeinem der ärmsten Länder der Welt schuften muß, um ihr Leben zu fristen. Selbstverständlich ist hierfür nicht die Technik verantwortlich. Die Frau selbst ist es. Sie glaubt nicht auf der Höhe zu sein, falls sie die vielen Möglichkeiten der teuer erkauften Geräte nicht voll ausnützt. Die wird angehalten, alles selbst zu tun – und so perfekt wie möglich.
Es könnte andererseits angenommen werden, daß diese fanatische Konzentration auf Heim und Familie wenigstens jene Schäden behoben habe, die das Signal zur Idealisierung von Hausfrau und Mutter gaben: die psychischen Mängel der Kinder und Männer.
Auch das trifft nicht zu. Im Gegenteil. Heute sind mehr als doppelt so viele junge Leute wehruntauglich als im letzten Krieg. Es gibt immer mehr Männer, die im Lebenskampf zerbrechen- Jugendkriminalität ist nicht mehr das traurige „Vorrecht“ vernachlässigter Kellerkinder. Ihre „Helden“ stammen heute vielfach aus behüteten Heimen. Durch maßlose Bemutterung verweichlicht, fliehen auch viele Söhne in eine frühe Ehe. Sie fürchten sich vor der Verantwortung des Lebens, vor dem Abenteuer des Experimentierens und Lernens. Die „Mom“ ist ja nicht dabei, um zu leiten und zu vergessen. Und so nehmen sie sich bei der ersten Gelegenheit eine kleine „Mom“, ein Kind noch, ebenso unreif und hilflos wie sie selbst, das schon alsbald Mutter wird und mit dem sie dann „Familie spielen“.

Es ist das Ergebnis eines tragischen Mißverständnisses: Die Psychoanalyse hatte den entscheidenden Einfluß der Mutter auf die seelische Gesundheit der Kinder aufgezeigt. Hieraus schloß man übereilt, daß Frauen ins Haus gehörten, um durch unentwegte Fürsorge ihre Kinder gesund zu erhalten. Man hatte nicht berücksichtigt, daß nur ausgeglichene Frauen dieser Aufgabe wirklich gewachsen sind. Nun werden sie aber gerade dann krank, wenn die – auf den engen Rahmen von Küche und Kinder beschränkt – darauf verzichten müssen, sich neben der Nützlichkeit für Mann und Kind zu entfalten. Dann treten verdrängte Anlagen und Aspirationen zutage und führen zur Katastrophe für Frau, Mann und Kind.
Aber es ist schwierig, aus einem fahrenden Zug zu springen, ohne sich das Genick zu brechen. Um so mehr, als die Zahl der Frauen erschreckend steigt (2,5 Millionen Überschuß) und immer größere Anpassung an das „Idealbild“ der Frau nötig wird, um „unter die Haube“ zu kommen.
Es sieht so aus, als sei auch die Amerikanerin den Gesetzen der Marktwirtschaft, von Angebot und Nachfrage, unterworfen, deren Verfechter die USA sind. Ihr Kurswert fällt rapide bergab. Der Mann blickt immer mehr mit kritischem Blick auf sie herunter. Sie ist schon lange nicht mehr die vergötterte und heiß umworbene Königin der dreißiger Jahre. Heute sieht er sie als ein männerjagendes, neurotisches Weib, das aus Gier nach materieller Sicherheit jedes Risiko scheut, auch das der Liebe.
Vom demokratischen, vom fortschrittsbesessenen Amerika hätte man erwarten können, daß die Vorstellungen von „Mann“ und „Frau“, wie moralische Vorurteile und politische Interessen sie seit Jahrhunderten geformt haben, überwunden werden könnten. Ansätze waren vorhanden. Es bestand die Hoffnung, daß es bald nur noch Menschen gäbe, männliche und weibliche, mehr oder weniger begabte, schöne, häßliche, braune, weiße, schwarze und gelbe Menschen, und nicht mehr durch Geschlecht und Farbe getrennte Gruppen, die man unterschiedlich bewertet und willkürlich einstuft.
Dieser Traum hat sich nicht verwirklicht. In den USA stehen sich die Geschlechter, heute wie einst und je, feindlicher gegenüber. Trotz der theoretischen Gleichberechtigung der Frau haben sich die Fronten verhärtet. Es gibt nach wie vor zwei Welten: die Welt der Männer – und die Welt der Frauen.

Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es manchmal so aus, als habe das Lager der Frauen das Heft in der Hand. Mit unzähligen Klubs und Vereinen überziehen sie das ganze Land und machen sich lautstark bemerkbar. Aber dort rivalisieren sie in erster Linie unter sich selbst, und zwar weit weniger mit ihren eigenen Qualitäten als vielmehr mit den Pelzen, Perlen und Positionen, die ihre Männer erkämpft haben. In moralischen Fragen mögen sie ein Wörtchen mitzureden haben. Aber nicht, ohne sich lächerlich zu machen. Es ist in der Tat kein schönes Schauspiel, wenn Millionen enttäuschter Frauen Sittenpolizei spielen, um anderen den Spaß zu verderben, dem sie selbst nachtrauern.
Aber selbst diese Rolle scheint nicht mehr lange vertretbar zu sein. Wie soll man für die Moral kämpfen, wenn ein neues Wundermittel entdeckt worden ist, das mit dem seelischen Gleichgewicht der Frau auch die nationale Gesundheit wieder herstellen soll: Sex. Darüber berichten wir im nächsten STERN.

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