Die Autobiografie

Antifaschist. Anarchist. Journalist.

Gordian Troeller berichtet
Eine Autobiografie

Ein Buch wie sein Leben: erlebnisreich, humorvoll beobachtend, nüchtern analysierend, engagiert kritisierend; eine Mischung aus Abenteuer und Reflexion.
Gordian Troeller machte sich durch seine außergewöhnlichen Text- und Fotoreportagen im Magazin stern in den 60er Jahren in der Bundesrepublik einen Namen. Seit Beginn der 70er wurden seine Dokumentarfilme ein fester Bestandteil der Berichterstattung im Deutschen Fernsehen.

Mit diesem Text legt Gordian Troeller Rechenschaft am Ende seines Lebens ab. Er vereint die Darstellung seiner Position in den großen ideologischen Auseinandersetzungen  des 20sten Jahrhunderts mit anekdotischen Erinnerungen, spannenden Reportagen und einer kritischen Analyse der Interessen und Machtverhältnisse, die das politische Geschehen in der zweiten Hälfte des 20sten Jahrhunderts geprägt haben.

Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis erlaubt es, einzelne Länder, Epochen oder Themen schnell aufzufinden und unabhängig von den übrigen Kapiteln zur Lektüre auszuwählen.

Hrsg.: Ingrid Becker-Ross-Troeller
206 Seiten,  14,90 €
Pro Business Verlag, Berlin 2009
ISBN: 978-3-86805-315-9

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Rezensionen

Süddeutsche Zeitung
Montag, 17. August 2009

Zerstörerischer Fortschritt
Erinnerungen des kritischen Reporters Gordian Troeller

Von Cornelia Bolesch

Dieses Buch wirkt wie eine Flaschenpost aus einem fernen und fremden Land – es ist das Deutschland der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Damals spulte das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht nur Endlosschleifen aus Kriminalfilmen und Ratespielen ab. Es hatte auch den kühnen Anspruch, die Welt zu verändern. Damals war die großZeit des Dokumentarfilmers Gordian Troeller.

In Troellers produktivsten Jahren kamen in der ARD jedes Jahr drei seiner Reportagen heraus. Es waren textgewaltige Filme über die politischen Zustände in der unterentwickelten Welt. Sie liefen unter Reihentiteln wie „Im Namen des Fortschritts“, „Frauen der Welt“ oder „Kinder der Welt“. Troeller war ein Globalisierungskritiker, als es dieses Wort noch gar nicht gab. Es ging ihm, so sagte er es selbst, um die „zerstörerische Wirkung der westlichen Fortschrittsideologie auf die Gesellschaften der so genannten Entwicklungsländer“.

In ihren Filmen haben Gordian Troeller und seine Partnerin Marie-Claude Deffarge Regierungen genauso attackiert wie internationale Konzerne oder die Kirchen. Seine Gegner schimpften Troeller einen kommunistischen Weltverbesserer. Dabei war der zierliche, lebhafte Herr mit der Hornbrille nur eines: unabhängig. Sein abenteuerliches, auch vom Tod bedrohtes Leben, als er in jungen Jahren in Westeuropa Flüchtlinge vor den Nazis versteckte und in Portugal im Auftrag des holländischen Militärs einen kleinen Geheimdienst aufbaute, hatte ihn dauerhaft davor bewahrt, zum Anpasser oder Leisetreter zu werden.

Troellers Unabhängigkeit hatte aber auch etwas Starres, Abgeschlossenes. Er hatte wenig übrig für abgewogene Urteile. Schuldfragen beantwortete er stets eindeutig. Kompromisslos schob er die Verantwortung für die Misere in den armen Ländern dem „weißen Mann“ zu, seiner Gier und Selbstbezogenheit. Die korrupten Eliten in den Entwicklungsländern, das Versagen vieler „Freiheitsbewegung“ – all das kommt nur am Rande vor. Troeller wollte sich nur mit den Wurzeln des Unglücks beschäftigen, nicht mit den Zweigen und Ästen der kranken Bäume, die daraus hervorwuchsen.

Doch seine ausdauernden Provokationen liefen sich irgendwann tot – zunächst Ende der Sechzigerjahre, als die Illustrierte Stern nach über 10 Jahren die Lust an seinen exotischen Reportagen verlor, schließlich Ende der Achtzigerjahre im deutschen Fernsehen, als dessen Führungskräfte immer mehr Mühe hatten, Troeller vor irritierten Rundfunkräten in Schutz zu nehmen. Selbst für mächtige Mediensysteme war der Kern seiner Botschaft wohl zu herausfordernd, um ausgehalten und unterstützt zu werden: dass man jedem Menschen jeder Gesellschaft „erlauben muss, er (sie) selbst zu sein“. Mit dieser Kritik wandte Troeller sich ganz grundsätzlich gegen das Recht des Stärkeren – sei es die Wirtschaftsmacht, die dominierende Kultur, die patriarchalische Ordnung oder die „Herrschaft der Erwachsenen über die Kinder“.

Analytiker wie er fehlen heute den populären Medien. Denn nun bröseln auch die Fundamente der mächtigen westlichen Gesellschaften. Das globale Finanzsystem und damit die persönlichen Lebensentwürfe von Millionen von Menschen sind knapp dem Zusammenbruch entronnen. Erstmals spürt man in den Industriestaaten selbst die zerstörerische Wirkung der eigenen Fortschrittsideologie. Gordian Troeller hat viele ihrer Risiken früh erkannt: „Man feiert die Bedeutung des freien Unternehmertum und wenn es schief geht, zahlt die Öffentlichkeit die Kosten. Das kann nicht gutgehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein selbstherrliches System zugrunde geht.“

Gordian Troeller ist vor sechs Jahren gestorben, im Alter von 86 Jahren. Von Freunden gedrängt, seinen Erfahrungsschatz weiterzugeben, hatte der alte Mann, schon von der Krebskrankheit gezeichnet, seine Erinnerungen recht lakonisch und in einem Zug in den Computer getippt. Er sah den Text nie wieder an. Es war schließlich seine Witwe und Mitarbeiterin Ingrid Becker-Ross -Troeller, die das Manuskript mit dem kuriosen Arbeitstitel „Ein Glückspilz entdeckt die Welt“ aus der Schublade geborgen, mit langen Auszügen aus seinen Reportagen ergänzt und einem Verlag gegeben hat. So kommt das Buch gerade rechtzeitig in einer Gesellschaft an, die Troellers Blick auf die Welt längst nicht mehr so provozierend finden dürfte wie vor 30 Jahren. Auch im Westen hat man es sich inzwischen angewöhnt, radikal über eine neue Zukunft nachzudenken.

PROGROM

Zeitschrift der Gesellschaft für Bedrohte Völker, Heft 5-6, 2009

Mit dem Abenteuer auf Augenhöhe

Von Claus Biegert

Seine Kamera war immer auf die Schwächeren gerichtet. Nicht, um ihre Schwächen zu bestätigen, sondern um ihre Stärken zu zeigen. Seine Kamera hielt fest, was seine Augen sahen. Das klingt simpel, ist es aber nicht, angesichts einer Berichterstattung, die auch in unserem Land so oft die Handschrift der Herrschenden trägt. Es gibt Reporter, die sehen weg, wenn das Geschehen nicht ins gewünschte Bild passt. Gordian Troeller schaute nie weg, sondern genau hin. Daher waren seine Berichte nie ausgewogen. Sie waren subjektiv. Troeller war immer auf der Seite der Ausgebeuteten: der Kinder, der Frauen, der Natur, der indigenen Völker.
Wie vertrugen sich seine subjektiven Reportagen mit der geforderten Objektivität im Journalismus? Dies war seine Antwort: „Meine Sicht der Dinge korrigiert die Schieflage der Medien. Sie neigen sich nach rechts, ich neige mich auf die andere Seite. Sie nennen es links, ich nenne es einfach gerecht. Ich berichte gegen den Strom und trage damit zu einer Objektivität innerhalb der gesamten Medienlandschaft bei.“ Ein Glück, dass Gerd von Paczensky, der Chefredakteur des Senders Radio Bremen, es auch so sah, und sein Redakteur Elmar Hügler ihm Jahr ein, Jahr aus Aufträge gab.
Troeller war bereits ein Globalisierungsgegner, da gab es die Front gegen das weltumspannende Handelsnetz der Multis noch gar nicht. Ihm, als Antifaschist und Anarchist, zeigte die Brille seiner Erfahrungen sofort, wer hier künftig die Gewinner und wer die Verlierer sein würden. Damit war er natürlich abgestempelt als Robin Hood mit der Kamera. Beschimpfungen und Vorwürfe warfen ihn nicht aus der Bahn, im Gegenteil, sie waren für ihn  der Beweis, dass er und seine Mitarbeiter ihre Sache gut und richtig gemacht hatten. Seine Mitstreiterin war Jahrzehnte die französische Dokumentaristin und Ethnologin Claude Deffarge, nach ihrem Tode die Hamburger Soziologin und Pädagogin Ingrid Becker-Ross, die später seine Frau wurde und die jetzt seine Autobiografie herausgegeben hat. Das Buch könnte durchaus als Journalisten-Thriller etikettiert werden.
Der Abenteurer Charles Gordian Troeller war Luxemburger. Das war nach seiner Kragenweite: ein winziges Land, das nicht zu den Mächtigen gehörte. Er wurde am 16. März 1917 im französischen Lothringen geboren und ging in Frankreich, Deutschland und Luxemburg zur Schule. Damit hatte er drei Muttersprachen, für einen „Planetary Citizen“ die richtige Grundlage. Seine Gesinnung wird gleich zu Beginn seiner Biographie deutlich: „Auch als Luxemburger musste man sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, umso mehr als Hitler den Großdeutschen Traum hatte. Auch Luxemburg sollte zum Reich gehören; 1940 wurde es dann tatsächlich annektiert. Schon vorher entschloss ich mich, gegen die Nazis zu kämpfen. Das aber war nur in Spanien möglich, wo deutsche und italienische Truppen Franco unterstützten. Mit der Hilfe französischer Kommunisten erreichte ich Figueras und landete dort bei der kommunistischen Partei. Die hatte entschieden, dass ich in der Internationalen Brigade kämpfen sollte, eine von der Partei dominierte Einheit. Ich sagte zu und wollte in die Partei eintreten. Aber dann kamen mir Zweifel, denn inzwischen hatte ich festgestellt, dass das Hauptanliegen der Kommunisten die Schwächung oder Eliminierung der anderen linken Organisationen war.(…) Als ich das durchschaute, schwor ich mir, nie Kommunist zu werden und diese Partei nicht weniger entschlossen zu bekämpfen als die Faschisten.“
Sein Leben führte ihn um die Welt. War der Weg versperrt, fand er seinen eigenen. Eine Luxemburger Episode aus den Nachkriegstagen illustriert die Kreativität des Reporters, der die List zu seinem Handwerkszeug zählte: Die neu gegründete Zeitung „L’Indépendant“ (Der Unabhängige) erhielt kein Papier. Als ein Zirkus seine Tiere durch die Stadt führte, um für sich Reklame zu machen, sprach Troeller mit dem Direktor. Am nächsten Tag hingen an den Kamelen, Elefanten, Zebras die Nachrichten des „L’Indépendant“.
Der Abenteurer und Journalist ging nach dem Zweiten Weltkrieg nach Madrid und berichtete für mehr als 40 internationale Zeitungen aus dem faschistischen Franco-Spanien. Nach seiner Ausweisung 1948 verlagerte er sein Arbeitsgebiet nach Rom und dann in den Vorderen Orient und nach Persien. In seinen großen Reportagen für deutsche Zeitschriften nahm er diese Themen wieder auf. Die erste „Stern“-Reportage (aus Spanien) erschien 1958, den ersten Film (aus dem Jemen) strahlte die ARD 1963 aus. Von da an war die deutsche Medienlandschaft um ein Fenster nach draußen erweitert. Die unvergesslichen Reihen hießen „Im Namen des Fortschritts“, „Frauen dieser Welt“ und „Kinder dieser Welt“. Seinen letzten Film schnitt er mit 82 Jahren; es ist eine Synthese und trägt den Titel „Wenn die Irrtümer verbraucht sind“, Radio Bremen sendete ihn 1999.
Unsere „Wissensgesellschaft“ zeichnet sich aus durch eine Kultur des Verdrängens und Vergessens. Der renommierte Zukunftsforscher und Gesellschaftskritiker Robert Jungk (wie Troeller bis zu seinem Tode im Beirat der Gesellschaft für bedrohte Völker) hat viele wegweisende Bücher geschrieben; keines ist heute mehr über den Buchhandel erhältlich. Es ist bezeichnend, dass Ingrid Becker-Ross-Troeller sich gezwungen sah, die Autobiographie ihres Weg- und Lebensgefährten als „book-on-demand“ zu veröffentlichen (Hrsg.: Ingrid Becker-Ross-Troeller, 206 Seiten,  14,90 €, ISBN: 978-3-86805-315-9 ). Es kann problemlos on-line bestellt werden über Amazon oder die Website www.gordian-troeller.de

Ich lernte Gordian Troeller 1978 kennen und hatte das Glück und das Vergnügen, ihn daheim in Hamburg und bei der Arbeit in den USA zu erleben.
Gern mokierte er sich über den Typus des Völkerkundlers, der beim Studium der fremden Kultur die fremden Menschen übersieht. Am liebsten erzählte er diese Geschichte aus dem Südsudan 1966, wo sich die schwarze Bevölkerung gegen die Herrschaft des arabischen Nordens erhoben hatte. Gordian und Claude Deffarge mussten heimlich von Uganda aus eingeschleust werden. So liest sich die Anekdote aus dem Tagebuch des Dokumentaristen:

„Sieben Männer und vier Frauen vom Stamme der Kakua erwarteten uns am Ufer des Flusses, der hier die Grenze bildet. Die Frauen trugen nur Lenden-schurze;  der Rest ihrer Bekleidung bestand nur aus rituellen Narben. Drei Männer trugen Hemden und Hosen und hatten Gewehre; die übrigen waren fast nackt. Wir mussten über den Fluss schwimmen. Die Frauen nahmen Claude in ihre Mitte, die Männer schwammen neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Krokodilen, und Claude und ich konnten nur dank größter Anstrengungen gerettet werden. Am anderen Ufer umarmten wir uns alle. Eine rührende Szene, die nach Bruderschaft aussah. Anschließend wurde im Wald gegessen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir saßen auf einer Zeltbahn, und unsere Retter hockten 20 Meter entfernt auf dem Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am nächsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu uns zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die hierdurch ausgelöst wurde, dauerte die ganze Nacht.
Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns zu essen, das glaubten sie nicht zu dürfen. Einer so intimen Beziehung fühlten sie sich nicht würdig. Nach langem Palaver kam es an den Tag: Sie waren überzeugt, keine Menschen zu sein. Höher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht. Dieses „Noch-nicht-Sein“, was als Vorbild aufgezwungen, gepredigt oder vorgelebt wird, diktierte ihr Verhalten. Verinnerlichung der vom Westen geformten und Dank seiner materiellen Überlegenheit akzeptierten Überzeugung, dass die menschliche Entwicklung nur in eine Richtung gehen könne, und zwar in eine in die westliche Zivilisation einmündende. (…)
Was konnten wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Worte können Situationen klären, aber Verhalten nicht ändern. Durch Zufall hatten wir die einzige Beziehung hergestellt, die das Minderwertigkeitsbewusstsein aufheben konnte: die Scherzverwandtschaft – „Parenté à plaisanterie“ sagen die Franzosen. Sie ist in vielen Kulturkreisen üblich. Durch Scherze, Blödeleien und Schabernacks werden Situationen geschaffen, in denen niemand sich mehr ernst nimmt oder ernst genommen werden will. Wir nennen sie Wilde und Neger – sie uns Besserwisser und Gottes Lieblinge. Alle Vorurteile werden ausgesprochen und direkt auf die Person bezogen. Schon nach wenigen Tagen haben alle diese Vorteile ihren Sinn verloren. Da kann ein Mann plötzlich rufen: „He, Besserwisser, komm her und schneid mir den Affenschwanz ab!“ Und ich geh hin, zücke mein Messer und schneide ihn ab. Der Mann schreit auf. Ich nehme den unsichtbaren Schwanz und stecke ihn an mein Steißbein. – „So, jetzt bin ich ein Wilder.“ – „Und was macht so ein Wilder?“, rufen die anderen. Ich tanze, klopfe mir auf die Brust, brülle in den Wald. „Ich war viel wilder“, sagt der Mann, dem ich den Schwanz abgeschnitten habe. Da höre ich auf, zu tanzen, geh auf die Knie und nähere mich Claude auf allen Vieren: „Frau Besserwisser, ich bin ein armer Wilder. Bitte, rette mich und schenke mir das ewige Leben.“ Sie nimmt die Kamera und filmt mich. „Ein schöner Wilder“, sagt sie. „Frisst du auch Menschen?“ – „Nur meinesgleichen, Weiße stinken.“
Der Einfallsreichtum unserer Scherzverwandtschaft wuchs täglich. Als wir auch noch Läuse kriegten und uns gegenseitig lausten, war der Mythos von der menschlichen Überlegenheit der Weißen dahin. Die Kakua konnten uns als Gleiche in die Familie aufnehmen. Wir haben alle geweint, als wir uns nach sechs Wochen trennen mussten.“

Neues Deutschland 

Dienstag, 20. Juli 2010

Macht. Armut. Elend. Gerechtigkeit

Gordian Troeller (1917 bis 2003) hat fast alle Freiheitsbewegungen der „Dritten Welt“ journalistisch begleitet . Seine Witwe Ingrid Becker-Ross-Troeller hat seit 1976 mit Troeller fünfunddreißig Filme für das deutsche Fernsehen gedreht und jetzt die Autobiografie von Gordian Troeller herausgegeben. Martin Lejeune sprach mit ihr über die Arbeit und die Intention ihres Mannes:

Sie haben zusammen mit ihrem verstorbenen Mann vieler Länder bereist und haben dabei Menschen getroffen, die unter denkbar schlechten Bedingungen leben und überleben müssen. Was ist der Unterschied zwischen Armut und Elend?

Armut ist relativ und sieht in jeder Gesellschaft anders aus. Menschen in Armut verfügen über alles Lebensnotwendige. Aber im Vergleich zu anderen Gruppen ihrer Gesellschaft ist das Konsumniveau sehr eingeschränkt. Sie haben jedoch noch ausreichenden Handlungsspielraum und können ein positives Selbstbild aufrechterhalten. Ihre Menschenwürde wird nicht angetastet. Im Elend dagegen leidet man am materiellen Mangel, fühlt sich bedroht und entwickelt Minderwertigkeitsgefühle. Der Handlungsspielraum ist so eingeengt, dass eine gesunde körperliche, geistige und psychische Entwicklung sowie die Möglichkeit, eine gleichwertige Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen, gefährdet ist. Das Elend deformiert die Menschen psychisch und bedroht ihre körperliche Existenz. Die Menschenwürde ist verletzt. Das führt zu Aggressionen und öffnet dem Terrorismus die Tür.

Wie hielten sie die Belastung in Elendsvierteln aus?

Ich übernahm die Wut und Verzweiflung der Leute. Einmal, vor zwanzig Jahren in Mosambik, haben meine Nerven nicht durchgehalten. Nicht wegen der schwierigen Arbeitsbedingungen in vermintem Gelände und wegen der mangelnden Hygiene. In Lateinamerika habe ich in viel mehr Gestank und Dreck in den Elendsvierteln und auf Müllhalden gearbeitet. Aber das massenweise Elend in völliger Apathie, das ich 1988 in einem Flüchtlingslager (in Mosambik) gesehen habe machte mich krank. Von Südafrika bezahlte Söldner hatten alles zerstört, das ganze Land vermint, vergewaltigt und gemordet, Kinder entführt und zu Mördern abgerichtet. Wir waren in einem Flüchtlingslager, in dem mehr als 10.000 Menschen in Plastik- und Palmblätterhütten ich bei fürchterlicher Hitze stumm dahinvegetierten, ohne die geringste Hygiene, ohne Abwasser, das Trinkwasser kam aus einem modrigen Flussarm, ohne Brennholz, um etwas abzukoppeln und keiner schrie. Das alles lag wie unter einer Glasglocke, das war unerträglich. Ich sichere juckende Pusteln am ganzen Körper bekommen. Ich wollte raus aus meiner Haut, weil ich es nicht aushalten konnte, diese Aussichtslosigkeit zu sehen. Ich hätte es verstanden, wenn diese Menschen mit bloßen Fäusten und Zähnen auf mich losgegangen wären, bloß weil ich so wohl genährt war und eine Perspektive hatte. Doch die Flüchtlinge blieben völlig apathisch.

Wie gehen Sie mit solch einer Erfahrung um, lässt sie so etwas überhaupt noch los?

Das ist mein grundlegender Pessimismus: ich habe mein Schäfchen fein ins Trockne gebracht, habe mein Leben geführt, mich eingesetzt. Hat sich etwas geändert? Immer mehr Menschen in der Welt sind ausweglosem Elend ausgeliefert. Voltaire sagte: Man muss seinen eigenen Garten bepflanzen. Aber ich weiß nicht mehr, ob ich das kann.

Gordian Troellers Hauptwerk entstand zu einer Zeit, als sich immer mehr Menschen im Westen Gedanken über den Zusammenhang zwischen dem hiesigen Wohlstand und der Armut in den Ländern der so genannten Dritten Welt machten. Das spiegelt sich auch in Troellers Film wieder.

Richtig. Menschenwürdige Lebensbedingungen und Gerechtigkeit standen für ihn an erster Stelle ich dieses Anliegen zieht sich durch sein gesamtes Leben er hat fotografiert, er hat geschrieben, er hat gefilmt. Das sind sehr unterschiedliche Arbeitstechniken. Aber mit allen könnte er zeigen, was in der Welt vor sich geht. Er deckte Ausbeutungs-und Unterdrückungsmechanismen auf. Dabei hat er sich hauptsächlich auf unsere Zivilisation konzentriert, die Strukturen, welche die westliche Industrialisierung und Technologie in der Welt geschaffen haben. Was zweifelsohne dem Westen eine ganze Menge an Annehmlichkeiten und Wohlstand eingebracht hat. Sein Anliegen war es, zu zeigen wie dieser Wohlstand auf Ausbeutung und Zerstörung von Natur und ganzen Gesellschaften beruht: in der Dritten Welt wie letztlich auch bei uns selbst. Da haben sich der Westen und der Osten, als diese Blöcke noch bestanden, nicht wesentlich voneinander unterschieden. Es ging um Macht und Einfluss. Die grundlegenden Strukturen eines friedlichen Zusammenlebens und der Aufbau einer gerechteren Gesellschaft haben sie wenig interessiert.

Wie reagierten die ARD-Redakteure auf sein Anliegen?

Gordian hatte das Glück, dass Radio Bremen sich als der kleinste Sender der ARD mit den Filmen profilieren konnte. Von Seiten der Redaktion gab es eigentlich nie Schwierigkeiten. Letztlich wurden alle unsere Filme so abgenommen, wie wir sie eingereicht haben. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Wie ist Troeller vorgegangen?

Er hat versucht, unvoreingenommen wie möglich an seine Themen heranzugehen Gordian war kein Wissenschaftler, der mit detaillierten Vorstellungen von seinem Vorgehen und seinen Annahmen losgefahren ist. Gordian könnte schnell das Vertrauen von Menschen gewinnen, er hatte leichten Zugang zu ihnen. Ich habe 1974 ein halbes Jahr lang in Kolumbien über die Möglichkeiten zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation von verelendeten Bevölkerungsgruppen geforscht. Ich hatte Mühe zurechtzukommen mit manchen Dingen, die ich sah und die mir sehr widersprüchlich erschienen. Gordian besuchte mich dort eine Woche lang, in Monteria sich, einen Viehzüchterstädtchen in die karibischen Tiefebene. Wir sind durch den Ort geschlendert, haben mit Leuten geredet, die nicht zu meiner Zielgruppe gehörten, abends einen Zug durch die Kneipen gemacht. Ich habe zugehört und plötzlich verstand ich viele Zusammenhänge. Da dachte ich: Teufel eins, ich hab dich immer verdächtigt, zu sehr zu vereinfachen und journalistisch oberflächlich zu sein, um zu deinem klaren Aussagen zu kommen. Doch dein Vorgehen ist ergiebiger als meine wissenschaftliche Fliegenbeinzählerei. Das war für mich ein Aha-Erlebnis.

Mit dem Abenteuer auf Augenhöhe

Die Autobiographie des Antifaschisten, Anarchisten und Journalisten Gordian Troeller ist erschienen.

Von Claus Biegert

Seine Kamera war immer auf die Schwächeren gerichtet. Nicht, um ihre Schwächen zu bestätigen, sondern um ihre Stärken zu zeigen. Seine Kamera hielt fest, was seine Augen sahen. Das klingt simpel, ist es aber nicht, angesichts einer Berichterstattung, die auch in unserem Land so oft die Handschrift der Herrschenden trägt. Es gibt Reporter, die sehen weg, wenn das Geschehen nicht ins gewünschte Bild passt. Gordian Troeller schaute nie weg, sondern genau hin. Daher waren seine Berichte nie ausgewogen. Sie waren subjektiv. Troeller war immer auf der Seite der Ausgebeuteten: der Kinder, der Frauen, der Natur, der indigenen Völker.

         Wie vertrugen sich seine subjektiven Reportagen mit der geforderten Objektivität im Journalismus? Dies war seine Antwort: „Meine Sicht der Dinge korrigiert die Schieflage der Medien. Sie neigen sich nach rechts, ich neige mich auf die andere Seite. Sie nennen es links, ich nenne es einfach gerecht. Ich berichte gegen den Strom und trage damit zu einer Objektivität innerhalb der gesamten Medienlandschaft bei.“ Ein Glück, dass Gerd von Pazensky, der Chefredakteur des Senders Radio Bremen, es auch so sah, und sein Redakteur Elmar Hügler ihm Jahr ein, Jahr aus Aufträge gab.

         Troeller war bereits ein Globalisierungsgegner, da gab es die Front gegen das weltumspannende Handelsnetz der Multis noch gar nicht. Ihm, als Antifaschist und Anarchist, zeigte die Brille seiner Erfahrungen sofort, wer hier künftig die Gewinner und wer die Verlierer sein würden. Damit war er natürlich abgestempelt als Robin Hood mit der Kamera. Beschimpfungen und Vorwürfe warfen ihn nicht aus der Bahn, im Gegenteil, sie waren für ihn  der Beweis, dass er und seine Mitarbeiter ihre Sache gut und richtig gemacht hatten. Seine Mitstreiterin war Jahrzehnte die französische Dokumentaristin und Ethnologin Claude Deffarge, nach ihrem Tode die Hamburger Soziologin und Pädagogin Ingrid Becker-Ross, die später seine Frau wurde und die jetzt seine Autobiografie herausgegeben hat. Das Buch könnte durchaus als Journalisten-Thriller etikettiert werden.

         Der Abenteurer Charles Gordian Troeller war Luxemburger. Das war nach seiner Kragenweite: ein winziges Land, das nicht zu den Mächtigen gehörte. Er wurde am 16. März 1917 im französischen Lothringen geboren und ging in Frankreich, Deutschland und Luxemburg zur Schule. Damit hatte er drei Muttersprachen, für einen „Planetary Citizen“ die richtige Grundlage. Seine Gesinnung wird gleich zu Beginn seiner Biographie deutlich: „Auch als Luxemburger musste man sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, umso mehr als Hitler den Großdeutschen Traum hatte. Auch Luxemburg sollte zum Reich gehören; 1940 wurde es dann tatsächlich annektiert. Schon vorher entschloss ich mich, gegen die Nazis zu kämpfen. Das aber war nur in Spanien möglich, wo deutsche und italienische Truppen Franco unterstützten. Mit der Hilfe französischer Kommunisten erreichte ich Figueras und landete dort bei der kommunistischen Partei. Die hatte entschieden, dass ich in der Internationalen Brigade kämpfen sollte, eine von der Partei dominierte Einheit. Ich sagte zu und wollte in die Partei eintreten. Aber dann kamen mir Zweifel, denn inzwischen hatte ich festgestellt, dass das Hauptanliegen der Kommunisten die Schwächung oder Eliminierung der anderen linken Organisationen war.(…) Als ich das durchschaute, schwor ich mir, nie Kommunist zu werden und diese Partei nicht weniger entschlossen zu bekämpfen als die Faschisten.“

         Sein Leben führte ihn um die Welt. War der Weg versperrt, fand er seinen eigenen. Eine Luxemburger Episode aus den Nachkriegstagen illustriert die Kreativität des Reporters, der die List zu seinem Handwerkszeug zählte: Die neu gegründete Zeitung „L’Indépendant“ (Der Unabhängige) erhielt kein Papier. Als ein Zirkus seine Tiere durch die Stadt führte, um für sich Reklame zu machen, sprach Troeller mit dem Direktor. Am nächsten Tag hingen an den Kamelen, Elefanten, Zebras die Nachrichten des „L’Indépendant“.

         Der Abenteurer und Journalist ging nach dem Zweiten Weltkrieg nach Madrid und berichtete für mehr als 40 internationale Zeitungen aus dem faschistischen Franco-Spanien. Nach seiner Ausweisung 1948 verlagerte er sein Arbeitsgebiet nach Rom und dann in den Vorderen Orient und nach Persien. In seinen großen Reportagen für deutsche Zeitschriften nahm er diese Themen wieder auf. Die erste „Stern“-Reportage (aus Spanien) erschien 1958, den ersten Film (aus dem Jemen) strahlte die ARD 1963 aus. Von da an war die deutsche Medienlandschaft um ein Fenster nach draußen erweitert. Die unvergesslichen Reihen hießen „Im Namen des Fortschritts“, „Frauen dieser Welt“ und „Kinder dieser Welt“. Seinen letzten Film schnitt er mit 82 Jahren; es ist eine Synthese und trägt den Titel „Wenn die Irrtümer verbraucht sind“, Radio Bremen sendete ihn 1999.

         Unsere „Wissensgesellschaft“ zeichnet sich aus durch eine Kultur des Verdrängens und Vergessens. Der renommierte Zukunftsforscher und Gesellschaftskritiker Robert Jungk (wie Troeller bis zu seinem Tode im Beirat der Gesellschaft für bedrohte Völker) hat viele wegweisende Bücher geschrieben; keines ist heute mehr über den Buchhandel erhältlich. Es ist bezeichnend, dass Ingrid Becker-Ross-Troeller sich gezwungen sah, die Autobiographie ihres Weg- und Lebensgefährten als „book-on-demand“ zu veröffentlichen (Hrsg.: Ingrid Becker-Ross-Troeller, 206 Seiten,  14,90 €, ISBN: 978-3-86805-315-9 ). Es kann problemlos on-line bestellt werden über Amazon oder die Website www.gordian-troeller.de

Ich lernte Gordian Troeller 1978 kennen und hatte das Glück und das Vergnügen, ihn daheim in Hamburg und bei der Arbeit in den USA zu erleben.

Gern mokierte er sich über den Typus des Völkerkundlers, der beim Studium der fremden Kultur die fremden Menschen übersieht. Am liebsten erzählte er diese Geschichte aus dem Südsudan 1966, wo sich die schwarze Bevölkerung gegen die Herrschaft des arabischen Nordens erhoben hatte. Gordian und Claude Deffarge mussten heimlich von Uganda aus eingeschleust werden. So liest sich die Anekdote aus dem Tagebuch des Dokumentaristen:

„Sieben Männer und vier Frauen vom Stamme der Kakua erwarteten uns am Ufer des Flusses, der hier die Grenze bildet. Die Frauen trugen nur Lenden-schurze;  der Rest ihrer Bekleidung bestand nur aus rituellen Narben. Drei Männer trugen Hemden und Hosen und hatten Gewehre; die übrigen waren fast nackt. Wir mussten über den Fluss schwimmen. Die Frauen nahmen Claude in ihre Mitte, die Männer schwammen neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Krokodilen, und Claude und ich konnten nur dank größter Anstrengungen gerettet werden. Am anderen Ufer umarmten wir uns alle. Eine rührende Szene, die nach Bruderschaft aussah. Anschließend wurde im Wald gegessen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir saßen auf einer Zeltbahn, und unsere Retter hockten 20 Meter entfernt auf dem Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am nächsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu uns zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die hierdurch ausgelöst wurde, dauerte die ganze Nacht.

         Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns zu essen, das glaubten sie nicht zu dürfen. Einer so intimen Beziehung fühlten sie sich nicht würdig. Nach langem Palaver kam es an den Tag: Sie waren überzeugt, keine Menschen zu sein. Höher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht. Dieses „Noch-nicht-Sein“, was als Vorbild aufgezwungen, gepredigt oder vorgelebt wird, diktierte ihr Verhalten. Verinnerlichung der vom Westen geformten und Dank seiner materiellen Überlegenheit akzeptierten Überzeugung, dass die menschliche Entwicklung nur in eine Richtung gehen könne, und zwar in eine in die westliche Zivilisation einmündende. (…)

         Was konnten wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Worte können Situationen klären, aber Verhalten nicht ändern. Durch Zufall hatten wir die einzige Beziehung hergestellt, die das Minderwertigkeitsbewusstsein aufheben konnte: die Scherzverwandtschaft – „Parenté à plaisanterie“ sagen die Franzosen. Sie ist in vielen Kulturkreisen üblich. Durch Scherze, Blödeleien und Schabernacks werden Situationen geschaffen, in denen niemand sich mehr ernst nimmt oder ernst genommen werden will. Wir nennen sie Wilde und Neger – sie uns Besserwisser und Gottes Lieblinge. Alle Vorurteile werden ausgesprochen und direkt auf die Person bezogen. Schon nach wenigen Tagen haben alle diese Vorteile ihren Sinn verloren. Da kann ein Mann plötzlich rufen: „He, Besserwisser, komm her und schneid mir den Affenschwanz ab!“ Und ich geh hin, zücke mein Messer und schneide ihn ab. Der Mann schreit auf. Ich nehme den unsichtbaren Schwanz und stecke ihn an mein Steißbein. – „So, jetzt bin ich ein Wilder.“ – „Und was macht so ein Wilder?“, rufen die anderen. Ich tanze, klopfe mir auf die Brust, brülle in den Wald. „Ich war viel wilder“, sagt der Mann, dem ich den Schwanz abgeschnitten habe. Da höre ich auf, zu tanzen, geh auf die Knie und nähere mich Claude auf allen Vieren: „Frau Besserwisser, ich bin ein armer Wilder. Bitte, rette mich und schenke mir das ewige Leben.“ Sie nimmt die Kamera und filmt mich. „Ein schöner Wilder“, sagt sie. „Frisst du auch Menschen?“ – „Nur meinesgleichen, Weiße stinken.“

         Der Einfallsreichtum unserer Scherzverwandtschaft wuchs täglich. Als wir auch noch Läuse kriegten und uns gegenseitig lausten, war der Mythos von der menschlichen Überlegenheit der Weißen dahin. Die Kakua konnten uns als Gleiche in die Familie aufnehmen. Wir haben alle geweint, als wir uns nach sechs Wochen trennen mussten.

Mit dem Abenteuer auf Augenhöhe

Mit dem Abenteuer auf Augenhöhe
erschienen iin der Zeitschrift für Bedrohte Völker „Progrom“, Heft 5-6/2009

Von Claus Biegert

Seine Kamera war immer auf die Schwächeren gerichtet. Nicht, um ihre Schwächen zu bestätigen, sondern um ihre Stärken zu zeigen. Seine Kamera hielt fest, was seine Augen sahen. Das klingt simpel, ist es aber nicht, angesichts einer Berichterstattung, die auch in unserem Land so oft die Handschrift der Herrschenden trägt. Es gibt Reporter, die sehen weg, wenn das Geschehen nicht ins gewünschte Bild passt. Gordian Troeller schaute nie weg, sondern genau hin. Daher waren seine Berichte nie ausgewogen. Sie waren subjektiv. Troeller war immer auf der Seite der Ausgebeuteten: der Kinder, der Frauen, der Natur, der indigenen Völker.
Wie vertrugen sich seine subjektiven Reportagen mit der geforderten Objektivität im Journalismus? Dies war seine Antwort: „Meine Sicht der Dinge korrigiert die Schieflage der Medien. Sie neigen sich nach rechts, ich neige mich auf die andere Seite. Sie nennen es links, ich nenne es einfach gerecht. Ich berichte gegen den Strom und trage damit zu einer Objektivität innerhalb der gesamten Medienlandschaft bei.“ Ein Glück, dass Gerd von Paczensky, der Chefredakteur des Senders Radio Bremen, es auch so sah, und sein Redakteur Elmar Hügler ihm Jahr ein, Jahr aus Aufträge gab.
Troeller war bereits ein Globalisierungsgegner, da gab es die Front gegen das weltumspannende Handelsnetz der Multis noch gar nicht. Ihm, als Antifaschist und Anarchist, zeigte die Brille seiner Erfahrungen sofort, wer hier künftig die Gewinner und wer die Verlierer sein würden. Damit war er natürlich abgestempelt als Robin Hood mit der Kamera. Beschimpfungen und Vorwürfe warfen ihn nicht aus der Bahn, im Gegenteil, sie waren für ihn  der Beweis, dass er und seine Mitarbeiter ihre Sache gut und richtig gemacht hatten. Seine Mitstreiterin war Jahrzehnte die französische Dokumentaristin und Ethnologin Claude Deffarge, nach ihrem Tode die Hamburger Soziologin und Pädagogin Ingrid Becker-Ross, die später seine Frau wurde und die jetzt seine Autobiografie herausgegeben hat. Das Buch könnte durchaus als Journalisten-Thriller etikettiert werden.
Der Abenteurer Charles Gordian Troeller war Luxemburger. Das war nach seiner Kragenweite: ein winziges Land, das nicht zu den Mächtigen gehörte. Er wurde am 16. März 1917 im französischen Lothringen geboren und ging in Frankreich, Deutschland und Luxemburg zur Schule. Damit hatte er drei Muttersprachen, für einen „Planetary Citizen“ die richtige Grundlage. Seine Gesinnung wird gleich zu Beginn seiner Biographie deutlich: „Auch als Luxemburger musste man sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, umso mehr als Hitler den Großdeutschen Traum hatte. Auch Luxemburg sollte zum Reich gehören; 1940 wurde es dann tatsächlich annektiert. Schon vorher entschloss ich mich, gegen die Nazis zu kämpfen. Das aber war nur in Spanien möglich, wo deutsche und italienische Truppen Franco unterstützten. Mit der Hilfe französischer Kommunisten erreichte ich Figueras und landete dort bei der kommunistischen Partei. Die hatte entschieden, dass ich in der Internationalen Brigade kämpfen sollte, eine von der Partei dominierte Einheit. Ich sagte zu und wollte in die Partei eintreten. Aber dann kamen mir Zweifel, denn inzwischen hatte ich festgestellt, dass das Hauptanliegen der Kommunisten die Schwächung oder Eliminierung der anderen linken Organisationen war.(…) Als ich das durchschaute, schwor ich mir, nie Kommunist zu werden und diese Partei nicht weniger entschlossen zu bekämpfen als die Faschisten.“
Sein Leben führte ihn um die Welt. War der Weg versperrt, fand er seinen eigenen. Eine Luxemburger Episode aus den Nachkriegstagen illustriert die Kreativität des Reporters, der die List zu seinem Handwerkszeug zählte: Die neu gegründete Zeitung „L’Indépendant“ (Der Unabhängige) erhielt kein Papier. Als ein Zirkus seine Tiere durch die Stadt führte, um für sich Reklame zu machen, sprach Troeller mit dem Direktor. Am nächsten Tag hingen an den Kamelen, Elefanten, Zebras die Nachrichten des „L’Indépendant“.
Der Abenteurer und Journalist ging nach dem Zweiten Weltkrieg nach Madrid und berichtete für mehr als 40 internationale Zeitungen aus dem faschistischen Franco-Spanien. Nach seiner Ausweisung 1948 verlagerte er sein Arbeitsgebiet nach Rom und dann in den Vorderen Orient und nach Persien. In seinen großen Reportagen für deutsche Zeitschriften nahm er diese Themen wieder auf. Die erste „Stern“-Reportage (aus Spanien) erschien 1958, den ersten Film (aus dem Jemen) strahlte die ARD 1963 aus. Von da an war die deutsche Medienlandschaft um ein Fenster nach draußen erweitert. Die unvergesslichen Reihen hießen „Im Namen des Fortschritts“, „Frauen dieser Welt“ und „Kinder dieser Welt“. Seinen letzten Film schnitt er mit 82 Jahren; es ist eine Synthese und trägt den Titel „Wenn die Irrtümer verbraucht sind“, Radio Bremen sendete ihn 1999.
Unsere „Wissensgesellschaft“ zeichnet sich aus durch eine Kultur des Verdrängens und Vergessens. Der renommierte Zukunftsforscher und Gesellschaftskritiker Robert Jungk (wie Troeller bis zu seinem Tode im Beirat der Gesellschaft für bedrohte Völker) hat viele wegweisende Bücher geschrieben; keines ist heute mehr über den Buchhandel erhältlich. Es ist bezeichnend, dass Ingrid Becker-Ross-Troeller sich gezwungen sah, die Autobiographie ihres Weg- und Lebensgefährten als „book-on-demand“ zu veröffentlichen (Hrsg.: Ingrid Becker-Ross-Troeller, 206 Seiten,  14,90 €, ISBN: 978-3-86805-315-9 ). Es kann problemlos on-line bestellt werden über Amazon oder die Website www.gordian-troeller.de

Ich lernte Gordian Troeller 1978 kennen und hatte das Glück und das Vergnügen, ihn daheim in Hamburg und bei der Arbeit in den USA zu erleben.

Gern mokierte er sich über den Typus des Völkerkundlers, der beim Studium der fremden Kultur die fremden Menschen übersieht. Am liebsten erzählte er diese Geschichte aus dem Südsudan 1966, wo sich die schwarze Bevölkerung gegen die Herrschaft des arabischen Nordens erhoben hatte. Gordian und Claude Deffarge mussten heimlich von Uganda aus eingeschleust werden. So liest sich die Anekdote aus dem Tagebuch des Dokumentaristen:

„Sieben Männer und vier Frauen vom Stamme der Kakua erwarteten uns am Ufer des Flusses, der hier die Grenze bildet. Die Frauen trugen nur Lenden-schurze;  der Rest ihrer Bekleidung bestand nur aus rituellen Narben. Drei Männer trugen Hemden und Hosen und hatten Gewehre; die übrigen waren fast nackt. Wir mussten über den Fluss schwimmen. Die Frauen nahmen Claude in ihre Mitte, die Männer schwammen neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Krokodilen, und Claude und ich konnten nur dank größter Anstrengungen gerettet werden. Am anderen Ufer umarmten wir uns alle. Eine rührende Szene, die nach Bruderschaft aussah. Anschließend wurde im Wald gegessen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir saßen auf einer Zeltbahn, und unsere Retter hockten 20 Meter entfernt auf dem Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am nächsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu uns zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die hierdurch ausgelöst wurde, dauerte die ganze Nacht.
Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns zu essen, das glaubten sie nicht zu dürfen. Einer so intimen Beziehung fühlten sie sich nicht würdig. Nach langem Palaver kam es an den Tag: Sie waren überzeugt, keine Menschen zu sein. Höher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht. Dieses „Noch-nicht-Sein“, was als Vorbild aufgezwungen, gepredigt oder vorgelebt wird, diktierte ihr Verhalten. Verinnerlichung der vom Westen geformten und Dank seiner materiellen Überlegenheit akzeptierten Überzeugung, dass die menschliche Entwicklung nur in eine Richtung gehen könne, und zwar in eine in die westliche Zivilisation einmündende. (…)
Was konnten wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Worte können Situationen klären, aber Verhalten nicht ändern. Durch Zufall hatten wir die einzige Beziehung hergestellt, die das Minderwertigkeitsbewusstsein aufheben konnte: die Scherzverwandtschaft – „Parenté à plaisanterie“ sagen die Franzosen. Sie ist in vielen Kulturkreisen üblich. Durch Scherze, Blödeleien und Schabernacks werden Situationen geschaffen, in denen niemand sich mehr ernst nimmt oder ernst genommen werden will. Wir nennen sie Wilde und Neger – sie uns Besserwisser und Gottes Lieblinge. Alle Vorurteile werden ausgesprochen und direkt auf die Person bezogen. Schon nach wenigen Tagen haben alle diese Vorteile ihren Sinn verloren. Da kann ein Mann plötzlich rufen: „He, Besserwisser, komm her und schneid mir den Affenschwanz ab!“ Und ich geh hin, zücke mein Messer und schneide ihn ab. Der Mann schreit auf. Ich nehme den unsichtbaren Schwanz und stecke ihn an mein Steißbein. – „So, jetzt bin ich ein Wilder.“ – „Und was macht so ein Wilder?“, rufen die anderen. Ich tanze, klopfe mir auf die Brust, brülle in den Wald. „Ich war viel wilder“, sagt der Mann, dem ich den Schwanz abgeschnitten habe. Da höre ich auf, zu tanzen, geh auf die Knie und nähere mich Claude auf allen Vieren: „Frau Besserwisser, ich bin ein armer Wilder. Bitte, rette mich und schenke mir das ewige Leben.“ Sie nimmt die Kamera und filmt mich. „Ein schöner Wilder“, sagt sie. „Frisst du auch Menschen?“ – „Nur meinesgleichen, Weiße stinken.“
Der Einfallsreichtum unserer Scherzverwandtschaft wuchs täglich. Als wir auch noch Läuse kriegten und uns gegenseitig lausten, war der Mythos von der menschlichen Überlegenheit der Weißen dahin. Die Kakua konnten uns als Gleiche in die Familie aufnehmen. Wir haben alle geweint, als wir uns nach sechs Wochen trennen mussten.“

Klaus Wischnewski

Zwischen allen Stühlen auf dem richtigen Platz
oder
Gordian Troeller in Leipzig – überfällig und im rechten Moment

Er hat in 30 Jahren, von 1963 bis heute, über 70 Filme gedreht, in Afrika und Arabien, Lateinamerika und Asien. Er hat in diesem Jahr beim 28. Adolf-Grimme-Preis die Besondere Ehrung für Verdienste um das Fernsehen erhalten. Gründe genug für das Leipziger Festival, die Initiative des Adolf-Grimme-Insituts, von CON-Film Bremen und von Radio Bremen zu einer Werkschau und Retrospektive des Werkes von Gordian Troeller aufzunehmen. Seine Themen sind die tödlichen Lebensbedingungen und Existenzkatastrophen in jener Welt, die der reiche Norden, die herrschenden Wirtschaftsmächte, ruiniert und zur ‚Dritten Welt‘ ernannt haben. Seine Helden sind die Frauen, Kinder und Männer, die dort leben, überleben und sich wehren. Er konfrontiert uns mit ihnen, sie konfrontieren uns mit den immer wieder verdrängten Beweisen dafür, daß in unserer Welt-Gesellschaft Grundsätzliches verkehrt läuft, daß die Lösungskonzepte und -praktiken – neoliberale, konservative und revolutionäre – gegen den Süden, gegen die Menschen, gegen die Erde laufen.

Man hat Troeller »Augenzeuge des Weltbürgerkriegs« genannt (Heribert Seifert); in der Begründung für die Besondere Ehrung heißt es, seine Arbeit habe nichts mit »üblicher Korrespondentenroutine« zu tun. Man muß es zuspitzen: Troeller hat sich von der eurozentristischen Denkschablone (und ihren facettierten Variationen ideologischer, klerikaler, reaktionärer wie revolutionärer oder karitativer Konvenienz) befreit.

Im Jemen – Anfang der sechziger Jahre – erkennt er die zerstörerischen Auswirkungen westlichen ‚Fortschritts‘ und faßt zusammen: »Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß es für andere Völker eine Katastrophe ist, wenn unsere Zivilisation sich ihrer annimmt. «

Bereits 1962 als Stern-Reporter hatten Gordian Troeller und Marie-Claude Deffareg geschrieben: »Verantwortlich für den Hungertod von Millionen ist nicht die Natur – verantwortlich sind wenige Menschen, Macht- und Geldbesessene, die ihre ‚Ordnung‘ mit Korruption und Bajonetten aufrechterhalten. « Dieser Dokumentarist und seine Filme gehören seit langem nach Leipzig.

Das Leipziger Festival

Seit 35 Jahren gibt es das Leipziger Festival als Versuch und Angebot, vielen sozial und politisch kritisch engagierten Dokumentaristen aus allen Kontinenten ein Forum, ihren neusten Filmen eine Leinwand zu öffnen und ein erfahrungshungriges Publikum mit den Menschen und Bewegungen, Leiden und Hoffnungen, den Bildern und Nachrichten der Zeit zu konfrontieren. Das Angebot Leipzigs war großzügig. Es trafen sich Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. Filme Lateinamerikas, Afrikas und Südasiens erreichten Europa, die Themen Unterentwicklung, Abhängigkeit und Selbstbefreiung wurden für viele aus ferner Exotik ins Bewußtsein der eigenen Lebensproblematik gerückt. Das Angebot Leipzigs war zugleich eng. Der Maßstab für diese Enge leitet sich jedoch nicht aus dem Vergleich mit anderen Festivals oder etwa dem Informationsspiegel des internationalen Medien- und Kinoangebots ab.

Leipzigs Enge ist nur zu bestimmen aus dem eigenen Anspruch: Treffpunkt und Forum der progressiven Zeitkritik und des Engagements für soziale und politische Alternativen zu sein angesichts der Herausforderungen zunehmender sozialer Ungleichheit und wachsender politischer Gewalt in der Weltordnung des 20. Jahrhunderts. Der ehrlich vertretene, vielfach verwirklichte, international begrüßte und respektierte Anspruch mußte immer wieder zurückgenommen, verleugnet, verraten werden, weil er mit dem offiziellen Weltbild und der Selbstdarstellung des institutionalisierten Sozialismus kollidierte. Die heutige Welt war kritikwürdig nur in ihrer kapitalistisch-imperialistischen Sphäre. Der reale Macht-Sozialismus im Norden war als Alternative und als Lösungsmodell sakrosankt und wurde den antikolonialen Befreiungsbewegungen und jungen Staaten als Rezept angeboten. Die zunehmenden Widersprüche, Sackgassen und Katastrophen in den ‚Entwicklungsländern‘ wurden je nach Zugehörigkeit zu den zwei Machtblöcken dargestellt oder verschwiegen. Einäugigkeit gehörte auch zur sozialistischen Diplomatie und beeinflußte internationale Festivalpolitik. Nur wenn man den Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und machtpolitischem Pragmatismus zeitgeschichtlich objektiviert und berücksichtigt, wird man Funktion, Wirkung und Defizit Leipzigs 1956 -1989 werten und die Problematik, Aufgaben und Chancen speziell dieses Dokumentarfilmfestivals in einer sehr veränderten, wohl kaum verbesserten, zunehmend gefährdeten Welt verstehen können.

Dabei geht es nicht um Sensationen, Highlight-Konkurrenzen oder Markenwerbungskriterien (die man nutzen kann, wenn sie nützlich sind), sondern darum, ob es möglich sein wird, in Deutschland = Europa = im Norden der geteilten Erde ein Forum des Dokumentarfilms zu behaupten, das den Leipziger Anspruch nunmehr ohne Einschränkungen realisieren kann. Das heißt: natürlich ohne Zensur (wer braucht die!); ohne macht- und wirtschaftspolitische, diplomatische und ökonomische Rücksichten; ohne Parteien- und Gruppenproporz; ohne soziale, rassische, religiöse, moralische, sexuelle oder irgendwelche sonst denkbaren Vorurteile. Und trotzdem nach wie vor gefördert. Damit die, die Forderungen und Rechte einklagen, welche sich nicht rechnen, ihre Filme und Gedanken präsentieren können: hier in Leipzig/Europa.

Sicher klingt das utopisch, ist also unzeitgemäß, von den Feuilletonphilosophen von der Agenda gestrichen. Aber nur wer Utopisches mitdenkt, kann vielleicht etwas vom Notwendigen realisieren. Gewiß läuft der Alltag anders. In der Jagd nach dem Notwendigsten wird dem Menschen die Energie abgefordert, die er für das Denken und Einfordern von Alternativen braucht. Doch genau das immer wieder neue Durchbrechen dieses raffiniert fehlerhaften Kreises macht den Sinn der Dokumentaristenarbeit und eines Festivals wie Leipzig aus.

Retrospektiven – Stellenwert und Tradition

1960 war zum ersten Mal eine Retrospektive Bestandteil des Festivalprogramms in Leipzig. Sie war Dsiga Wertow gewidmet. Persönliche Haltung, künstlerische Individualität, Innovation und Zeitzeugenschaft waren damit ebenso als Wertmaßstab ausgewiesen wie die Auffassung vom künstlerischen Dokumentarfilm als visuelles Gedächtnis der Menschen und des Jahrhunderts. Mit den Retrospektiven – 35 seit 1960 -wurde Geschichte in das aktuelle Programm, in die unmittelbare Zeitreflexion eingebracht, als vergangenes Geschehen, frühere Lösungskonzepte politischer, ästhetischer Art, als Entwicklungsschritte der Gattung und Dokumente künstlerischer Entscheidung und Biographie. Ab 1962 lag die Gestaltung und Organisation der Programme in den Händen der Mitarbeiter des ‚Staatlichen Filmarchivs der DDR’. Deren Kompetenz und Gründlichkeit garantierte ebenso wie die internationale Reputation ihres Instituts den Retrospektiven künstlerische Qualität und wissenschaftlichen Rang. Wolfgang Klaue, bis 1990 der im In- und Ausland geachtete Direktor des Filmarchivs, schrieb 1986 rückschauend: »Wir, die damals jungen Leute vom Staatlichen Filmarchiv, griffen sie (die Idee) auf, nicht ahnend, daß wir damit eine Tradition begründen würden und nach 25 Jahren feststellen können, daß wir einen bedeutenden Beitrag zur Wiederentdeckung und Erschließung der internationalen Traditionen des Dokumentarfilms geleistet haben. (…) Retrospektiven haben die Kurzlebigkeit des Dokumentarfilms nicht überwinden können, aber sie haben aufmerksam gemacht auf die Werte und Leistungen der Vergangenheit. Sie haben Signale gesetzt, die auch andere aufgriffen. Sie haben auch für Archive den Stellenwert des Dokumentarfilms als Kunstwerk und zeitgeschichtliches Dokument und Gegenstand der Überlieferung erhöht. «

Werkschau-Programme präsentierten viele Große des kritischen Dokumentarfilms: Cavalcanti, Ivens, Flaherty, Karmen, Grierson, Huisken, 1989 Fernando Birri und Karl Gass, 1990 Klaus Wildenhahn. Regional und thematisch definierte Veranstaltungen galten nationalen Schulen und Programmen, die den Dokumentarismus nachhaltig beeinflußt haben – dem französischen, sowjetischen, polnischen, tschechoslowakischen, dem neuen kubanischen Dokumentarfilm, Filmen aus Japan, Indien und den mittelasiatischen Sowjetrepubliken. Die Themen wurden auch von aktuellen Ereignissen und Prozessen beeinflußt. Vier Retrospektiven galten dem Film in Lateinamerika. Diese Aufmerksamkeit war sowohl der bedeutenden Filmentwicklung geschuldet wieder exemplarischen Rolle des Films in den schweren sozialen Verhältnissen und politischen Kämpfe auf dem Kontinent. Besondere Höhepunkte waren 1981 die American Social Documentaries und 1984 Reality and Film, die Rückschau auf den »proletarischen und bürgerlichprogressiven Dokumentarfilm der dreißiger Jahre in Großbritannien«, wie es im Untertitel hieß. Bereits 1973 hatte ein ähnlich beachtetes und interessantes Programm der proletarischen Filmbewegung in Deutschland vor 1933 gegolten. 1986 vereinte ein Programm zeitgenössische und neuere Filme aus mehreren Ländern, die die spanische Tragödie der Jahre 1936 bis 1938 – Bürgerkrieg und makabres Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg – ins Bild gebannt hatten, berichtend, protokollierend, deutend, lyrisch, pathetisch oder analytisch.

Filmgeschichte wird als Zeitgeschichte offenbar; übrigens nicht allein über Themen und Sachverhalte, sondern durch den Blick, den Ton, den Stil und die Haltung der Dokumentaristen. Objekt und Subjekt sind Träger des ‚Zeitgeistes‘, reflektieren Hoffnungen und Illusionen, tragisches Pathos und vehementen Optimismus, Skepsis und Trauer, wobei die Jahre und Jahrzehnte Gewicht und Wertigkeit von Gefühlen, Meinungen und Stilmitteln verschieben, manchmal verkehren. Wer auf solche Beobachtungen allerdings ahistorisch überheblich und mit Spott reagiert, sollte die Finger von Filmen besser lassen. Als Zeitzeuge und Gedächtnis ist der Dokumentarfilm auch dem Verschleiß, der manchmal gnadenlosen Korrektur durch den Lauf der Zeit unterworfen und bleibt – dennoch und deshalb – Bewahrer dessen, was wirklich geschah und Zeugnis einer Haltung, eines Bildes von der Welt.

Solange Leipzig als internationales Festival bestehen bleibt, wird es auf die Tradition seiner Retrospektiven nicht verzichten wollen und können. Bundesarchiv/ Filmarchiv und Festivalleitung waren sich schnell einig darin, daß hier Bewahrung und Fortführung Anliegen und Chance für beide Partner sind. Die Zusammenarbeit bereits 1990 (Klaus Wildenhahn) und die Realisierung der dänischen Retrospektive 1991 haben das bewiesen und befördert. Der speziell ‚deutsche Blick‘ auf Amerika in der Retrospektive 1992 wird interessantes Material zu einem Hauptakzent des 35. Festivals beisteuern – zum kontroversen und ideologisch vielschichtig besetzten »Nachdenken über ein Jubiläum«. Also Nachdenken über das halbe Jahrtausend seit 1492, für das nun von allen Seiten die Bilanz und der Preis eingefordert werden, von der Erde und vom Himmel, von der Natur und den ‚entdeckten‘ Völkern, von den Opfern der Ausbeutung, der Revolutionen und der Entwicklungsprogramme, von der Armut, die vom Süden in den Norden und von unten nach oben in allen Ländern und Regionen unaufhaltsam vordringt.

Gordian Troeller – Geschichte und Aktualität

Genau hier liegt der Schnittpunkt der Themen, Erfahrungen, Traditionen und Tendenzen, an dem der Auftritt des Europäers, gebürtigen Luxemburgers, Reporters, Dokumentaristen, Chronisten und Aufklärers Gordian Troeller auf der Leipziger Szene und seiner Filme auf der Leipziger Leinwand einerseits überfällig erscheint, andererseits wie aufs Stichwort erfolgt. Troellers Filme sind permanente Gefechte und Angriffe – sein dreißigjähriger Krieg gegen die großen einfachen Lügen: die Lügen über den Zustand unserer Erde. Seine Filme sind sachliche Protokolle der Umstände, Ursachen, Folgen. Die Menschen kommen zu Wort.

Troeller ist eine seltsame Spezies des real existierenden Europäers, noch dazu des für Medien tätigen. Er guckt richtig hin, denkt nach, korrigiert sich. Und sagt das, demonstriert das, öffentlich, im Fernsehen. (Wobei das zweite Wunder ist, daß er dafür einen Sender und zumutbare Sendezeiten findet, nicht nur in den sechziger und siebziger Jahren, auch in den Achtzigern und immer noch. Der Sender heißt Radio Bremen, der Redakteur Elmar Hügler. Das muß festgehalten werden und gehört auf die Leipziger Szene. Und die Erkenntnis sei bekräftigt: Der Föderalismus schütze die kleinen Sender und die großen Charaktere…).

Gordian Troeller betont, daß er für seine Arbeit im Dokumentarfilm keine Vorbilder hat, weder personell noch stilistisch. Ihn hat, seit er in den sechziger Jahren seinen ‚Jemen-Schock‘ erlebte, offenbar immer stärker der so unaufhaltbare Schrecken der bösen Wahrheit, der verkehrt laufenden Geschichte gepackt, gefordert, bezwungen. Deshalb ist sein Aufklärertum als Grundhaltung zu betonen. Es verbindet ihn mit allen Großen des Dokumentarfilms jenseits von Stil, Temperament, ästhetischen Prinzipien und politischen Visionen. Aber er ist – wieder eine zu seltene Variante – ein unsentimentaler, illusionsloser Aufklärer. Die Illusionen verlor er nacheinander: als die kommunistische von den Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg ausgebrannt wurde, blieben das soziale Gewissen, der kritische Impetus wach und die Hoffnung, in der Demokratie als Anwalt der Schwachen verändernd wirksam zu werden. Als er erkannte, daß die internationale kapitalistische Entwicklungspolitik nach dem Ende der Kolonialreiche die Dritte Welt zerstört und ‚unsere‘ Welt bedroht, begriff er, daß die verschiedenen Revolutionen, vom europäischen Sozialismus gestützt und beraten, nur die Kehrseite der gleichen europäischen Denkweise darstellten.

Mit dieser Sicht paßte Troeller nicht wirklich in die Bedingungen von Leipzig. Für die Politbüros war mit deren eigener Weisheit auch die Geschichte am Ende angelangt. Die Erkenntnis zu radikaler Analyse und Selbstkritik hätte geschichtliches Format verlangt. Inzwischen leben andere im Wahn, als Sieger am Ende der Geschichte zu sein, die nun mit Scharmützeln und Strafaktionen zu dirigieren sei.

Gordian Troeller ist vor diesem Hintergrund doppelt wichtig in Leipzig: überfällig und aktuell. Der Süden als Stellvertreter-Schlachtfeld der Großen im Norden, der Widersinn der Strukturen in beiden europäisch geprägten Machtsystemen auf die alten Kulturen und Lebensformen oktroyiert, die Momente und Inseln hoffnungsvoll wirksamer Vernunft in einzelnen Ländern und Gebieten – das ist der thematische Raum seiner Filme.

Mancher wirft ihm Kopf- und Wortlastigkeit vor. Pur ästhetisch könnte man dem teilweise folgen. Doch: wenn unsere Medien der Vernunft und Wahrheit mehr Raum gäben, brauchte der einsame Aufklärer weniger Zeit und Raum, über die Welt zu reden, wie sie ist. Ja, in Troellers Filmen wird viel gesprochen. Aber es wird etwas gesagt: das, was sonst verschwiegen oder in Nebensätze verbannt wird von den ewig redenden Politikern und den ständig sendenden Medien. Es ist wichtig und es tut gut, seine Bilder zu sehen und seine Gedanken zu hören. Sie helfen, sich gegen die selbstmörderische Ignoranz zu wappnen, die als Lebensqualität gehandelt wird.

Alle sind sich einig, daß Gordian Troeller eine Ausnahme ist. Natürlich sind Menschen selten, die so hartnäckig nach der Wahrheit suchen und sie öffentlich sagen, sich bewußt den Moden und Opportunitäten entziehen und sich ebenso bewußt zwischen alle Stühle der Mächtigen setzen. Aber Troellers Ausnahmeposition sagt wohl auch etwas über unser Informationssystem und die Funktion der institutionellen Medien aus. Troeller ist genau der Typ, den unsere Welt braucht, um nicht täglich dümmer und gleichgültiger zu werden. Und das ist der Typ, den die Medien verhindern oder übersehen, wenn es ihn gibt. Man will nicht, daß junge Reporter oder Dokumentaristen so werden, so scharf, beharrlich, so mit der Geschichte des Jahrthunderts verbunden.

So einer stört.

Was kann man Besseres über ihn sagen. Vielleicht kann die Werkschau/Retrospektiveeinpaar junge Filmemacher provozieren? Und wenn’s nur einer wäre …

Klaus Wischnewski, geb. 1928, Dramaturg, Filmautor und Kritiker, u.a. bei DEFA-Spielfilmstudio, Deutsches Theater Berlin, DEFA-Dokumentarfilm. Seit 1991 Programmdirektor des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm